Gianni Infantino (L) und Donald Trump bei einem Treffen im Weißen Haus am 28.08 2018
Die FIFA hat die automatische Sperre gegen US-Stürmer Folarin Balogun kurz vor dem Achtelfinale gegen Belgien ausgesetzt. Belgien reagiert empört – und der Fall wird zur Grundsatzfrage über Fair Play, Macht und Transparenz im Weltfußball.
Eine Entscheidung kurz vor dem K.-o.-Spiel
Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 sorgt die FIFA mit einer ungewöhnlichen Disziplinarentscheidung für heftige Kritik. Der US-amerikanische Stürmer Folarin Balogun darf im Achtelfinale gegen Belgien spielen, obwohl er im vorherigen WM-Spiel gegen Bosnien-Herzegowina eine Rote Karte gesehen hatte.
Normalerweise zieht eine Rote Karte automatisch eine Sperre für das nächste Spiel nach sich. Genau darauf hatte sich auch Belgien eingestellt. Doch die FIFA setzte die Sperre gegen Balogun kurzfristig aus. Die Sanktion gilt nun offenbar nur auf Bewährung: Sollte Balogun innerhalb eines Jahres eine vergleichbare Verfehlung begehen, würde die Sperre wieder greifen.
Für die USA ist das sportlich ein enormer Vorteil. Balogun zählt zu den wichtigsten Offensivspielern des Teams und hat bei der WM bereits drei Tore erzielt. Für Belgien dagegen wirkt die Entscheidung wie ein Eingriff in die Vorbereitung auf ein K.-o.-Spiel. Trainerteam und Verband mussten sich plötzlich auf einen Gegner einstellen, der nach bisheriger Regellage eigentlich nicht spielberechtigt gewesen wäre.
Belgien spricht von einem Angriff auf Fair Play
Der belgische Verband reagierte entsprechend scharf. Die Royal Belgian Football Association zeigte sich öffentlich fassungslos und prüft nach eigenen Angaben mögliche Schritte. Aus belgischer Sicht widerspricht die Entscheidung den FIFA-Regularien, nach denen ein Platzverweis automatisch eine Sperre für das folgende Spiel bedeutet.
Die FIFA beruft sich dagegen auf Artikel 27 ihres Disziplinar-Codes. Dieser erlaubt es den zuständigen FIFA-Gremien, die Vollstreckung einer Disziplinarmaßnahme ganz oder teilweise auszusetzen. Genau diese Klausel wurde nun offenbar genutzt, um Balogun doch spielen zu lassen.
Damit entsteht aber ein offenkundiger Konflikt zwischen zwei Regelprinzipien. Einerseits gibt es die klare automatische Folge einer Roten Karte. Andererseits gibt es eine übergeordnete Ermessensklausel, mit der Sanktionen ausgesetzt werden können. Juristisch mag die FIFA dafür einen Hebel gefunden haben. Sportlich und kommunikativ wirkt der Vorgang dennoch heikel, weil die Entscheidung erst kurz vor dem nächsten Spiel kam und kaum nachvollziehbar begründet wurde.
Die Rote Karte war umstritten
Zur Einordnung gehört: Auch die ursprüngliche Rote Karte gegen Balogun war umstritten. Der Schiedsrichter hatte die Szene zunächst nicht als Platzverweis gewertet. Erst nach VAR-Überprüfung wurde Balogun wegen gefährlichen Spiels vom Platz gestellt. Viele Beobachter hielten die Entscheidung für hart, weil der Kontakt zwar unglücklich, aber nicht zwingend absichtlich wirkte.
Gerade deshalb ist der Fall komplizierter als ein einfacher Regelbruch. Die FIFA kann argumentieren, sie habe eine überzogene sportliche Strafe abgemildert. Doch genau hier beginnt das Problem: Wenn ein Platzverweis während des Turniers praktisch nachträglich entschärft werden kann, stellt sich die Frage, wann das künftig möglich ist – und für wen.
Denn im Fußball geht es nicht nur um die einzelne Entscheidung, sondern um gleiche Maßstäbe. Jede Mannschaft muss wissen, welche Regeln gelten. Wenn ein Spieler nach Rot gesperrt ist, planen Gegner, Trainer und Öffentlichkeit entsprechend. Wird diese Erwartung kurz vor dem nächsten Spiel aufgehoben, entsteht der Eindruck, dass Regeln zwar formal bestehen, aber im entscheidenden Moment politisch oder institutionell gedehnt werden können.
Der politische Schatten über dem Fall
Seine Brisanz erhält der Vorgang durch Berichte über politische Einflussnahme. Mehrere Medien berichten, US-Präsident Donald Trump habe sich persönlich für eine Überprüfung des Falls eingesetzt und Kontakt zur FIFA-Spitze gesucht. Auch von einer Beteiligung des Weißen Hauses beziehungsweise einer WM-Taskforce ist die Rede.
Solche Berichte sind für die FIFA besonders unangenehm. Selbst wenn die Entscheidung formal von den zuständigen Disziplinargremien getroffen wurde, reicht schon der Eindruck politischer Nähe, um Zweifel an der Unabhängigkeit zu nähren. Die WM findet 2026 in den USA, Kanada und Mexiko statt. Dass ausgerechnet ein US-Star kurz vor einem wichtigen K.-o.-Spiel von einer Sperre befreit wird, lädt zu Spekulationen ein.
Die FIFA steht ohnehin seit Jahren unter Beobachtung, wenn es um Transparenz, Machtstrukturen und Nähe zu politischen Akteuren geht. Der Fall Balogun trifft deshalb einen empfindlichen Punkt. Es geht nicht mehr nur darum, ob eine Rote Karte zu hart war. Es geht darum, ob alle Mannschaften bei einer WM denselben Regeln unterliegen.
Ein gefährlicher Präzedenzfall
Besonders problematisch ist der Präzedenzcharakter. Bereits im Zusammenhang mit Cristiano Ronaldo war Artikel 27 offenbar genutzt worden, um Teile einer Sperre auszusetzen. Wenn solche Entscheidungen häufiger werden, könnte das die Autorität von Schiedsrichtern und Turnierregularien schwächen.
Natürlich braucht jedes Regelsystem Korrekturmöglichkeiten. Fehler passieren, und der VAR hat nicht alle Probleme gelöst. Im Gegenteil: Gerade Zeitlupen und Standbilder können Szenen manchmal dramatischer erscheinen lassen, als sie im realen Bewegungsablauf waren. Eine Möglichkeit, offensichtliche Fehlentscheidungen abzumildern, ist deshalb grundsätzlich nicht falsch.
Doch dann braucht es klare Kriterien. Wann darf eine Sperre ausgesetzt werden? Wer darf das beantragen? Welche Begründung muss veröffentlicht werden? Und warum gilt das in einem Fall, aber nicht in einem anderen? Ohne solche Transparenz entsteht der Eindruck von Sonderbehandlung.
SK