Friedrich Merz und Jensen Huang am 19. Oktober beim Investitionsgipfel in Berlin
Bis zu 4,1 Billionen Euro könnten nach einer neuen Unternehmensstudie bis 2035 für Deutschlands wirtschaftlichen Umbau benötigt werden. Der Invest in Germany Summit in Berlin soll internationale Kapitalgeber für diese Möglichkeiten gewinnen. Doch die gigantische Summe ist weder eine neue Investitionszusage noch ein zusätzlicher staatlicher Finanzierungsplan. Entscheidend wird sein, wie Banken, institutionelle Investoren und Unternehmen das Kapital bereitstellen – und welche Risiken sie dafür übernehmen.
Eine Billionensumme mit Erklärungsbedarf
Am Dienstag treffen sich beim Invest in Germany Summit in Berlin internationale Investoren mit Vertretern der Bundesregierung. Bereits am Vortag lieferte die Unternehmensinitiative »Made for Germany« eine neue Größenordnung für die Debatte.
In ihrem Standortbericht »Reinventing Growth« beziffert sie das Investitions- und Finanzierungspotenzial Deutschlands bis 2035 auf rund 2,9 bis 4,1 Billionen Euro.
Die Berechnungen wurden von der Deutschen Bank und der Unternehmensberatung McKinsey erstellt. Beteiligt an der Initiative sind inzwischen 147 Unternehmen und Investoren.
Der Bericht berücksichtigt fünf strategische Wachstumsfelder und verbindet deren erwarteten Kapitalbedarf mit möglichen Finanzierungsformen.
Damit handelt es sich um eine Schätzung künftiger Investitionserfordernisse, nicht um eine Aufstellung bereits zugesagter Mittel.
Die obere Grenze von 4,1 Billionen Euro beschreibt folglich weder zusätzlich verfügbares Geld noch einen Betrag, der auf dem Berliner Gipfel neu eingesammelt werden soll.
Auch öffentliche Finanzierung und bereits laufende Investitionsprogramme können in solchen langfristigen Kapitalbedarfsrechnungen enthalten sein.
Für Anleger und Finanzierungsunternehmen ist die Studie dennoch interessant, weil sie zeigt, in welchen Bereichen sich über die kommenden Jahre große Kapitalmärkte entwickeln könnten.
Fünf Bereiche mit besonders hohem Finanzierungsbedarf
Den größten Investitions- und Finanzierungsbedarf sieht die Untersuchung bei den Energiesystemen und der grundlegenden Infrastruktur.
Für den Ausbau und Umbau der Energieversorgung werden bis 2035 zwischen 800 Milliarden und einer Billion Euro veranschlagt.
Bei der Kerninfrastruktur, zu der Verkehrswege, Kommunikationsnetze und weitere grundlegende Einrichtungen zählen, liegt die Bandbreite zwischen 700 Milliarden und einer Billion Euro.
Weitere 500 bis 800 Milliarden Euro entfallen auf die industrielle Transformation und neue Technologien.
Für Sicherheit und Verteidigung werden 500 bis 700 Milliarden Euro angesetzt. Der Bereich industrielle Künstliche Intelligenz steht mit 400 bis 600 Milliarden Euro in der Rechnung. Die Addition dieser fünf Bereiche führt zur Gesamtspanne von 2,9 bis 4,1 Billionen Euro.
Die Angaben sind als langfristige Schätzungen zu verstehen. Welche Vorhaben innerhalb dieses Rahmens tatsächlich verwirklicht werden, hängt von politischen Entscheidungen, Technologien, Nachfrage und Finanzierungsmöglichkeiten ab.
Vor allem darf eine solche Bedarfsrechnung nicht mit einem gesicherten Renditeversprechen verwechselt werden.
Warum Kapital nicht automatisch in Projekte fließt
Aus Sicht internationaler Investoren reicht es nicht, dass eine Infrastruktur wirtschaftlich oder gesellschaftlich notwendig ist.
Das einzelne Projekt muss über nachvollziehbare Einnahmequellen verfügen. Seine Kosten müssen kalkulierbar sein und die Risiken in einem vertretbaren Verhältnis zur erwarteten Rendite stehen. Ein Stromnetz unterscheidet sich dabei grundlegend von einer Beteiligung an einem jungen Technologieunternehmen.
Bei einem regulierten Netz können langfristige Nutzungsentgelte relativ verlässliche Einnahmen ermöglichen. Dafür sind die regulatorischen Vorgaben entscheidend.
Ein junges Robotikunternehmen bietet dagegen möglicherweise erhebliche Wachstumschancen, aber auch das Risiko, dass sich die entwickelte Technologie wirtschaftlich nicht durchsetzt. Entsprechend unterschiedlich sind die Kapitalgeber.
Infrastrukturfonds, Versicherungen und Pensionsinvestoren interessieren sich häufig für langfristige Einnahmen. Venture-Capital-Gesellschaften investieren dagegen Eigenkapital in Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial und entsprechend größeren Risiken.
Bei etablierten Industrieunternehmen kommen zusätzlich Bankkredite, Anleihen, Leasingverträge und strategische Beteiligungen infrage.
Die neue Studie beschreibt deshalb nicht einen einzelnen Investitionsmarkt, sondern zahlreiche Märkte mit unterschiedlichen Kapitalanforderungen.
Brookfield kündigt neue Milliardeninvestitionen an
Wie groß das Interesse langfristig orientierter Investoren sein kann, zeigt eine Ankündigung des Vermögensverwalters Brookfield. Das Unternehmen will in den kommenden fünf Jahren mehrere zehn Milliarden Euro in Deutschland investieren. Schwerpunkte sollen Energie, digitale Infrastruktur und Industrieunternehmen bilden.
Brookfield verwaltet weltweit Vermögenswerte von mehr als einer Billion US-Dollar und ist bereits umfangreich in Deutschland engagiert. Nach eigenen Angaben belaufen sich die bestehenden deutschen Investitionen auf rund 30 Milliarden Euro.
Das Unternehmen sieht insbesondere im steigenden Energiebedarf, der Digitalisierung und dem Ausbau industrieller Infrastruktur neue Geschäftsmöglichkeiten. Die Ankündigung beschreibt allerdings einen mehrjährigen Investitionsplan. Eine vollständige Liste vertraglich gesicherter Einzelprojekte wurde nicht veröffentlicht.
Damit lässt sich derzeit nicht feststellen, welche Summen unmittelbar neu investiert werden und welcher Anteil erst in den folgenden Jahren vorgesehen ist.
Auch eine Addition der Brookfield-Pläne mit sämtlichen angekündigten Investitionssummen anderer Initiativen wäre ohne Prüfung möglicher Überschneidungen nicht sinnvoll.
850 Milliarden Euro sind nicht gleich neues Kapital
Die Unternehmensinitiative »Made for Germany« nennt mittlerweile mehr als 850 Milliarden Euro an geplanten Investitionen ihrer Mitglieder für den Zeitraum von 2025 bis 2028. Davon sollen nach Angaben der Initiative im Jahr 2025 bereits mehr als 200 Milliarden Euro investiert worden sein.
Diese Summe gehört zum angekündigten Gesamtvolumen und darf deshalb nicht noch einmal zusätzlich hinzugerechnet werden. Ebenso ist nicht bekannt, welcher Anteil der übrigen Vorhaben gegenüber bestehenden Unternehmensplanungen tatsächlich neu hinzukommt.
Für die Beurteilung wirtschaftlicher Auswirkungen ist diese Unterscheidung wesentlich. Eine ohnehin geplante Modernisierung einer bestehenden Fabrik ist eine reale Investition. Sie stellt aber nicht automatisch einen zusätzlichen Impuls dar, der erst durch die politische Investoreninitiative entstanden ist.
Die langfristige Kapitalbedarfsrechnung von bis zu 4,1 Billionen Euro und die Investitionspläne von 850 Milliarden Euro beschreiben daher unterschiedliche Sachverhalte.
Erstere beziffert mögliche Finanzierungsbedürfnisse bis 2035. Letztere bündelt nach Unternehmensangaben konkrete Investitionsplanungen innerhalb eines deutlich kürzeren Zeitraums.
Der Deutschlandfonds soll privates Kapital mobilisieren
Die Bundesregierung versucht bereits, zusätzliche Investitionen mit öffentlichen Finanzierungsmitteln und staatlichen Garantien anzuregen.
Dafür wurde Ende 2025 gemeinsam mit der KfW der Deutschlandfonds gestartet. Der Bund stellt nach Angaben des Bundesfinanzministeriums rund 30 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln und Garantien bereit. Damit sollen insgesamt etwa 130 Milliarden Euro an Investitionen ausgelöst werden. Das Modell setzt darauf, bestimmte Risiken zu begrenzen und dadurch private Investoren zur Beteiligung zu bewegen.
Staatliche Garantien können beispielsweise Kreditgeber gegen bestimmte Ausfallrisiken absichern. Beteiligungen können zusätzliche Eigenkapitalfinanzierungen ermöglichen und damit weitere Fremdfinanzierung erleichtern.
Für den Staat bedeutet die Konstruktion jedoch nicht, dass öffentliche Risikoübernahmen kostenlos wären. Wird eine Garantie tatsächlich in Anspruch genommen, können entsprechende Belastungen entstehen.
Umgekehrt können erfolgreiche Projekte wirtschaftliche Erträge schaffen und zusätzliche private Mittel mobilisieren, die ohne eine solche Absicherung möglicherweise nicht bereitgestellt worden wären.
Die angestrebten 130 Milliarden Euro sind deshalb ein Mobilisierungsziel und kein bereits vollständig realisiertes Investitionsvolumen.
Bankkredite zeigen erste Erholung – bleiben aber teuer
Auch der klassische Kreditmarkt spielt bei der Finanzierung des wirtschaftlichen Umbaus eine wichtige Rolle. Nach dem aktuellen KfW-Kreditmarktausblick stieg das Neugeschäft deutscher Banken mit Unternehmen im zweiten Quartal 2026 um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Das war der stärkste Zuwachs seit Ende 2022. Allerdings führt die KfW die Entwicklung nicht ausschließlich auf zusätzliche produktive Investitionen zurück. Eine Rolle spielten auch ein höherer Liquiditätsbedarf infolge gestiegener Energiekosten und mögliche Vorzieheffekte angesichts steigender Zinsen.
Für die zweite Jahreshälfte erwartet die Förderbank eine Abschwächung des Kreditwachstums. Hohe Unsicherheit, restriktive Kreditbedingungen und steigende Finanzierungskosten erschweren weiterhin neue Projekte.
Besonders deutlich wird dies beim Mittelstand. In einer KfW-Erhebung berichteten zuletzt vier von zehn kreditinteressierten kleinen und mittleren Unternehmen von Problemen bei der Kreditaufnahme.
Die Finanzierungslage großer internationaler Infrastrukturgesellschaften lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf kleinere Unternehmen übertragen.
Ein Standort kann für globale Kapitalgeber attraktiv sein und zugleich erhebliche Finanzierungshürden für mittelständische Betriebe aufweisen.
Bei Start-ups fließt bereits deutlich mehr Geld
Wesentlich dynamischer entwickelt sich inzwischen ein Teil des deutschen Beteiligungsmarktes.
Nach dem KfW-Venture-Capital-Dashboard erreichte das Investitionsvolumen in deutsche Start-ups im dritten Quartal 2026 rund 4,5 Milliarden Euro.
Seit Jahresbeginn summierten sich die erfassten Investitionen damit auf etwa 9,5 Milliarden Euro.
Das übertrifft bereits das Volumen jedes einzelnen der drei Vorjahre von 2023 bis 2025, die jeweils auf gut sieben Milliarden Euro kamen.
Allerdings können große Finanzierungsrunden die Entwicklung stark beeinflussen. Ein hohes Investitionsvolumen bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass sich die Finanzierungssituation sämtlicher Start-ups im gleichen Umfang verbessert hat.
Zudem ist Venture Capital ein anderer Markt als die Finanzierung von Stromnetzen, Industriebetrieben oder kommunalen Infrastrukturanlagen.
Die Zahlen machen dennoch sichtbar, dass Deutschland nicht in sämtlichen Bereichen unter einem allgemeinen Kapitalmangel leidet.
Die Herausforderung liegt vielmehr darin, für verschiedene Arten von Investitionen passende Finanzierungswege bereitzustellen.
Die eigentliche Frage ist die Verteilung der Risiken
Je mehr privates Kapital für öffentliche oder strategische Infrastruktur mobilisiert werden soll, desto wichtiger wird die Frage, wer wirtschaftliche Risiken trägt. Ein institutioneller Investor stellt Kapital nicht allein deshalb bereit, weil eine Regierung ein Vorhaben für notwendig erklärt.
Er erwartet einen angemessenen wirtschaftlichen Ertrag und benötigt verlässliche Vertragsbedingungen. Bei Stromnetzen können diese beispielsweise durch regulierte Entgelte entstehen. Bei erneuerbaren Energien spielen langfristige Stromlieferverträge eine Rolle. Bei Industrieprojekten kommt es auf Absatzmärkte, Produktionskosten und technologische Risiken an.
Staatliche Bürgschaften oder Förderinstrumente können helfen, solche Projekte finanzierbar zu machen. Sie müssen jedoch so ausgestaltet sein, dass Risiken nicht unangemessen auf die öffentliche Hand verlagert werden, während mögliche Gewinne ausschließlich privaten Kapitalgebern zufallen.
Für Politik und Investoren besteht die Aufgabe deshalb nicht darin, möglichst große Finanzierungssummen anzukündigen, sondern wirtschaftlich tragfähige Vereinbarungen zu schaffen.
Auch bei den geplanten Investitionen in künstliche Intelligenz ist das entscheidend. Rechenzentren benötigen enorme Mengen an Strom und Netzanschlusskapazitäten. Eine hohe Nachfrage nach Rechenleistung garantiert noch nicht, dass jeder geplante Standort rentabel betrieben werden kann. Die gleiche wirtschaftliche Prüfung gilt für Verteidigungsanlagen, neue Energietechnologien und industrielle Transformationsprojekte.
Welche Milliarden am Ende wirklich zählen
Der Berliner Investitionsgipfel macht sichtbar, wie groß das internationale Interesse an Deutschlands wirtschaftlicher Modernisierung ist. Die neue Studie liefert eine Größenordnung für den langfristigen Kapitalbedarf. Brookfields Investitionspläne zeigen, dass internationale Unternehmen bereit sind, erhebliche Beträge einzusetzen.
Die Finanzierung bleibt allerdings eine Frage konkreter Projekte, nicht allein politischer Zielvorstellungen.
Für Anleger sind deshalb nicht die größten angekündigten Summen entscheidend, sondern die Qualität der zugrunde liegenden Investitionen:
Für Deutschland kommt eine weitere Frage hinzu: Wie viel des bereitgestellten Kapitals fließt tatsächlich in neue Produktionskapazitäten, leistungsfähigere Infrastruktur und zusätzliche wirtschaftliche Wertschöpfung?
Der Finanzierungsbedarf von bis zu 4,1 Billionen Euro wird durch die Veröffentlichung einer Studie noch nicht gedeckt.
Er zeigt vor allem, wie viel Arbeit zwischen wirtschaftlichem Potenzial und tatsächlich finanziertem Wachstum liegt.