Finanzen

BörsenWoche: Zwei Märkte, zwei Geschichten

Was die Märkte diese Woche wirklich erzählt haben

Aktienanleger kaufen den KI-Boom, Bondinvestoren verlangen immer höhere Renditen. Öl fällt zeitweise unter 100 Dollar, Deutschland verliert beim Konsum an Zuversicht. Hinter den Gegensätzen steckt dieselbe Frage: Wie lange trägt Wachstum, wenn seine Finanzierung immer teurer wird?

12 Min.

26.09.2026

Die Börsenwoche vom 21. bis 25. September brachte einen ungewöhnlichen Gegensatz hervor.

Am Aktienmarkt kehrte die Risikofreude zurück. Der Nasdaq erreichte am Dienstag ein Rekordhoch, der S&P 500 gewann über die Woche 1,2 Prozent und der Nasdaq sogar 2 Prozent. Weltweit flossen netto 44,1 Milliarden Dollar in Aktienfonds – so viel wie seit Anfang Juli nicht mehr. Allein US-Aktienfonds zogen 37,6 Milliarden Dollar an.

Gleichzeitig sendete der Anleihemarkt ein völlig anderes Signal.

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg am Freitag zwischenzeitlich auf 5,2297 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2007. Dreißigjährige US-Papiere erreichten sogar 5,5319 Prozent – den höchsten Wert seit 2004. Die Schwankungsintensität am amerikanischen Bondmarkt, gemessen am MOVE-Index, sprang innerhalb einer Woche um rund 30 Prozent.

  • Aktien kaufen Wachstum.
  • Anleihen verlangen einen höheren Preis für Kapital.

Zwischen diesen beiden Welten bewegten sich die Märkte in dieser Woche.

Der Aktienmarkt wettet weiter auf KI

Den entscheidenden Impuls lieferte erneut künstliche Intelligenz.

Meta gewann im Wochenverlauf rund 13 Prozent, nachdem der neue KI-Assistent Muse bei Nutzern stark angenommen wurde. Seit der Einführung Anfang September hat die Aktie zeitweise mehr als 20 Prozent zugelegt und über 200 Milliarden Dollar Börsenwert hinzugewonnen.

Am Freitag sprang Microsoft um 3,7 Prozent, nachdem der Konzern neue Copilot-Funktionen vorgestellt hatte, darunter einen Coding-Assistenten und dauerhaft aktive KI-Agenten. Qualcomm gewann 4 Prozent, Dell 5 Prozent. Akamai legte nach Bekanntgabe eines Cloud-Vertrags mit Anthropic im Volumen von 11,6 Milliarden Dollar ebenfalls deutlich zu.

Das erklärt, warum die großen US-Indizes steigende Zinsen bislang vergleichsweise gut verkraften.

Der Markt erwartet, dass KI-Investitionen nicht nur Wachstum erzeugen, sondern zunehmend in reale Umsätze und Gewinne übergehen. Goldman Sachs zufolge treiben KI-Investitionen inzwischen fast die Hälfte des diesjährigen Gewinnwachstums je Aktie im S&P 500.

Die entscheidende Veränderung liegt also nicht darin, dass Anleger hohe Zinsen plötzlich unwichtig finden.

Sie setzen darauf, dass bestimmte Unternehmen schneller wachsen als ihre Finanzierungskosten steigen.

Doch ausgerechnet der Bondmarkt wird beim KI-Boom skeptischer

Spannend ist, dass dieselben Unternehmen am Anleihemarkt inzwischen anders behandelt werden.

Investoren verlangen für Schuldverschreibungen großer KI-Unternehmen zunehmend höhere Risikoaufschläge. Hintergrund ist nicht die Angst vor Zahlungsausfällen. Unternehmen wie Meta, Alphabet oder andere Hyperscaler verfügen über starke Bilanzen.

Das Problem ist die enorme Menge an Kapital, die sie benötigen.

Nach Schätzungen von Goldman Sachs könnte allein die Bruttoverschuldung der großen Hyperscaler 2027 auf 420 Milliarden Dollar steigen – 60 Prozent mehr als für 2026 erwartet. Die Risikoaufschläge KI-bezogener Unternehmensanleihen liegen inzwischen bei rund 115 Basispunkten, gegenüber 78 Basispunkten für den breiteren Investment-Grade-Markt.

Damit entsteht innerhalb desselben KI-Booms eine bemerkenswerte Trennung.

Aktienanleger feiern die erwarteten Gewinne.

Anleiheinvestoren fragen zunehmend, wie teuer es wird, sie überhaupt zu erwirtschaften.

Die zweite Rechnung dürfte für die kommenden Jahre wichtiger werden.

Denn Rechenzentren, Chips, Stromnetze und Cloud-Infrastruktur werden nicht kostenlos gebaut. Je länger Staatsanleiherenditen hoch bleiben, desto stärker steigen auch die Finanzierungskosten dieser Investitionen.

Öl fällt unter 100 Dollar – und springt wieder zurück

Der zweite Taktgeber der Woche blieb der Ölpreis.

Zum Wochenbeginn fiel Brent zeitweise unter 100 Dollar je Barrel. Hoffnungen auf diplomatische Fortschritte zwischen Washington und Teheran sowie wieder steigende saudische Lieferungen sorgten für Entspannung. Am Mittwoch sprang Öl jedoch um knapp 4 Prozent nach oben, bevor die Preise am Freitag erneut deutlich nachgaben.

Brent beendete den Freitag bei 104,32 Dollar je Barrel. Auf Wochensicht blieb ein Plus von weniger als einem Prozent. WTI verlor dagegen rund 8 Prozent und schloss bei 92,41 Dollar.

Die ungewöhnlich große Differenz zeigt, wie stark politische und regionale Faktoren inzwischen in den Ölmarkt eingreifen.

US-amerikanische und iranische Unterhändler prüfen derzeit einen stufenweisen Weg aus dem Krieg. Dabei soll Iran die Straße von Hormus wieder vollständig öffnen, während Washington im Gegenzug seine wirtschaftliche Blockade lockern würde. Eine Einigung gibt es bislang nicht.

Gleichzeitig dauern Angriffe der Huthi auf Saudi-Arabien an. Öl bleibt deshalb weniger ein klassischer Rohstoffpreis als ein permanenter Nachrichtenindikator für geopolitisches Risiko.

Hormus bleibt der schnellste Weg von Geopolitik zu Inflation

Vor Beginn des Iran-Krieges liefen rund 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung durch die Straße von Hormus.

In der Woche seit dem 20. September wurden dort nach vorläufigen Kpler-Daten 33,7 Millionen Barrel Rohöl transportiert. Damit bewegen sich die Liefermengen ungefähr auf dem Niveau der Vorwoche – von einer Normalisierung kann aber weiterhin keine Rede sein.

Für die Finanzmärkte reicht deshalb schon die Aussicht auf diplomatische Fortschritte, um mehrere Anlageklassen gleichzeitig zu bewegen.

  • Öl fällt.
  • Inflationserwartungen sinken.
  • Anleiherenditen geben nach.
  • Aktien steigen.

Am Freitag war genau dieser Mechanismus zu beobachten: Die Ölpreise fielen um rund zwei Prozent und die zuvor stark gestiegenen US-Anleiherenditen kamen etwas zurück.

Die vergangenen Wochen haben damit gezeigt, wie eng Energie- und Kapitalmärkte inzwischen gekoppelt sind.

Der eigentliche Stress sitzt weiterhin am Anleihemarkt

Trotz des Rückgangs am Freitag bleibt das Niveau der Renditen außergewöhnlich hoch.

Die zehnjährige US-Rendite überschritt im Wochenverlauf erstmals seit 2007 deutlich die Marke von 5,2 Prozent. Dreißigjährige Papiere handelten auf dem höchsten Niveau seit mehr als 20 Jahren. Auch die Renditen von Staatsanleihen im Euroraum stiegen die siebte Woche in Folge.

Dahinter stehen gleich mehrere Faktoren.

  • Die Inflation bleibt hoch.
  • Die Konjunktur hält sich besser als erwartet.
  • Die Notenbanken signalisieren weitere Straffung.
  • Staaten sowie Unternehmen benötigen gleichzeitig enorme Mengen Kapital.

Fed-Vertreter machten in dieser Woche zudem deutlich, dass der Inflationsdruck nicht mehr allein mit Öl und Zöllen erklärt werden kann. Richmond-Fed-Präsident Tom Barkin verwies auch auf starke Nachfrage und eine breiter werdende wirtschaftliche Dynamik.

Die Finanzmärkte rechnen deshalb inzwischen mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 60 Prozent mit einer weiteren Fed-Zinserhöhung im Oktober.

Damit wird aus »higher for longer« zunehmend eine andere Frage: Wie viel höher?

Deutschland bekommt den Ölpreis bereits beim Verbraucher zu spüren

Während die amerikanischen Aktienmärkte von der KI-Euphorie profitieren, bleibt die Lage in Deutschland wesentlich nüchterner.

Der DAX schloss am Freitag bei 25.408,64 Punkten. Auf Wochensicht gewann er lediglich 0,4 Prozent, beendete damit aber immerhin eine dreiwöchige Verlustserie. Der STOXX 600 legte über die Woche 0,5 Prozent zu.

Die Bundesbank erklärte zu Wochenbeginn, dass die deutsche Wirtschaft im Sommer an Schwung verloren habe. Schwächere Exporte, verhaltener Konsum und niedrige Wasserstände belasteten. Für das Schlussquartal erwartet sie zwar weiterhin eine moderate Erholung, verweist aber ausdrücklich auf die Entwicklung im Nahen Osten und die Energiepreise als Risiko.

Noch deutlicher wurde die Belastung am Freitag beim Konsum.

Das deutsche Konsumklima für Oktober fiel von revidiert minus 26,8 auf minus 30,6 Punkte und damit wesentlich stärker als erwartet. Die Einkommenserwartungen brachen auf den niedrigsten Stand seit April ein. Gleichzeitig stieg die Sparneigung auf den höchsten Wert seit der Finanzkrise 2008.

Die Ursache benennt die Umfrage ziemlich klar:

Viele Haushalte erwarten, dass hohe Energiepreise ihre Kaufkraft schmälern. Damit erreicht der geopolitische Konflikt endgültig den deutschen Alltag.

Nicht abstrakt über Börsenkurse, sondern über Einkommenserwartungen, Konsum und Sparverhalten.

Europa profitiert kurzfristig von fallendem Öl

Der STOXX 600 zeigte gleichzeitig, wie direkt der Ölpreis inzwischen einzelne Branchen bewegt.

Am Freitag gehörten Energiewerte mit einem Minus von 1,3 Prozent zu den schwächsten Sektoren. Fluggesellschaften profitierten dagegen von fallenden Treibstoffkosten: Ryanair und Lufthansa gewannen jeweils mehr als 2 Prozent. Banken legten 1,3 Prozent zu.

Darin zeigt sich die neue Marktmechanik.

Ein niedrigerer Ölpreis ist nicht einfach nur »gut für Aktien«.

  • Er verteilt Gewinne und Verluste neu.
  • Produzenten verlieren Preissetzungsmacht.
  • Transport- und Reiseunternehmen gewinnen Kostenspielraum.
  • Zugleich sinkt der Druck auf die Notenbanken.

Gold verliert den Kampf gegen fünf Prozent Rendite

Dass hohe Zinsen inzwischen selbst geopolitische Krisen überlagern können, zeigt Gold.

Das Edelmetall verlor in dieser Woche rund 2,1 Prozent. Am Freitag notierte Spot-Gold bei etwa 4.283 Dollar je Feinunze.

Das wirkt zunächst paradox.

  • Der Krieg mit Iran ist nicht beendet.
  • Die Straße von Hormus bleibt unsicher.
  • Inflationsrisiken sind hoch.

Eigentlich klassische Argumente für Gold.

Doch eine zehnjährige US-Staatsanleihe mit mehr als 5 Prozent Rendite verändert die Rechnung. Gold zahlt keine laufenden Erträge. Steigen sichere Renditen, erhöhen sich deshalb die Opportunitätskosten des Edelmetalls.

Der Goldpreis erzählt damit dieselbe Geschichte wie der Bondmarkt:

Sicherheit hat wieder einen Preis. Und inzwischen zahlt sie sogar Zinsen.

44 Milliarden Dollar zeigen, dass Anleger trotzdem Risiko kaufen

Bemerkenswert ist deshalb, wie offensiv Anleger in dieser Woche wieder Aktien kauften.

Weltweit flossen netto 44,1 Milliarden Dollar in Aktienfonds. Technologie-Fonds erhielten 5,29 Milliarden Dollar – so viel wie seit Ende Juli nicht mehr. Gleichzeitig verzeichneten staatliche Anleihefonds Nettoabflüsse von 1,47 Milliarden Dollar.

Das ist keine klassische Flucht vor hohen Zinsen. Es ist eine Auswahlentscheidung.

Anleger ziehen sich nicht grundsätzlich aus Risiko zurück. Sie konzentrieren sich dort, wo sie genügend Gewinnwachstum erwarten, um hohe Finanzierungskosten zu kompensieren.

Momentan heißt dieser Bereich vor allem:

künstliche Intelligenz.

Somit können Aktien und Anleihen derzeit scheinbar gegensätzliche Botschaften senden, ohne sich tatsächlich zu widersprechen.

Was diese Börsenwoche wirklich erzählt hat

Die große Geschichte dieser Woche ist damit etwas anders als in den Wochen zuvor.

Öl und Zinsen bleiben wichtig. Doch inzwischen zeigt sich deutlicher, was sie innerhalb der Märkte anrichten.

Kapital wird teurer.

Und damit trennt der Markt zunehmend zwischen Unternehmen, Branchen und Volkswirtschaften, die hohe Kapitalkosten durch Wachstum ausgleichen können – und denen, die das nicht können.

KI-Unternehmen stehen derzeit auf der Gewinnerseite dieser Rechnung. Aber selbst dort zeigt der Anleihemarkt erste Grenzen.

Die Aktienkurse großer Technologieunternehmen steigen, während ihre Gläubiger immer höhere Aufschläge verlangen, um den gewaltigen Infrastrukturboom zu finanzieren.

Deutschland steht auf der anderen Seite der Gleichung.

Hier treffen hohe Energiepreise auf schwächeren Konsum und eine fragile Konjunkturerholung.

Die gemeinsame Klammer lautet deshalb nicht mehr nur: Öl treibt Inflation, Inflation treibt Zinsen.

Sie lautet inzwischen: Hohe Zinsen verändern, welche Art von Wachstum sich noch lohnt.

Was in der kommenden Woche wichtig wird

Die kommende Woche dürfte diese Rechnung gleich mehrfach testen.

Am Mittwoch veröffentlicht das US-Handelsministerium den PCE-Preisindex für August – das bevorzugte Inflationsmaß der Federal Reserve. Die Kernrate lag zuletzt bei 3,3 Prozent und damit weiterhin deutlich oberhalb des Fed-Ziels. Am selben Tag folgen aktualisierte Daten zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt und zu den Unternehmensgewinnen.

Ebenfalls am Mittwoch legt Micron Quartalszahlen vor. Nach der erneuten KI-Rally wird der Speicherchiphersteller damit zu einem wichtigen Test dafür, ob die hohen Erwartungen an den Infrastrukturboom durch reale Gewinne bestätigt werden.

Am Freitag folgt der wichtigste Konjunkturtermin der Woche: der amerikanische Arbeitsmarktbericht für September. Ökonomen rechnen bislang mit rund 100.000 neuen Stellen und einer Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent. Ein deutlich stärkerer Bericht dürfte die Erwartungen an eine weitere Zinserhöhung im Oktober erhöhen.

Am selben Tag veröffentlicht Eurostat die erste Schätzung der September-Inflation für den Euroraum. Im August lag die endgültige Rate bei 3,2 Prozent; Energie trug besonders stark zum Preisanstieg bei.

Und über all diesen Daten steht weiterhin die politische Variable, die keine Notenbank kontrollieren kann.

Die Straße von Hormus.

Sollten die Gespräche zwischen Washington und Teheran tatsächlich Fortschritte bringen, könnte der Ölpreis erstmals seit Monaten nachhaltiger unter Druck geraten.

Dann würden sich gleich mehrere Rechnungen verändern.

  • Inflation.
  • Zinsen.
  • Anleihen.

Und damit die Bewertung von Aktien.

Scheitern die Gespräche, dürfte genau jene Kausalkette zurückkehren, die die Märkte seit Wochen begleitet.

Nur mit inzwischen deutlich höheren Anleiherenditen.

Stefanie S. Klief


Die Märkte produzieren täglich Schlagzeilen. Einmal pro Woche treten wir einen Schritt zurück: Wir verbinden die wichtigsten Kursbewegungen mit Konjunktur, Zinsen, Inflation, Rohstoffen und Unternehmenszahlen – und schauen darauf, was die vergangene Woche für die nächste bedeutet.

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