Ein außergewöhnlich starker El Niño könnte die globalen Lebensmittelpreise deutlich steigen lassen. Ökonomen warnen vor Ernteausfällen, gestörten Lieferketten und höheren Kosten bis 2028. Besonders brisant: Der Wetterschock trifft auf eine Weltwirtschaft, die bereits durch Krieg, Energiepreise und Düngemittelengpässe belastet ist.
Wetter wird wieder zum Preisrisiko
Lebensmittelpreise wirken oft alltäglich. Brot, Reis, Kaffee, Zucker, Speiseöl, Fleisch oder Milch stehen im Supermarktregal und scheinen vor allem von Handel, Marken und regionaler Nachfrage abzuhängen. Doch dahinter liegt ein globales System aus Ernten, Dünger, Energie, Transportwegen, Lagerbeständen, Währungen und Wetter.
Genau dieses System steht vor einem neuen Stresstest.
Ökonomen warnen vor einem außergewöhnlich starken El Niño, der die weltweiten Lebensmittelrohstoffpreise bis 2028 belasten könnte. Der Guardian berichtet unter Berufung auf Analysten großer Banken, dass ein solcher Wetterschock die Preise für Agrarrohstoffe massiv antreiben könnte. Goldman Sachs beziffert das Risiko auf einen Anstieg von 15,8 Prozent bei globalen Lebensmittelrohstoffpreisen.
Das ist keine sichere Prognose. El Niño wirkt regional unterschiedlich, manche Gebiete können sogar profitieren. Aber die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken Ereignisses ist gestiegen. NOAA meldet, dass El Niño anhält und sich bis Jahresende verstärken dürfte. Für den Zeitraum Oktober bis Dezember sieht die US-Behörde eine hohe Wahrscheinlichkeit eines sehr starken Ereignisses.
Damit rückt ein Begriff zurück auf die ökonomische Agenda, der lange nach Wetterbericht klang: Klimaflation.
Was El Niño mit dem Einkaufskorb macht
El Niño entsteht, wenn sich das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen tropischen Pazifik ungewöhnlich stark erwärmt. Das verändert Wind- und Niederschlagsmuster weltweit. Die Folgen können Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen und stärkere Stürme sein.
Für die Landwirtschaft ist das entscheidend. Pflanzen brauchen zur richtigen Zeit Wasser, Wärme und stabile Bedingungen. Verschieben sich Regenzeiten, trocknen Böden aus oder stehen Felder unter Wasser, geraten Ernten unter Druck. Das betrifft nicht nur einzelne Länder, sondern globale Märkte.
Typische Risikozonen sind Teile Südostasiens, Indiens, Südamerikas, Australiens und Afrikas. Dürre kann dort Palmöl, Reis, Zuckerrohr, Kaffee, Kakao, Soja oder Getreide treffen. Überschwemmungen können Ernten ebenfalls zerstören, Häfen belasten oder Transportwege unterbrechen.
Für Verbraucher in Europa heißt das nicht, dass der nächste Supermarktbesuch sofort dramatisch teurer wird. Aber die Preise für Rohstoffe fließen zeitverzögert in Lieferketten ein. Erst steigen Futures und Einkaufspreise, dann Kosten für Verarbeitung, Transport und Verpackung, später Preise im Handel.
Genau deshalb warnen Analysten, dass die volle Wirkung erst 2028 sichtbar werden könnte.
Der zweite Schock kommt aus dem Krieg
Der mögliche El-Niño-Schock trifft nicht auf ruhige Märkte. Der Iran-Krieg hat Energie- und Agrarlieferketten bereits belastet. Besonders kritisch ist die Verbindung zwischen Energie und Dünger.
Stickstoffdünger wird mit viel Erdgas hergestellt. Wenn Gas teurer oder knapper wird, steigen Düngemittelpreise. Wenn Dünger zu teuer wird, setzen Landwirte weniger davon ein. Dann sinken Erträge – oft erst Monate später sichtbar, aber mit globaler Wirkung.
Reuters beschrieb zuletzt, wie der Krieg im Nahen Osten Düngemittelketten getroffen hat. Der Konflikt schnitt zeitweise erhebliche Teile der globalen Gas- und Stickstoffdüngerversorgung ab, blockierte Schiffe im Golf und ließ Urea-Preise ausgerechnet zur Pflanzsaison steigen.
Das ist der gefährliche Punkt: Lebensmittelpreise reagieren nicht nur auf Wetter. Sie reagieren auf das Zusammenspiel von Wetter, Energie, Dünger, Transport und politischer Unsicherheit.
Ein starker El Niño allein wäre schon riskant. Zusammen mit Krieg und teuren Vorleistungen wird daraus ein doppelter Angebotsschock.
Reis, Palmöl, Zucker, Kaffee
Nicht alle Lebensmittel sind gleich betroffen. Analysten nennen besonders Reis, Palmöl, Zucker und Kaffee als anfällig. Auch Kakao, Soja, Mais und bestimmte Getreide können je nach Region unter Druck geraten.
Palmöl ist besonders wichtig, weil es in vielen verarbeiteten Lebensmitteln steckt: Backwaren, Fertiggerichte, Snacks, Aufstriche, Süßwaren, Kosmetik und Haushaltsprodukte. Ein Preisschock bei Palmöl bleibt also nicht im Ölregal. Er wandert durch viele Warengruppen.
Reis ist politisch noch sensibler. In vielen Ländern ist Reis Grundnahrungsmittel. Steigende Reispreise treffen Haushalte mit niedrigem Einkommen besonders hart und können Regierungen zu Exportbeschränkungen treiben. Solche Beschränkungen verschärfen wiederum den Weltmarktstress.
Kaffee und Kakao sind für Europa weniger existenziell, aber sichtbar. Verbraucher spüren Preissteigerungen dort direkt. Schon die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell Klima- und Ernteprobleme Kaffee- und Schokoladenpreise nach oben treiben können.
Lebensmittelmärkte sind damit nicht nur ökonomisch, sondern sozialpolitisch brisant.
Zentralbanken stehen vor einem Dilemma
Für Zentralbanken ist ein solcher Preisschock besonders unangenehm. Höhere Lebensmittelpreise treiben Inflation. Gleichzeitig können Zentralbanken keinen Regen erzeugen, keine Ernten retten und keine Düngerlieferketten reparieren.
Steigen Lebensmittelpreise, sinkt die Kaufkraft. Haushalte geben mehr für Grundbedarf aus und weniger für anderes. Unternehmen spüren höhere Kosten. Lohnforderungen können steigen. Inflationserwartungen können sich verfestigen.
Doch wenn Zentralbanken darauf mit höheren Zinsen reagieren, dämpfen sie die Nachfrage, ohne das eigentliche Angebotsproblem zu lösen. Genau das macht Klimaflation so schwierig: Sie ist kein klassischer Überhitzungseffekt, sondern ein realer Versorgungsschock.
Die EZB hatte bereits 2023 darauf hingewiesen, dass ein starker El Niño globale Lebensmittelrohstoffpreise um bis zu neun Prozent erhöhen kann. Besonders stark seien die Effekte bei Sojabohnen, Mais und Reis. Die Wirkung könne bis zu zwei Jahre anhalten.
Das passt zu den aktuellen Warnungen: Ein Preisschock, der Ende 2026 beginnt, kann bis 2028 in Handels- und Verbraucherpreisen nachlaufen.
Europa spürt vor allem den Preis
Europa ist nicht überall direkt von El-Niño-Wetterextremen betroffen. Die stärksten Auswirkungen liegen oft in den Tropen, in Asien, Südamerika, Afrika oder Australien. Doch Europa kauft Lebensmittelrohstoffe, Futtermittel, Öle, Kaffee, Kakao, Obst, Zucker und Dünger auf globalen Märkten.
Deshalb kommt der Schock über Preise.
Wenn Reis in Asien knapp wird, wenn Palmöl in Südostasien teurer wird, wenn Kaffeeernten leiden oder wenn Soja und Mais stärker schwanken, verändert das globale Handelsströme. Europa ist dann nicht isoliert, auch wenn hier kein Feld vertrocknet.
Hinzu kommt die Tierhaltung. Futtermittelpreise beeinflussen Fleisch-, Milch- und Eierpreise. Energiepreise beeinflussen Kühlung, Verarbeitung, Transport und Verpackung. Düngerkosten beeinflussen kommende Ernten.
Lebensmittelinflation ist deshalb selten nur ein Produkt. Sie ist ein Systemeffekt.
Die FAO-Zahlen zeigen die Spannung
Der FAO Food Price Index lag im Juni 2026 bei 130,3 Punkten. Das ist leicht niedriger als im Mai, aber 1,7 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig liegt der Index noch deutlich unter dem Höchststand vom März 2022, als der Ukrainekrieg die Märkte erschütterte.
Das klingt zunächst beruhigend. Doch gerade diese Zwischenlage ist gefährlich. Die Märkte sind nicht mehr im akuten Panikmodus von 2022, aber sie haben auch keine großen Sicherheitspuffer.
Die FAO meldete zuletzt steigende Preise bei Pflanzenölen und Fleisch, während Zucker, Getreide und Milchprodukte im Juni rückläufig waren. Solche gemischten Signale sind typisch für Agrarmärkte. Sie können regional entspannen und global trotzdem verwundbar bleiben.
Der Guardian zitiert UniCredit mit der Warnung, das Ernährungssystem gehe in die zweite Jahreshälfte 2026 zwar mit Puffern, aber mit wenig Fehlertoleranz.
Der eigentliche Warnschuss
Noch ist nicht sicher, wie stark der aktuelle El Niño tatsächlich wird und welche Ernten wo ausfallen. Auch Analystenmodelle sind keine Gewissheit. Wetter wirkt regional unterschiedlich, Märkte reagieren manchmal anders als erwartet, und politische Eingriffe können Preise dämpfen oder verschärfen.
Aber die Richtung ist klar: Die Weltwirtschaft wird wetterempfindlicher.
Ein starker El Niño im Jahr 2026 wäre nicht einfach ein Naturereignis. Er träfe auf aufgeheizte Ozeane, fragile Lieferketten, kriegsbedingt teure Energie, gestörte Düngemärkte und Haushalte, die schon mehrere Inflationswellen hinter sich haben.
Das macht ihn so gefährlich.
Die Lebensmittelpreise der kommenden Jahre entscheiden sich nicht nur auf Feldern. Sie entscheiden sich in Ozeantemperaturen, Gaspipelines, Düngemittelfabriken, Häfen, Zentralbanken und politischen Krisenräumen.
El Niño zeigt, wie eng Klima, Krieg und Wirtschaft inzwischen miteinander verbunden sind.
Der nächste Inflationsschock könnte nicht aus der Notenbank kommen. Sondern aus dem Pazifik.
SK