Im Hürtgenwald brannte einer der größten Waldbrände, die Nordrhein-Westfalen je erlebt hat. Im Hohen Venn vernichtete das Feuer rund 3.000 Hektar Natur und rückte zeitweise bedrohlich nahe an die deutsche Grenze. Bundeskanzler Friedrich Merz befindet sich derweil in der Sommerpause. Die Bundesregierung versichert, er sei jederzeit erreichbar und im Dienst; Merz selbst dankte den Einsatzkräften öffentlich. Einen Besuch im Brandgebiet gab es bislang nicht. In sozialen Netzwerken wird daraus bereits der spöttische »Lifestyle-Kanzler«. Doch wie viel Anwesenheit schuldet ein Regierungschef einer Katastrophe eigentlich? Ein Blick auf Kohl, Schröder und Merkel zeigt: Eine richtige Entfernung zum Unglücksort hat noch kein Kanzler gefunden.
Merz ist im Urlaub – aber nicht außer Dienst
Schon Anfang August wurde die Sommerpause des Kanzlers Thema in der Bundespressekonferenz. Regierungssprecher Steffen Hille erklärte, ein Bundeskanzler sei auch während einiger Tage Erholung »immer im Dienst«, jederzeit erreichbar und verfügbar. Wo Merz sich aufhalte und wann genau seine Auszeit ende, wollte das Kanzleramt nicht mitteilen.
Als wenige Tage später im Hürtgenwald rund 300 Hektar Wald brannten und die Landesregierung von dem vermutlich größten Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens sprach, meldete sich Merz über X. Er werde laufend unterrichtet, dankte den Helfern und verwies darauf, dass Bundeswehr und Bundespolizei unterstützten. NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen und später Ministerpräsident Hendrik Wüst besuchten dagegen selbst das Einsatzgebiet.
Das ist verfassungsrechtlich keineswegs ungewöhnlich. Katastrophenschutz und Gefahrenabwehr liegen in Deutschland in erster Linie bei Ländern und Kommunen; der Bund unterstützt etwa durch Bundeswehr, Bundespolizei und weitere Einrichtungen. Auch bei Hitze- und Klimaanpassung verweist die Bundesregierung ausdrücklich auf diese föderale Aufgabenverteilung.
Ein Kanzler löscht also keinen Waldbrand, nur weil er davorsteht.
Politisch geht es um etwas anderes. Um das Bild, dass er dort steht.
Das Spottwort hat eine besondere Vorgeschichte
Dass ausgerechnet »Lifestyle« nun gegen Merz gewendet wird, besitzt eine gewisse politische Ironie.
Die CDU hatte Anfang des Jahres heftig über die sogenannte »Lifestyle-Teilzeit« diskutiert. Merz selbst griff beim Politischen Aschermittwoch den Begriff zwar nicht wortgleich auf, sagte aber: »Lifestyle und Vier-Tage-Woche. Alles schön, kann man alles machen« – und forderte anschließend mehr Leistungsbereitschaft.
Wenn ein Kanzler mit dieser Vorgeschichte während einer Reihe von Krisen einige Tage Urlaub macht, liefert das natürlich Material für sozialen Spott.
Kurioserweise ist aber selbst die Bezeichnung »Lifestylekanzler« älter als Friedrich Merz.
Bereits 1999 kündigte ein Lifestyle-Magazin Gerhard Schröder genau so auf seinem Titel an. Der damalige Kanzler kultivierte ein für deutsche Regierungschefs ungewöhnlich öffentliches Privatleben; Urlaubsbilder in Italien, Freizeitkleidung und seine Nähe zur Prominentenwelt gehörten durchaus zu seinem medialen Erscheinungsbild.
Nur drei Jahre später bekam Schröder ein völlig anderes Image.
Schröder und die Geburt des Gummistiefel-Kanzlers
August 2002. Wenige Wochen vor der Bundestagswahl überschwemmen Elbe und ihre Nebenflüsse große Teile Sachsens.
Schröder reist nach Grimma. Grüne Regenjacke. Schwarze Gummistiefel. Schlamm.
Die Bilder werden zu einem der bekanntesten politischen Momente seiner Kanzlerschaft. Schröder spricht mit Betroffenen, verspricht schnelle Hilfe. Die Bundesregierung beschließt zunächst ein Sofortprogramm und später einen milliardenschweren Wiederaufbaufonds.
Politisch war die Wirkung enorm. Vor der Flut hatte die Union in Umfragen geführt, wenige Wochen später gewann Rot-Grün die Bundestagswahl äußerst knapp. Ob das Hochwasser die Wahl tatsächlich entschied, lässt sich nicht beweisen. Dass Schröders Auftritt sein Image als handlungsfähiger Krisenmanager stärkte, gehört jedoch zur politischen Erinnerung an 2002. Selbst der Bundestag beschreibt die Gummistiefel-Bilder als prägend für diesen Wahlkampf.
Das Verrückte daran: Schröder konnte den Wasserstand keinen Millimeter senken. Aber er konnte zeigen, dass er ihn gesehen hatte.
Kohl kam vom Wolfgangsee
Auch Helmut Kohl wusste um diese Symbolik.
Seine Sommerurlaube am österreichischen Wolfgangsee waren über Jahre geradezu ein Ritual. Als 1997 die Oderflut Brandenburg bedrohte, verließ der Kanzler jedoch sein Ferienhaus zunächst per Schnellboot und anschließend per Hubschrauber in Richtung Oderbruch. Er besuchte das Katastrophengebiet sogar zweimal.
Kohl erklärte die Unterstützung der Betroffenen zur nationalen Aufgabe. Tausende Menschen waren evakuiert worden. Bundeswehr, Bundesgrenzschutz, THW und Feuerwehren standen im Einsatz. Für Kohl war seine Anwesenheit ausdrücklich ein Zeichen dafür, dass die Menschen im Osten mit der Katastrophe nicht allein gelassen würden.
Auch hier war der Kanzler vor Ort nicht der operative Katastrophenleiter. Seine Funktion war symbolisch.
Merkel fand einen anderen Stil
Angela Merkel ging mit solchen Bildern zurückhaltender um.
Beim Hochwasser 2013 besuchte sie unter anderem Pirna und andere betroffene Gebiete. Statt Schröders inzwischen ikonischer Gummistiefel trug sie feste Wanderschuhe, ließ sich von Verantwortlichen die Lage erläutern und kündigte zunächst 100 Millionen Euro Soforthilfe des Bundes an.
Noch deutlicher wurde ihr Verständnis der Rolle nach der Ahrtal-Katastrophe 2021.
Merkel reiste wenige Tage nach der Flut nach Rheinland-Pfalz, sprach mit Betroffenen und Helfern und versprach Unterstützung von Bund und Ländern. Rund sechs Wochen später kam sie erneut ins Ahrtal und versicherte den Menschen, der Wiederaufbau werde auch über ihre eigene Amtszeit hinaus unterstützt.
Doch auch Merkels Besuch wurde nicht von allen Menschen vor Ort begeistert aufgenommen. Manche waren mit Aufräumen beschäftigt, andere empfanden die große politische und mediale Entourage als zusätzliche Belastung.
Damit kommen wir zur anderen Hälfte des Problems.
Kommt der Kanzler, heißt es schnell: Katastrophentourismus
Denn die politische Erwartung ist widersprüchlich.
Ein Regierungschef, der während einer schweren Katastrophe nicht erscheint, kann als distanziert oder teilnahmslos wahrgenommen werden.
Erscheint er, folgen Kameras, Sicherheitskräfte, Dienstwagen und Presse. Rettungswege müssen gegebenenfalls gesichert, Einsatzkräfte gebunden und Gespräche organisiert werden.
Und sofort steht der Verdacht im Raum, Leid werde zur politischen Kulisse.
Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel beschrieb dieses Dilemma nach der Ahrtalflut 2021 ziemlich treffend. Von Kanzlerin und Bundespräsident werde Präsenz aufgrund ihrer Ämter geradezu erwartet. Bei Politikern ohne unmittelbare Exekutivverantwortung könne derselbe Auftritt dagegen schnell wie billiger Wahlkampf wirken. Entscheidend sei am Ende weniger das Bild als die tatsächliche Hilfe.
Gerade Schröders Erfolg von 2002 hat das Misstrauen gegenüber politischen Gummistiefelbildern vermutlich noch verstärkt. Schon beim Hochwasser 2013 wurde darüber diskutiert, ob Politiker die Katastrophe wieder für den Wahlkampf nutzen könnten.
Politische Präsenz besitzt deshalb eine merkwürdige Eigenschaft: Sie wird erwartet und gleichzeitig misstrauisch beobachtet.
Der Kanzlerbesuch ist längst selbst Teil der Katastrophenkommunikation
Vielleicht erklärt das auch, warum heute schon die Frage »Wo ist der Kanzler?« Nachrichtenwert besitzt.
Anfang August beschäftigte sich nicht nur die Bundespressekonferenz mit Merz' Urlaub. Medien diskutierten ausdrücklich, ob seine Abwesenheit angesichts innenpolitischer Konflikte und der Krisenlage zu einem Kommunikationsproblem werden könne. Gleichzeitig weist die Bundesregierung darauf hin, dass der Kanzler auch während seiner Auszeit Amtsgeschäfte erledigt.
Dass Urlaub nicht automatisch Unerreichbarkeit bedeutet, hat Merz selbst schon erlebt. Während seiner Sommerpause 2025 unterbrach er seinen Urlaub nach eigener späterer Darstellung dreimal und arbeitete daneben über Telefonate und Videokonferenzen weiter.
Damit wird die entscheidende Frage schwieriger als der Internetspott vermuten lässt. Muss ein Bundeskanzler physisch im Hürtgenwald stehen, damit der Bund funktioniert?
Nein.
Kann es politisch trotzdem einen Unterschied machen, ob er dort steht?
Die Geschichte seiner Vorgänger spricht dafür.
Die Macht der richtigen – und falschen – Sekunde
Wie empfindlich diese Bilder sind, zeigte schließlich die Ahrtalflut 2021 noch auf eine ganz andere Weise.
Der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet war vor Ort – erfüllte also genau jene Forderung nach sichtbarer Präsenz. Dann wurde er während einer Ansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lachend im Hintergrund fotografiert.
Innerhalb weniger Stunden wurde nicht seine Anwesenheit, sondern dieser eine Augenblick zur politischen Geschichte. Das zeigt, wie wenig Katastrophenkommunikation kontrollierbar ist.
Nicht zu erscheinen, produziert ein Bild.
Zu erscheinen ebenfalls.
Und manchmal entscheidet eine einzige Sekunde darüber, welches davon hängen bleibt.
Stefanie S. Klief