Am Sonntag verteidigte AfD-Chefin Alice Weidel im ZDF-Sommerinterview die Position ihrer Partei zu einem deutschen Euro-Ausstieg und kündigte für den Fall einer AfD-Regierung notfalls auch einen Austritt aus dem Schengenraum an. Einen Tag später beziffert eine neue Prognos-Studie den wirtschaftlichen Wert der europäischen Verflechtung Deutschlands: Rund 7,2 Millionen Arbeitsplätze und 550 Milliarden Euro Wertschöpfung hängen demnach an der Nachfrage aus den übrigen EU-Staaten. Die Zahlen beweisen nicht, dass ein Euro-Ausstieg diese Arbeitsplätze gefährden würde. Sie zeigen jedoch, welche wirtschaftliche Größenordnung berührt wird, wenn Deutschland die Bedingungen seiner europäischen Integration grundlegend verändern will.
Mehr als jeder sechste Euro Wertschöpfung hängt an Europa
Die Dimension ist erheblich. Mehr als die Hälfte der deutschen Exporte geht in die übrigen 26 EU-Staaten. Nach Berechnungen von Prognos entstehen dadurch in Deutschland rund 550 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung pro Jahr. Das entspricht 16 Prozent der gesamten deutschen Wertschöpfung.
Rund 7,2 Millionen Arbeitsplätze werden der Studie zufolge durch diese Nachfrage gesichert. Besonders stark profitieren Automobilindustrie, Maschinenbau und Chemie – also ausgerechnet jene Branchen, die zugleich zu den wichtigsten industriellen Arbeitgebern Deutschlands gehören.
Dabei stammt die zugrunde liegende detaillierte Input-Output-Analyse aus dem Jahr 2022. Neuere vollständig vergleichbare Daten liegen noch nicht vor. Auch der Auftraggeber gehört zur Einordnung: Prognos erstellte die Untersuchung im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, also eines Arbeitgeberverbandes. Dessen politische Schlussfolgerung, den europäischen Binnenmarkt weiter zu vertiefen, entspricht naturgemäß den Interessen exportorientierter Unternehmen.
Die wirtschaftliche Verflechtung selbst lässt sich allerdings auch mit aktuellen amtlichen Zahlen erkennen. Im zweiten Quartal 2026 stiegen Deutschlands preisbereinigte Exporte gegenüber dem Vorjahresquartal um 3,7 Prozent, die Warenexporte sogar um 5,0 Prozent. Destatis hebt ausdrücklich hervor, dass insbesondere der Warenhandel mit der Europäischen Union zulegte.
USA schwächer, Europa stärker
Diese Entwicklung kommt für Deutschland zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt. Der jahrzehntelang wichtige chinesische Absatzmarkt verliert für viele deutsche Industriekonzerne an Zugkraft. Gleichzeitig belasten amerikanische Zölle den Handel mit den USA.
Im Juni exportierte Deutschland Waren im Wert von 79,3 Milliarden Euro in andere EU-Staaten. In sämtliche Staaten außerhalb der EU zusammen gingen Waren für 60,0 Milliarden Euro. Allein gegenüber dem Vormonat stiegen die EU-Ausfuhren um 1,3 Prozent.
Die EU ist damit nicht bloß ein politischer Zusammenschluss, sondern Deutschlands mit Abstand wichtigster zusammenhängender Wirtschaftsraum.
Und einen Tag bevor die neue Studie veröffentlicht wurde, stellte Alice Weidel einen Teil der institutionellen Grundlagen dieses Wirtschaftsraumes erneut infrage.
Weidel hält am Euro-Ausstieg fest
Im ZDF-Sommerinterview bezeichnete die AfD-Vorsitzende den Euro als instabile beziehungsweise »weiche« Währung und erklärte, Deutschland sei es vor seiner Einführung wirtschaftlich besser gegangen.
Auf die direkte Frage, ob Deutschland tatsächlich aus dem Euro austreten solle, blieb ihre Antwort laut einer anschließenden ZDF-Analyse zwar weniger eindeutig als die Position ihrer eigenen Partei. Das Bundestagswahlprogramm von 2025 lässt daran jedoch keinen Zweifel. Dort heißt es ausdrücklich:
»Deutschland muss aus dem Euro-System austreten.«
Die AfD argumentiert, die Gemeinschaftswährung sei für Volkswirtschaften mit stark unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen ungeeignet. Nationale Währungen würden Ländern wieder ermöglichen, ihre Geldpolitik selbst zu bestimmen und über Wechselkursveränderungen auf Unterschiede bei der Wettbewerbsfähigkeit zu reagieren.
Die neue Prognos-Studie widerlegt sie nicht direkt. Denn EU, Euro und Binnenmarkt sind nicht dasselbe.
7,2 Millionen Arbeitsplätze hängen nicht am Euro
Diese Unterscheidung ist zentral.
Auch EU-Länder außerhalb der Eurozone handeln im europäischen Binnenmarkt. Ein deutscher Austritt aus der Gemeinschaftswährung wäre deshalb nicht automatisch ein Austritt aus der Europäischen Union und würde auch nicht automatisch bedeuten, dass deutsche Waren nicht mehr zollfrei nach Frankreich, Italien oder in die Niederlande verkauft werden könnten.
Es wäre daher falsch, aus der Prognos-Zahl zu folgern:
Euro-Austritt gleich 7,2 Millionen gefährdete Arbeitsplätze.
Was sich ändern würde, wären jedoch wichtige Rahmenbedingungen dieses Handels.
Die gemeinsame Währung beseitigt Wechselkursrisiken zwischen den Mitgliedern der Eurozone. Ein deutscher Maschinenbauer, der nach Frankreich verkauft, muss heute nicht kalkulieren, wie eine neue D-Mark in sechs Monaten gegenüber einem französischen Euro steht. Unternehmen müssen für solche Geschäfte keine Wechselkurse absichern und keine Währungen tauschen.
Mit einer neuen nationalen Währung kämen diese Faktoren zurück. Und Deutschland hätte ein weiteres Problem.
Eine starke neue D-Mark wäre für Exporteure nicht unbedingt ein Geschenk
Befürworter einer nationalen Währung verweisen auf einen möglichen Kaufkraftgewinn. Würde eine neue D-Mark gegenüber anderen Währungen aufwerten, würden Importe günstiger. Energie, Rohstoffe oder ausländische Konsumgüter könnten für deutsche Käufer preiswerter werden.
Für eine exportorientierte Industrie wirkt derselbe Mechanismus in die andere Richtung. Deutsche Produkte würden für ausländische Kunden teurer, sofern Unternehmen ihre Preise nicht senken und einen Teil ihrer Marge opfern.
Dass Wechselkurse für die deutsche Exportwirtschaft eine relevante Größe sind, hat die Bundesbank erst im Juli erneut untersucht. Nach ihrer Analyse führt eine reale Aufwertung um ein Prozent langfristig im Durchschnitt zu einem um 0,2 bis 0,4 Prozent geringeren Exportwachstum. Die Bundesbank betont zugleich, dass die aktuelle deutsche Exportschwäche nur teilweise durch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit erklärt werden kann.
Wie stark eine neue deutsche Währung tatsächlich aufwerten würde, lässt sich nicht seriös vorhersagen.
Frühere wissenschaftliche Modellrechnungen zu einer Rückkehr zur D-Mark kamen allerdings zu dem Ergebnis, dass positive Effekte durch günstigere Importe und höhere reale Kaufkraft von Verlusten an internationaler Wettbewerbsfähigkeit übertroffen werden könnten.
Beim Schengenraum wird die Verbindung unmittelbarer
Die neue Prognos-Studie enthält noch eine zweite Berechnung, die direkter zu Weidels Sommerinterview passt. Die AfD-Chefin erklärte dort, Deutschland müsse seine Grenzen schließen können. Sollte das innerhalb des bestehenden Systems nicht möglich sein, sagte sie: »Dann steigen wir aus Schengen aus.«
Prognos hat untersucht, was flächendeckende Grenzkontrollen wirtschaftlich bedeuten würden.
Längere Wartezeiten würden Lieferungen verteuern, Tourismus beeinträchtigen und grenzüberschreitende Arbeitnehmermobilität erschweren. Der daraus resultierende Wohlfahrtsverlust für Deutschland wird in der Studie auf 1,5 bis 2 Milliarden Euro beziffert.
Auch hier ist Vorsicht bei der Interpretation nötig.
Die Modellrechnung untersucht umfassende Grenzkontrollen, nicht das vollständige politische und rechtliche Szenario eines deutschen Schengen-Austritts. Und Deutschland kontrolliert bereits seit 2024 vorübergehend an seinen Landgrenzen; Bundesinnenminister Alexander Dobrindt will diese Kontrollen derzeit bis März 2027 verlängern.
Trotzdem wird an diesem Punkt sehr konkret, was europäische Integration für Unternehmen bedeutet. Ein Lastwagen kann eine Grenze politisch in Sekunden überschreiten. Wirtschaftlich kann jede zusätzliche Minute Teil seiner Kostenrechnung werden.
Europa wird wichtiger, während die Welt schwieriger wird
Damit bekommt die neue Studie eine Aktualität, die über die 7,2 Millionen Arbeitsplätze hinausgeht.
Deutschland hat lange davon profitiert, seine Absatzmärkte weit über Europa hinaus auszudehnen. China kaufte deutsche Maschinen, Autos und Chemieprodukte. Die USA waren ein hochprofitabler Markt für deutsche Industrieunternehmen. Russland lieferte billige Energie.
Dieses Modell funktioniert in seiner alten Form nicht mehr.
Chinesische Unternehmen sind inzwischen in vielen Branchen selbst zu Konkurrenten geworden. Washington setzt Zölle als wirtschaftspolitisches Instrument ein. Russland ist als früherer Energiepartner weitgehend ausgefallen.
Der europäische Markt bekommt dadurch eine neue Rolle. Er ist nicht nur der größte. Er ist im Vergleich zu vielen anderen Absatzregionen auch politisch und regulatorisch berechenbarer.
Prognos kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass eine wirtschaftliche Stagnation der übrigen EU-Staaten Deutschland stärker treffen würde als eine vergleichbare Stagnation der USA oder Chinas. Bliebe das Wachstum in der EU bis 2030 aus, läge das deutsche BIP nach der Modellrechnung rund 23 Milliarden Euro niedriger als im Basisszenario mit moderatem europäischen Wachstum.
Die Studie ist kein Argument dafür, in Europa alles beim Alten zu lassen
Aus den Zahlen folgt allerdings ebenso wenig, dass jede europäische Regel ökonomisch sinnvoll wäre.
Selbst die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft verbindet ihre Studie mit deutlicher Kritik am Zustand des Binnenmarktes. Noch bestehende Handelshemmnisse müssten beseitigt und Europas Wettbewerbsfähigkeit verbessert werden.
Unternehmen klagen über Bürokratie, unterschiedliche nationale Regeln, langsame Genehmigungen und hohe Energiekosten.
Die Frage muss deshalb nicht lauten: mehr Europa oder weniger Europa.
Wirtschaftlich interessanter ist, welcher Teil der europäischen Integration Wert schafft und welcher Kosten produziert. Ein gemeinsamer Markt ohne unnötige Handelsbarrieren besitzt für eine Exportnation einen messbaren Wert.
Ob jede Regulierung aus Brüssel denselben Wert besitzt, ist eine vollkommen andere Frage.
Ein Euro-Ausstieg müsste mehr beantworten als die Währungsfrage
Auch Alice Weidels Behauptung, Deutschland sei es vor dem Euro wirtschaftlich besser gegangen, lässt sich nicht isoliert an einer Währung festmachen.
Die deutsche Volkswirtschaft des Jahres 1998 war eine andere als die des Jahres 2026. China spielte eine andere Rolle. Globale Lieferketten waren weniger tief integriert. Die deutsche Bevölkerung war jünger. Die Autoindustrie stand vor anderen Wettbewerbern. Digitalisierung, Energieversorgung und geopolitische Lage waren nicht vergleichbar.
Eine Rückkehr zur nationalen Währung würde deshalb nicht zugleich die wirtschaftlichen Bedingungen der 1990er-Jahre zurückbringen.
Die aktuellere Frage lautet vielmehr, welchen Preis Deutschland für mehr währungspolitische Eigenständigkeit zahlen müsste – und welche Vorteile ihm gegenüberstünden.
Die AfD liefert darauf als Antwort: nationale Souveränität, eigene Geldpolitik und aus ihrer Sicht eine stabilere Währung.
Die neuen Außenhandelszahlen liefern die Gegenfrage.
Deutschland ist tief in einen europäischen Produktions- und Absatzraum eingebunden, an dessen Nachfrage Millionen Arbeitsplätze hängen.
Wer die institutionellen Regeln dieses Raumes verändern will, muss deshalb nicht nur erklären, was Deutschland dadurch zurückgewinnt.
Er muss auch erklären, wie das erhalten bleibt, wovon seine Unternehmen bereits leben.
Stefanie S. Klief