Politik

BSW rückt näher an die AfD

Das BSW will Anträge nicht mehr nach Herkunft bewerten und öffnet damit eine heikle Debatte über Mehrheiten mit der AfD

6 Min.

30.06.2026

Das Bündnis Sahra Wagenknecht sucht erkennbar einen anderen Umgang mit der AfD. Statt klarer Abgrenzung setzt die Partei zunehmend auf Sachabstimmungen, variable Mehrheiten und Kritik an der Brandmauer. Damit verschiebt sich die politische Debatte: Nicht nur Union und FDP ringen mit der AfD-Frage, sondern nun auch eine Partei, die einst als Gegenangebot zu den Rechten antreten wollte.
 

Das Bündnis Sahra Wagenknecht verschärft die Debatte über den Umgang mit der AfD. Die Partei stellt die sogenannte Brandmauer zunehmend infrage und wirbt für einen Kurs, bei dem Anträge und Mehrheiten stärker nach Inhalt als nach Herkunft bewertet werden sollen. Was nach parlamentarischem Pragmatismus klingt, ist politisch hochbrisant: Es könnte die AfD weiter normalisieren.

Nach einer aktuellen GMX-Meldung sucht das BSW die Nähe zur AfD und schlägt Kooperationen in Sachfragen vor. Damit setzt sich eine Linie fort, die in mehreren Landesparlamenten bereits sichtbar wurde. BSW-Politiker betonen zwar meist, es gehe nicht um Koalitionen oder formelle Bündnisse. Doch die praktische Wirkung wäre trotzdem erheblich: Die AfD könnte häufiger Teil parlamentarischer Mehrheiten werden.

Wagenknecht greift die Brandmauer an

Sahra Wagenknecht hatte die Brandmauer zur AfD zuletzt mehrfach als falschen Weg bezeichnet. Nach einer Abstimmung im sächsischen Landtag, bei der ein Antrag mit Stimmen von Grünen, BSW und AfD angenommen wurde, forderte sie ein Ende der strikten Abgrenzung. Entscheidend solle die Sachfrage sein, nicht die Partei, die zustimme.

Das ist ein Bruch mit der bisherigen Logik vieler demokratischer Parteien. Die Brandmauer bedeutet nicht nur, keine Koalition mit der AfD einzugehen. Sie soll auch verhindern, dass die AfD über taktische Zustimmung Einfluss auf politische Entscheidungen bekommt und sich als normale Mehrheitsbeschafferin ins parlamentarische System einschreibt.

Genau diese Grenze wird nun weicher. Das BSW argumentiert, man dürfe vernünftige Anträge nicht ablehnen, nur weil die AfD ebenfalls zustimmt. Kritiker sehen darin eine gefährliche Verschiebung: Wer die AfD regelmäßig in Mehrheiten einbindet, macht sie weniger isoliert.

Brandenburg als Warnsignal

Besonders deutlich wurde der Konflikt in Brandenburg. Nach dem Bruch der SPD-BSW-Koalition erklärte BSW-Fraktionschef Niels-Olaf Lüders, seine Fraktion wolle keine Brandmauer zur AfD mehr. Zwar solle es keine aktive Zusammenarbeit geben, doch Anträge würden künftig inhaltlich geprüft.

Die AfD reagierte erwartbar positiv und sprach von Schnittmengen mit dem BSW. Genau darin liegt das Problem für die Wagenknecht-Partei. Wer sich als Protest gegen die politische Mitte versteht, landet schnell in einer gemeinsamen Oppositionslogik mit der AfD – auch wenn beide Parteien sozial- und wirtschaftspolitisch nicht identisch sind.

Für das BSW ist dieser Kurs riskant. Die Partei wollte ursprünglich auch Wähler erreichen, die mit der AfD sympathisieren, ohne selbst rechts zu wählen. Wenn sie nun aber selbst die Abgrenzung verwischt, verliert sie ihren Anspruch, ein demokratisches Ventil gegen die AfD zu sein.

Sachpolitik oder Normalisierung?

Der Streit dreht sich um eine Grundfrage: Kann man mit der AfD in einzelnen Sachfragen abstimmen, ohne sie politisch aufzuwerten? Das BSW sagt ja. Viele andere Parteien sagen nein – zumindest dort, wo die AfD dadurch sichtbar Teil einer gestaltenden Mehrheit wird.

Natürlich ist nicht jede zufällige Zustimmung der AfD automatisch eine Kooperation. In Parlamenten kann es vorkommen, dass Parteien aus unterschiedlichen Gründen gleich abstimmen. Politisch entscheidend ist aber, ob solche Mehrheiten bewusst gesucht, vorbereitet oder als neues Modell beworben werden.

Wenn das BSW Kooperationen in Sachfragen aktiv vorschlägt, geht es nicht mehr nur um Zufall. Dann wird aus parlamentarischer Überschneidung eine Strategie.

Die AfD profitiert vom Tabubruch

Für die AfD ist jede Aufweichung der Brandmauer ein Erfolg. Sie kann dann behaupten, die anderen Parteien müssten ihre Isolation aufgeben, weil ohne sie keine Politik mehr möglich sei. Genau das ist ein zentrales Ziel der Partei: nicht nur Protest zu sein, sondern als unvermeidbarer Machtfaktor behandelt zu werden.

Das BSW liefert dafür unfreiwillig oder bewusst eine Bühne. Seine Kritik an Migration, Energiepolitik, Ukraine-Kurs, Sanktionen und politischem Establishment überschneidet sich in Teilen mit AfD-Erzählungen. Auch wenn die Wagenknecht-Partei wirtschaftlich stärker auf soziale Umverteilung setzt, entsteht eine gemeinsame Sprache des Anti-Establishments.

Das macht die Lage gefährlich. Denn politische Nähe entsteht nicht nur durch identische Programme. Sie entsteht auch durch gemeinsame Gegner, gemeinsame Empörung und gemeinsame Abstimmungsmuster.

Ein Problem für das gesamte Parteiensystem

Die Debatte zeigt, wie instabil die deutschen Mehrheitsverhältnisse geworden sind. In mehreren ostdeutschen Ländern ist Regieren ohne neue Bündnisse kaum noch möglich. Gleichzeitig wächst der Druck, die AfD parlamentarisch entweder strikt auszuschließen oder in Sachfragen einzubeziehen.

Das BSW versucht nun, diesen Druck für sich zu nutzen. Es inszeniert sich als Partei, die angeblich ohne Tabus und ideologische Scheuklappen entscheidet. Doch der Preis ist hoch. Wer die Brandmauer aus Prinzip ablehnt, muss erklären, wo die Grenze zur Zusammenarbeit mit einer radikalisierten AfD noch verlaufen soll.

Genau diese Antwort bleibt oft unscharf. Keine Koalition, keine formelle Zusammenarbeit – aber Sachabstimmungen, variable Mehrheiten, offene Gesprächsangebote. Das klingt nach Abstand, schafft aber zugleich Nähe.

Eine gefährliche Verschiebung

Für die deutsche Politik ist das mehr als ein BSW-internes Manöver. Wenn eine Partei links der Mitte die AfD nicht mehr klar auf Distanz hält, verändert sich die gesamte Brandmauer-Debatte. Dann geht es nicht mehr nur um die Union und ihre Versuchungen in ostdeutschen Landtagen. Dann wird die AfD-Frage zur Belastungsprobe für alle Parteien, die mit Protestwählern konkurrieren.

Das BSW steht damit vor einer Richtungsentscheidung. Will es eine demokratische Alternative zur AfD sein – oder ein Türöffner für neue Mehrheiten, in denen die AfD Schritt für Schritt normaler wird?

Der aktuelle Vorstoß zeigt: Die Grenze wird nicht mit einem großen Koalitionsvertrag fallen. Sie wird in Sachfragen, Ausschüssen, Landtagen und scheinbar pragmatischen Abstimmungen verschoben. Genau deshalb ist die Debatte so gefährlich.

SK

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