Kampfflugzeug vom Typ Eurofighter Typhoon
Das deutsch-französische Kampfjetprojekt FCAS ist am Streit zwischen Airbus und Dassault gescheitert. Doch für Deutschland könnte sich nun eine neue Option öffnen: Die GCAP-Allianz aus Großbritannien, Italien und Japan zeigt sich offen für eine deutsche Beteiligung. Damit würde aus dem Rüstungsdebakel womöglich nicht nur ein Rückschlag, sondern auch eine Chance für eine neue europäisch-internationale Verteidigungsachse.
Nach dem Aus für das deutsch-französische Kampfjetprojekt FCAS zeichnet sich für Deutschland eine neue Möglichkeit ab. Die bestehende Kampfjet-Allianz GCAP, getragen von Großbritannien, Italien und Japan, zeigt sich offen für eine Beteiligung Deutschlands. Leonardo-Chef Lorenzo Mariani sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Deutschland wäre ein »starker und wertvoller Partner« für das Programm.
Das ist noch keine politische Entscheidung und kein offizieller Beitritt. Mariani betonte ausdrücklich, dass die Aufnahme neuer Partner nicht in seiner Hand liege. Dennoch ist das Signal bemerkenswert. Denn es kommt unmittelbar nach dem Scheitern des deutsch-französisch-spanischen FCAS-Projekts, das lange als europäisches Prestigevorhaben für den Kampfjet der nächsten Generation galt.
FCAS sollte ursprünglich ab 2040 die deutschen Eurofighter und die französischen Rafale-Jets ersetzen. Doch der Streit zwischen Dassault und Airbus über Führungsrolle, Arbeitsanteile, Technologiezugang und industrielle Verantwortung ließ sich nicht lösen. Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kamen schließlich zu der Einschätzung, dass die beteiligten Unternehmen bei der Entwicklung eines gemeinsamen Kampfflugzeugs nicht zusammenfinden.
Aus dem Rückschlag könnte eine neue Achse werden
Das Global Combat Air Programme, kurz GCAP, verfolgt ein ähnliches Ziel wie FCAS: Es soll ein Kampfflugzeug der nächsten Generation entstehen, das bemannte und unbemannte Systeme, Sensoren, Datenvernetzung und moderne Waffensysteme miteinander verbindet. Der neue Jet soll nach bisheriger Planung um 2035 einsatzbereit sein.
Getragen wird das Projekt bislang von Großbritannien, Italien und Japan. Zu den industriellen Partnern gehören unter anderem BAE Systems, Leonardo und die japanische Luftfahrtindustrie rund um Mitsubishi Heavy Industries. Für Deutschland wäre eine Beteiligung strategisch interessant, weil sie den Anschluss an ein bereits laufendes Programm ermöglichen könnte.
Genau darin liegt der politische Reiz. Nach dem FCAS-Aus muss Berlin entscheiden, wie die Bundeswehr langfristig mit Kampfflugzeugen der nächsten Generation ausgestattet werden soll. Ein nationaler Alleingang wäre teuer, technologisch schwierig und politisch kaum vermittelbar. Eine Beteiligung an GCAP könnte dagegen eine neue internationale Arbeitsteilung ermöglichen.
Mehr als ein Kampfjet
Die Debatte geht allerdings über den eigentlichen Jet hinaus. Moderne Luftkampfsysteme bestehen nicht mehr nur aus einem Flugzeug. Entscheidend sind Sensoren, Drohnen, Datenverarbeitung, Künstliche Intelligenz, elektronische Kampfführung und eine vernetzte sogenannte Combat Cloud. Genau deshalb war FCAS ursprünglich als umfassendes System der Systeme geplant.
Auch nach dem Ende des gemeinsamen Kampfflugzeugs könnten einzelne FCAS-Bestandteile weiterentwickelt werden. Das betrifft vor allem Vernetzung, Drohnenbegleitung und digitale Kampfführung. Für Deutschland stellt sich nun die Frage, ob diese Komponenten in anderer Form mit einem neuen Partnerrahmen verbunden werden können.
Eine GCAP-Beteiligung wäre deshalb nicht einfach ein Wechsel von einem Jet-Projekt zum anderen. Sie könnte die gesamte deutsche Luftverteidigungsstrategie verändern. Berlin würde sich stärker an Großbritannien, Italien und Japan orientieren – und damit weg von der bisherigen deutsch-französischen Schwerpunktachse.
Frankreich verliert nicht nur ein Projekt
Für Europa ist das heikel. Das Scheitern von FCAS ist nicht nur eine technische oder industrielle Niederlage, sondern auch ein politisches Signal. Frankreich und Deutschland wollten mit dem Projekt zeigen, dass Europa große Rüstungsvorhaben eigenständig stemmen kann. Nun zeigt sich erneut, wie schwer europäische Verteidigungskooperation wird, wenn nationale Industrieinteressen, Führungsansprüche und militärische Anforderungen auseinanderlaufen.
Frankreich wollte bei FCAS eine starke Rolle für Dassault sichern. Deutschland wollte Airbus nicht auf eine Juniorrolle reduzieren lassen. Spanien war ebenfalls beteiligt, konnte den Grundkonflikt aber nicht auflösen. Am Ende scheiterte das Projekt weniger an fehlendem Geld als an fehlender Einigung.
Genau deshalb wirkt GCAP nun attraktiver. Das Programm ist bereits strukturierter aufgestellt, hat mit Großbritannien, Italien und Japan 3 starke Partner und soll früher verfügbar sein als FCAS. Italien hat für GCAP bereits einen Finanzierungsrahmen von knapp neun Milliarden Euro beschlossen, auch wenn die Gesamtkosten am Ende deutlich höher liegen dürften.
Deutschland steht vor einer Grundsatzentscheidung
Für Merz und die Bundesregierung ist die Lage nun unbequem, aber nicht aussichtslos. Deutschland braucht eine Antwort auf die Frage, wie es nach dem Ende des gemeinsamen FCAS-Kampfjets weitergeht. Die Bundeswehr kann sich keine jahrelange Orientierungslosigkeit leisten, zumal Russland als Bedrohung in Europa bleibt und die NATO auf deutlich höhere Verteidigungsfähigkeit drängt.
Ein Einstieg in GCAP wäre politisch nicht ohne Risiko. Er könnte das Verhältnis zu Frankreich belasten und die ohnehin schwierige deutsch-französische Rüstungskooperation weiter schwächen. Gleichzeitig könnte er Berlin einen realistischeren Weg eröffnen, technologisch am Luftkampfsystem der nächsten Generation beteiligt zu bleiben.
Noch ist nichts entschieden. Aber das Angebotssignal aus der GCAP-Allianz verändert die Lage. Das FCAS-Aus muss nicht automatisch bedeuten, dass Deutschland beim nächsten Kampfjet den Anschluss verliert. Es könnte auch der Beginn einer neuen Verteidigungsachse sein – weniger romantisch europäisch, aber möglicherweise pragmatischer.
SK