Finanzen

Warum Kurse springen

Was hinter großen Marktbewegungen wirklich steckt

Ein Interview mit unserem Topexperten Kaan Aslan

7 Min.

12.10.2026

Steigende Zinsen, ein teurer Ölpreis, dazu politische Schlagzeilen: Im September 2026 haben die Börsen gezeigt, wie schnell sich die Stimmung drehen kann. Wer nur auf den Chart schaut, sieht das Ergebnis, aber nicht, wie es zustande gekommen ist. Kaan Aslan ist Futures-Trader und Gründer einer Trading-Ausbildung. Im Interview erklärt er, was Volumen und Auftragslage über den Markt verraten und welche Fehler Anleger in unruhigen Phasen machen. 

Herr Aslan, im September haben Zinsen und Öl die Märkte kräftig durchgeschüttelt. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag zeitweise über fünf Prozent, die US-Notenbank hat die Zinsen erstmals seit 2023 wieder angehoben. Was passiert in solchen Momenten eigentlich an der Börse? 

Eine Nachricht allein bewegt keinen Kurs. Kurse bewegen sich, weil Menschen und Institutionen Aufträge in den Markt geben. Eine Zinsentscheidung verändert die Rechnung großer Inves‐ toren, und die müssen ihre Positionen anpassen. Das sind Summen, die man nicht auf einen Schlag kauft oder verkauft, sondern nach und nach.

Rund um solche Termine passiert zusätzlich etwas, das viele unterschätzen: Das Orderbuch wird dünn. Viele Marktteilnehmer ziehen ihre Aufträge kurz vor der Veröffentlichung zurück, weil vorher niemand weiß, wie die Zahl ausfällt. Wenn dann wenige Aufträge auf ein fast leeres Or‐ derbuch treffen, springt der Preis. Das sieht dramatisch aus, aber die erste Bewegung nach einer Nachricht ist selten handelbar. Sie ist eher Chaos. 

Sie beschreiben den Markt als Auktion. Was heißt das konkret, und warum reicht der Blick auf den Chart nicht aus? 

Eine Börse ist ein Auktionshaus. Käufer und Verkäufer verhandeln fortlaufend darüber, zu welchem Preis sie zusammenkommen. Zu jedem Kauf gehört zwingend ein Verkauf. Ein Kurs steigt deshalb nicht, weil mehr gekauft als verkauft wurde, sondern weil die Käufer bereit sind, aggressiver zu bezahlen, und die Verkäufer erst zu höheren Preisen liefern. Der Chart zeigt nur das Ergebnis dieser Verhandlung. Wie sie gelaufen ist, zeigt der Orderflow: welche Seite ihre Aufträge sofort ausführen lässt, wie schnell das geschieht und wo größere Aufträge im Orderbuch liegen. Zwei Beobachtungen nutzen wir in der Praxis besonders oft:

  • Das Delta ist die Differenz zwischen aggressiv ausgeführten Käufen und Verkäufen. Es zeigt, welche Seite gerade Druck macht.
  • Absorption liegt vor, wenn eine Seite fortlaufend kauft und der Preis trotzdem nicht steigt. Dann nimmt auf der Gegenseite jemand diese Käufe auf.

Nehmen wir an, ein Index-Future steigt nach einer Nachricht auf eine Marke, an der er schon mehrfach gedreht hat. Die Käufer drücken weiter, das Delta ist deutlich positiv, aber der Preis kommt nicht mehr voran. Auf dem Chart ist das eine unscheinbare Seitwärtsphase. Im Orderflow sieht man eine Partei, die in großem Stil verkauft, ohne den Preis zu drücken. Das ist eine andere Information als »der Markt steigt«. 

Wo kann ein Privatanleger diese Informationen überhaupt sehen? 

Das ist der entscheidende Punkt, und hier liegt ein verbreitetes Missverständnis. Volumen ist nur dann aussagekräftig, wenn alle Geschäfte an einer Stelle zusammenlaufen. An einer Ter‐ minbörse ist das der Fall. Ein Future wird zentral gehandelt und abgewickelt, das Volumen je Preis ist eine gemeldete Größe, und alle Teilnehmer sehen dieselben Zahlen. Im außerbörslichen Handel, etwa bei Differenzkontrakten oder am Devisenkassamarkt, fehlt diese zentrale Stelle. Was die Handelsplattform dort als Volumen anzeigt, ist in der Regel nur die Zahl der Kursänderungen, nicht die Menge, die tatsächlich gehandelt wurde. Das ist ungefähr so, als würde man den Umsatz eines Geschäfts daran messen, wie oft die Tür aufgeht. Aus diesem Grund arbeiten wir in der Ausbildung bei Traivend nur mit Futures: Dort liefert die Börse die vollständigen Umsatz- und Orderbuchdaten, und die braucht man, um Volumen zu lesen. 

Woran erkennt man, ob eine große Bewegung trägt oder bald wieder zusammenbricht?

Zuerst am Volumen über den Preis. Trägt man den Umsatz nicht über die Zeit, sondern über die Preisstufen ab, entsteht ein Volumenprofil. Der Bereich, in dem rund 70 Prozent des Umsatzes stattgefunden haben, heißt Value Area. Dort hat der Markt einen Preis akzeptiert. Preisbereiche mit sehr wenig Umsatz wurden dagegen abgelehnt und werden meist schnell durchlaufen. Dann an der Qualität der Auktion. Sind beide Seiten aktiv, korrigiert der Markt zwischendurch und das Volumen begleitet die Bewegung, ist sie in der Regel belastbarer. Läuft dagegen nur eine Seite, schnell und mit wenig Umsatz, entsteht ein Vakuum. Irgendwann nehmen die Betei‐ ligten ihre Gewinne mit, und weil kaum jemand auf der Gegenseite steht, fällt die Korrektur oft unverhältnismäßig stark aus. Nach großen Nachrichten wie einem Zinsentscheid entsteht die‐ ses Muster besonders leicht, weil sich der Markt dann mit wenig Umsatz sehr weit bewegt. 

Welche Fehler machen Privatanleger in solchen Phasen am häufigsten?

Ein typischer Fehler ist, einer schnellen Bewegung hinterherzulaufen, weil man sie nicht verpassen will. Man kauft dort, wo die Auktion bereits ausgereizt ist. Der nächste folgt oft direkt: Der Stop wird weiter weggeschoben, weil man den Verlust nicht akzeptieren möchte, oder die Position wird vergrößert, um ihn schnell zurückzuholen. Beides kommt aus derselben Quelle, nämlich aus Emotionen, die das eigene Regelwerk außer Kraft setzen. Hinzu kommt ein Rechenfehler. Wer an unruhigen Tagen mit der gleichen Positionsgröße han‐ delt wie an ruhigen, riskiert deutlich mehr, als er glaubt, denn ein sinnvoll gesetzter Stop muss bei höheren Schwankungen weiter vom Einstieg entfernt liegen. 

Welche Regeln helfen in solchen Phasen?

In volatilen Phasen muss die Position kleiner werden, damit der weitere Stop beim Geldbetrag dasselbe Risiko bedeutet. Am Terminmarkt gibt es dafür Mini- und Micro-Kontrakte, die wie die großen Kontrakte funktionieren, aber einen Bruchteil davon bewegen. Dazu gehören feste Verlustgrenzen pro Tag und pro Woche, die vorher feststehen und nicht im Moment verhandelt werden. Ich handle fünf Minuten vor und fünf Minuten nach wichtigen Veröffentlichungen nicht, und Einsteigern rate ich grundsätzlich davon ab, Nachrichten zu handeln. Und manchmal ist die beste Entscheidung, gar nicht zu handeln. Niemand muss jede Bewegung mitnehmen. 

Kann man das Lesen des Orderflows lernen, und wo liegen seine Grenzen? 

Man kann es lernen, aber nicht an einem Wochenende. Es ist ein Handwerk, das über Monate Übung am Markt braucht. In unserer Ausbildung bei Traivend ist der Orderflow deshalb der umfangreichste Teil des Lehrplans. Die Grenzen sollte man genauso deutlich benennen. Der Orderflow ist kein Blick in die Zukunft. Er zeigt, was Marktteilnehmer gerade tun, nicht, was sie als Nächstes tun werden. Große Adressen können ihre Absichten verbergen, Aufträge erscheinen und verschwinden wieder, und jede Beobachtung bleibt eine Wahrscheinlichkeit. Er ersetzt auch kein Risikomanagement. 

Was er leistet: Er ersetzt Vermutung durch Beobachtung. Wer verstanden hat, dass hinter jeder Kursbewegung zwei Seiten mit Kapital und Absicht stehen, reagiert auf Schlagzeilen ruhiger.

Der Autor:

Kaan Aslan ist Gründer und CEO der Trading-Ausbildung Traivend und Mitglied im Forbes Finance Council. Er handelt seit 2017 an den Börsen, ist auf den Futures-Handel mit Orderflow- und Auktionstheorie-Ansatz spezialisiert und hat mit seinem Team über 1.400 Trader ausgebildet.

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