Herr Bäuerle, laut IWF wird die deutsche Wirtschaft 2026 stärker wachsen als angenommen. Inwiefern sind solche Prognosen eigentlich für die weitere wirtschaftliche Entwicklung relevant?
Das stimmt, der IWF hat seine Wachstumsprognose für Deutschland von 0,7 auf 1,3 Prozent angehoben. Das ist eine aktuelle Einschätzung, aber keine unmittelbare »Handlungsanweisung« für Aktienanleger. Wirtschaftsprognosen sind zwar interessant, aber für langfristige Anlageentscheidungen haben sie aus unserer Sicht nur einen begrenzten Nutzen. Dafür gibt es mehrere gute Gründe.
Wir versuchen deshalb nicht vorherzusagen, welche Volkswirtschaft im kommenden Jahr besonders gut abschneidet oder aus Konjunkturprognosen die künftige Börsenentwicklung abzuleiten. Wir verfolgen einen anderen Ansatz: Statt unsere Anlagestrategie von Wirtschaftsprognosen abhängig zu machen, investieren wir prognosefrei, breit diversifiziert und auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Oft beschäftigen sich Privatanleger im Vorfeld mit dem richtigen Einstiegszeitpunkt und dem passenden Asset. Können eine intensive Vorbereitung und eine starke Orientierung an der medialen Berichterstattung Anlage-Entscheidungen auch erschweren?
Die Finanzmärkte produzieren täglich eine enorme Menge an Nachrichten, Prognosen und Expertenmeinungen. Mehr Informationen führen aber nicht zwangsläufig zu besseren Entscheidungen, oft bewirken sie sogar das Gegenteil, denn viele Anleger, die sich mit den Finanzmärkten beschäftigen oder regelmäßig Nachrichten und Expertenmeinungen verfolgen, warten trotzdem jahrelang auf den vermeintlich »richtigen Einstiegszeitpunkt«. Das erleben wir in der Beratung regelmäßig.
Das Problem ist: Es gibt immer gute Gründe, gerade nicht zu investieren. Mal sind es die Zinsen, mal geopolitische Konflikte, mal die Sorge vor einer Rezession oder überbewerteten Aktien. Hinzu kommt, dass negative Nachrichten besonders viel Aufmerksamkeit erhalten. Krisen, politische Unsicherheiten oder vermeintlich überbewertete Märkte können dazu führen, dass Anleger immer wieder auf einen günstigeren Einstiegszeitpunkt warten.
Die Forschung zur Verhaltensökonomie zeigt, dass Menschen bei finanziellen Entscheidungen systematischen psychologischen Verzerrungen unterliegen. Dazu gehören beispielsweise Verlustaversion, Selbstüberschätzung und die Neigung, jüngste Ereignisse überzubewerten.
Aus unserer Sicht liegt die Lösung deshalb nicht darin, noch mehr Informationen zu sammeln, sondern zwischen relevanten Informationen und bloßem »Marktrauschen« zu unterscheiden. Wir raten unseren Kunden, sich weniger mit der Frage nach dem vermeintlich richtigen Zeitpunkt zum Investieren zu beschäftigen, sondern damit, welche Anlagestrategie zu ihren Zielen und ihrer persönlichen Situation passt.
Wer eine wissenschaftlich fundierte Anlagestrategie verfolgt, braucht nicht täglich neue Meinungen über die Börse. Er braucht einen klaren Plan, der zu seinen Zielen, seiner Risikotragfähigkeit und seinem Anlagehorizont passt.
Eine gute Strategie sollte nicht davon abhängen, dass man die nächste Börsenbewegung richtig vorhersagt. Und vor allem sollte man sie auch dann durchhalten können, wenn die Nachrichtenlage einmal schlecht ist.
»Wissenschaftlich investieren« ist zu einem regelrechten Schlagwort geworden; worum geht es dabei konkret und wie stehen Sie zu diesem Vorgehen?
Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren mit der Kapitalmarktforschung. Was mich dabei immer wieder erstaunt: In der Wissenschaft sind viele grundlegende Erkenntnisse seit Jahrzehnten bekannt. In der klassischen Anlageberatung spielen sie aber häufig nur eine untergeordnete Rolle.
Ich habe früher selbst aktiv gehandelt, mit Aktien, aber auch mit Optionsscheinen und CFDs. Irgendwann musste ich feststellen, dass der enorme Zeitaufwand und die eingegangenen Risiken in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis standen.
Wir wissen aus der Forschung, wie schwierig es ist, durch die Auswahl einzelner Aktien oder das richtige Timing dauerhaft besser abzuschneiden als der Markt. Trotzdem basiert ein großer Teil des Investmentgeschäfts immer noch genau auf diesen Versprechen.
»Wissenschaftlich investieren« bedeutet für uns als Family Office, Anlageentscheidungen auf nachvollziehbare Forschungsergebnisse zu stützen und nicht auf persönlichen Einschätzungen. Wir setzen nicht auf die Meinung eines einzelnen Experten, sondern auf das, was sich über Jahrzehnte in der Forschung und in der Praxis als belastbar erwiesen hat. Dazu gehören beispielsweise:
Natürlich gibt es auch in der Wissenschaft keine Garantie – auch nicht von künftigen Renditen. Auch wissenschaftliche Erkenntnisse entwickeln sich weiter und nicht jede historisch beobachtete Renditeprämie muss künftig bestehen bleiben. Aber es ist wesentlich vernünftiger, sich auf belastbare Erkenntnisse zu verlassen, als ständig neue Prognosen über die Zukunft aufzustellen. Um es in einem Satz zusammenzufassen: »Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Aber wir wissen, wie man sich darauf vorbereitet, ohne sie vorhersagen zu müssen.«
Gerade ETFs erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit. Was macht sie so attraktiv – und wo liegen aus Ihrer Sicht auch die Grenzen?
ETFs sind grundsätzlich eine gute Entwicklung. Sie ermöglichen Anlegern einen einfachen, transparenten und meist kostengünstigen Zugang zu ganzen Märkten. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber vielen traditionellen Anlageprodukten. ETF’s haben das Investieren in vielerlei Hinsicht demokratisiert.
Was mich allerdings stört, ist die suggerierte Vorstellung, dass man mit dem Kauf eines ETFs automatisch eine gute Anlagestrategie besitzt. Man muß zwischen dem Anlageinstrument und der Anlagestrategie unterscheiden.
Nehmen wir als Beispiel einen MSCI World ETF – er ist grundsätzlich für Anfänger eine vernünftige Geldanlage. Klassische ETFs bilden in der Regel die Marktrendite ab. Wer gezielt wissenschaftlich untersuchte Renditefaktoren berücksichtigen möchte, benötigt eine differenziertere Portfoliokonstruktion. Wir bevorzugen ein echtes Weltportfolio, das auf wissenschaftlicher Basis konstruiert wurde. Das bedeutet zum einen breitere Diversifikation, nicht nur große und mittelgroße Unternehmen aus Industrieländern, sondern auch kleinere Unternehmen. Wir berücksichtigen auch sogenannte Renditefaktoren, wie Value, Profitabilität oder Momentum bei der Umsetzung.
Ein Anleger kann mit ETFs ein hervorragend diversifiziertes Portfolio aufbauen. Er kann damit aber genauso gut auf einzelne Branchen, Länder oder kurzfristige Trends spekulieren. Das ist ganz klare Kehrseite. Untersuchungen zeigen, dass die Transaktionshäufigkeit bei ETF höher als bei klassischen Fonds ist.
Egal, wie gut der ETF ist, er ist noch keine Anlagestrategie, oder wenn man weiter denkt noch keine Entnahmestrategie für den Ruhestand. Die viel wichtigere Frage lautet doch: »Was soll mein Vermögen für mich und meine Familie leisten?« Auch ein vermeintlich breit gestreuter Weltaktien-ETF ist nicht automatisch optimal auf die persönliche Vermögenssituation abgestimmt.
Das ist ein wie beim Hausbau. Wenn man ein Haus baut, kann man sich natürlich zuerst intensiv mit der Frage beschäftigen, was die besten Fenster sind. Kunststoff, Holz oder Aluminium? Zweifach- oder dreifach verglast? Welcher U-Wert ist optimal? Welcher Hersteller bietet das beste Preis-Leistungs-Verhältnis?
Alles berechtigte Fragen. Und sicherlich gibt es hervorragende Fenster. Aber was nützt das beste Fenster, wenn man nicht weiß, wie das eigene Haus aussehen soll? Wie groß soll es werden? Wie viele Zimmer benötigt man? Wie möchten Sie darin leben? Wie viel können und wollen Sie investieren? Und wie soll das Haus in 20 oder 30 Jahren zu Ihrem Leben passen?
Niemand würde ernsthaft damit beginnen, Fenster zu bestellen, bevor es einen Bauplan gibt.
Und doch passiert bei der Geldanlage genau das jeden Tag.
Nicht der ETF macht die Geldanlage erfolgreich, sondern die Gesamtstrategie, die dahintersteht.
Wir sind deshalb ausdrücklich Befürworter kostengünstiger, breit diversifizierter Anlageinstrumente. Ein ETF oder ein hervorragend konstruiertes Portfolio ist ein Werkzeug. Das beste Werkzeug hilft mir allerdings wenig, wenn ich nicht weiß, was ich eigentlich bauen möchte. Die Finanzplanung ist der eigentliche Bauplan.
Als Family Office verwalten wir deshalb nicht einfach Wertpapierdepots. Wir entwickeln eine langfristige Vermögensstrategie, die Investieren, Steuern, Ruhestandsplanung und Vermögensnachfolge miteinander verbindet. Das unterscheidet uns auch von klassischen oder digitalen Vermögensverwaltern.
Was braucht es jetzt, um ein Portfolio zukunftsfähig aufzustellen und welche Voraussetzungen sollten Anleger mitbringen, um in Zukunft fundiertere Entscheidungen treffen zu können?
Ich würde zunächst eine andere Frage stellen: Was soll das Vermögen eigentlich leisten?
In der Praxis erleben wir häufig, dass Menschen mehrere Depots, Fonds und Versicherungen besitzen, aber keine klare Vorstellung davon haben, wie das alles zusammenpasst.
Gerade bei größeren Vermögen reicht es nicht, einzelne Investments zu optimieren. Es braucht zuerst eine klare Vermögensstrategie.
Erst danach stellt sich die Frage nach den passenden Anlageklassen und Investmentprodukten, denn auf Grundlage der Gesamtstrategie sollte ein Portfolio aufgebaut werden.
Aus unserer Sicht gehören zu einer robusten Anlagestrategie eine breite globale Diversifikation, eine wissenschaftlich fundierte Portfoliokonstruktion, niedrige Kosten, eine angemessene Risikostruktur und ein diszipliniertes Rebalancing. Es muss so konstruiert sein, dass es mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen umgehen kann. Die Zukunftsfähigkeit eines Portfolios zeigt sich nicht daran, ob es die nächste Krise vermeidet, sondern daran, ob der Anleger seine Strategie auch während einer Krise durchhalten kann. Was Anleger dafür mitbringen sollten, ist vor allem die Bereitschaft, langfristig zu denken und Unsicherheit auszuhalten. Denn auch eine wissenschaftlich fundierte Strategie wird zwischenzeitlich Verluste erleiden.
Unser Ziel ist nicht, jedes Jahr die beste Rendite zu erzielen. Wir wollen eine langfristige Vermögensstrategie entwickeln, mit der unsere Kunden ihre finanziellen Ziele möglichst zuverlässig erreichen können.
Gerade bei größeren Vermögen muss man außerdem über das reine Investmentportfolio hinausdenken. Steuerliche Rahmenbedingungen, Liquiditätsbedarf, die spätere Entnahmephase und die Vermögensnachfolge können für den langfristigen Vermögenserhalt mindestens ebenso wichtig sein wie die Auswahl einzelner Fonds.
(L)
Unser Gesprächspartner:
Tobias Bäuerle berät als Geschäftsführer, CFP® und EFA® beim Family Office Amatara vermögende Privatkunden und begleitet sie dabei, in Zeiten von Inflation und geopolitischen Herausforderungen individuelle Strategien zum Vermögensaufbau zu entwickeln.