Oktober 2023: Mit einem Bulldozer wird der Grenzzaun zwischen dem Gazastreifen und Israel durchbrochen. Der Hamas-Überfall markiert den Beginn des folgenden Krieges.
Die Hamas soll Israel mit einem weiteren Angriff wie dem Massaker vom 7. Oktober 2023 gedroht haben. Die israelische Behörde COGAT bestätigt die Übermittlung einer entsprechenden Warnung durch einen UN-Gesandten. Ob die Terrororganisation eine solche Attacke tatsächlich noch durchführen könnte, ist fraglich. Die Nachricht trifft auf eine fragile Waffenruhe und erschwert die Perspektiven für eine politische und wirtschaftliche Stabilisierung der Region.
Eine Warnung erreicht Israels Sicherheitsführung
Die islamistische Terrororganisation Hamas soll Israel mit einem erneuten Großangriff im Ausmaß des 7. Oktober 2023 gedroht haben. Wie das israelische Nachrichtenportal Ynet berichtet, wurde die Warnung über den UN-Nahostgesandten Ramiz Alakbarov an die israelische Behörde COGAT übermittelt.
Nach Darstellung des Portals hatte Alakbarov in der vergangenen Woche mit führenden Hamas-Mitgliedern im Gazastreifen gesprochen. Bei einem Treffen mit dem israelischen COGAT-Chef Yoram Halevy am Mittwoch, dem 21. Oktober, habe er deren Botschaft weitergegeben.
Die Drohung soll sich nicht ausschließlich auf Israel beziehen. Nach Angaben von Ynet hätten die Hamas-Vertreter auch Angriffe im Westjordanland und im Ausland in Aussicht gestellt.
COGAT bestätigte gegenüber Medien den Bericht über die Übermittlung der Warnung. Israels politische und sicherheitspolitische Führung sei umgehend informiert worden.
Eine unabhängige Überprüfung der angeblichen Hamas-Äußerungen liegt bislang nicht vor. Auch lässt sich aus der berichteten Drohung nicht ableiten, ob bereits konkrete Anschlagsvorbereitungen stattfinden.
Die Waffenruhe hat den Konflikt nicht gelöst
Seit Oktober 2025 gilt im Gazastreifen eine Waffenruhe, die den großflächigen Krieg nach zwei Jahren beendete. Zu einer dauerhaften politischen Stabilisierung hat sie bislang jedoch nicht geführt.
Israel kontrolliert weiterhin erhebliche Teile des Gazastreifens. Militärische Operationen, Luftangriffe und gezielte Einsätze gegen mutmaßliche Mitglieder bewaffneter Organisationen dauern an.
Auch die vorgesehene Entwaffnung der Hamas wurde nicht umgesetzt. Die Organisation verfügt weiterhin über bewaffnete Kräfte und ist zugleich einem erheblichen politischen und militärischen Druck ausgesetzt.
Nach Informationen von Ynet steht die mutmaßliche Drohung im Zusammenhang mit der fortdauernden israelischen Militärpräsenz und der Verschiebung der sogenannten Gelben Linie, die israelische Militärpositionen innerhalb des Gazastreifens markiert.
Als weiterer Konfliktpunkt wird die Absage der ursprünglich für November vorgesehenen palästinensischen Wahlen genannt.
Nach Darstellung des israelischen Portals hätten Hamas-Vertreter erkennen lassen, dass sie diese Entwicklung nicht länger akzeptieren wollten.
Die Vereinten Nationen hatten bereits am 16. Oktober vor der Gefahr eines erneuten Krieges gewarnt. Alakbarov bezeichnete die Lage im Gazastreifen vor dem Sicherheitsrat als äußerst fragil und forderte weitere Schritte zu einer dauerhaften politischen Lösung.
Wie gefährlich ist die Drohung tatsächlich?
Beim Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 töteten die Hamas und weitere bewaffnete Gruppen rund 1.200 Menschen in Israel und verschleppten 251 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen.
Der Angriff war durch umfangreiche Vorbereitung, Koordination und den Einsatz zahlreicher bewaffneter Kämpfer möglich geworden.
Nach drei Jahren Krieg ist die militärische Ausgangslage der Hamas erheblich verändert. Teile ihrer Infrastruktur wurden zerstört, zahlreiche Führungskräfte und erfahrene Kämpfer getötet.
Ob die Organisation weiterhin über die notwendigen Mittel für einen vergleichbaren Großangriff verfügt, lässt sich aus öffentlich zugänglichen Informationen nicht verlässlich bestimmen.
Israelische Sicherheitskreise gehen nach Medienberichten davon aus, dass die Hamas zwar neue Mitglieder rekrutieren kann, diese aber häufig über weniger Erfahrung und Ausbildung verfügen.
Auch deshalb muss zwischen der Fähigkeit zu einzelnen Terroranschlägen und der Durchführung einer militärisch koordinierten Großoperation unterschieden werden.
Die fehlende Bestätigung konkreter Angriffsvorbereitungen bedeutet allerdings nicht, dass die Warnung bedeutungslos wäre. Schon die Aussicht auf neue Gewalt kann Sicherheitsmaßnahmen verschärfen, politische Verhandlungen erschweren und das gegenseitige Misstrauen erhöhen.
Der Wiederaufbau steht auf dem Spiel
Die politische Unsicherheit trifft auf eine nahezu vollständig zerstörte Wirtschaftsstruktur im Gazastreifen.
Nach einem Bericht der UN-Organisation für Handel und Entwicklung UNCTAD vom September 2026 werden für den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Erholung des Gazastreifens rund 71,5 Milliarden Dollar benötigt.
Die Schäden an Gebäuden und Infrastruktur werden auf etwa 35,2 Milliarden Dollar geschätzt. Hinzu kommen wirtschaftliche und soziale Verluste von rund 22,7 Milliarden Dollar.
Besonders betroffen sind Wohnungen, Gesundheitsversorgung, Bildungsgebäude, Landwirtschaft und Gewerbebetriebe. Rund 92 Prozent der wirtschaftlichen Einrichtungen im Gazastreifen wurden nach UNCTAD-Angaben beschädigt oder zerstört.
Der Wiederaufbau erfordert deshalb weit mehr als internationale Finanzzusagen. Baustoffe, Maschinen, Energieversorgung und Fachkräfte müssen in großem Umfang verfügbar sein. Gleichzeitig benötigen Investoren, Hilfsorganisationen und ausführende Unternehmen einigermaßen verlässliche Sicherheitsbedingungen.
Ein erneuter großflächiger Krieg würde diese Voraussetzungen weiter verschlechtern.
Bereits jetzt kommen die geplanten Wiederaufbaumaßnahmen nur langsam voran. Die Vereinten Nationen verweisen unter anderem auf eingeschränkten Zugang, unzureichende Finanzierung und die weiterhin ungelösten politischen Zuständigkeiten.
Wann der Konflikt die Weltwirtschaft trifft
Die wirtschaftlichen Folgen einer erneuten Eskalation wären nicht zwangsläufig auf Israel und die palästinensischen Gebiete beschränkt.
Der Nahe Osten ist für die internationale Energieversorgung und den Welthandel von erheblicher Bedeutung. Durch die Straße von Hormus wurden 2025 nach Angaben der Internationalen Energieagentur täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte transportiert.
Auch Flüssiggaslieferungen aus der Golfregion hängen von sicheren Transportwegen ab. Militärische Auseinandersetzungen, die über Israel und den Gazastreifen hinausgreifen, können deshalb erhebliche Auswirkungen auf Energiepreise, Transportkosten und internationale Lieferketten haben.
Allerdings ist zwischen einer erneuten Eskalation in Gaza und einem umfassenderen regionalen Konflikt zu unterscheiden. Die jetzt bekannt gewordene Drohung bedeutet nicht automatisch, dass Öltransporte gefährdet wären oder internationale Energiepreise steigen müssten.
Eine entsprechende Marktreaktion lässt sich aus der Meldung allein nicht ableiten.
Wirtschaftliche Risiken bestehen dennoch bereits vor einer möglichen militärischen Ausweitung. Jede Verschlechterung der Sicherheitslage erschwert die Wiederaufnahme wirtschaftlicher Tätigkeiten, internationale Investitionen und die Finanzierung des Wiederaufbaus.
Eine Drohung in einer politisch entscheidenden Phase
Die neue Warnung verdeutlicht, wie weit die Konfliktparteien trotz bestehender Waffenruhe von einer dauerhaften Verständigung entfernt sind.
Die Hamas ist militärisch geschwächt, aber nicht entwaffnet. Israel sieht seine Sicherheitsinteressen weiterhin durch bewaffnete Gruppen bedroht. Zugleich fehlt den Menschen im Gazastreifen eine tragfähige Perspektive für den Wiederaufbau ihrer Lebensgrundlagen.
Ob die berichtete Drohung Ausdruck konkreter Anschlagsplanungen oder vor allem ein Versuch politischer Einflussnahme ist, bleibt offen.
Für den weiteren Verlauf wird entscheidend sein, ob die Vermittlungsbemühungen der Vereinten Nationen und anderer internationaler Akteure die bestehende Waffenruhe stabilisieren können.
Ohne verlässliche Sicherheitsbedingungen bleiben auch die Milliardenprogramme für den wirtschaftlichen Wiederaufbau weitgehend von politischen und militärischen Entscheidungen abhängig.