Antiwestliche Vernichtungsrhetorik gehört seit Jahrzehnten zum politischen Repertoire der Islamischen Republik. Neu ist nicht, dass amerikanischen Präsidenten oder israelischen Regierungschefs in Teheran der Tod gewünscht wird. Neu ist die Form: Eine auflagenstarke iranische Zeitung zeigt westliche Spitzenpolitiker als konkrete Ziele einer Vergeltung – darunter auch Bundeskanzler Friedrich Merz.
Eine neue Stufe der Deutlichkeit
Der Satz »Tod Amerika« gehört seit der Islamischen Revolution zur politischen Ritualsprache des iranischen Regimes. Auch Drohungen gegen US-Präsidenten, israelische Regierungschefs und westliche Politiker sind nicht neu. Sie waren lange Teil jener propagandistischen Dauerbeschallung, mit der Teheran Feindbilder pflegt und innenpolitische Geschlossenheit herstellt.
Doch die aktuelle Darstellung der Zeitung »Hamshahri« geht weiter. Das Blatt aus Teheran veröffentlichte eine Grafik, auf der Donald Trump und Benjamin Netanjahu mit Fadenkreuzen auf der Stirn erscheinen. Daneben sind weitere westliche Spitzenpolitiker zu sehen, darunter Friedrich Merz, Emmanuel Macron, Keir Starmer und Giorgia Meloni. Sie werden in orangefarbener Häftlingskleidung dargestellt.
Das ist mehr als allgemeine Parolenrhetorik. Es ist eine Personalisierung der Drohung. Die Botschaft lautet nicht mehr nur: Amerika oder Israel sollen bestraft werden. Die Botschaft lautet: konkrete politische Akteure stehen symbolisch auf einer Vergeltungsliste.
Hamshahri ist kein Randmedium
Wichtig ist auch, woher die Darstellung kommt. »Hamshahri« ist keine anonyme Telegram-Gruppe und kein privater Extremistenkanal. Die Zeitung gehört zum Umfeld der Teheraner Stadtverwaltung und gilt als einflussreiches Medium im politischen Spektrum der iranischen Hardliner.
Das macht die Veröffentlichung politisch relevanter. Sie ist nicht automatisch eine offizielle Regierungserklärung. Aber sie liegt auch nicht außerhalb des Systems. In autoritären Staaten sind solche Veröffentlichungen oft Teil eines kalkulierten Kommunikationsraums: radikal genug, um Drohungen auszusenden; indirekt genug, um diplomatische Verantwortung abzustufen.
Gerade deshalb sollte man die Grafik nicht als isolierte Geschmacklosigkeit abtun. Sie passt in eine Phase, in der das Regime nach außen Rache ankündigt und nach innen Handlungsfähigkeit demonstrieren muss.
Rache als Staatsnarrativ
Der Hintergrund ist die erneute Eskalation im Krieg zwischen Iran, den USA und Israel. Seit dem Tod des früheren Obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei Ende Februar inszeniert Teheran Vergeltung als nationale und religiöse Pflicht. Am Samstag wurde erneut eine Botschaft verlesen, die seinem Sohn und Nachfolger Modschtaba Chamenei zugeschrieben wird. Darin wird Rache als Forderung des iranischen Volkes beschrieben.
In diesem Kontext ist die »Hamshahri«-Grafik kein Zufall. Sie übersetzt das Rachenarrativ in ein visuelles Feindbild. Trump und Netanjahu stehen dabei im Zentrum, weil sie aus iranischer Sicht die militärische Eskalation verkörpern. Dass auch europäische Regierungschefs auftauchen, zeigt aber eine zusätzliche Verschiebung.
Der Iran adressiert nicht mehr nur Washington und Jerusalem. Er markiert auch europäische Führungspersonen als Teil des gegnerischen Blocks.
Warum Merz auf der Liste steht
Dass Friedrich Merz in der Darstellung erscheint, ist politisch bemerkenswert. Deutschland war für Iran lange ein wichtiger europäischer Bezugspunkt: wirtschaftlich, diplomatisch und historisch mit einem anderen Gewicht als die USA oder Israel. Doch diese Rolle hat sich verändert.
Merz gehört seit Monaten zu den scharfen Kritikern des iranischen Regimes. Die Bundesregierung bezeichnete das Mullah-Regime zuletzt als Terrorregime und stellte sich in zentralen Punkten an die Seite der USA und Israels. Berlin betonte zugleich die Risiken der Eskalation, aber die politische Linie ist klar: Das iranische Regime wird nicht mehr als schwieriger Gesprächspartner behandelt, sondern als Bedrohung.
Für Teherans Hardliner reicht das offenbar, um Merz in dieselbe symbolische Feindreihe zu stellen wie Trump, Netanjahu und andere westliche Spitzenpolitiker.
Das ist keine unmittelbare militärische Drohung gegen Deutschland. Aber es ist ein deutliches politisches Signal: Berlin wird von Teilen des iranischen Machtapparats nicht mehr als moderierender Europäer gelesen, sondern als Gegner.
Propaganda mit Wirkung nach innen und außen
Solche Bilder haben mehrere Adressaten. Nach innen sollen sie Stärke zeigen. Ein Regime, das militärisch unter Druck steht, muss seinen Anhängern beweisen, dass es nicht nur erleidet, sondern antwortet. Rachebilder schaffen emotionale Mobilisierung. Sie verwandeln militärische Verluste in ein Versprechen künftiger Vergeltung.
Nach außen senden sie Einschüchterung. Westliche Regierungen sollen wissen, dass iranische Akteure Namen, Gesichter und Verantwortlichkeiten markieren. Das heißt nicht, dass aus jeder Drohung eine konkrete Operation folgt. Aber es erhöht das Bedrohungsniveau im politischen Raum.
Gerade bei Iran muss man solche Symbolik ernst nehmen, ohne sie automatisch mit einem unmittelbar bevorstehenden Anschlag gleichzusetzen. Das Regime arbeitet seit Jahrzehnten mit Stellvertretern, asymmetrischen Drohungen, Einschüchterung, religiöser Legitimationssprache und strategischer Unschärfe. Die Wirkung entsteht auch daraus, dass nie ganz klar ist, wo Propaganda endet und operative Absicht beginnt.
Die alte Formel reicht nicht mehr
Deshalb greift die Einordnung »Das machen die doch immer« zu kurz. Ja, antiamerikanische und antiisraelische Todesrhetorik ist im Iran alt. Ja, sie gehört zur politischen Folklore des Regimes. Aber politische Folklore kann in Eskalationsphasen eine andere Qualität bekommen.
Wenn eine große iranische Zeitung westliche Regierungschefs in Häftlingskleidung zeigt und Trump sowie Netanjahu mit Fadenkreuzen versieht, ist das keine leere Hintergrundparole mehr. Es ist eine ikonografische Zuspitzung.
Der Unterschied liegt in der Deutlichkeit. Der Feind ist nicht mehr abstrakt. Er hat Gesichter, Namen und eine Bildsprache, die auf Bestrafung, Demütigung und Tod verweist.
Genau das macht die Veröffentlichung so gefährlich.
Europa rückt sichtbar ins Visier
Für Europa ist besonders relevant, dass die Grafik nicht bei Trump und Netanjahu stehen bleibt. Macron, Starmer, Meloni und Merz erscheinen ebenfalls. Damit verschiebt Teheran die Konfliktlinie rhetorisch auf den gesamten westlichen Regierungsblock.
Das passt zur aktuellen Lage. Die europäischen Staaten versuchen einerseits, Eskalation zu begrenzen, diplomatische Kanäle offenzuhalten und die Straße von Hormus zu stabilisieren. Andererseits unterstützen sie zentrale Ziele der USA und Israels gegenüber dem iranischen Atom- und Raketenprogramm und verurteilen iranische Angriffe.
Für Teherans Hardliner ist diese Differenzierung offenbar nicht mehr entscheidend. Wer nicht gegen Washington und Jerusalem steht, wird als Teil der Gegenseite markiert.
Das ist gefährlich, weil es den diplomatischen Spielraum verengt. Wenn Europa nicht mehr als möglicher Vermittler, sondern als Feindbild erscheint, wird Deeskalation schwieriger.
Ein Bild als Eskalationssignal
Die Veröffentlichung ist nicht der wichtigste militärische Vorgang der vergangenen Tage. Die Angriffe rund um die Straße von Hormus, die US-Schläge gegen iranische Ziele und die Risiken für Energie- und Schifffahrtsrouten sind unmittelbar folgenreicher.
Aber die Grafik zeigt, in welchem mentalen Klima diese Eskalation stattfindet. Sie zeigt die Bereitschaft, politische Führungspersonen öffentlich zu entmenschlichen, zu kriminalisieren und symbolisch als Ziele zu markieren.
Solche Bilder normalisieren Gewaltfantasien. Sie erzeugen Feindlisten. Sie machen Vergeltung sichtbar und emotional anschlussfähig. Genau deshalb sind sie mehr als Propaganda.
In Krisen ist Sprache nie nur Sprache. Bilder sind nie nur Bilder. Sie bereiten Deutungen vor, die spätere Handlungen plausibler erscheinen lassen können.
Der eigentliche Punkt
Niemand musste darauf warten, dass im Iran freundliche Worte über US-Präsidenten fallen. Der Hass auf Amerika und Israel gehört zur DNA des Regimes. Doch die neue Darstellung zeigt eine gefährliche Verdichtung: persönlicher, visueller, internationaler.
Dass auch Friedrich Merz auf dieser Liste auftaucht, ist für Deutschland ein Warnsignal. Nicht, weil morgen automatisch ein direkter Angriff droht. Sondern weil Teherans Hardliner Deutschland zunehmend in die westliche Feindarchitektur einbauen.
Der Schritt ist deshalb weniger eine Überraschung als eine Verschärfung. Die Drohung war immer da. Jetzt bekommt sie Gesichter.
SK