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Amazon wagt den großen Drohnen-Test

Bis zu 1.000 Flüge pro Standort und Tag: Prime Air soll vom Pilotprojekt zum Logistiksystem werden

9 Min.

20.08.2026

Amazon Prime Air 2026

Vor dreizehn Jahren präsentierte Jeff Bezos die Paketdrohne noch als Zukunftsvision. Nun will Amazon sein Lieferprogramm Prime Air innerhalb weniger Monate massiv ausweiten. Bis Ende 2026 sollen Kunden in fast 500 Städten und Gemeinden der USA per Drohne beliefert werden können. Damit beginnt für den Konzern eine neue Phase: Nicht mehr die Frage, ob ein Paket autonom durch die Luft transportiert werden kann, steht im Mittelpunkt. Amazon muss nun beweisen, dass sich daraus ein zuverlässiges und wirtschaftlich skalierbares Logistiksystem bauen lässt.

Von elf Standorten zu fast 500 Orten

Prime Air operiert derzeit von elf Standorten in den USA. Noch in diesem Jahr soll das Netz deutlich wachsen und unter anderem Regionen um Chicago, Atlanta, Cleveland, Syracuse und Boise erreichen. Amazon spricht davon, bis Jahresende Gemeinden mit insgesamt rund 30 Millionen Einwohnern bedienen zu können.

Dabei bedeutet die Zahl von fast 500 Städten und Gemeinden nicht, dass Amazon ebenso viele eigene Drohnenzentren errichtet. Ein einzelner Standort kann zahlreiche Kommunen innerhalb seines Flugradius abdecken.

Zum Einsatz kommt die aktuelle Drohne MK30. Sie kann autonom außerhalb der direkten Sichtweite eines Piloten fliegen und besitzt einen Betriebsradius von 7,5 Meilen. Bei der Zustellung landet sie nicht beim Kunden, sondern schwebt über dem vorgesehenen Ablageort und lässt das Paket aus geringer Höhe fallen. Geliefert werden leichte Waren mit einem Gewicht von höchstens fünf Pfund. Die Zustellung soll in der Regel innerhalb einer Stunde, perspektivisch teilweise innerhalb von 30 Minuten erfolgen.

Amazon hat Prime Air zugleich stärker in sein bestehendes Logistiknetz integriert. Drohnen starten nicht mehr ausschließlich von separaten Spezialstandorten, sondern können an Same-Day-Fulfillment-Center angebunden werden. Dort werden ohnehin Waren gelagert, kommissioniert und für die schnelle Auslieferung vorbereitet.

Das ist für die Wirtschaftlichkeit entscheidend: Ein paralleles Logistiksystem nur für Drohnen wäre erheblich schwerer zu skalieren als eine zusätzliche Lieferform innerhalb bereits vorhandener Infrastruktur.

 

Der Start von Amazon Prime Air 2013 

Die eigentliche Wette gilt der letzten Meile

Für Amazon geht es dabei um einen besonders kostspieligen Teil des Onlinehandels.

Je näher ein Paket dem einzelnen Kunden kommt, desto kleinteiliger wird die Logistik. Ein Lastwagen kann Tausende Waren zwischen zwei Verteilzentren transportieren. Auf der letzten Strecke muss dagegen für einzelne Sendungen von Adresse zu Adresse gefahren werden.

Genau dort setzt die Drohne an.

Für kleine, dringend gewünschte Produkte könnte ein autonomer Flug effizienter sein als ein Lieferwagen, der wegen eines einzelnen Artikels eine zusätzliche Strecke fahren muss. Medikamente, Elektronikzubehör oder kurzfristig benötigte Haushaltsprodukte gehören deshalb zu den naheliegenden Anwendungsfällen. Noch ist allerdings nicht erwiesen, dass diese Rechnung in großem Maßstab aufgeht.

Amazon verlangt für eine Drohnenzustellung derzeit teilweise eine Gebühr von 4,99 Dollar. Prime-Mitglieder können Bestellungen ab einem bestimmten Warenwert kostenlos per Drohne erhalten. Das zeigt bereits: Prime Air ist bislang vor allem ein Geschwindigkeitsangebot – nicht nachweislich die günstigere Form der Paketzustellung.

Drohnen benötigen zwar keinen Fahrer im klassischen Sinn. Dafür entstehen Kosten für Fluggeräte, Batterien, Wartung, Start- und Landeinfrastruktur, Überwachung, Software, Sicherheitsverfahren und regulatorische Zulassungen.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Eine Drohne transportiert typischerweise ein einzelnes leichtes Paket. Ein Lieferwagen kann auf einer Tour sehr viele Sendungen zustellen. Ob der Flug wirtschaftlich überlegen ist, hängt deshalb stark von Entfernung, Auslastung, Personalaufwand und Geschwindigkeit ab.

Amazon plant bereits mit industriellen Dimensionen

Wie groß der geplante Maßstab werden könnte, zeigen Unterlagen der US-Luftfahrtbehörde FAA.

Für mehrere neue Prime-Air-Zentren beantragt Amazon Betriebsmodelle mit bis zu 1.000 MK30-Flügen pro Tag und Standort. Rechnerisch wären damit maximal rund 365.000 Flugbewegungen pro Jahr und Zentrum möglich. Dabei handelt es sich ausdrücklich um genehmigte beziehungsweise beantragte Obergrenzen und nicht um erwartete tatsächliche Liefermengen. Die reale Nutzung hängt unter anderem von Nachfrage und Wetter ab.

Für Amazon selbst liegt das langfristige Ziel noch höher. Konzernchef Andy Jassy schrieb im Frühjahr, Prime Air solle bis zum Ende des Jahrzehnts insgesamt eine halbe Milliarde Pakete ausliefern können. Daran lässt sich die Größenordnung der Wette ablesen.

Noch ist Prime Air gemessen an Amazons gesamtem Paketvolumen ein kleines Geschäft. Der Konzern spricht für dieses Jahr bislang von Hunderttausenden Drohnenlieferungen. Eine halbe Milliarde Sendungen würde aus einem technologischen Zusatzangebot einen relevanten Bestandteil der Zustelllogistik machen.

Walmart ist bei den realen Lieferungen bereits weiter

Amazon steht bei diesem Rennen allerdings nicht allein. Walmart meldete Ende Mai bereits seine millionste Drohnenlieferung. Der Handelskonzern arbeitet dabei unter anderem mit den spezialisierten Anbietern Wing und Zipline zusammen und nutzt einen Vorteil, den Amazon in dieser Form nicht besitzt: Tausende Walmart-Filialen liegen bereits in unmittelbarer Nähe großer Wohngebiete und können als Startpunkte dienen.

Allein im ersten Quartal seines Geschäftsjahres 2027 entfielen nach Angaben von Walmart rund 40 Prozent der bis dahin insgesamt eine Million ausgeführten Drohnenlieferungen auf diesen kurzen Zeitraum. Die durchschnittliche Lieferzeit lag bei 23 Minuten.

Der Wettbewerb zeigt zugleich zwei unterschiedliche Strategien.

Walmart greift für einen wesentlichen Teil der Technik auf externe Drohnenspezialisten zurück. Amazon entwickelt mit Prime Air Fluggeräte, Software und Betriebssystem weitgehend selbst und integriert sie in das eigene Fulfillment-Netz.

Sollte Drohnenlieferung tatsächlich zu einem Massenmarkt werden, entscheidet daher nicht nur die beste Drohne. Entscheidend wird sein, welches Modell sich günstiger und schneller über Tausende Standorte vervielfältigen lässt.

Die Luftfahrtbehörde wird Teil der Logistikkette

Technisch reicht es dabei nicht, dass eine Drohne autonom fliegen kann.

Damit Lieferdienste wirtschaftlich sinnvoll operieren können, müssen die Geräte außerhalb der Sichtweite eines einzelnen Piloten eingesetzt werden. Diese sogenannten BVLOS-Flüge gehören zu den entscheidenden Voraussetzungen für einen großflächigen kommerziellen Betrieb.

Die FAA behandelt Paketzustellungen mit Drohnen deshalb als Teil des Luftverkehrssystems. Betreiber benötigen entsprechende Genehmigungen und müssen Anforderungen an Fluggeräte, Betrieb und Sicherheit erfüllen. Perspektivisch soll ein eigenes Verkehrsmanagement dafür sorgen, dass zahlreiche unbemannte Fluggeräte gleichzeitig im niedrigen Luftraum operieren können.

Amazons MK30 verfügt dafür über ein automatisches Detect-and-Avoid-System, das andere Flugobjekte und Hindernisse erkennen und ihnen ausweichen soll.

Wie ernst das Unternehmen die Frage nimmt, zeigte sich im März: Prime Air zog sich aus dem Branchenverband Commercial Drone Alliance zurück, weil Amazon dessen Position zu Sicherheitsanforderungen für nicht vereinbar mit den eigenen Standards hielt. Der Konzern erklärte damals, sein Kollisionsvermeidungssystem habe bei mehr als 70.000 Flügen bereits in zwei Fällen mögliche Zusammenstöße mit anderen Luftfahrzeugen verhindert.

Nicht jeder will Lieferverkehr über dem Garten

Mit der technischen Skalierung wächst allerdings ein zweites Problem: die gesellschaftliche Akzeptanz. Solange nur wenige Testdrohnen unterwegs sind, bleiben Lärm, Flugrouten und Kameras ein Randthema. Tausende tägliche Flüge verändern die Situation.

In mehreren US-Kommunen gab es bereits Einwände wegen Lärm, Sicherheit und Datenschutz. Amazon betont, dass die Kameras seiner Drohnen der Navigation dienen. Dennoch müssen neben den bundesweiten luftfahrtrechtlichen Genehmigungen häufig auch lokale Verfahren durchlaufen werden.

Die FAA bewertet bei geplanten Standorten zudem mögliche Umwelt- und Lärmauswirkungen. Für Chicago legte Amazon beispielsweise Betriebszeiten zwischen sechs Uhr morgens und 22.30 Uhr sowie bis zu 1.000 Flüge täglich pro Zentrum zugrunde. Damit verändert sich auch die politische Dimension der Technologie.

Die Frage lautet nicht mehr nur, ob Drohnen sicher fliegen können. Es geht zunehmend darum, wie viel automatisierten Lieferverkehr Bewohner über ihren Wohngebieten akzeptieren.

Europa zeigt, dass Technik allein nicht reicht

Dass ein technisch funktionierendes System nicht automatisch kommerziell startet, hat Amazon bereits erfahren.

2023 hatte der Konzern angekündigt, Prime Air auch nach Italien und Großbritannien zu bringen. In Italien wurden Ende 2024 erste Flugtests absolviert. Ende 2025 stoppte Amazon das Vorhaben jedoch nach einer strategischen Überprüfung und verwies darauf, dass das breitere regulatorische Geschäftsumfeld nicht zu den langfristigen Zielen des Programms passe.

In Großbritannien gelang der Schritt dagegen: Seit Februar 2026 werden in Darlington erstmals außerhalb der USA kommerzielle Prime-Air-Lieferungen angeboten.

Auch darin steckt eine wesentliche Voraussetzung für den Massenmarkt. Drohnenlogistik lässt sich nicht wie eine neue App gleichzeitig weltweit ausrollen. Luftfahrtrecht, kommunale Genehmigungen, Infrastruktur und gesellschaftliche Akzeptanz unterscheiden sich von Land zu Land und teilweise von Stadt zu Stadt.

Jetzt beginnt der wirtschaftliche Test

Dass eine autonome Drohne ein Paket innerhalb einer halben Stunde in einen Vorgarten bringen kann, hat Amazon längst bewiesen. Die schwierigere Aufgabe beginnt jetzt.

Prime Air muss Tausende Flüge täglich zuverlässig organisieren, mit bestehenden Warenlagern verzahnen, Genehmigungen für immer neue Regionen erhalten und gleichzeitig gegenüber Lieferwagen oder anderen Schnelllieferdiensten wirtschaftlich bestehen.

Genau deshalb ist die angekündigte Expansion auf fast 500 US-Orte mehr als die nächste Ausbaustufe eines lange laufenden Technikprojekts.

Zum ersten Mal nähert sich Prime Air einer Größenordnung, in der sich zeigen kann, ob Lieferdrohnen tatsächlich einen Teil der letzten Meile übernehmen – oder trotz beeindruckender Technik ein Spezialangebot für besonders eilige, leichte Pakete bleiben.

Stefanie S. Klief

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