Unternehmen

Seit 1502 in Familienhand: Warum Tradition kein Geschäftsmodell ist

Familienbesitz kann langfristiges Denken fördern – schützt aber nicht vor Stillstand

6 Min.

10.09.2026

Die Technik der Stahlschmiede hat sich grundlegend verändert. Deutschlands ältestes Familienunternehmen The Coatinc Company führt seine Geschichte auf eine Siegener Stahlschmiede von 1502 zurück.

Eine Stahlschmiede aus dem Jahr 1502, ein Goldschmied von 1530, ein Hamburger Handelshaus von 1590 und eine Darmstädter Apotheke von 1668: Aus diesen Anfängen entstanden Unternehmen, die heute Metalloberflächen veredeln, Industriekomponenten herstellen, Vermögen verwalten oder weltweit in Life Science, Healthcare und Elektronik tätig sind. Eine neue Rangliste der Stiftung Familienunternehmen zeigt die 50 ältesten deutschen Unternehmen im durchgehenden Familienbesitz. Ihre Geschichte ist vor allem eine Geschichte wirtschaftlicher Veränderung.

Mehr als 500 Jahre in einer Familie

An der Spitze steht The Coatinc Company aus dem Siegerland. Als Ausgangspunkt gilt das Jahr 1502, in dem Heylmann Dresseler erstmals als Meister der Stahlschmiedezunft urkundlich erwähnt wurde. Über Generationen blieb die Familie mit Stahl verbunden; mit der Industrialisierung wurden aus Stahlschmieden Stahlwerks- und Walzwerksbesitzer. Heute ist Coatinc auf Oberflächenveredelung spezialisiert.

Auf Rang zwei folgt die Prym Group. Ihre Wurzeln reichen bis 1530 zurück, als Wilhelm Prym in Aachen als Goldschmied arbeitete. Später konzentrierte sich das Unternehmen auf Messing. Als dieses Geschäft an Bedeutung verlor, verlagerte Prym den Schwerpunkt auf fertige Metallprodukte und Metallkurzwaren. 1903 entwickelte Hans Friedrich Prym den Druckknopf mit S-Feder weiter. Heute bedient die Gruppe unter anderem Textil-, Mode-, Automobil- und Elektronikmärkte.

Berenberg betreibt ebenfalls längst nicht mehr das Geschäft seiner Gründerzeit. Hans und Paul Berenberg gründeten 1590 in Hamburg ein Tuchhandels- und Importgeschäft. Weil Kaufleute ihre Warengeschäfte zunehmend selbst finanzierten, kamen Kredit-, Geld- und Versicherungsgeschäfte hinzu. Aus dem Handelshaus wurde eine Bank. Anfang 2026 verwaltete Berenberg nach eigenen Angaben 39 Milliarden Euro.

Merck wiederum begann 1668 mit der Engel-Apotheke in Darmstadt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich daraus ein forschungsbasiertes Industrieunternehmen. Heute arbeitet der Konzern in Life Science, Healthcare und Electronics. 2025 erzielte Merck 21,1 Milliarden Euro Umsatz. Die Gründerfamilie ist weiterhin Mehrheitseigentümerin des börsennotierten Unternehmens.

Ein Ranking mit engen Kriterien

Die Stiftung Familienunternehmen hat die Liste nach eigenen Angaben zum zweiten Mal erstellt. Aufgenommen wurden Firmen mit mindestens 50 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten oder Unternehmen, die Teil einer größeren Gruppe sind. Voraussetzung ist außerdem der kontinuierliche Besitz durch eine oder mehrere miteinander verbundene Familien. Apotheken, Gasthäuser, landwirtschaftliche Betriebe und Mühlen bleiben außen vor. Die Auswahl erfolgte aus mehr als 500 recherchierten Familienunternehmen auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen.

Die Rangliste ist damit kein vollständiges Verzeichnis historischer Betriebe in Deutschland. Sie beschreibt eine spezielle Gruppe: Unternehmen, die die Größenkriterien erfüllen, deren Eigentumskontinuität historisch belegbar ist und die bis heute bestehen.

Die gemeinnützige Stiftung Familienunternehmen wird nach eigenen Angaben von rund 600 mittleren und großen Familienunternehmen getragen und setzt sich für den Erhalt dieser Unternehmenslandschaft ein. Geschäftsführer Stefan Heidbreder beschreibt die gelisteten Firmen als Stabilitätsanker und Beleg wirtschaftlicher Resilienz. Diese Einschätzung stammt somit von einer Organisation, die Familienunternehmertum fördert und von Familienunternehmen finanziell getragen wird.

Familienbesitz ist kein automatischer Vorteil

Die wissenschaftliche Forschung zeichnet ein gemischtes Bild. Eine 2022 veröffentlichte Literaturübersicht wertete 48 begutachtete empirische Studien zur Innovationsfähigkeit von Familienunternehmen aus. Die Befunde reichen von geringeren Investitionen in Forschung und Entwicklung bis zu teilweise hohen Innovationserträgen. Langfristige Orientierung, firmenspezifisches Wissen und über Jahre gewachsene Beziehungen können Innovation fördern. Risikoscheu, emotionale Bindung an bestehende Geschäftsmodelle und Pfadabhängigkeit können sie dagegen bremsen.

Eine systematische Übersicht von 2025 untersuchte 57 Arbeiten zur Resilienz von Familienunternehmen. Langfristige Orientierung kann demnach in Krisen helfen, wenn sie mit Anpassungsfähigkeit verbunden wird. Wird sie zum Festhalten an einer einmal gewählten Strategie, kann dieselbe Eigenschaft schnelle Reaktionen erschweren.

Aus der neuen Rangliste lässt sich deshalb nicht ableiten, Familienbesitz mache Unternehmen grundsätzlich langlebiger. Sie zeigt nur diejenigen, die überlebt haben. Verschwundene Familienunternehmen fehlen zwangsläufig. Eigenschaften der Überlebenden nachträglich zu einem allgemeinen Erfolgsrezept zu erklären, wäre ein klassischer Survivorship Bias.

Wandel muss nicht den Bruch mit der Branche bedeuten

Wiegand-Glas, gegründet 1570 und auf Rang vier der Liste, arbeitet seit mehr als 450 Jahren mit Glas. Geändert haben sich Technik, Produkte und Unternehmensstruktur. Heute umfasst die Gruppe neben Glas auch PET, Logistik und Energie und beschäftigt mehr als 2.100 Menschen. 2020 nahm das Unternehmen eine eigene PET-Recyclinganlage in Betrieb.

Berenberg wechselte vom Warenhandel ins Bankgeschäft. Merck entwickelte sich von der Apotheke zum globalen Wissenschafts- und Technologiekonzern. Wiegand blieb dem Glas verbunden, erweiterte aber Technologien und Geschäftsfelder. Bei Prym blieb Metallverarbeitung lange ein Kern, während Produkte und Absatzmärkte wechselten.

Langlebigkeit verlangt also nicht zwangsläufig den radikalen Pivot. Sie verlangt die Fähigkeit, zwischen dem zu unterscheiden, was den Kern eines Unternehmens ausmacht, und dem, was lediglich historisch gewachsen ist.

Unternehmensalter ist nicht nur Managementleistung

Die aktuelle Liste konzentriert sich stark auf Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Für Ostdeutschland verweist die Stiftung auf Enteignungen während der sowjetischen Besatzungszeit und in der DDR, durch die Eigentumsketten vieler Familienunternehmen unterbrochen wurden. Ein jahrhundertealter Stammbaum ist deshalb nicht ausschließlich das Resultat guter Unternehmensführung. Er setzt auch politische und institutionelle Bedingungen voraus, unter denen Eigentum über Generationen fortgeführt werden kann.

Familienbesitz bedeutet zudem nicht, dass jede Generation auch die operative Führung übernehmen muss. Frühere ZEW-Auswertungen zeigten für Deutschland, dass ältere und größere Familienunternehmen häufiger auf angestellte Manager zurückgreifen. Eine 2025 veröffentlichte systematische Forschungsübersicht zur Nachfolge weist ebenfalls auf unterschiedliche Ergebnisse hin: Familieninterne Nachfolger sind stärker mit der Bewahrung nichtfinanzieller Familienziele verbunden, externe Nachfolger in den ausgewerteten Studien dagegen mit höherer finanzieller Performance nach der Übergabe.

Eigentum und Management müssen also nicht in denselben Händen liegen, damit ein Unternehmen Familienunternehmen bleibt.

Tradition ist kein Geschäftsmodell

Die 50 ältesten Familienunternehmen verbinden zwei scheinbar gegensätzliche Entwicklungen: Das Eigentum blieb vergleichsweise stabil, während Produkte, Technologien, Märkte und Organisationsformen wechseln konnten.

Aus einer Schmiede wurde ein Beschichtungsspezialist. Aus einem Tuchhandel eine Privatbank. Aus einer Apotheke ein Weltkonzern für Wissenschaft und Technologie. Andere Unternehmen blieben ihrer Branche treu und veränderten Verfahren, Materialien oder Wertschöpfungsketten.

Fünf Jahrhunderte Unternehmensgeschichte liefern keine Formel, die sich kopieren ließe. Herkunft kann Identität stiften. Wer sie mit dem Geschäftsmodell verwechselt, macht aus Tradition Stillstand.

Stefanie S. Klief

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben