Industrieroboter des Augsburger Herstellers KUKA: Das deutsche Traditionsunternehmen gehört seit 2022 vollständig zum chinesischen Midea-Konzern.
Deutschlands Wirtschaft kommt nur langsam voran, doch für ausländische Investoren sind deutsche Unternehmen begehrter denn je. Innerhalb eines Jahres ist das Volumen grenzüberschreitender Übernahmen um 134 Prozent gestiegen. Besonders amerikanische Käufer interessieren sich für industrielle Technologien, spezialisierte Unternehmen und den Zugang zu neuen Märkten. Die Entwicklung wirft eine grundlegende Frage auf:
Ist das ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke oder profitieren ausländische Investoren gerade von den strukturellen Schwächen des Standorts Deutschland?
Deutsche Unternehmen stehen bei internationalen Investoren so hoch im Kurs wie seit Jahren nicht mehr. Nach einer aktuellen Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG stieg das Volumen ausländischer Übernahmen deutscher Firmen innerhalb eines Jahres um 134 Prozent auf knapp 129 Milliarden US-Dollar.
Die Untersuchung umfasst den Zeitraum vom dritten Quartal 2025 bis zum zweiten Quartal 2026 und basiert auf Transaktionsdaten des Finanzinformationsdienstleisters LSEG. Interessant ist allerdings ein Unterschied zwischen dem Gesamtwert und der Anzahl der Übernahmen. Während sich das Transaktionsvolumen mehr als verdoppelte, stieg die Zahl der registrierten Geschäfte lediglich von 897 auf 926. Das entspricht einem Zuwachs von gut drei Prozent.
Die Entwicklung bedeutet also nicht, dass plötzlich doppelt so viele deutsche Firmen verkauft werden. Vielmehr haben besonders große Transaktionen das Gesamtvolumen erheblich erhöht.
Insgesamt wurden 18 Übernahmen mit einem Volumen von jeweils mehr als einer Milliarde Dollar angekündigt. Bei zehn dieser Milliardengeschäfte traten Investoren aus den Vereinigten Staaten als Käufer auf.
Warum Deutschland trotz schwacher Konjunktur attraktiv bleibt
Auf den ersten Blick erscheint das ausländische Interesse widersprüchlich. Die deutsche Wirtschaft kämpft seit Jahren mit strukturellen Problemen, hohen Energiekosten, bürokratischen Belastungen und einem schwierigen internationalen Wettbewerbsumfeld.
Zwar ist die Wirtschaftsleistung zuletzt wieder leicht gewachsen. Nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes legte das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal jedoch nur um 0,2 Prozent zu. Gleichzeitig gingen die Investitionen nach ersten Erkenntnissen zurück.
Die Attraktivität einzelner Unternehmen lässt sich daraus allerdings nicht unmittelbar ableiten. Ein Industriebetrieb kann international wettbewerbsfähige Produkte herstellen, über wertvolles technisches Wissen verfügen und langfristig wachsende Märkte bedienen, selbst wenn sich sein Heimatstandort wirtschaftlich nur schwach entwickelt. Solche Unternehmen sind für internationale Käufer interessant.
KPMG-Experte Michael Buhl verweist auf die Verbindung von technologischer Kompetenz, industrieller Leistungsfähigkeit und hochwertigen Datenbeständen. Hinzu kommen Unternehmensbewertungen, die aus Sicht der Käufer vergleichsweise attraktiv erscheinen, sowie erwartete staatliche Milliardeninvestitionen in Infrastruktur und Verteidigung.
Für amerikanische Konzerne eröffnet eine Übernahme außerdem die Möglichkeit, etablierte Technologien, bestehende Kundenbeziehungen und Produktionskompetenz schneller zu erwerben, als diese selbst aufgebaut werden könnten.
Deutsche Technologie für den amerikanischen Markt
Wie diese Strategie aussehen kann, zeigt die vereinbarte Übernahme des baden-württembergischen Ventilatorenspezialisten ebm-papst durch den US-Konzern Madison Air.
Die im August angekündigte Transaktion bewertet das deutsche Familienunternehmen nach eigenen Angaben mit rund 5,1 Milliarden Euro. Der Abschluss wird gegen Ende 2026 erwartet und steht noch unter regulatorischen Vorbehalten.
Für den Käufer ist ebm-papst nicht nur wegen seines bestehenden Geschäfts interessant. Das Unternehmen entwickelt unter anderem besonders energieeffiziente Ventilations- und Kühlsysteme, die bei der Ausstattung großer Rechenzentren eine wichtige Rolle spielen.
Mit dem weltweiten Ausbau künstlicher Intelligenz steigt der Bedarf an leistungsfähigen Rechenzentren und entsprechender Kühltechnik. Die Verbindung mit Madison Air soll ebm-papst einen besseren Zugang zum amerikanischen Markt ermöglichen. Gleichzeitig hat das Unternehmen angekündigt, seinen Hauptsitz in Mulfingen sowie wichtige Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsaktivitäten in Deutschland zu erhalten.
Der Fall verdeutlicht, warum ein Eigentümerwechsel nicht automatisch mit einem industriellen Bedeutungsverlust verbunden sein muss. Er kann einem Unternehmen auch neue Absatzmärkte, Kapital und zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten eröffnen. Allerdings bleibt entscheidend, ob die zugesagten Investitionen und Standortperspektiven langfristig tatsächlich umgesetzt werden.
Auch BASF und Volkswagen verkaufen Geschäftsbereiche
Ein weiteres Beispiel ist die Abgabe der Mehrheit am früheren BASF-Lackgeschäft an den amerikanischen Finanzinvestor Carlyle.
Die Transaktion wurde Ende Juni 2026 abgeschlossen. Sie bewertet das betreffende Geschäft mit 7,7 Milliarden Euro. BASF erhielt rund 5,8 Milliarden Euro vor Steuern und behielt eine Beteiligung von 40 Prozent an dem inzwischen unter dem Namen Surventis geführten Unternehmen.
Der Chemiekonzern begründet den Schritt damit, Kapital freizusetzen und sich stärker auf seine strategischen Kerngeschäfte konzentrieren zu können.
Auch Volkswagen hat einen ausländischen Investor für einen bedeutenden Industriebereich gefunden. Im Juni vereinbarte der Konzern mit Bain Capital den Verkauf von 51 Prozent des Augsburger Motoren- und Anlagenbauers Everllence. Volkswagen will mittelfristig mit 49 Prozent beteiligt bleiben.
Dabei wurden besondere Beschäftigungsgarantien ausgehandelt. Die deutschen Standorte sollen mindestens bis Ende 2030 bestehen bleiben; betriebsbedingte Kündigungen sind für diesen Zeitraum ausgeschlossen.
Solche Vereinbarungen zeigen, dass Übernahmen unterschiedlich ausgestaltet werden können. Nicht immer wird ein Unternehmen vollständig verkauft. Häufig verbleiben Beteiligungen beim bisherigen Eigentümer, während neue Investoren Kapital, Managementkompetenz oder internationale Vertriebsmöglichkeiten einbringen sollen.
Der Verkauf von Unternehmensteilen kann zugleich Ausdruck eines strategischen Rückzugs sein: Konzerne trennen sich von Geschäftsbereichen, um ihre Mittel auf andere Technologien und Märkte zu konzentrieren.
Ein neuer Treiber heißt künstliche Intelligenz
KPMG sieht den technologischen Umbruch als einen wesentlichen Grund für die zunehmende Übernahmeaktivität. Der wirtschaftliche Einfluss künstlicher Intelligenz beschränkt sich längst nicht auf Softwareunternehmen und große amerikanische Technologiekonzerne.
Auch Maschinenbauer, Automatisierungsspezialisten, Hersteller von Industriekomponenten und Anbieter technischer Infrastruktur können von der Entwicklung profitieren. Denn für den Einsatz künstlicher Intelligenz braucht es neben Rechenleistung auch Energieversorgung, Kühlung, Sensorik, industrielle Daten und spezialisierte Produktionsverfahren.
Deutsche Unternehmen besitzen in zahlreichen dieser Bereiche langjährig aufgebaute technische Kompetenzen. Ausländische Investoren können sich durch Übernahmen Zugang zu solchen Fähigkeiten verschaffen und sie mit bestehenden internationalen Geschäftsmodellen verbinden.
Nach der KPMG-Erhebung erwarten 61 Prozent der befragten Verantwortlichen aus Unternehmen und der Investmentbranche, dass KI innerhalb der kommenden drei Jahre eine neue Welle von Unternehmenskäufen und -verkäufen auslösen wird.
Das ist eine Erwartung der Befragten, keine bereits eingetretene Entwicklung. Sie verdeutlicht jedoch, welche Bedeutung Investoren der Technologie bei ihren künftigen Entscheidungen beimessen.
Kapitalzufluss oder Ausverkauf?
Die wachsende Zahl ausländischer Übernahmen berührt auch die Frage, wem künftig wichtige deutsche Unternehmen und Technologien gehören. Dabei sollte zwischen zwei wirtschaftlich unterschiedlichen Vorgängen unterschieden werden.
Ein Investor kann einem Unternehmen unmittelbar neues Kapital für Investitionen zur Verfügung stellen. Er kann aber auch bestehende Anteile von bisherigen Eigentümern erwerben.
Im zweiten Fall fließt der Kaufpreis zunächst an die Verkäufer und nicht automatisch in neue Maschinen, Forschung oder zusätzliche Arbeitsplätze.
Ein hohes Übernahmevolumen ist deshalb nicht gleichbedeutend mit einem entsprechend hohen Investitionszufluss in deutsche Produktionsstandorte. Gleichzeitig kann ein ausländischer Eigentümer erhebliche Mittel für die Weiterentwicklung eines Unternehmens bereitstellen. Ob das geschieht, hängt von der jeweiligen Strategie und den vereinbarten Bedingungen ab.
Neben den wirtschaftlichen Chancen bestehen Risiken. Besonders bei Unternehmen mit strategisch wichtigen Technologien stellt sich die Frage, wo künftig über Forschung, Investitionen und langfristige Produktionsstandorte entschieden wird.
Deutschland verfügt deshalb bereits über gesetzliche Instrumente zur Überprüfung bestimmter ausländischer Unternehmenskäufe. In sicherheitsrelevanten Bereichen können Übernahmen geprüft und unter bestimmten Voraussetzungen beschränkt werden.
Am 22. Oktober hat das Bundeswirtschaftsministerium außerdem einen Entwurf zur Neuordnung des Investitionsprüfungsrechts veröffentlicht. Ziel ist es, sicherheitsrelevante Risiken gezielter zu erfassen und zugleich die Verfahren für unproblematische Investitionen zu vereinfachen.
Die politische Herausforderung besteht darin, internationale Investitionen zu ermöglichen, ohne bei besonders sensiblen Technologien und Infrastrukturen die langfristigen Sicherheitsinteressen zu vernachlässigen.
Deutsche Unternehmen kaufen ebenfalls im Ausland
Die internationale Übernahmebewegung verläuft allerdings nicht ausschließlich in eine Richtung. Auch deutsche Unternehmen investieren verstärkt in ausländische Firmen. Nach der KPMG-Analyse stieg die Zahl entsprechender Übernahmen von 593 auf 622.
Das Transaktionsvolumen erhöhte sich um 15 Prozent auf 42,9 Milliarden US-Dollar. Damit liegt der Gesamtwert ausländischer Übernahmen deutscher Unternehmen zwar deutlich höher als der Wert deutscher Zukäufe im Ausland. Dennoch zeigen die Zahlen, dass deutsche Konzerne weiterhin selbst international expandieren.
KPMG erwartet, dass die Übernahmeaktivität in den kommenden Jahren weiter zunimmt. Bis 2028 könnten die Transaktionen innerhalb Deutschlands um 22 Prozent auf rund 1.300 steigen. Bei den Übernahmen deutscher Unternehmen durch ausländische Käufer prognostiziert die Beratungsgesellschaft einen Anstieg um 13 Prozent auf etwa 1.039 Geschäfte. Dabei handelt es sich um Prognosen, deren Eintritt insbesondere von der Konjunktur, den Finanzierungsbedingungen und der internationalen Wirtschaftsentwicklung abhängt.
Deutschlands industrielle Stärke hat einen Preis
Das gestiegene internationale Interesse zeigt, dass die Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft nicht mit einem Verlust ihrer gesamten industriellen Leistungsfähigkeit gleichzusetzen sind.
Unternehmen können trotz schwacher Konjunktur über hochentwickelte Technologien, erfahrene Fachkräfte, wertvolle Patente und international erfolgreiche Produkte verfügen.
Die hohe Nachfrage ist deshalb weder automatisch ein Zeichen für einen wirtschaftlichen Ausverkauf noch der Beweis für eine erfolgreiche Standortpolitik. Sie zeigt vielmehr, dass sich die Bewertung deutscher Unternehmen und die Bewertung des Wirtschaftsstandorts erheblich unterscheiden können.
Für die deutsche Wirtschaft wird entscheidend sein, ob aus den Eigentümerwechseln zusätzliche Investitionen, neue Absatzmärkte und langfristig gesicherte Arbeitsplätze entstehen.
Denn der wirtschaftliche Wert deutscher Unternehmen liegt nicht allein in ihren Kaufpreisen, sondern in dem, was sie künftig entwickeln, produzieren und zur Wertschöpfung am Standort Deutschland beitragen.