Starship am 28.09.2026 kurz vor dem Aussetzen von 26 Starlink V3 Satelliten
Der Ukraine-Krieg hat Drohnen, Satellitenbilder und digitale Kommunikation längst zu zentralen Waffen gemacht. Nun verlagert sich der technologische Wettlauf weiter nach oben. Russland baut mit Rasswet ein eigenes Satelliteninternet nach dem Vorbild von Starlink. Die Ukraine versucht, das Projekt durch Sanktionen auszubremsen. Dmitri Medwedew reagiert mit einer kaum verhüllten Drohung: Sollten die USA dabei helfen, könnten Starlink-Satelliten vom Himmel fallen. Noch ist das Rhetorik. Doch sie trifft auf eine Entwicklung, die längst real ist – zivile Satellitennetze sind zu militärischer Infrastruktur geworden.
Medwedew droht Starlink
Dmitri Medwedew, stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates, reagierte am Wochenende auf ukrainische Forderungen, den Aufbau des russischen Satellitennetzes Rasswet international zu behindern.
Eine Blockade könne zu einem großangelegten Krieg im Weltraum führen, erklärte er auf Telegram. Die Vereinigten Staaten sollten dies verstehen. Andernfalls könnten Satelliten des amerikanischen Starlink-Systems sinngemäß wie Schmuck von einem vertrockneten Weihnachtsbaum herunterfallen.
Medwedew ist für besonders aggressive öffentliche Äußerungen bekannt. Seine Worte sind deshalb nicht gleichbedeutend mit einem angekündigten russischen Militärschlag. Sie stehen allerdings auch nicht völlig isoliert.
Bereits seit 2022 erklären russische Regierungsvertreter immer wieder, kommerzielle westliche Satelliten könnten aus Moskauer Sicht zu militärischen Zielen werden, wenn sie Streitkräfte im Ukraine-Krieg unterstützen. 2024 richtete das Außenministerium eine entsprechende Warnung ausdrücklich an die USA und SpaceX. Die neue Drohung verschärft damit eine Argumentation, die Russland bereits seit mehreren Jahren verfolgt.
Warum Rasswet für Russland so wichtig geworden ist
Der unmittelbare Hintergrund heißt Rasswet – auf Deutsch etwa »Morgengrauen«.
Das russische Unternehmen Bureau 1440 baut eine Konstellation kleiner Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn auf. Das technische Prinzip ähnelt Starlink: Statt weniger großer Kommunikationssatelliten in hoher Umlaufbahn sollen zahlreiche kleinere Satelliten vergleichsweise nah um die Erde kreisen und schnelle Datenverbindungen mit geringer Verzögerung ermöglichen.
Im März 2026 brachte Russland die ersten 16 Seriensatelliten ins All. Im Juli folgten weitere 16. Damit befinden sich inzwischen 32 Satelliten der neuen Generation im Orbit. Hinzu kommen ältere Testsatelliten.
Bis 2027 soll die Konstellation nach bisherigen Planungen auf rund 292 Satelliten wachsen. Langfristig sind mehr als 900 vorgesehen.
Das wäre noch immer weit entfernt von Starlink. SpaceX betreibt inzwischen mehr als 10.000 Satelliten.
Russland muss Rasswet Starlink jedoch nicht global ersetzen. Es muss zunächst ein wesentlich kleineres geografisches Gebiet zuverlässig versorgen.
Starlink wurde zum militärischen Nervensystem
Warum das so wichtig ist, hat der Krieg in der Ukraine demonstriert.
Nach Beginn der russischen Invasion 2022 stellte SpaceX der Ukraine Starlink-Verbindungen zur Verfügung. Das Netz half dabei, Kommunikationsausfälle zu überbrücken und wurde zunehmend auch militärisch genutzt.
Soldaten kommunizieren darüber mit Kommandostellen. Drohneneinheiten übertragen Daten. Frontverbände können selbst dort online bleiben, wo Mobilfunknetze zerstört oder gestört sind.
Satelliteninternet besitzt dabei einen entscheidenden Vorteil: Die physische Infrastruktur befindet sich größtenteils nicht im Kriegsgebiet.
Ein Mobilfunkmast lässt sich zerstören. Ein Kabel kann durchtrennt werden. Eine Konstellation aus Tausenden Satelliten ist wesentlich schwieriger auszuschalten.
Daher versuchte Russland ebenfalls, Starlink zu nutzen. Über Zwischenhändler gelangten Terminals zu russischen Einheiten und wurden nach ukrainischen Angaben sogar für Drohnen eingesetzt.
Anfang 2026 änderte SpaceX auf Drängen Kiews sein System.
Dann verlor Russland Starlink
SpaceX und die ukrainische Regierung führten eine sogenannte Whitelist ein.
Nur autorisierte Terminals durften danach innerhalb des ukrainischen Operationsgebiets weiter auf das Netz zugreifen. Nicht registrierte Geräte wurden deaktiviert.
Für russische Einheiten hatte das spürbare Folgen.
Ukrainische Militärvertreter berichteten von unterbrochenen Kommunikationswegen und beeinträchtigten Angriffen. SpaceX erklärte kurz darauf, die Maßnahmen gegen die nicht autorisierte Nutzung schienen zu funktionieren. Damit wurde Moskaus strukturelle Abhängigkeit besonders deutlich.
Russland besitzt Raketen, Satelliten und eine eigene Raumfahrtindustrie – verfügte aber auf dem modernen Gefechtsfeld ausgerechnet nicht über ein eigenes breitbandiges Satellitennetz nach dem Starlink-Prinzip.
Rasswet soll diese Lücke schließen.
Kiew will das Netz stoppen, bevor es fertig ist
Die Ukraine versucht deshalb, nicht erst auf ein voll funktionsfähiges russisches System zu reagieren. Ende September forderte der amtierende ukrainische Botschafter in Washington, Denys Sienik, die Vereinigten Staaten auf, Unternehmen und Personen zu sanktionieren, die an Rasswet beteiligt sind.
Kiew will insbesondere Zulieferer treffen.
Denn moderne Kommunikationssatelliten bestehen aus einer Vielzahl hoch spezialisierter Komponenten. Elektronik, Chips, optische Systeme und andere Bauteile stammen häufig aus internationalen Lieferketten. Sanktionen können somit auch dann wirken, wenn das federführende Unternehmen selbst bereits Beschränkungen unterliegt.
Die ukrainische Sorge ist konkret: Ein funktionierendes russisches Netz könnte Streitkräften ermöglichen, Daten auch über große Entfernungen nahezu in Echtzeit zu übertragen und damit unter anderem die Steuerung von Aufklärungs- und Angriffsdrohnen verbessern.
Rasswet funktioniert bereits – aber noch nicht durchgehend
Die Gefahr ist dabei weder reine Theorie noch bereits Realität im Starlink-Maßstab. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes konnten russische Streitkräfte Rasswet-Verbindungen über der Ukraine bereits testweise mehrere Stunden nutzen.
Für eine dauerhafte Versorgung reicht die gegenwärtige Zahl der Satelliten jedoch noch nicht aus. Ein Kommunikationssatellit in niedriger Erdumlaufbahn bewegt sich ständig weiter. Damit ein Nutzer dauerhaft verbunden bleibt, muss immer wieder ein anderer Satellit seine Verbindung übernehmen.
Dafür benötigt ein System eine ausreichend dichte Konstellation. Erst mit Hunderten Satelliten kann Rasswet deshalb eine kontinuierlichere Abdeckung erreichen. Hinzu kommen technische Probleme. Von den ersten 32 Seriensatelliten zeigten nach unabhängigen Beobachtungen mehrere Auffälligkeiten; mindestens einzelne Satelliten dürften ausgefallen sein.
Russland besitzt damit noch kein zweites Starlink.
Aber: Es baut eines.
Ein Satellitenabschuss wäre etwas völlig anderes
Es muss also zwischen Medwedews Drohung und den heute tatsächlich eingesetzten Mitteln unterschieden werden.
Satellitenkommunikation wird bereits angegriffen:
Solche Maßnahmen gehören längst zum militärischen Alltag.
Russland hat in der Ukraine wiederholt versucht, satellitengestützte Dienste elektronisch zu stören. Zu Beginn der Invasion wurde zudem das Netzwerk des amerikanischen Satellitenanbieters Viasat durch einen Cyberangriff schwer beeinträchtigt.
Einen Starlink-Satelliten physisch zu zerstören, wäre jedoch eine andere Eskalationsstufe. Russland verfügt grundsätzlich über Anti-Satelliten-Fähigkeiten. 2021 zerstörte es bei einem Test einen eigenen Satelliten mit einer Rakete.
Dabei entstand eine große Zahl von Trümmerteilen. Darin liegt eines der Probleme kinetischer Weltraumwaffen.
Wer einen Satelliten abschießt, gefährdet auch andere
Im Weltraum verschwinden Trümmer nicht einfach. Fragmente eines zerstörten Satelliten bewegen sich mit enormer Geschwindigkeit weiter und können andere Raumfahrzeuge treffen. Bei einer großen Konstellation kommt ein zweites Problem hinzu: Einen einzelnen Starlink-Satelliten auszuschalten bringt militärisch wenig.
Das System ist so widerstandsfähig, weil Tausende Satelliten gemeinsam ein Netz bilden. Ein physischer Angriff müsste daher eine große Zahl von Raumfahrzeugen treffen oder auf andere Weise die Funktionsfähigkeit der gesamten Konstellation beeinträchtigen.
Das macht elektronische Angriffe, Cyberoperationen oder Störungen der Bodeninfrastruktur wesentlich naheliegender als den spektakulären Abschuss einzelner Satelliten.
Medwedews Bild vom »herabfallenden Weihnachtsschmuck« klingt deshalb dramatisch. Die militärische Realität wäre komplizierter – und potenziell noch gefährlicher.
Zivil und militärisch lassen sich kaum noch trennen
Dahinter steckt ein grundsätzliches Problem moderner Raumfahrt.
Starlink ist ein kommerzielles System. Gleichzeitig nutzen Streitkräfte seine Dienste. SpaceX betreibt zudem mit Starshield inzwischen ein ausdrücklich für Militär- und Sicherheitskunden entwickeltes Angebot. Großbritannien hat dafür bereits eigene Terminals beschafft; auch die US-Streitkräfte und amerikanischen Nachrichtendienste greifen auf Dienste des Unternehmens zurück.
Ähnliche Entwicklungen gibt es in Europa. Nokia und der finnische Satellitenspezialist Iceye haben gerade angekündigt, eigene satellitengestützte Kommunikationssysteme für Regierungen und Verteidigungskunden aufzubauen.
Damit verschwimmt die frühere Trennung zwischen staatlicher Militärinfrastruktur und kommerzieller Raumfahrt. Und daraus entsteht ein neues Sicherheitsproblem: Wenn ein privates Satellitennetz für militärische Operationen unverzichtbar wird, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie Staaten dieses Unternehmen im Konfliktfall schützen – und wie ein Gegner dessen Infrastruktur bewertet.
Rasswet ist deshalb mehr als ein Internetprojekt
Russlands Motivation reicht entsprechend über schnelleres Internet für entlegene Regionen hinaus. Ein eigenes satellitengestütztes Kommunikationsnetz bedeutet technologische Souveränität.
Moskau wäre weniger davon abhängig, ob ein westliches Unternehmen Zugriff gewährt oder sperrt. Militärische Kommunikation ließe sich schwerer durch politische Entscheidungen außerhalb Russlands unterbrechen.
Ausgerechnet Starlink hat damit eine Lektion geliefert, aus der Moskau nun Konsequenzen zieht.
Für die Ukraine entsteht daraus ein Wettlauf mit der Zeit. Solange Rasswet erst aus einigen Dutzend Satelliten besteht, können Exportkontrollen und Sanktionen den Aufbau möglicherweise noch verzögern.
Stehen irgendwann mehrere Hundert Satelliten im Orbit, verändert sich das Problem. Dann müsste die Ukraine mit einer militärischen Fähigkeit umgehen, die sich nicht mehr einfach durch Sanktionen zurückholen lässt.
Stefanie S. Klief