Finanzen

Nach Modernas 177-Prozent-Sprung rückt BioNTech in den Fokus

Der Durchbruch beim Krebsimpfstoff beflügelt die gesamte mRNA-Branche – doch der nächste Kurssprung braucht eigene Daten

8 Min.

21.08.2026

Stephane Bancel, der CEO von Moderna, in Cambridge, am 14.11.2022

177 Prozent Kursgewinn an einem einzigen Handelstag: Moderna hat an der Wall Street Erinnerungen an die spektakulärsten Bewegungen der Corona-Jahre geweckt. Diesmal war der Auslöser jedoch kein Impfstoff gegen ein Virus, sondern ein möglicher Durchbruch in der Krebsmedizin. Ein personalisierter mRNA-Impfstoff gegen Melanome erreichte in einer großen Phase-3-Studie seine wichtigsten Ziele. Prompt sprang auch die BioNTech-Aktie um rund 22 Prozent nach oben. Für Anleger beginnt damit die Suche nach dem nächsten Gewinner des mRNA-Comebacks. Doch Modernas Kursexplosion zeigt zugleich, wie nah in der Biotechnologie wissenschaftlicher Durchbruch, Börsenfantasie und enormes Rückschlagrisiko beieinanderliegen.

44 Milliarden Dollar mehr Börsenwert an einem Tag

Am Mittwoch schloss die Moderna-Aktie bei 174,38 Dollar und damit rund 177 Prozent höher als am Vortag. Allein durch diesen Kurssprung wuchs der Börsenwert des Unternehmens um etwa 44 Milliarden Dollar auf knapp 70 Milliarden Dollar.

Auslöser waren Ergebnisse einer Phase-3-Studie des gemeinsam mit Merck entwickelten Krebsimpfstoffs Intismeran autogene.

Die Behandlung kombiniert einen individuell für den jeweiligen Patienten hergestellten mRNA-Impfstoff mit Mercks bereits zugelassenem Krebsmedikament Keytruda. Dafür werden genetische Merkmale des Tumors analysiert und jene Mutationen ausgewählt, anhand derer das Immunsystem Krebszellen gezielt erkennen soll.

An der Studie nahmen 1.137 Patienten mit operativ entferntem Melanom in den Stadien IIB bis IV teil. Nach Angaben der Unternehmen erreichte die Kombination sowohl das primäre Ziel eines längeren rückfallfreien Überlebens als auch einen wichtigen sekundären Endpunkt hinsichtlich der Bildung entfernter Metastasen. Neue Sicherheitssignale seien nicht aufgetreten.

Damit gelang erstmals einer personalisierten mRNA-Krebstherapie in einer großen Phase-3-Studie ein solcher Erfolg.

Noch fehlen allerdings die vollständigen Daten.

Moderna und Merck haben bislang nicht veröffentlicht, um wie viel die Kombination das Risiko eines Rückfalls oder einer Metastasierung in der Phase-3-Studie konkret reduziert hat. Genau diese Details werden für Ärzte, Zulassungsbehörden und letztlich auch für die wirtschaftlichen Erwartungen entscheidend sein.

Die Börse handelte nicht nur Moderna

Die Nachricht veränderte innerhalb weniger Stunden die Bewertung einer ganzen Technologie. Merck gewann rund 13 Prozent. BioNTech stieg etwa 22 Prozent. Auch andere Unternehmen, die an Krebsimpfstoffen oder verwandten mRNA-Technologien arbeiten, legten zu.

Dahinter steckt eine einfache Überlegung. Wenn eine personalisierte mRNA-Therapie in einer zulassungsrelevanten Krebsstudie funktioniert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Prinzip auch bei anderen Tumorarten und bei konkurrierenden Plattformen medizinisch nutzbar sein könnte.

Für die mRNA-Branche wäre das ein fundamentaler Schritt. Während der Corona-Pandemie hatte die Technologie bewiesen, dass sich Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten schnell entwickeln und in riesigen Mengen herstellen lassen. Seitdem versuchen Moderna und BioNTech zu zeigen, dass mRNA weit mehr kann.

Krebs war schon lange vor Covid das eigentliche große Ziel.

BioNTech profitiert ausgerechnet von den Daten des Konkurrenten

Für BioNTech ist Modernas Erfolg deshalb besonders interessant. Das Mainzer Unternehmen verfolgt seit seiner Gründung das Ziel, das Immunsystem mit individuell oder tumorspezifisch zugeschnittenen Therapien gegen Krebs zu aktivieren.

Einer seiner fortgeschrittenen mRNA-Kandidaten ist BNT113. Dabei handelt es sich um eine sogenannte FixVac-Therapie gegen HPV16-positive Kopf-Hals-Tumoren. Sie wird bereits in einer Phase-3-Studie untersucht. BioNTech hatte zu Jahresbeginn Studiendaten noch für 2026 angekündigt.

Daneben entwickelt BioNTech gemeinsam mit Genentech, einem Unternehmen des Roche-Konzerns, die personalisierte mRNA-Krebsimmuntherapie Autogene Cevumeran. Sie wird unter anderem bei Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs getestet. Auch für dieses Programm hatte BioNTech für 2026 weitere Daten vorgesehen.

Modernas Erfolg ist deshalb mehr als gute Nachrichten eines Wettbewerbers.

Er liefert einen klinischen Hinweis darauf, dass das Grundprinzip, für das BioNTech seit Jahren Milliarden investiert, tatsächlich bis in eine erfolgreiche Phase-3-Studie getragen werden kann. Aber genau hier beginnt die Grenze der Börsenlogik.

Eine Plattform kann funktionieren – und ein einzelnes Medikament trotzdem scheitern

Dass mRNA grundsätzlich als Krebstherapie funktionieren kann, bedeutet nicht, dass BioNTechs Kandidaten automatisch erfolgreich werden. Krebs ist keine einzelne Krankheit.

Tumorarten unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer Mutationen, ihrer biologischen Umgebung und der Fähigkeit des Immunsystems, sie zu erkennen.

Melanome gelten als besonders mutationsreiche Tumoren und sprechen vergleichsweise gut auf bestimmte Immuntherapien an. Deshalb lässt sich der Moderna-Erfolg nicht ohne Weiteres auf Darm-, Bauchspeicheldrüsen-, Lungen- oder Kopf-Hals-Tumoren übertragen.

Hinzu kommt das typische Entwicklungsrisiko der Pharmaindustrie.

Zwischen einem überzeugenden biologischen Konzept und einem zugelassenen Medikament liegen klinische Studien mit Hunderten oder Tausenden Patienten. Selbst spät entwickelte Medikamente können noch an mangelnder Wirksamkeit oder unerwarteten Nebenwirkungen scheitern.

Genau deshalb können einzelne Studienergebnisse bei Biotech-Aktien zweistellige Milliardenbeträge an Börsenwert schaffen – oder vernichten.

BioNTech hat noch 2026 mehrere Kurskatalysatoren

Das Unternehmen verfügt mittlerweile über 14 laufende zulassungsrelevante Studien und mehr als zehn neuartige Kombinationstherapien gegen verschiedene häufige Tumorarten.

Anfang August kündigte BioNTech für den Rest des Jahres noch drei wichtige Datenveröffentlichungen aus spätklinischen Programmen an. Sie betreffen Immunmodulatoren, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate und mRNA-Krebsimmuntherapien.

Zu Jahresbeginn war die Liste noch länger. Damals plante BioNTech unter anderem Daten zu BNT113, Autogene Cevumeran, dem Immunmodulator Gotistobart und mehreren Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten. Für Trastuzumab Pamirtecan, einen Antikörper-Wirkstoff-Konjugat-Kandidaten gegen verschiedene HER2-exprimierende Tumoren, wird die primäre Analyse einer Phase-3-Brustkrebsstudie derzeit im vierten Quartal erwartet.

Jede dieser Studien besitzt das Potenzial, die wirtschaftlichen Erwartungen an einzelne Teile der Pipeline erheblich zu verändern. Modernas Börsentag hat gerade gezeigt, wie heftig diese Neubewertung ausfallen kann.

BioNTech besitzt einen Vorteil, den viele Biotechs nicht haben

Dabei unterscheidet sich BioNTech finanziell deutlich von kleineren Biotechnologieunternehmen. Ende Juni verfügte der Konzern über liquide Mittel und Wertpapieranlagen von insgesamt 16,6 Milliarden Euro. Das verschafft dem Unternehmen einen ungewöhnlich großen Puffer.

Viele Biotechs müssen neue Studien regelmäßig durch Kapitalerhöhungen finanzieren. Fällt eine Studie negativ aus, kann zusätzlich zum Kurseinbruch die nächste Finanzierungsrunde drohen.

BioNTech kann dagegen auch mehrere Rückschläge verkraften und parallel zahlreiche Programme entwickeln. Dieser Vorteil stammt noch immer zu einem großen Teil aus den Milliardengewinnen der Corona-Jahre.

Gleichzeitig wird sichtbar, wie teuer der Umbau zum Onkologieunternehmen ist.

Im zweiten Quartal erzielte BioNTech lediglich 105,6 Millionen Euro Umsatz und verbuchte einen Nettoverlust von 820,8 Millionen Euro. Allein Forschung und Entwicklung kosteten 551 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr erwartet BioNTech inzwischen Umsätze von 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro bei bereinigten Forschungs- und Entwicklungsausgaben von 2 bis 2,3 Milliarden Euro. Der heutige Börsenwert lebt daher zu einem erheblichen Teil von Medikamenten, die noch gar nicht zugelassen sind.

Modernas 177 Prozent waren nicht nur Wissenschaft

Auch Modernas spektakulärer Kursanstieg sollte deshalb nicht allein als direkte Übersetzung des medizinischen Erfolgs in Unternehmenswert gelesen werden.

Vor der Veröffentlichung hatten Anleger massiv gegen die Aktie gewettet. Rund 13,5 Prozent der frei handelbaren Aktien waren leerverkauft. Als der Kurs nach den positiven Studiendaten stark stieg, dürften einige Leerverkäufer gezwungen gewesen sein, ihre Positionen durch Aktienkäufe zu schließen. Ein solcher Short Squeeze kann Kursbewegungen zusätzlich beschleunigen.

Wie schnell Euphorie wieder korrigiert werden kann, zeigte bereits der folgende Handelstag. Nachdem Moderna am Mittwoch 177 Prozent gewonnen hatte, verlor die Aktie am Donnerstag mehr als 20 Prozent.

An der medizinischen Nachricht hatte sich innerhalb dieser 24 Stunden nichts geändert. An der Bewertung schon.

BioNTech braucht jetzt seinen eigenen Moderna-Moment

Für BioNTech hat die erfolgreiche Moderna-Studie deshalb zwei Seiten.

Wissenschaftlich stärkt sie die These, dass mRNA-Krebstherapien tatsächlich zu einer neuen Medikamentenklasse werden können. Damit gewinnt eine Pipeline an Glaubwürdigkeit, in die BioNTech seit Jahren massiv investiert.

Börslich ist dagegen bereits ein Teil dieser Hoffnung eingepreist.

Ein Kursplus von rund 22 Prozent auf Basis der Studiendaten eines Konkurrenten ist noch kein Beweis dafür, dass BioNTech selbst kurz vor einem vergleichbaren Durchbruch steht. Dafür braucht das Unternehmen eigene Daten. Die Gelegenheit dazu kommt noch in diesem Jahr.

Und genau deshalb könnte Modernas 177-Prozent-Tag für Anleger am Ende weniger der Abschluss eines spektakulären Börsenereignisses gewesen sein als der Beginn einer neuen Bewertungsrunde für die gesamte Krebsmedizin auf mRNA-Basis.

Wer dabei das nächste Kursfeuerwerk sucht, sollte allerdings die vielleicht wichtigste Lehre dieses Sektors nicht vergessen:

Bei Biotech-Aktien liegt zwischen Rakete und Absturz manchmal nur eine einzige Studie.

Stefanie S. Klief

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