Militärmusik, Kampfflugzeuge, roter Teppich und Staatsbankett: Für den Besuch von Chinas Präsident Xi Jinping in Washington bot Donald Trump beträchtlichen protokollarischen Aufwand auf. Wirtschaftlich fällt die Bilanz wesentlich nüchterner aus. Die beiden größten Volkswirtschaften der Welt verhindern zunächst eine neue Eskalation ihres Handelsstreits – lösen ihn aber nicht. Die bestehende Zollpause wird um zwei Monate verlängert. Die schwierigeren Fragen zu seltenen Erden, Technologieexporten und chinesischen Warenkäufen wandern in die nächste Verhandlungsrunde.
Zwei Monate mehr Zeit – mehr zunächst nicht
Die bislang bis November laufende Handelsvereinbarung zwischen Washington und Peking wird um zwei Monate verlängert. US-Finanzminister Scott Bessent begründete den Schritt damit, beiden Seiten zusätzliche Zeit für weitere wirtschaftliche Verhandlungen zu geben.
Damit bleibt eine Rückkehr zu den extrem hohen Zollsätzen, die den Handelskonflikt 2025 zeitweise geprägt hatten, zunächst aus. Für Unternehmen ist das eine reale Entlastung.
Importeure müssen kurzfristig keine erneute drastische Verteuerung chinesischer Waren einplanen. Hersteller erhalten etwas mehr Sicherheit für Lieferketten und Einkaufsentscheidungen. Auch für China bleibt der Zugang zum amerikanischen Markt zunächst berechenbarer.
Eine dauerhafte Handelsvereinbarung ist daraus jedoch nicht entstanden. Die wesentlichen Konflikte wurden lediglich vertagt.
Seltene Erden bleiben Chinas stärkster wirtschaftlicher Hebel
Besonders deutlich wird das bei kritischen Rohstoffen.
China dominiert weiterhin große Teile der Verarbeitung seltener Erden und insbesondere die Herstellung bestimmter Magnete, die für Elektroautos, Luftfahrt, Rüstung, Halbleiteranlagen und zahlreiche andere Hightech-Anwendungen benötigt werden.
Die USA werfen Peking vor, zugesagte Lieferungen nicht vollständig einzuhalten. Nach Angaben amerikanischer Regierungsvertreter bleiben insbesondere bei seltenen Erden Lücken bestehen. Auch unmittelbar vor dem Gipfel beschäftigten sich US-amerikanische und japanische Regierungs- und Unternehmensvertreter mit Engpässen bei chinesischem Yttrium, einem für Luftfahrt und Chipproduktion wichtigen seltenen Erdmetall.
Damit besitzt China ein Instrument, das weit über klassische Zölle hinausgeht. Washington kann chinesische Waren verteuern. Peking kann bei einzelnen strategischen Materialien Lieferketten treffen, für die kurzfristig kaum Ersatz existiert.
Der Staatsbesuch hat dieses Problem nicht gelöst.
Auch Chinas Einkaufszusagen bleiben unvollständig
Ähnlich sieht es bei amerikanischen Exporten aus.
Nach Angaben Bessents erfüllt China zwar die vereinbarte Abnahme von 25 Millionen Tonnen Sojabohnen. Bei anderen Agrargütern bleibt Peking jedoch hinter einer Zusage über Käufe im Wert von 17 Milliarden Dollar zurück.
Landwirtschaftliche Exporte gehören seit Jahren zu den Bereichen, in denen chinesische Käufe als Teil größerer Handelsvereinbarungen eingesetzt werden. Für amerikanische Farmer können solche Zusagen unmittelbar über Absatzmöglichkeiten und Preise entscheiden.
Auch hier brachte Washington keine endgültige Einigung. Die Handelsbeziehung bleibt damit ein System aus Zusagen, Zwischenvereinbarungen und immer neuen Verhandlungen.
Stabilität wird selbst zum wirtschaftlichen Ergebnis
Das klingt zunächst nach wenig. Nach den Eskalationen der vergangenen anderthalb Jahre besitzt jedoch bereits die Vermeidung eines neuen Zollkriegs einen ökonomischen Wert.
2025 hatten sich beide Länder zeitweise mit dreistelligen Zusatzzöllen überzogen. Erst mehrere Verhandlungsrunden führten wieder zu niedrigeren Sätzen und einer vorläufigen Waffenruhe im Handel.
Für Unternehmen ist das Problem solcher Konflikte nicht allein die Höhe eines Zolls. Noch schwieriger ist häufig die Ungewissheit darüber, welcher Satz in drei oder sechs Monaten gelten wird. Produktionsstandorte, Lieferverträge oder Investitionen lassen sich nicht kurzfristig umstellen.
Insofern lässt sich der Gipfel auch als Versuch verstehen, aus einem permanenten Eskalationsrisiko wieder ein zumindest kontrollierteres Konkurrenzverhältnis zu machen.
Xi spricht dafür inzwischen von einer »konstruktiven strategischen Stabilität« zwischen beiden Ländern. Nach Darstellung des chinesischen Außenministeriums sollen Kooperation dominieren, Wettbewerb begrenzt und Konflikte kontrollierbar bleiben.
Das ist zunächst die chinesische Zielbeschreibung. Ob daraus eine dauerhafte Ordnung entsteht, bleibt offen.
Bei KI trennt beide Seiten mehr als sie verbindet
Auch künstliche Intelligenz stand auf der Tagesordnung.
Beide Präsidenten sprachen sich grundsätzlich für weiteren Dialog aus. In der konkreten Vorstellung darüber, wie KI entwickelt und reguliert werden sollte, liegen jedoch Unterschiede.
Xi erklärte, China und die USA sollten über Risiken und Chancen sprechen und sicherstellen, dass KI unter menschlicher Kontrolle bleibe. Trump hatte sich zuvor gegen zusätzliche regulatorische Leitplanken ausgesprochen und stärker auf bestehendes Recht gesetzt.
Die USA und China konkurrieren um Chips, Rechenzentren, KI-Modelle und industrielle Anwendungen. Gleichzeitig wächst das Interesse an gemeinsamen Mechanismen, die unbeabsichtigte Eskalationen oder gefährliche Anwendungen verhindern könnten.
Aus Washington kam jedoch kein neues umfassendes Abkommen. Auch hier bleibt es vorerst beim Dialog.
Xi erhöht den Druck bei Taiwan
Der wirtschaftliche Wettbewerb lässt sich zugleich kaum von der Sicherheitspolitik trennen.
Xi forderte Trump nach chinesischer Darstellung auf, sich gegen eine Unabhängigkeit Taiwans zu positionieren und die Taiwan-Frage »mit Umsicht« zu behandeln.
Das wäre sprachlich eine Verschärfung gegenüber der traditionellen amerikanischen Formulierung, wonach Washington eine taiwanische Unabhängigkeit nicht unterstützt.
Nach dem Treffen gab es zunächst keine Hinweise darauf, dass die US-Regierung diese Position verändert hätte. Reuters zufolge lag auch kein entsprechendes öffentliches amerikanisches Zugeständnis vor.
Taiwan ist mit TSMC ein zentraler Standort für die Produktion modernster Halbleiter. Eine militärische Eskalation in der Taiwanstraße hätte deshalb unmittelbare Folgen für globale Technologie- und Industrieketten.
Auch hier wurde kein Grundkonflikt gelöst.
Beim Iran ebenfalls keine erkennbare Wende
Trump hatte sich vom Treffen zudem erhofft, dass China seinen Einfluss auf Iran nutzen könnte.
Peking pflegt enge wirtschaftliche Beziehungen zu Teheran und gehört zu dessen wichtigsten Ölabnehmern. Xi erklärte nach chinesischer Darstellung, China unterstütze eine Rückkehr der USA und Irans an den Verhandlungstisch und wünsche eine umfassende Vereinbarung.
Ein konkreter gemeinsamer Schritt wurde jedoch nicht angekündigt. Damit bleibt auch einer der wichtigsten geopolitischen Faktoren für Ölpreise und Weltwirtschaft außerhalb einer direkten Lösung.
Der Pomp war größer als der Deal
Und genau deshalb fällt der Kontrast dieses Staatsbesuchs auf.
Trump empfing Xi persönlich am Flughafen. Es gab militärische Ehren, Flugzeugüberflüge, einen umfangreichen Rundgang im Weißen Haus und ein Staatsbankett mit zahlreichen prominenten Vertretern der amerikanischen Technologiebranche. Das Weiße Haus hatte den Besuch ausdrücklich als außergewöhnliches diplomatisches Ereignis inszeniert.
Die politischen und wirtschaftlichen Ergebnisse blieben dagegen überschaubar. Reuters fasste den Gipfel entsprechend als stark an Symbolik, aber ohne erkennbaren Durchbruch bei Handel, KI, Taiwan oder Iran zusammen. Das heißt nicht, dass der Besuch bedeutungslos war.
Zwischen zwei Staaten, die gleichzeitig Handelspartner und strategische Rivalen sind, kann bereits ein funktionierender Gesprächskanal wirtschaftlichen Wert besitzen.
Nur ersetzt Stabilität keine Lösung.
Stefanie S. Klief