Finanzen

UniCredit knackt die 30-Prozent-Marke bei der Commerzbank

Der Einstieg der Italiener erreicht eine neue Eskalationsstufe, obwohl Vorstand und Aufsichtsrat die Offerte ablehnen

5 Min.

03.06.2026

Der Übernahmekampf um die Commerzbank erreicht eine neue Stufe. UniCredit hat ihre direkte Beteiligung an Deutschlands zweitgrößter Privatbank auf mehr als 34 Prozent erhöht. Damit überschreitet die italienische Großbank nicht nur klar die wichtige Marke von 30 Prozent, sondern rückt auch strategisch näher an ihr Ziel heran: mehr Einfluss auf die Commerzbank und mittelfristig wohl eine engere Verbindung beider Institute.

UniCredit hatte bereits zuvor knapp 27 Prozent direkt gehalten. Im Rahmen des laufenden Übernahmeangebots wurden nun weitere Anteile angedient, sodass der direkte Anteil auf 34,35 Prozent steigt. Zusätzlich verfügt UniCredit über Finanzinstrumente, die den potenziellen Zugriff weiter erhöhen können.

Die 30-Prozent-Schwelle ist politisch und taktisch entscheidend

Die Marke von 30 Prozent ist im deutschen Übernahmerecht besonders sensibel. Wer sie überschreitet, muss grundsätzlich ein Pflichtangebot an alle Aktionäre machen. UniCredit hatte genau dafür ein freiwilliges Aktientauschangebot vorgelegt, das den Weg über diese Schwelle ermöglichen sollte.

Für die Italiener ist das taktisch wichtig. Oberhalb von 30 Prozent kann UniCredit ihre Position weiter ausbauen und zugleich den Druck auf die übrigen Aktionäre erhöhen. Der Schritt verändert die Ausgangslage im Machtkampf deutlich: Aus einem Großaktionär mit Ambitionen wird ein Investor mit einer Sperrminorität, der zentrale Entscheidungen blockieren oder beeinflussen kann.

Damit wird es für die Commerzbank schwieriger, den Einstieg der Italiener als bloßes Störmanöver abzutun. UniCredit ist nun dauerhaft im Maschinenraum der Bank angekommen.

Commerzbank lehnt das Angebot weiter ab

Das Management der Commerzbank hält dennoch an seiner Abwehrlinie fest. Vorstand und Aufsichtsrat hatten das Angebot gemeinsam geprüft und den Aktionären empfohlen, es nicht anzunehmen. Aus Sicht der Commerzbank bietet UniCredit keine angemessene Prämie und keinen ausreichend belastbaren strategischen Plan für einen Zusammenschluss.

Die Frankfurter verweisen stattdessen auf ihre eigene Strategie «Momentum 2030». Damit will die Bank höhere Gewinne, stärkere Kapitalausschüttungen und mehr Eigenständigkeit erreichen. Die Botschaft ist klar: Die Commerzbank sieht sich nicht als Sanierungsfall, sondern als eigenständiges Institut mit Aufwärtspotenzial.

Genau darin liegt der Kern des Konflikts. UniCredit argumentiert mit europäischer Konsolidierung, Größe und Synergien. Die Commerzbank argumentiert mit Eigenständigkeit, nationaler Bedeutung und eigenem Wertsteigerungspotenzial.

Das Angebot liegt unter dem Börsenkurs

Für viele Aktionäre ist ein Punkt besonders wichtig: Das UniCredit-Angebot gilt als wenig attraktiv, weil der rechnerische Wert zuletzt unter dem Börsenkurs der Commerzbank lag. Angeboten werden UniCredit-Aktien im Tausch gegen Commerzbank-Aktien. Wer annimmt, tauscht also nicht gegen Bargeld, sondern gegen Anteile an der italienischen Bank.

Das macht die Entscheidung komplizierter. Aktionäre müssen nicht nur beurteilen, ob die Commerzbank allein mehr wert ist. Sie müssen auch einschätzen, ob UniCredit-Aktien nach einer möglichen Annäherung beider Banken langfristig attraktiver wären.

Institutionelle Investoren dürften ihre Entscheidung daher genau abwägen. Einige könnten auf eine höhere Offerte hoffen. Andere könnten den Druck auf die Commerzbank nutzen wollen, um die eigene Strategie noch aggressiver einzufordern.

Die Bundesregierung bleibt Teil des Konflikts

Der Übernahmekampf ist nicht nur eine Bankenfrage. Er ist auch politisch aufgeladen. Der Bund ist nach der Finanzkrise weiterhin an der Commerzbank beteiligt und hält rund 12 Prozent. Die Bank gilt als wichtig für den deutschen Mittelstand, für Exportfinanzierung und für die Finanzierung vieler Unternehmen.

Deshalb sieht die Bundesregierung den Vorstoß von UniCredit kritisch. Ein ausländischer Zugriff auf die Commerzbank berührt Fragen industrieller Souveränität, Finanzplatzpolitik und nationaler Kontrolle über Kreditinfrastruktur.

Gleichzeitig ist diese Position nicht ohne Widerspruch. Europa spricht seit Jahren über eine stärkere Bankenunion und grenzüberschreitende Konsolidierung. Wenn aber eine große europäische Bank tatsächlich eine deutsche Bank übernehmen will, zeigt sich sofort der nationale Reflex.

Europäische Bankenunion trifft auf deutsche Abwehr

Der Fall Commerzbank ist deshalb ein Realitätstest für die europäische Bankenpolitik. In der Theorie wünschen sich viele größere, wettbewerbsfähigere europäische Banken, die international mit US-Instituten mithalten können. In der Praxis werden nationale Banken schnell als strategische Vermögenswerte verteidigt.

UniCredit-Chef Andrea Orcel spielt genau auf diesem Feld. Er argumentiert mit europäischer Größe und wirtschaftlicher Logik. Kritiker sehen dagegen eine feindliche Übernahme, die Arbeitsplätze, Standorte und die Eigenständigkeit der Commerzbank gefährden könnte.

Beide Lesarten haben Gewicht. Eine größere europäische Bank könnte Synergien heben und international stärker auftreten. Gleichzeitig sind Bankfusionen selten geräuschlos. Sie bedeuten oft Stellenabbau, Standortentscheidungen und Machtverschiebungen.

Für die Commerzbank wird die Lage enger

Mit mehr als 34 Prozent verändert UniCredit die Kräfteverhältnisse. Die Commerzbank kann das Angebot weiter ablehnen, aber sie muss nun mit einem Aktionär leben, der erheblichen Einfluss hat und nicht einfach verschwindet.

Für Vorstandschefin Bettina Orlopp wird die Lage damit anspruchsvoller. Sie muss nicht nur die Eigenständigkeit verteidigen, sondern auch beweisen, dass die Strategie der Commerzbank tatsächlich mehr Wert schafft als ein Zusammenschluss mit UniCredit. Je höher der Anteil der Italiener steigt, desto stärker wird dieser Beweiszwang.

Der Kapitalmarkt wird deshalb sehr genau auf Fortschritte bei Gewinn, Kosten, Ausschüttungen und Wachstum achten. Eine Abwehrstrategie funktioniert nur, wenn sie wirtschaftlich liefert.

Fest steht: Der Druck steigt. Für die Commerzbank, für die Bundesregierung und für den deutschen Finanzplatz. Aus dem Einstieg von UniCredit ist ein offener Machtkampf geworden.

SK

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben