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Teuer, fehlerhaft – aber wirksam

Die Corona-Wirtschaftshilfen haben laut ZEW viele Unternehmen stabilisiert und nur begrenzt den Strukturwandel gebremst

6 Min.

10.07.2026

Die staatlichen Corona-Hilfen haben nach einer ZEW-Analyse rund 140.000 Unternehmen vor der Schließung bewahrt und etwa 280.000 Arbeitsplätze gesichert. Damit fällt die wirtschaftliche Bilanz deutlich positiver aus, als es viele nachträgliche Debatten vermuten lassen. Doch die Studie zeigt auch: Ganz ohne Fehlanreize ging die Rettung nicht.

Eine späte Bilanz der großen Rettung

Die Corona-Wirtschaftshilfen gehören zu den umstrittensten staatlichen Eingriffen der vergangenen Jahre. Für die einen waren sie notwendige Rettung in einer historischen Ausnahmesituation. Für andere waren sie teuer, schlecht kontrolliert und ein Einstieg in eine Subventionslogik, aus der der Staat nur schwer wieder herausfindet.

Eine neue ZEW-Stellungnahme rückt die Debatte nun zurecht. Danach haben die Wirtschaftshilfen des Bundes in den Jahren 2020 und 2021 rund 140.000 Unternehmen vor der Schließung bewahrt. Etwa 280.000 Arbeitsplätze wurden gesichert.

Das ist keine kleine Zahl. Sie zeigt: Der Staat hat in der Pandemie nicht nur Geld verteilt, sondern wirtschaftliche Substanz stabilisiert. Viele Unternehmen standen damals nicht wegen schlechter Geschäftsmodelle vor dem Aus, sondern weil Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Nachfrageeinbrüche ihnen kurzfristig die Umsätze entzogen.

Genau dafür waren die Hilfen gedacht: Liquidität sichern, Fixkosten auffangen, Insolvenzen vermeiden und verhindern, dass ein vorübergehender Schock dauerhafte Schäden hinterlässt.

Der Staat hat nicht alles falsch gemacht

Rückblickend ist die Versuchung groß, die Corona-Politik mit dem Wissen von heute zu bewerten. Genau davor warnt die ZEW-Stellungnahme. Die Entscheidungen wurden 2020 unter enormem Zeitdruck getroffen, in einer Krise, deren Dauer, Verlauf und wirtschaftliche Folgen kaum zuverlässig vorhersehbar waren.

Dass Programme angepasst, erweitert und korrigiert wurden, ist deshalb nicht automatisch ein Beweis für Versagen. Es zeigt auch Lernfähigkeit in einer Lage, für die es keine fertige Blaupause gab.

Deutschland hatte damals finanziellen Spielraum. Jahre solider Haushalte und extrem niedriger Zinsen machten es möglich, schnell und groß zu reagieren. Die Hilfen waren im europäischen Vergleich hoch, aber bezogen auf die Wirtschaftsleistung nicht an der Spitze und deutlich geringer als in den USA.

Für die Bewertung ist das wichtig: Die Corona-Hilfen waren groß, aber nicht grenzenlos. Und sie wurden im Zeitverlauf deutlich zurückgefahren.

140.000 gerettete Unternehmen

Der zentrale Befund bleibt dennoch die Wirkung. Laut ZEW konnten 2020 und 2021 netto rund 136.000 Unternehmen vor der Schließung bewahrt werden; gerundet wird von rund 140.000 Unternehmen gesprochen. Hinzu kommen rund 283.000 gesicherte Arbeitsplätze.

Damit wird sichtbar, was ohne Hilfen hätte passieren können. Eine breite Welle von Unternehmensschließungen hätte nicht nur einzelne Firmen getroffen, sondern Lieferketten, Innenstädte, Handwerksbetriebe, Dienstleister, Selbstständige und regionale Wirtschaftsstrukturen.

Gerade kleine und mittlere Unternehmen verfügen häufig nicht über große Reserven. Wenn Umsätze plötzlich wegbrechen, aber Mieten, Löhne, Versicherungen und andere Fixkosten weiterlaufen, wird Liquidität schnell zur Überlebensfrage.

Die Hilfen verhinderten, dass aus einer staatlich mitverursachten Geschäftsschließung massenhaft endgültige Firmenaufgaben wurden.

Der Zombie-Vorwurf stimmt nur begrenzt

Kritiker warnten schon während der Pandemie vor sogenannten Zombieunternehmen: Firmen, die eigentlich nicht mehr überlebensfähig sind, aber durch staatliche Hilfen künstlich im Markt gehalten werden. Die ZEW-Analyse findet dafür Hinweise – aber in begrenztem Ausmaß.

Demnach gab es eine »Insolvenzlücke« von knapp 9.000 Unternehmen. Dabei handelte es sich überwiegend um bereits vor der Pandemie schwache Kleinstunternehmen. Sie wurden offenbar zeitweise gestützt, obwohl ihr Geschäftsmodell schon vorher fragil war.

Das ist ein echter Fehlanreiz. Aber gemessen an den geretteten Unternehmen war der Effekt nach Einschätzung des ZEW quantitativ begrenzt und vor allem temporär. Die Hilfen haben also nicht massenhaft eine Zombieökonomie geschaffen.

Das ist politisch bedeutsam. Denn der Zombie-Vorwurf war lange ein starkes Argument gegen großzügige Krisenhilfen. Die neue Bilanz sagt: Ja, es gab Mitnahmeeffekte und Fehlsteuerungen. Aber sie waren kleiner als der Nutzen.

Kurzarbeit bleibt der schwierigere Fall

Differenzierter fällt die Bewertung beim Kurzarbeitergeld aus. Dieses Instrument hat in Deutschland traditionell eine starke Rolle in Krisen. Es verhindert Entlassungen, hält Beschäftigte im Betrieb und ermöglicht Unternehmen, nach einem Schock schneller wieder hochzufahren.

Doch genau darin liegt auch das Risiko. Kurzarbeit kann nicht nur sinnvolle Brücken bauen, sondern auch nicht mehr zukunftsfähige Strukturen konservieren. Das ZEW kritisiert, dass beim deutschen Kurzarbeitergeld Schutzmechanismen fehlten, die international üblich sind. Dazu zählen etwa im Zeitverlauf sinkende Lohnersatzraten oder wachsende Auflagen für Unternehmen, wenn sie das Instrument länger nutzen.

Anders gesagt: Kurzarbeit war als Kriseninstrument wertvoll, aber zu wenig auf Strukturwandel ausgerichtet. Sie sicherte Beschäftigung – aber nicht immer dort, wo Zukunft entsteht.

Die Gastronomie-Mehrwertsteuer als Warnsignal

Besonders kritisch bewertet das ZEW die befristete Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie. Sie war als Krisenmaßnahme gedacht, wurde aber mehrfach verlängert und ist schließlich zur dauerhaften steuerlichen Begünstigung geworden.

Genau darin sieht die Studie ein Lehrstück. Sektorale Steuervergünstigungen sind politisch schwer zurückzunehmen, wenn sie einmal eingeführt sind. Was als Hilfe in der Not beginnt, kann zur Dauersubvention werden.

Für künftige Krisen ist das eine wichtige Lehre. Direkte, zeitlich klare und überprüfbare Hilfen sind sauberer als branchenspezifische Steuererleichterungen, die später politisch kleben bleiben.

Junge Unternehmen fielen leichter durchs Raster

Ein weiterer Schwachpunkt betrifft junge und wachsende Unternehmen. Viele Hilfsprogramme orientierten sich an Umsätzen aus der Vergangenheit. Das ist administrativ verständlich, benachteiligt aber Unternehmen, die gerade erst gegründet wurden oder stark wachsen wollten.

Ein junges Unternehmen hat oft noch keine lange Umsatzhistorie. Es kann aber trotzdem ein tragfähiges Geschäftsmodell, Investoren, Mitarbeiter und Wachstumsperspektiven haben. Wenn Hilfen zu stark auf frühere Umsätze schauen, schützen sie eher Bestand als Zukunft.

Gerade für Start-ups und junge Firmen ist das eine zentrale Lehre. Krisenpolitik darf nicht nur bewahren, was schon da ist. Sie muss auch verhindern, dass junge Wachstumsunternehmen verschwinden, bevor sie überhaupt skalieren können.

Die eigentliche Lehre

Die ZEW-Bilanz ist deshalb weder Jubel noch Abrechnung. Sie ist nüchterner – und gerade deshalb wertvoll. Die Corona-Hilfen waren wirksam. Sie haben viele Unternehmen gerettet und Arbeitsplätze gesichert. Gleichzeitig gab es Fehlanreize, Mitnahmeeffekte, strukturkonservierende Elemente und politisch problematische Dauerfolgen.

Für künftige Krisen bedeutet das: Der Staat muss schnell handeln können, aber besser vorbereitet sein. Hilfen brauchen klare Auslöser, klare Befristungen, bessere Daten, bessere Evaluierbarkeit und weniger branchenspezifische Sonderwege.

Die entscheidende Erkenntnis lautet nicht: Der Staat sollte immer retten. Sie lautet: Wenn der Staat rettet, muss er zielgenau, befristet und lernfähig retten.

Die Corona-Hilfen waren teuer. Aber gemessen an der Zahl geretteter Betriebe waren sie offenbar nicht sinnlos teuer.

SK

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