Paramount will Warner Bros. Discovery übernehmen und damit einen der mächtigsten Medienkonzerne der Welt schaffen. Die US-Regierung hat den Deal bereits durchgewinkt. Doch Kalifornien und elf weitere Bundesstaaten klagen nun dagegen. Ihr Vorwurf: Der Zusammenschluss würde Wettbewerb zerstören, Preise erhöhen und Jobs in Hollywood gefährden.
Der Kampf um Hollywood ist noch nicht vorbei
Eigentlich schien der Weg frei. Paramount will Warner Bros. Discovery übernehmen, die US-Regierung hatte keine Einwände mehr, und der neue Mediengigant sollte noch in diesem Jahr entstehen. Doch nun stellen sich zwölf US-Bundesstaaten quer.
Unter Führung Kaliforniens haben sie Klage gegen den Deal eingereicht. Ihr Ziel: Die Übernahme soll gestoppt oder zumindest so lange eingefroren werden, bis die wettbewerbsrechtlichen Fragen geklärt sind. Damit wird aus einem ohnehin spektakulären Hollywood-Deal ein politischer und juristischer Machtkampf.
Der geplante Zusammenschluss ist gewaltig. Paramount würde Warner Bros. Discovery übernehmen. Zusammen kämen unter anderem Paramount Pictures, Warner Bros., HBO Max, Paramount+, CBS, CNN, Nickelodeon, MTV, Cartoon Network, HGTV und große Film- und Serienbibliotheken unter ein Dach.
Das ist nicht nur ein Zusammenschluss von Studios. Es wäre eine Neuordnung der amerikanischen Medienlandschaft.
Die Staaten warnen vor einem Medienriesen
Die klagenden Bundesstaaten argumentieren, Paramount und Warner Bros. Discovery würden zusammen zu viel Marktmacht bündeln. Sie warnen vor höheren Preisen für Verbraucher, weniger Auswahl bei Filmen und Serien, schlechteren Bedingungen für Kinos und TV-Anbieter sowie sinkenden Löhnen für Beschäftigte in der Unterhaltungsindustrie.
Nach Reuters verweisen die Kläger darauf, dass der neue Konzern etwa 27 Prozent des US-Markts für breit ausgewertete Kinofilme kontrollieren könnte. Bei Blockbustern wären es rund 30 Prozent. Auch beim klassischen Kabel-TV läge der Anteil bei etwa 27 Prozent.
Solche Zahlen sind brisant. Denn Kino, Streaming und Kabel-TV werden oft getrennt betrachtet. Tatsächlich hängen sie aber längst zusammen. Wer Filmrechte, Studios, Streamingplattformen, Nachrichtensender und Kabelkanäle kontrolliert, hat Einfluss auf viele Ebenen der Medienökonomie zugleich.
Genau davor warnen die Bundesstaaten. Aus ihrer Sicht entstünde kein stärkerer Wettbewerber, sondern ein Konzern, der Preise, Programmangebot, Verwertungsfenster und Verhandlungsmacht gegenüber Kinos, Kabelanbietern, Kreativen und Verbrauchern stärker bestimmen könnte.
Paramount sieht sich als Gegengewicht zu Netflix
Paramount weist die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen argumentiert, der Zusammenschluss werde den Wettbewerb nicht schwächen, sondern stärken. Die eigentlichen Dominanten im Markt seien Streaming- und Tech-Giganten wie Netflix, Disney, Amazon oder Apple. Ein größerer Paramount-Warner-Konzern könne ihnen besser entgegentreten.
Dieses Argument ist nicht abwegig. Die klassische Film- und Fernsehindustrie steht seit Jahren unter Druck. Streaming hat Geschäftsmodelle verändert, Kabel-TV verliert Kunden, Kinobesuche schwanken, Produktionskosten steigen, und Tech-Konzerne bringen enorme Kapitalmacht mit.
Aus Sicht von Paramount ist Größe deshalb Überlebensstrategie. Wer gegen Netflix, YouTube, Amazon Prime Video, Apple TV und Disney bestehen will, braucht Inhalte, Marken, Bibliotheken, Plattformen, Daten und internationale Reichweite.
Doch genau hier liegt der Konflikt. Die Frage lautet: Wird durch den Deal ein notwendiger Wettbewerber gegen Big Tech geschaffen? Oder entsteht nur ein weiterer Medienriese, der selbst zu viel Macht über Inhalte, Preise und Arbeitsbedingungen bekommt?
Streaming hat die alte Logik zerstört
Der Fall zeigt, wie schwer Wettbewerbspolitik im Medienmarkt geworden ist. Früher konnte man Filmstudios, TV-Sender, Kabelkanäle und Kinos leichter getrennt betrachten. Heute sind die Grenzen fließend.
Ein Film läuft im Kino, später im Streaming, danach im Pay-TV oder in internationalen Lizenzpaketen. Serien sind zugleich Plattformtreiber, Werbeprodukt und Abo-Magnet. Sportrechte, Nachrichten, Kinderprogramme, Franchises und Archive werden über mehrere Kanäle verwertet.
Wer viele dieser Bausteine kontrolliert, kontrolliert nicht nur Inhalte. Er kontrolliert Aufmerksamkeit.
Paramount und Warner Bros. Discovery zusammen hätten eine enorme Menge an kulturellem Kapital: »Harry Potter«, DC-Stoffe, HBO-Serien, CNN, CBS, Nickelodeon, Paramount-Filme, Reality-Formate, Nachrichtensender und Streaming-Abos. Für Verbraucher kann das bequem wirken. Für den Markt kann es gefährlich werden.
Denn Vielfalt entsteht nicht automatisch dadurch, dass mehr Inhalte in einer App liegen.
Jobs und Löhne stehen ebenfalls im Zentrum
Die Klage der Bundesstaaten dreht sich nicht nur um Verbraucherpreise. Sie betrifft auch Hollywood als Arbeitsmarkt. Autoren, Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Cutter, Techniker, Produktionsfirmen und Kinos hängen davon ab, dass mehrere große Auftraggeber um Projekte, Talente und Veröffentlichungen konkurrieren.
Wenn zwei große Studios fusionieren, kann diese Konkurrenz schrumpfen. Weniger Käufer für Drehbücher, weniger Auftraggeber für Produktionen, weniger Verhandlungsmacht für Kreative – das ist die Sorge vieler Branchenvertreter.
Paramount verspricht dagegen Effizienz und mehr Investitionen. Der Konzern verweist auf geplante Einsparungen von rund sechs Milliarden Dollar und stellt in Aussicht, jährlich 30 Kinofilme herauszubringen. Die klagenden Bundesstaaten halten solche Zusagen für nicht ausreichend verbindlich.
Das ist der klassische Streit bei Großfusionen: Unternehmen versprechen Wachstum und Synergien. Kritiker erwarten Kürzungen, Preisdruck und weniger Auswahl. Wer am Ende recht behält, zeigt sich oft erst Jahre später.
Politik hängt über dem Deal
Besonders heikel ist der politische Hintergrund. Die US-Regierung hat den Deal bereits genehmigt. Doch mehrere demokratisch geführte Bundesstaaten werfen den Bundesbehörden vor, zu lax geprüft zu haben.
Im Zentrum der Kritik steht auch die Familie Ellison. Paramount wird von David Ellison geführt, dem Sohn des Oracle-Mitgründers Larry Ellison. Larry Ellison gilt als enger Verbündeter von Donald Trump. Kritiker fragen deshalb, ob politische Nähe den regulatorischen Weg erleichtert haben könnte.
Bewiesen ist damit nichts. Aber der Verdacht reicht, um den Deal politisch aufzuladen. Denn zu Warner Bros. Discovery gehört CNN – ein Nachrichtensender, der seit Jahren im Zentrum politischer Auseinandersetzungen in den USA steht. Sollte CNN künftig unter dem Dach eines Paramount-Konzerns stehen, dessen Eigentümerfamilie als Trump-nah gilt, wird aus einer Medienfusion auch eine Frage redaktioneller Macht.
Damit geht es nicht mehr nur um Marktanteile. Es geht auch um Öffentlichkeit.
Bundesstaaten gegen Washington
Der Fall zeigt außerdem eine Verschiebung im amerikanischen Kartellrecht. Wenn Bundesbehörden Großfusionen genehmigen, können Bundesstaaten trotzdem vor Gericht ziehen. Genau das passiert nun.
Kalifornien, New York, Arizona, Colorado, Connecticut, Massachusetts, Minnesota, Nevada, New Jersey, New Mexico, Oregon und Washington wollen den Zusammenschluss stoppen. Alle beteiligten Generalstaatsanwälte gehören dem demokratischen Lager an.
Das macht die Klage politisch angreifbar. Paramount kann argumentieren, der Widerstand sei parteipolitisch motiviert. Die Staaten können dagegenhalten, dass sie Verbraucher, Beschäftigte und regionale Filmwirtschaft schützen wollen.
Beides spielt eine Rolle. Wettbewerbsrecht ist nie völlig unpolitisch, schon gar nicht bei Medienkonzernen. Die Frage ist, ob die Gerichte die wirtschaftlichen Bedenken für schwer genug halten, um den Deal tatsächlich aufzuhalten.
Die Uhr tickt für Paramount
Für Paramount ist Zeit ein Problem. Nach Reuters könnte eine Verzögerung teuer werden. Das Unternehmen hat zugesagt, Warner-Bros.-Discovery-Aktionären pro Quartal rund 650 Millionen Dollar zu zahlen, falls der Deal nicht rechtzeitig abgeschlossen wird. AP berichtet von einer Kompensationsregel ab Ende September sowie einer regulatorischen Auflösungsgebühr von sieben Milliarden Dollar.
Eine monatelange gerichtliche Prüfung kann also erhebliche Kosten auslösen. Sie kann Finanzierung erschweren, Aktienkurse belasten und den Deal am Ende sogar gefährden, selbst wenn Paramount juristisch gewinnt.
Das macht die Klage wirkungsvoll. Sie muss den Deal nicht sofort endgültig kippen, um ihn zu verändern. Schon eine Verzögerung kann Verhandlungspositionen verschieben.
Für Warner-Aktionäre, Paramount-Investoren und Beschäftigte beginnt damit eine Phase großer Unsicherheit.
Europa schaut ebenfalls hin
Auch international ist der Deal noch nicht vollständig erledigt. Prüfungen laufen unter anderem in der Europäischen Union und Großbritannien. Paramount hat in Europa bereits Zusagen angeboten, um Wettbewerbsbedenken auszuräumen.
Für Europa ist der Fall interessant, weil Medienkonzentration längst grenzüberschreitend wirkt. Streaming-Plattformen, Filmrechte, Nachrichtensender und Produktionsmärkte sind global. Wenn in den USA ein neuer Mediengigant entsteht, verändert das auch Verhandlungen über Lizenzen, Produktionen und Plattformstrategien in Europa.
Zudem steht Europa vor einer ähnlichen Frage: Wie kann klassische Medienwirtschaft gegen US-Tech-Giganten bestehen, ohne selbst in gefährliche Konzentration zu rutschen?
Der Paramount-Warner-Fall ist deshalb nicht nur amerikanisches Kartellrecht. Er ist ein Lehrstück für die Zukunft der Medienmärkte.
SK