Donald Trump am 29. Februar 2020 bei einem Pressebriefing zum Coronavirus. Mit dabei ist Anthony Fauci (l.).
Das Weiße Haus präsentiert einen Laborunfall in Wuhan als den »wahren Ursprung« der COVID-19-Pandemie. Ganz so eindeutig ist die Lage nicht. US-Geheimdienste bewerten die Indizien unterschiedlich, die WHO hält eine Übertragung von Tieren nach wie vor für besser gestützt – und entscheidende Daten aus China fehlen bis heute.
Auf einer offiziellen Seite des Weißen Hauses steht keine vorsichtige Formulierung wie »wahrscheinlich« oder »nach derzeitiger Einschätzung«. Die Überschrift lautet: »Lab Leak: The True Origins of Covid-19«. Ein Zwischenfall im Zusammenhang mit sogenannter Gain-of-Function-Forschung sei der wahrscheinlichste Ursprung der Pandemie, heißt es dort. Zugleich wird Anthony Fauci vorgeworfen, die Erzählung eines natürlichen Ursprungs gezielt vorangetrieben zu haben.
Neu ist diese Seite allerdings nicht. Die Trump-Regierung stellte sie bereits am 18. April 2025 online und leitete die zuvor für Informationen zu Tests, Impfungen und COVID-19 genutzte Adresse Covid.gov dorthin um. Inhaltlich beruht sie weitgehend auf dem Abschlussbericht der republikanisch geführten Coronavirus-Unterkommission des US-Repräsentantenhauses vom Dezember 2024.
Aktuell bekommt sie neue Aufmerksamkeit, weil der Streit um Anthony Faucis Rolle erneut eskaliert ist. Der frühere Leiter des National Institute of Allergy and Infectious Diseases berief sich bei einer Anhörung des US-Senats am 29. Juli 2026 wiederholt auf sein Recht, sich nicht selbst belasten zu müssen. Die republikanische Ausschussmehrheit wirft ihm unter anderem Falschaussagen, mangelnde Transparenz und eine Beeinflussung der Ursprungsdebatte vor. Demokraten sprechen dagegen von einem politisch inszenierten Verfahren.
Faucis Schweigen ist politisch erheblich. Ein Beleg für den Ursprung des Virus ist es nicht.
Die Seite ist eine politische Darstellung, kein neuer Forschungsbericht
Das Weiße Haus legt keine neue Virusprobe, keinen Laborbucheintrag über SARS-CoV-2 und keinen dokumentierten Infektionsfall innerhalb des Wuhan Institute of Virology vor.
Die Seite verdichtet vielmehr Indizien, Zeugenaussagen und Schlussfolgerungen des republikanischen Untersuchungsberichts zu einer eindeutigen Erzählung. Die demokratischen Mitglieder derselben Unterkommission kamen zu einer anderen Bewertung: Die zweijährige Untersuchung habe den Ursprung nicht geklärt und weder eine von Fauci gesteuerte Unterdrückung der Laborthese noch eine direkte Entstehungskette vom finanzierten Forschungsprojekt zur Pandemie nachgewiesen.
Das bedeutet nicht, dass die Laborhypothese widerlegt wäre. Es bedeutet, dass ein parlamentarischer Mehrheitsbericht kein wissenschaftlicher Nachweis ist – insbesondere dann nicht, wenn die Minderheit des Gremiums den entscheidenden Schlussfolgerungen ausdrücklich widerspricht.
»Laborursprung« kann vier völlig verschiedene Dinge bedeuten
Schon der Begriff »Lab Leak« verdeckt einen wichtigen Unterschied.
Ein laborbezogener Ursprung könnte bedeuten, dass sich ein Forscher bei der Entnahme natürlicher Viren aus Fledermäusen oder anderen Tieren infizierte. Ebenso denkbar wäre, dass ein natürlich vorkommendes Virus gesammelt, im Labor untersucht und versehentlich freigesetzt wurde.
Eine weitergehende Variante lautet, ein Virus sei bei Experimenten verändert oder durch wiederholte Vermehrung an bestimmte Zellen oder Versuchstiere angepasst worden und anschließend entwichen. Davon noch einmal zu unterscheiden ist die Behauptung einer gezielten Entwicklung als biologische Waffe.
Die US-Geheimdienste verwenden den Begriff »laboratory-associated incident« ausdrücklich weit. Er kann auch eine Infektion bei der Probennahme oder beim Umgang mit einem natürlichen Virus umfassen. Fast alle Dienste bewerteten SARS-CoV-2 zugleich als nicht gentechnisch konstruiert; alle schlossen eine Entwicklung als biologische Waffe aus.
Wer sagt, US-Dienste hielten einen »Laborursprung« für möglich oder wahrscheinlich, sagt damit noch nicht, dass sie ein künstlich erzeugtes Virus oder ein vorsätzliches Vorgehen annehmen.
Chinesische Forscher bei einer Übung im P4-Hochsicherheitslabor in Wuhan im Januar 2015.
Die US-Geheimdienste waren und sind nicht einer Meinung
Die 2021 veröffentlichte gemeinsame Bewertung der US-Geheimdienste führte beide Hauptszenarien als plausibel. Vier Dienste und der National Intelligence Council hielten mit geringer Sicherheit eine natürliche Übertragung für wahrscheinlicher. Ein Dienst favorisierte mit mittlerer Sicherheit einen Laborzwischenfall. Drei weitere konnten sich nicht festlegen.
Bis 2023 hatten sich das FBI und das US-Energieministerium auf die Laborseite bewegt – das FBI mit mittlerer, das Energieministerium mit geringer Sicherheit. Vier Dienste und der National Intelligence Council bevorzugten weiterhin eine natürliche Übertragung, während die CIA und ein weiterer Dienst damals keine Entscheidung trafen.
Anfang 2025 änderte auch die CIA ihre Bewertung. Sie hält einen forschungsbezogenen Ursprung inzwischen für wahrscheinlicher als eine natürliche Übertragung, allerdings ausdrücklich nur mit geringer Sicherheit. Beide Szenarien blieben plausibel. Diese Position wurde in die offizielle Bedrohungsanalyse der US-Geheimdienstgemeinschaft für 2025 aufgenommen.
»Geringe Sicherheit« ist dabei keine unwichtige Fußnote. Nach der Definition der US-Geheimdienste bedeutet sie, dass Informationen spärlich, fragwürdig oder stark fragmentiert sind und solide Schlussfolgerungen deshalb schwierig bleiben.
Die Formulierung »Die CIA sagt, das Virus kam aus dem Labor« lässt genau diesen entscheidenden Teil weg.
Eine neue Erklärung der Geheimdienstchefin geht noch weiter
Im Juni 2026 veröffentlichte das Büro der Geheimdienstdirektorin Tulsi Gabbard weitere zuvor nicht öffentliche Dokumente. In der begleitenden Mitteilung heißt es nun wesentlich kategorischer, Fauci habe über seine Behörde gefährliche Forschung am Wuhan-Institut finanziert – und diese Arbeit werde inzwischen weithin als Quelle des versehentlichen Laborunfalls betrachtet, der die Pandemie ausgelöst habe. Zudem beschuldigt Gabbard Fauci, Geheimdienstbewertungen beeinflusst und den Kongress belogen zu haben.
Die freigegebenen Unterlagen sind für die Aufarbeitung relevant. Sie dokumentieren unter anderem interne Diskussionen, unterschiedliche Einschätzungen von Analysten und Kontakte zwischen Gesundheitsexperten und Geheimdienstmitarbeitern.
Die öffentliche Mitteilung ist jedoch nicht dasselbe wie eine neue gemeinschaftliche Geheimdienstbewertung. Es wurde kein öffentlich zugänglicher Nachweis vorgelegt, der ein bestimmtes am Wuhan-Institut vorhandenes Virus genetisch mit SARS-CoV-2 verbindet oder eine lückenlose Kette vom Forschungsprojekt über einen infizierten Mitarbeiter bis zum ersten Ausbruch belegt.
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einer schwerwiegenden Beschuldigung und einem bewiesenen Geschehensablauf.
Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard
Die ungewöhnliche Schnittstelle des Virus ist kein Herkunftsnachweis
Als erstes Argument nennt das Weiße Haus eine »biologische Eigenschaft«, die in der Natur nicht vorkomme. Gemeint ist offenbar vor allem die sogenannte Furin-Spaltstelle im Spike-Protein von SARS-CoV-2.
Diese Schnittstelle erleichtert dem Virus das Eindringen in menschliche Zellen. Unter den bislang bekannten besonders nahen Verwandten von SARS-CoV-2 aus der Untergattung der Sarbecoviren ist sie ungewöhnlich. Genau deshalb gehört sie zu den wichtigsten Argumenten der Laborbefürworter.
Die Aussage, eine solche Eigenschaft komme in der Natur nicht vor, ist dennoch zu weitgehend. Furin-Spaltstellen existieren bei verschiedenen natürlich vorkommenden Coronaviren. Dass die identische Einfügung bisher nicht bei einem nahen Vorläufer von SARS-CoV-2 gefunden wurde, beweist weder eine technische Herstellung noch eine Laborpassage. Mehrere genetische Analysen fanden keine eindeutigen Spuren einer gezielten Konstruktion.
Die Besonderheit ist ein erklärungsbedürftiges Indiz. Sie ist kein genetischer Fingerabdruck eines Labors.
Die Behauptung einer einzigen Übertragung ist besonders problematisch
Das Weiße Haus erklärt außerdem, sämtliche COVID-19-Fälle gingen auf eine einzige Einführung des Virus in den Menschen zurück. Das unterscheide die Pandemie von früheren natürlichen Übertragungsereignissen.
Diese Darstellung steht im Konflikt mit einer viel beachteten Studie aus dem Jahr 2022. Forschende rekonstruierten anhand der frühen Viruslinien A und B, dass SARS-CoV-2 wahrscheinlich mindestens zweimal von Tieren auf Menschen überging. Beide Ereignisse sollen Ende November oder Anfang Dezember 2019 stattgefunden haben.
Auch diese Modellierung ist kein endgültiger Beweis. Sie hängt von den verfügbaren frühen Sequenzen und Annahmen über Mutations- und Übertragungswege ab.
Sie zeigt aber, dass die Aussage von einer wissenschaftlich feststehenden einzigen Einführung nicht haltbar ist. Ausgerechnet einer der 5 zentralen Punkte des Weißen Hauses widerspricht damit einer der wichtigsten publizierten Arbeiten zum frühen Pandemieverlauf.
Der Tiermarkt liefert starke Indizien – aber nicht das gesuchte Tier
Für eine natürliche Übertragung sprechen mehrere miteinander verbundene Befunde.
Die frühesten bekannten Erkrankungsfälle konzentrierten sich geografisch rund um den Huanan-Großmarkt in Wuhan. Auch Menschen ohne bekannte direkte Verbindung zum Markt lebten auffällig häufig in dessen Umgebung. Innerhalb des Marktes wurden SARS-CoV-2-positive Umweltproben besonders dort gefunden, wo Ende 2019 lebende, für das Virus empfängliche Säugetiere verkauft wurden.
Eine 2024 veröffentlichte Auswertung chinesischer Probendaten identifizierte in SARS-CoV-2-positiven Marktproben genetisches Material von Marderhunden, Zibetkatzen, Bambusratten und anderen empfänglichen Wildtieren. Marderhunde können sich mit SARS-CoV-2 infizieren und das Virus übertragen.
Damit ist jedoch nicht bewiesen, dass eines dieser Tiere tatsächlich infiziert war. Die Proben wurden nach Schließung des Marktes aus der Umgebung genommen. Virusmaterial und Tier-DNA in derselben Probe können von einem infizierten Tier stammen – ebenso aber von einem infizierten Menschen, der sich in der Nähe der Tiere aufhielt.
Gefunden wurde also ein Ort, an dem empfängliche Tiere und das Virus räumlich zusammentrafen. Nicht gefunden wurde das konkrete infizierte Tier, dessen Virus eindeutig als unmittelbarer Vorläufer von SARS-CoV-2 identifiziert werden konnte.
Geflügelmarkt in China
Erkrankte Laborbeschäftigte bleiben ein Indiz ohne Diagnose
Das Weiße Haus führt außerdem an, Mitarbeiter des Wuhan Institute of Virology seien bereits im Herbst 2019 an COVID-ähnlichen Symptomen erkrankt.
Nach Angaben der US-Geheimdienste wurden tatsächlich Erkrankungen mehrerer Beschäftigter gemeldet. Die Symptome waren jedoch nicht spezifisch für COVID-19. Einige der Betroffenen litten nach den vorliegenden Informationen wahrscheinlich an anderen Erkrankungen. Die Geheimdienste kamen deshalb zu dem Ergebnis, dass diese Krankheitsfälle für sich genommen weder einen Laborursprung beweisen noch widerlegen.
Entscheidend wären Blutproben, verlässliche Krankenakten oder positive SARS-CoV-2-Nachweise aus der Zeit vor dem bekannten Ausbruch. Solche öffentlich überprüfbaren Belege liegen nicht vor.
Auch hier gilt: Der Zeitpunkt macht die Erkrankungen verdächtig. Verdacht und Diagnose sind aber nicht dasselbe.
US-Geld floss nach Wuhan – der Kausalnachweis fehlt
Unstrittig ist, dass US-Forschungsgelder über die Organisation EcoHealth Alliance an das Wuhan Institute of Virology gelangten. Dort wurden Fledermaus-Coronaviren gesammelt und Experimente mit Virusvarianten durchgeführt.
Umstritten ist bereits die Bezeichnung dieser Arbeiten als »Gain-of-Function-Forschung«. Der Begriff kann allgemein jede Veränderung umfassen, durch die ein Organismus eine neue oder stärkere Eigenschaft erhält. In der amerikanischen Förderkontrolle wurde er zeitweise enger für besonders riskante Arbeiten mit möglichen Pandemieerregern verwendet.
Noch wichtiger ist die zweite Unterscheidung: Selbst wenn einzelne Experimente als Gain of Function eingeordnet werden, folgt daraus nicht, dass dabei SARS-CoV-2 oder dessen unmittelbarer Vorläufer erzeugt wurde.
Das NIAID erklärte, die im Rahmen des EcoHealth-Projekts untersuchten Viren seien genetisch zu weit von SARS-CoV-2 entfernt, um dessen Vorläufer zu sein. Auch der 2023 veröffentlichte Bericht der US-Geheimdienste hielt fest, es gebe keinen bekannten am Wuhan-Institut untersuchten Virus, der plausibel als direkter Vorläufer von SARS-CoV-2 gelten könne.
Mangelhafte Kontrolle, riskante Forschung und mögliche Verstöße gegen Förderbedingungen sind deshalb legitime Untersuchungsgegenstände. Sie ersetzen aber nicht den Nachweis, dass genau diese Forschung die Pandemie verursacht hat.
Ansicht eines SARS-CoV-2
Der Streit um »Proximal Origin« ist berechtigt – beweist aber keinen Laborunfall
Besonders stark greift das Weiße Haus die im März 2020 veröffentlichte Arbeit »The Proximal Origin of SARS-CoV-2« an. Der Artikel kam zu dem Ergebnis, die genetischen Eigenschaften des Virus sprächen nicht für eine gezielte Konstruktion. Er wurde anschließend häufig genutzt, um Behauptungen über ein künstlich hergestelltes Virus zurückzuweisen.
Interne E-Mails und Notizen zeigen, dass einige der beteiligten Forscher anfangs selbst einen Laborzusammenhang ernsthaft erwogen. Fauci und der damalige NIH-Direktor Francis Collins nahmen an frühen Gesprächen mit Wissenschaftlern teil.
Daraus folgt, dass die öffentliche Debatte über einen Laborursprung anfangs teilweise zu schnell und zu pauschal als Verschwörungstheorie abgetan wurde. Eine seriöse wissenschaftliche Prüfung hätte zwischen einem absichtlich konstruierten Virus und einem versehentlichen Laborzwischenfall unterscheiden müssen.
Die republikanische Ausschussmehrheit interpretiert die Kontakte als Beleg dafür, dass Fauci die Veröffentlichung angestoßen und auf ein gewünschtes Ergebnis hingewirkt habe. Die demokratische Minderheit bestreitet dies und erklärt, die Untersuchung habe keine entsprechende Anweisung oder Bestechung der Autoren nachgewiesen.
Dass Wissenschaftler ihre erste Einschätzung nach Diskussionen und weiteren Analysen änderten, ist allein noch kein Beweis einer Vertuschung. Umgekehrt wäre es ebenso falsch, politische oder institutionelle Eigeninteressen grundsätzlich auszuschließen.
Die WHO formuliert deutlich vorsichtiger
Die bisher umfassendste internationale Neubewertung veröffentlichte die wissenschaftliche WHO-Beratergruppe SAGO im Juni 2025. Sie berücksichtigte publizierte Forschung, Regierungsberichte, Geheimdienstaussagen, wissenschaftliche Präsentationen und weitere verfügbare Informationen.
Ihr Ergebnis: Das Gewicht der vorhandenen Belege spricht eher für eine Übertragung aus dem Tierreich – direkt von Fledermäusen oder über einen Zwischenwirt. Ein Laborzwischenfall könne aufgrund fehlender Informationen jedoch nicht ausgeschlossen werden.
Diese Einschränkung ist wesentlich. China hat der WHO unter anderem nicht sämtliche frühen genetischen Sequenzen, vollständige Angaben zu den auf den Märkten verkauften Tieren sowie ausreichend detaillierte Informationen über Arbeiten und Sicherheitsbedingungen in den Wuhaner Laboren zur Verfügung gestellt.
Die WHO bezeichnet ihre Untersuchung deshalb ausdrücklich als unvollendet.
Das fehlende Beweisstück belastet beide Erklärungen
Für die natürliche Übertragung fehlt der unmittelbare tierische Vorläufer. Es wurde weder ein infiziertes Markttier aus dem Dezember 2019 noch ein Virus gefunden, das SARS-CoV-2 so nahekommt, dass sich der Weg zum Menschen vollständig rekonstruieren ließe.
Für die Laborhypothese fehlt der Nachweis, dass das Wuhan-Institut SARS-CoV-2 oder einen fast identischen Vorläufer vor dem Ausbruch besaß. Ebenso fehlt eine dokumentierte Laborinfektion, ein positiver Bluttest eines Mitarbeiters oder ein belastbarer Unfallbericht.
Beide Seiten arbeiten deshalb mit Indizienketten.
Die Kette der natürlichen Übertragung stützt sich vor allem auf die Lage der frühesten Fälle, die Häufung positiver Proben im Tiermarkt, dort verkaufte empfängliche Arten und die Erfahrung mit früheren Coronavirus-Ausbrüchen.
Die Laborkette stützt sich vor allem auf den Standort eines führenden Coronavirus-Instituts in Wuhan, riskante Forschungsarbeiten, Sicherheitsbedenken, unvollständige chinesische Angaben und ungeklärte Erkrankungen von Mitarbeitern.
Keine dieser Ketten besitzt bislang das entscheidende Schlussglied.
Anthony Fauci am 1. April 2020 im Weißen Haus bei einer der täglichen Presseunterrichtungen der Coronavirus-Taskforce
Warum die Antwort trotzdem nicht akademisch ist
Der Ursprung entscheidet darüber, welche Risiken bei der nächsten Pandemie stärker beachtet werden müssen.
Kam das Virus über Wildtierhandel oder Tierhaltung zum Menschen, müssten Überwachung, Handelskontrollen und die frühzeitige Untersuchung tierischer Krankheitserreger erheblich verbessert werden.
War ein Laborzwischenfall verantwortlich, wären strengere internationale Sicherheitsstandards, unabhängige Kontrollen, transparente Unfallmeldungen und eine wesentlich schärfere Aufsicht über riskante Virusforschung erforderlich.
Tatsächlich wäre es fahrlässig, nur eine der beiden Gefahren ernst zu nehmen. Natürliche Übertragungen haben bereits mehrere Epidemien ausgelöst. Laborunfälle mit gefährlichen Erregern sind ebenfalls dokumentiert und grundsätzlich unvermeidbar, solange mit solchen Erregern gearbeitet wird.
Die sinnvolle Konsequenz lautet deshalb nicht, mit Sicherheitsmaßnahmen bis zur endgültigen Aufklärung zu warten.
Was bleibt
Die Laborhypothese ist keine Verschwörungstheorie. Sie ist ein plausibles Szenario, das aufgrund der Forschung in Wuhan, fehlender Transparenz und der Bewertungen mehrerer US-Geheimdienste ernsthaft untersucht werden muss.
Bewiesen ist sie nicht.
Das Weiße Haus geht noch einen erheblichen Schritt weiter: Es erklärt nicht nur einen Laborzwischenfall zur Wahrheit, sondern verbindet ihn mit Gain-of-Function-Forschung, amerikanischen Fördergeldern und einer gezielten Vertuschung durch Anthony Fauci. Für diese vollständige Kausalkette liegt öffentlich kein belastbarer Nachweis vor.
Gleichzeitig wäre auch die Aussage falsch, die natürliche Herkunft sei abschließend bewiesen. Die verfügbaren wissenschaftlichen Daten sprechen nach Bewertung der WHO stärker dafür, doch das infizierte Ausgangstier und der direkte Virusvorläufer wurden nicht gefunden.
Die ehrliche Antwort ist damit weniger befriedigend als beide politischen Lager es gern hätten: Der Ursprung von SARS-CoV-2 ist weiterhin ungeklärt. Das Weiße Haus hat aus einer berechtigten Hypothese ein amtliches Urteil gemacht – ohne die Beweislücke zu schließen.
SK