Finanzen

Der Euro hat eine Chance, die Europa selbst begrenzt

Warum der Dollar trotz Vertrauensdebatte dominiert – und ein gemeinsamer EU-Anleihemarkt zum entscheidenden Hebel werden könnte

7 Min.

27.08.2026

Die politische Unsicherheit in den USA hat eine alte Frage neu belebt: Könnte der Euro einen größeren Teil der Rolle übernehmen, die der Dollar seit Jahrzehnten im Weltfinanzsystem spielt? Erste Marktdaten sprechen dafür, dass Europas Währung an Attraktivität gewinnt. Doch aus einer attraktiven Währung wird noch lange keine globale Leitwährung.

Der Dollar ist noch immer eine Klasse für sich

Wer auf die Entwicklung der Währungsreserven blickt, erkennt zunächst wenig von einem Machtwechsel. Nach den jüngsten Daten des Internationalen Währungsfonds entfielen im ersten Quartal 2026 rund 57,13 Prozent der weltweiten Devisenreserven auf den US-Dollar. Der Euro kam auf 20,03 Prozent. Gegenüber dem Vorquartal stieg der Dollaranteil sogar, während der Euro leicht verlor. Wechselkurseffekte spielten dabei allerdings eine wesentliche Rolle.

Noch deutlicher wird der Vorsprung im täglichen Devisenhandel. Nach der jüngsten Dreijahreserhebung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich war der Dollar im April 2025 auf einer Seite von 89,2 Prozent aller Devisengeschäfte beteiligt. Beim Euro waren es 28,9 Prozent. Weil jede Devisentransaktion zwei Währungen umfasst, addieren sich diese Anteile auf 200 Prozent. Bemerkenswert ist dennoch: Der Euro-Anteil ist seit 2022 nicht gestiegen, sondern von 30,6 auf 28,9 Prozent gefallen.

Ein nahes Ende der Dollar-Dominanz lässt sich daraus kaum ableiten.

Andererseits bildet der Blick auf Währungsreserven und Devisenhandel nur einen Teil des Marktes ab.

Wo der Euro bereits deutlich gewinnt

Die Europäische Zentralbank kommt in ihrem jüngsten Bericht zur internationalen Rolle des Euro zu einem differenzierteren Befund. Über mehrere Indikatoren hinweg liegt der internationale Anteil der Gemeinschaftswährung bei rund 20 Prozent und ist über das vergangene Jahrzehnt moderat gestiegen.

Besonders auffällig ist der Anleihemarkt. Die internationale Ausgabe von Anleihen und Krediten in Euro stieg 2025 gegenüber dem Vorjahr um rund 30 Prozent auf mehr als 1,1 Billionen Dollar. Damit wurde der höchste Stand seit Einführung der Gemeinschaftswährung erreicht. Die internationale Emission von Euro-Anleihen allein legte um fast 50 Prozent zu. Auch bei grünen und nachhaltigen internationalen Anleihen überholte der Euro erstmals den Dollar.

Ausländische Anleger lenkten zugleich erhebliche Summen in den Euroraum. Die Nettozuflüsse in Portfolioanlagen überstiegen 2025 nach EZB-Angaben 850 Milliarden Euro und lagen damit nahe historischen Höchstständen. In mehreren Stressphasen 2025 und Anfang 2026 zeigte der Euro zudem Eigenschaften einer Fluchtwährung: Bei zunehmender Unsicherheit wertete er zusammen mit traditionellen sicheren Häfen wie dem Schweizer Franken und dem japanischen Yen auf.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Euro muss den Dollar nicht kurzfristig als wichtigste Reservewährung verdrängen, um für internationale Investoren relevanter zu werden.

Eine starke Währung braucht einen Markt dahinter

Genau an diesem Punkt liegt jedoch Europas struktureller Nachteil.

Wer weltweit große Dollarbestände halten will, findet einen enormen und hochliquiden Markt für US-Staatsanleihen. Treasuries können in riesigen Volumina gehandelt, als Sicherheiten eingesetzt und in praktisch jeder Marktlage schnell verkauft werden.

Im Euroraum existiert zwar ebenfalls ein großer Markt für Staatsanleihen. Er verteilt sich jedoch auf zahlreiche Emittenten: Deutschland gibt Bundesanleihen aus, Frankreich OATs, Italien BTPs und weitere Staaten ihre jeweils eigenen Papiere. Bonität, Liquidität, Rendite und Risiko unterscheiden sich.

Die EZB sieht genau darin eine Begrenzung für die internationale Rolle des Euro. Größere und liquidere Märkte für sichere Staatsanleihen erhöhen nach ihren Untersuchungen die Attraktivität einer Währung. Im Euroraum dagegen sei das Angebot erstklassiger Staatsanleihen nicht nur begrenzt, sondern fragmentiert.

Selbst deutsche Bundesanleihen können diesen Nachteil allein nicht ausgleichen. Die EZB schätzt den sogenannten Convenience Yield – vereinfacht den zusätzlichen Nutzen, den internationale Anleger aus Sicherheit, Liquidität und Währungseigenschaften eines Papiers ziehen – für Bundesanleihen 2025 auf etwa 90 Basispunkte. Bei US-Treasuries lag er bei rund 190 Basispunkten.

Der Wettbewerb zwischen Dollar und Euro wird damit nicht nur zwischen Washington und Frankfurt entschieden. Er wird auf den Anleihemärkten entschieden.

Hüthers Vorschlag berührt ein europäisches Tabu

Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, hat diese Debatte nun aufgegriffen. In einem am 26. August veröffentlichten Interview mit dem »Handelsblatt« fordert er, Europa müsse den gegenwärtigen Vertrauensverlust gegenüber den USA nutzen und den Euro langfristig zu einer globalen Leitwährung entwickeln. Dafür hält er perspektivisch einen größeren Markt gemeinsamer europäischer Anleihen für notwendig.

Damit ist er keineswegs allein. Auch die EZB argumentiert, dass gemeinsame Finanzierungen europäischer öffentlicher Güter einen größeren, sicheren und liquiden Bestand an EU-Schuldtiteln schaffen könnten. Für eine international stärker genutzte Währung seien zudem tiefere Kapitalmärkte, wirtschaftliche Stärke, verlässliche Institutionen und geopolitische Glaubwürdigkeit entscheidend.

Gemeinsame europäische Schulden existieren bereits. Die EU finanziert unter anderem Programme wie NextGenerationEU, den Verteidigungsmechanismus SAFE sowie Unterstützung für die Ukraine über Anleihen. Für 2026 plant die Europäische Kommission Emissionen von insgesamt 180 Milliarden Euro.

Für einen globalen Safe-Asset-Markt reicht das nach Einschätzung der EZB aber noch nicht. Der Bestand gemeinsamer EU-Anleihen sei zu klein und in seiner Struktur bislang nicht dauerhaft genug, um dieselbe Liquidität und die dazugehörigen Repo- und Derivatemärkte entstehen zu lassen, die US-Treasuries besitzen.

Hier beginnt allerdings die politische Dimension. Ein dauerhafter großer Markt gemeinsamer europäischer Schuldtitel wäre nicht nur ein technisches Kapitalmarktprojekt. Er würde die Frage berühren, welche Ausgaben gemeinsam finanziert werden, wer für Schulden einsteht und wie weit nationale Haushaltssouveränität zugunsten europäischer Finanzierung geteilt wird.

Für Anleger wäre ein stärkerer Euro nicht nur positiv

Mehr internationale Nachfrage nach Euro-Anlagen könnte Finanzierungskosten senken, die europäischen Kapitalmärkte vertiefen und die Abhängigkeit vom Dollar reduzieren. Unternehmen könnten sich häufiger in Euro finanzieren, während europäische Finanzplätze an Bedeutung gewinnen würden.

Eine stärkere internationale Währung hat jedoch auch eine andere Seite. EZB-Präsidentin Christine Lagarde verwies bereits darauf, dass die Flucht internationaler Anleger in den Euro Aufwertungsdruck erzeugen kann. Für eine stark exportorientierte Wirtschaftsregion ist das kein nebensächlicher Effekt: Ein höherer Wechselkurs verbilligt zwar Importe und Anlagen außerhalb des Euroraums, kann aber europäische Waren auf Auslandsmärkten verteuern und in Dollar erzielte Unternehmensgewinne bei der Umrechnung schmälern.

Für die Börse bedeutet die Internationalisierung des Euro deshalb nicht schlicht »Euro stark gleich Europa stark«. Sie verändert Kapitalströme, Renditen, Finanzierungskosten und Wechselkursrisiken gleichzeitig.

Der Dollar muss nicht fallen, damit der Euro gewinnt

Die entscheidende Frage lautet daher möglicherweise falsch, wenn sie nur nach einer Ablösung des Dollar fragt.

Netzwerkeffekte im internationalen Finanzsystem sind enorm. Wer Handel in Dollar abrechnet, Dollarreserven hält und sich in Dollar verschuldet, schafft wiederum Nachfrage nach Dollar. Diese Strukturen ändern sich langsamer als politische Mehrheiten.

Der Euro muss deshalb nicht zur unangefochtenen Nummer eins werden, um Europa erhebliche wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Schon eine stärkere Rolle als internationale Anlage-, Finanzierungs- und Reservewährung könnte die strategische Abhängigkeit vom Dollar verringern und europäische Kapitalmärkte attraktiver machen.

Die außergewöhnliche Entwicklung des Euro-Anleihemarktes zeigt, dass ein solches Zeitfenster tatsächlich existiert.

Ob Europa es nutzt, entscheidet allerdings nicht der Wechselkurs. Entscheidend ist, ob aus einer gemeinsamen Währung irgendwann auch ein ausreichend großer gemeinsamer Finanzmarkt wird.

Stefanie S. Klief

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