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Peking baut an einer neuen Machtordnung

Putins Besuch bei Xi zeigt, wie eng China und Russland ihre Interessen gegen die USA bündeln

Wladimir Putin ist in Peking von Xi Jinping demonstrativ freundlich empfangen worden. Beide Staatschefs inszenieren ihre Partnerschaft als Stabilitätsanker in einer Welt, die sie von amerikanischer Dominanz geprägt sehen. Für Europa ist der Schulterschluss brisant, weil Russland wirtschaftlich immer stärker von China abhängt und Peking diese Abhängigkeit strategisch nutzt. Zugleich bleibt das Bündnis asymmetrisch: China gibt den Takt vor, Russland liefert Rohstoffe, politische Unterstützung und antiwestliche Symbolik.

6 Min.

21.05.2026

Wladimir Putins Besuch in China ist mehr als ein diplomatischer Termin. Er zeigt, wie weit Russland und China ihre Partnerschaft als Gegenmodell zur westlich geprägten Ordnung ausbauen wollen. Xi Jinping empfing den russischen Präsidenten in Peking mit militärischen Ehren, wenige Tage nachdem er bereits US-Präsident Donald Trump empfangen hatte. Die zeitliche Nähe ist kein Zufall. China inszeniert sich als zentrale Macht zwischen Washington und Moskau – und als Staat, der mit beiden Seiten sprechen kann, ohne sich westlichem Druck zu beugen.

Putin sprach in Peking von Beziehungen auf einem beispiellosen Niveau und lud Xi für das kommende Jahr nach Russland ein. Xi wiederum warnte vor einer Welt, die in das »Recht des Dschungels« zurückfallen könne, und stellte die chinesisch-russische Partnerschaft als stabilisierenden Faktor dar. Beide Länder unterzeichneten mehrere Dokumente und bekräftigten ihre strategische Zusammenarbeit. Nach Reuters wurde eine 9.935 Wörter lange gemeinsame Erklärung verabschiedet, daneben wurden rund 20 weitere Dokumente vereinbart.

Im Kern richtet sich der Auftritt gegen die USA. China und Russland kritisierten gemeinsam Washingtons Pläne für das Raketenabwehrsystem »Golden Dome« und warnten, solche Projekte könnten die strategische Stabilität gefährden. Auch die US-Politik in Handels-, Sicherheits- und Technologiefragen wurde indirekt angegriffen. Das Muster ist bekannt: Peking und Moskau stellen sich als Verteidiger einer multipolaren Ordnung dar, während sie den USA Unilateralismus und Machtpolitik vorwerfen.

Für China ist diese Inszenierung strategisch nützlich. Xi kann Putin als engen Partner präsentieren, ohne sich vollständig an Russland zu binden. Peking profitiert von günstigen russischen Rohstoffen, von Moskaus antiwestlicher Haltung und von einer geopolitischen Achse, die den Druck auf die USA erhöht. Gleichzeitig bleibt China vorsichtig genug, um seine wirtschaftlichen Beziehungen zum Westen nicht unnötig zu gefährden. Diese Balance ist entscheidend: China unterstützt Russland politisch und wirtschaftlich, vermeidet aber Schritte, die es selbst massiv unter westliche Sanktionen bringen könnten.

Russland steht in dieser Partnerschaft deutlich schwächer da. Seit dem Angriff auf die Ukraine ist Moskau von westlichen Märkten, Kapital- und Technologieräumen weitgehend abgeschnitten. China ist für Russland daher immer wichtiger geworden: als Abnehmer von Öl und Gas, als Lieferant von Industriegütern und Technologiekomponenten, als diplomatischer Rückhalt in internationalen Organisationen. Die »Partnerschaft ohne Grenzen«, die beide Seiten kurz vor dem Ukraine-Krieg 2022 ausgerufen hatten, hat sich dadurch in der Praxis zu einer Beziehung mit klarer Schieflage entwickelt. Reuters erinnert daran, dass China und Indien inzwischen zusammen rund 80 Prozent der russischen Rohölexporte aufnehmen.

Diese Asymmetrie zeigt sich besonders bei Energiefragen. Russland drängt seit Jahren auf die Pipeline »Power of Siberia 2«, die zusätzliches Gas nach China liefern soll. Für Moskau wäre sie wichtig, weil der europäische Gasmarkt weitgehend verloren ist. Peking hingegen verhandelt hart und hat bislang keinen großen Durchbruch zugelassen. Reuters berichtet, dass Xi und Putin zwar ihre Kritik an den USA bündelten, aber keinen großen Gasdeal abschließen konnten. Genau das zeigt, wer in dieser Partnerschaft mehr Verhandlungsmacht besitzt.

Für Europa ist der Besuch deshalb sicherheitspolitisch und wirtschaftlich relevant. Die Annäherung zwischen China und Russland verändert nicht nur die Diplomatie, sondern auch Lieferketten, Energieflüsse und Sanktionslogik. Je stärker Russland nach Osten ausweicht, desto schwieriger wird westlicher Druck allein über klassische Sanktionen. Gleichzeitig wird China zum entscheidenden Faktor dafür, wie stark Russland seine Kriegswirtschaft und seine internationale Handlungsfähigkeit aufrechterhalten kann.

Die Ukraine spielte bei dem Treffen auffällig keine zentrale öffentliche Rolle. Während Xi laut Euronews mit Blick auf den Nahen Osten eine Beendigung des Konflikts für dringend erklärte, blieb er beim Krieg in der Ukraine deutlich zurückhaltender. Das passt zur chinesischen Linie: Peking präsentiert sich als möglicher Vermittler, vermeidet aber eine klare Distanzierung von Moskau. Für Kiew und Europa ist das ein Problem, weil China damit zwar Stabilität rhetorisch beschwört, Russland aber politisch nicht entscheidend unter Druck setzt.

Auch innenpolitisch hat der Auftritt für beide Seiten Funktion. Putin kann zeigen, dass Russland trotz Krieg, Sanktionen und internationaler Isolation weiter einen mächtigen Partner hat. Xi wiederum demonstriert, dass China auf der Weltbühne nicht reagieren muss, sondern gestaltet: erst Trump, dann Putin, beide in Peking, beide in einem Rahmen, den China kontrolliert. Die Botschaft lautet: Wer über die künftige Weltordnung sprechen will, kommt an China nicht vorbei.

Für die Börsen liegt die Relevanz weniger in einzelnen Abkommen als in der strategischen Richtung. Wenn China und Russland ihre Kooperation vertiefen, wächst die Fragmentierung der Weltwirtschaft. Rohstoffströme, Technologiezugang, Zahlungswege, Rüstungsmärkte und Lieferketten werden stärker politisiert. Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass globale Märkte nicht mehr nur nach Effizienz organisiert werden, sondern nach geopolitischer Zugehörigkeit, Sanktionsrisiken und strategischer Abhängigkeit.

Besonders betroffen sind Energie, Rohstoffe, Halbleiter, Rüstung, Logistik und Industrieanlagen. Russland kann China Rohstoffe liefern, China kann Russland Maschinen, Elektronik und industrielle Vorprodukte bereitstellen. Gleichzeitig versucht der Westen, genau solche Verbindungen zu kontrollieren, wenn sie die russische Kriegsfähigkeit stützen. Daraus entsteht ein dauerhafter Druck auf Unternehmen, ihre Lieferketten politisch zu prüfen.

Die Begegnung in Peking zeigt aber auch die Grenzen des Bündnisses. China und Russland sind keine gleich starken Partner und verfolgen nicht in allen Fragen dieselben Interessen. China will Stabilität für Handel, Wachstum und globalen Einfluss. Russland braucht Konfrontation mit dem Westen teilweise als Legitimation und Ausweg aus eigener Isolation. Diese Interessen überschneiden sich, aber sie sind nicht identisch. Genau deshalb bleibt das Verhältnis eng, aber nicht frei von Misstrauen.

Für Europa ist das keine beruhigende Nachricht. Selbst wenn China Russland nicht bedingungslos unterstützt, profitiert Moskau von der Partnerschaft ausreichend, um westlichen Druck abzufedern. Gleichzeitig gewinnt Peking durch Russlands Schwäche zusätzlichen Einfluss auf Energiepreise, Rohstoffströme und geopolitische Machtbalance. Die neue Weltordnung, an der Xi baut, ist deshalb keine abstrakte Vision. Sie entsteht konkret: in Energieverträgen, gemeinsamen Erklärungen, militärischer Rhetorik, Handelsströmen und dem Versuch, westliche Institutionen zu umgehen oder zu relativieren.

Der Besuch Putins in China macht sichtbar, wie sich die Machtachsen verschieben. Washington bleibt stark, Europa bleibt wirtschaftlich bedeutend, aber China nutzt jede Lücke, um sich als unverzichtbarer Ordnungsfaktor zu präsentieren. Russland liefert dafür den militärisch-politischen Konfliktstoff, China die wirtschaftliche und diplomatische Bühne.

Am Ende steht ein nüchterner Befund: Xi und Putin eint vor allem der Wille, amerikanische Dominanz zu begrenzen. Doch während Russland dafür aus der Schwäche heraus agiert, tut China es aus wachsender Stärke. Das macht die Partnerschaft für den Westen gefährlich – und für Russland langfristig abhängig.

SK

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