Finanzen

Tausende Drohnen gegen Putins neue Angriffswelle

Warum Merz in Kiew nicht nur neue Milliarden verspricht

7 Min.

05.10.2026

Luftalarm, Explosionen und ein russischer Drohnenangriff auf eine Brücke begleiteten Friedrich Merz bei seinem Besuch in Kiew. Doch der Bundeskanzler kam nicht allein mit einem politischen Solidaritätsversprechen. Deutschland stellt weitere Mittel für Waffen und Energie bereit – und baut gleichzeitig eine Zusammenarbeit auf, die weit über klassische Militärhilfe hinausgeht. Deutsche und ukrainische Unternehmen sollen gemeinsam Drohnen, weitreichende Systeme und andere Militärtechnik entwickeln. Aus Unterstützung wird zunehmend industrielle Kooperation.

1,35 Milliarden Euro für Waffen und Energie

Deutschland gibt eine Milliarde Euro für weitere Militärhilfe an die Ukraine frei. Hinzu kommen 350 Millionen Euro für den Energiesektor, der seit Monaten gezielt von Russland angegriffen wird.

Bei der Milliarde handelt es sich um die Freigabe von Mitteln für Militärhilfe und nicht um eine zusätzlich zu allen bisherigen Haushaltsansätzen angekündigte neue Milliarde.

Merz machte bei seinem Besuch deutlich, dass Deutschland seine Unterstützung auch im fünften Kriegswinter fortsetzen will. Russland bombardiere Städte, Wohnhäuser und Heizkraftwerke. Die Ukraine könne deshalb weiter auf deutsche Hilfe zählen.

Der Besuch bekam gleichzeitig eine unmittelbare militärische Kulisse. Während Merz sich in der ukrainischen Hauptstadt aufhielt, traf mindestens eine russische Drohne die Nordbrücke über den Dnipro. Zwei Menschen wurden nach Angaben der Behörden verletzt.

Russland hatte ausländische Politiker und Diplomaten zuvor ausdrücklich vor Reisen nach Kiew gewarnt.

Tausende Abfangdrohnen sollen russische Jets stoppen

Ein Schwerpunkt der neuen Zusammenarbeit ist die Drohnenabwehr.

Russland setzt inzwischen verstärkt besonders schnelle Angriffsdrohnen mit Strahltriebwerken ein. Sie sind schwieriger abzufangen als langsamere Systeme und erhöhen damit den Druck auf die ukrainische Luftverteidigung.

Deutschland und die Ukraine wollen deshalb gemeinsam sogenannte Anti-Jet-Drohnen herstellen. Nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen geht es um mehr als 15.000 Abfangdrohnen.

Eine zentrale Rolle spielt das deutsche Unternehmen Quantum Systems. Es arbeitet bereits mit dem ukrainischen Hersteller WIY Drones zusammen. Im Frühjahr gründeten beide Firmen das Gemeinschaftsunternehmen Quantum WIY Industries, das unter anderem die Abfangdrohne Strila produzieren soll.

Merz sprach in Kiew von erheblichen technischen Fortschritten bei der Abwehr der schnellen russischen Drohnen. Nun müsse vor allem die Produktion beschleunigt werden.

Damit verändert sich die Logik der Unterstützung: Deutschland kauft nicht lediglich fertige Waffen und liefert sie anschließend an die Ukraine. Deutsche und ukrainische Unternehmen entwickeln und produzieren zunehmend gemeinsam.

Auch Waffen mit mehr als 1.000 Kilometern Reichweite

Die Kooperation reicht noch weiter.

Nach Angaben der Bundesregierung und übereinstimmenden Medienberichten geht es auch um gemeinsame Entwicklung und Produktion weitreichender Waffensysteme mit Reichweiten von mehr als 1.000 Kilometern.

Solche Systeme würden der Ukraine ermöglichen, militärische Ziele weit innerhalb Russlands zu erreichen.

Hinzu kommt Satellitentechnik, die Aufklärung und Zielerfassung verbessern soll.

Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach während des Besuchs von insgesamt 15 Vereinbarungen, die zwischen beiden Ländern beziehungsweise Unternehmen geschlossen würden. Dazu gehören neben Abfangdrohnen auch Angriffsdrohnen und Raketen.

Ein Teil dieser Kooperation war bereits im Frühjahr vorbereitet worden. Deutschland und die Ukraine vereinbarten damals unter anderem gemeinsame Drohnenproduktion, Datenaustausch und eine engere Zusammenarbeit bei Luftverteidigung und weitreichenden Systemen.

Der jetzige Besuch führt diese Pläne in die industrielle Umsetzung.

Deutschland will ukrainisches Kriegswissen

Merz stellt die deutsche Unterstützung ausdrücklich nicht mehr ausschließlich als Hilfe für ein angegriffenes Land dar. Deutschland selbst soll davon militärisch und technologisch profitieren.

»Deutsche und ukrainische Firmen stellen hochinnovative Joint Ventures auf die Beine«, sagte Merz. Deutschland werde gerade bei der Drohnenabwehr stärker von ukrainischer Erfahrung profitieren.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu den ersten Kriegsjahren.

Die Ukraine hat inzwischen unter realen Gefechtsbedingungen Fähigkeiten aufgebaut, die europäischen Armeen weitgehend fehlen. Drohnentechnik wird dort innerhalb kürzester Zeit entwickelt, getestet, verändert und erneut eingesetzt. Systeme, die heute funktionieren, können wenige Wochen später durch elektronische Gegenmaßnahmen wirkungslos werden.

Dieser permanente technische Wettlauf hat eine Rüstungsindustrie entstehen lassen, deren Wert nicht allein in einzelnen Waffen liegt.

Ihr eigentliches Kapital ist Erfahrung.

Aus Hilfe wird Wissenstransfer in beide Richtungen

Für Deutschland ist genau dieses Wissen zunehmend relevant.

Auch die Bundeswehr muss sich auf eine Kriegsführung einstellen, in der billige Drohnen, elektronische Kampfführung, autonome Systeme und schnelle Innovationszyklen eine wesentlich größere Rolle spielen als bisher.

Der Ukrainekrieg hat gezeigt, dass selbst teure klassische Luftverteidigung an wirtschaftliche Grenzen stößt, wenn vergleichsweise günstige Drohnen in großer Zahl eingesetzt werden.

Eine Rakete im Wert von Hunderttausenden oder Millionen Euro gegen ein wesentlich billigeres unbemanntes Fluggerät einzusetzen, ist auf Dauer kein tragfähiges Verhältnis.

Abfangdrohnen sollen deshalb eine zusätzliche Verteidigungsebene schaffen: billiger, schneller produzierbar und leichter skalierbar.

Für deutsche Rüstungsunternehmen eröffnet die Kooperation zugleich Zugang zu Entwicklungen, die unmittelbar unter Kriegsbedingungen erprobt werden.

Dass Merz von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Vertretern unter anderem von Siemens Energy, Hensoldt, Diehl Defence und Quantum Systems begleitet wird, ist deshalb kein Nebendetail.

Der Besuch ist zugleich Industriepolitik.

Auch die Energieversorgung wird zum Kriegsschauplatz

Die zusätzlichen 350 Millionen Euro für den ukrainischen Energiesektor zeigen eine zweite Entwicklung.

Russland greift inzwischen systematisch Kraftwerke, Leitungen und andere Infrastruktur an. Ziel ist nicht nur die militärische Schwächung der Ukraine. Die Angriffe erhöhen unmittelbar den Druck auf die Zivilbevölkerung – besonders vor dem Winter.

Selenskyj wiederum kündigt verstärkte ukrainische Angriffe auf russische Ölraffinerien an. Damit wird Energieinfrastruktur auf beiden Seiten zunehmend zum Bestandteil der Kriegsführung.

Deutschland versucht deshalb gleichzeitig zwei Probleme zu adressieren: die militärische Verteidigung der Ukraine und ihre Fähigkeit, Strom und Wärme für die Bevölkerung aufrechtzuerhalten.

Die Unterstützung bekommt eine neue Begründung

Innenpolitisch ist diese Verschiebung ebenfalls relevant.

Die Milliardenhilfen für die Ukraine stoßen in Deutschland auf wachsenden Widerstand. Je länger der Krieg dauert, desto stärker wird deshalb die Frage gestellt, was Deutschland mit seinen erheblichen finanziellen und militärischen Aufwendungen selbst erreicht.

Merz beantwortet diese Frage zunehmend mit deutscher Sicherheit.

Nach seiner Darstellung wird Russland nicht allein in der Ukraine bekämpft. Eine erfolgreiche ukrainische Verteidigung soll verhindern, dass sich die Bedrohung weiter nach Westen verschiebt.

Die Rüstungskooperation ergänzt dieses Argument um einen konkreten Nutzen: Deutschland erhält Zugang zu Technologie und praktischer Erfahrung, die für die eigene Verteidigungsfähigkeit relevant werden könnten.

Das macht aus der bisherigen Unterstützungslogik zunehmend eine Sicherheitspartnerschaft.

Kiew wird zum militärischen Entwicklungspartner

Ob diese Kooperation langfristig funktioniert, hängt allerdings nicht nur von Geld und Technologie ab.

Die Ukraine befindet sich weiterhin im Krieg, Produktionsanlagen sind potenzielle Ziele und gemeinsame Rüstungsprojekte müssen über Jahre finanziert werden. Hinzu kommen Fragen der Exportkontrolle, Beschaffung und Integration neuer Systeme in deutsche und europäische Streitkräfte.

Auch politisch bleibt die Partnerschaft an Bedingungen geknüpft. Merz drängt Kiew weiterhin auf Reformen, insbesondere im Kampf gegen Korruption und im Hinblick auf einen möglichen EU-Beitritt.

Trotzdem zeigt der Besuch eine Verschiebung, die über die zusätzlichen 1,35 Milliarden Euro hinausgeht.

Die Ukraine ist für Deutschland nicht mehr lediglich Empfänger von Waffen. Sie wird zunehmend zum technologischen Partner einer europäischen Verteidigungsindustrie, die selbst unter enormem Anpassungsdruck steht.

Stefanie S. Klief

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