Finanzen

Familienunternehmen öffnen sich für Investoren – ohne die Kontrolle abzugeben

Immer mehr Mittelständler holen Finanzinvestoren ins Unternehmen – ohne die Kontrolle aus der Hand zu geben

7 Min.

23.09.2026

Beim Global Disability Summit 2025 in Berlin begrüßen eine Ottobock-Mitarbeiterin und Hans Georg Näder - Geschäftsführer der Ottobock-Firmengruppe - den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz.

Ein Familienunternehmen weiterzugeben bedeutete lange vor allem eines: Das Eigentum sollte in der Familie bleiben. Externe Finanzinvestoren passten kaum in dieses Selbstverständnis. Doch diese Grenze wird durchlässiger. Familienunternehmen öffnen sich für Private Equity, häufig bewusst als Minderheitsgesellschafter und für einen begrenzten Zeitraum. Dahinter steckt mehr als ein Imagewandel der Finanzbranche. Wachstum wird kapitalintensiver, Internationalisierung komplexer, Digitalisierung teurer – und nicht jede nächste Generation kann oder will sämtliche Aufgaben allein übernehmen. Damit entsteht zwischen Familienbesitz und Unternehmensverkauf ein Modell, das im deutschen Mittelstand immer wichtiger wird.

Private Equity war für viele Familienunternehmen lange fast undenkbar

Wie grundlegend sich die Haltung verändert hat, zeigt ein Blick zurück.

Eine WHU-Untersuchung zur Finanzierung von Familienunternehmen kam 2009 noch zu einem ausgesprochen distanzierten Ergebnis. Nur 19 Prozent der befragten Familienunternehmen nannten klassische Finanzinvestoren wie Private-Equity-Fonds als bevorzugte Partner für einen Beteiligungsverkauf. Unternehmer oder Beteiligungsgesellschaften anderer Unternehmer standen deutlich höher im Kurs. Als wichtiger Grund galt der Wunsch nach loyalen, langfristigen Beziehungen.

Vierzehn Jahre später ergab eine PwC-Befragung ein beinahe entgegengesetztes Bild.

90 Prozent der 200 befragten Familienunternehmen konnten sich grundsätzlich eine Private-Equity-Beteiligung vorstellen. Zehn Jahre zuvor waren es nach Angaben von PwC erst 61 Prozent gewesen, 2011 sogar nur 18 Prozent. Von den befragten Familienunternehmen bevorzugten 54 Prozent eine Minderheitsbeteiligung, um ihre Mitspracherechte zu behalten.

Damit hat sich nicht nur das Image der Investoren verändert. Auch die Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Familienunternehmen zu sein, wird weiter.

Eigentum teilen, ohne die Kontrolle aufzugeben

Das neue Modell lässt sich bei einigen bekannten Mittelständlern beobachten.

Der Sensor- und Automatisierungsspezialist ifm holte 2025 KKR als Minderheitsgesellschafter an Bord. Die Gründerfamilien blieben Mehrheitseigentümer und führen das Unternehmen weiter. ifm begründete den Schritt ausdrücklich damit, nachhaltiges Wachstum und den Erfolg des Unternehmens für die nächste Generation zu sichern.

Beim Raumfahrtunternehmen OHB hält KKR nach Abschluss der Transaktion rund 28,6 Prozent. Die Familie Fuchs blieb mit rund 65,4 Prozent Mehrheitsaktionärin. Zusätzlich brachte eine Kapitalerhöhung OHB rund 77 Millionen Euro für seine Wachstumsstrategie.

In beiden Fällen lautet die Konstruktion nicht: Familie raus, Finanzinvestor rein. Sie lautet: Familie plus Finanzinvestor.

Das verändert die Funktion von Private Equity erheblich. Der Investor wird nicht zwangsläufig zum Käufer des Lebenswerks, sondern kann zeitweise zusätzliches Kapital, M&A-Erfahrung, internationale Netzwerke oder Know-how beim Ausbau professioneller Strukturen liefern.

Ottobock zeigt, dass ein Investor auch wieder gehen kann

Noch deutlicher wird dieses Prinzip bei Ottobock. 2017 verkaufte die Familie Näder 20 Prozent des Prothesenherstellers an EQT. Es war der erste familienfremde Gesellschafter in 98 Jahren Firmengeschichte. Die Familie hielt weiterhin 80 Prozent.

Sechs Jahre später kaufte sie den Anteil zurück. Nach Angaben Ottobocks war der Umsatz während der gemeinsamen Zeit durchschnittlich um rund acht Prozent pro Jahr gestiegen, das bereinigte Ebitda hatte sich mehr als verdoppelt. Das Unternehmen wurde organisatorisch professionalisiert und nach eigener Darstellung bis zur Börsenreife entwickelt. Seit März 2024 gehörte Ottobock zunächst wieder vollständig der Familie. Im Oktober 2025 folgte der Börsengang; die Näder Holding blieb dabei Mehrheitsaktionärin und behielt die Kontrolle über das Unternehmen.

Natürlich lässt sich daraus nicht ableiten, dass EQT allein dieses Wachstum verursacht hat. Aber der Fall illustriert eine Konstruktion, die für Familienunternehmen attraktiv sein kann: Ein Finanzinvestor muss kein Eigentümer für Generationen sein. Er kann Partner für eine bestimmte Unternehmensphase sein.

Denn Wachstum kostet inzwischen sehr viel Geld

Dass dieses Modell an Bedeutung gewinnt, hat auch mit den Veränderungen im Mittelstand selbst zu tun.

Internationale Expansion verlangt neue Standorte und Vertriebsstrukturen. Digitalisierung betrifft längst nicht mehr nur die Unternehmenssoftware, sondern Produktion, Produkte, Datenanalyse und zunehmend künstliche Intelligenz. Neue Technologien müssen entwickelt, Unternehmen übernommen, Lieferketten umgebaut und neue Märkte erschlossen werden.

Die Eigenfinanzierung, auf die viele Familienunternehmen traditionell stolz sind, kann damit an Grenzen stoßen.

In der PwC-Studie nannten 92 Prozent der befragten Familienunternehmen eine bessere Kapitalausstattung, Unterstützung bei Wachstumszielen sowie operative Verbesserungen und Effizienzsteigerungen als Erwartungen an einen Private-Equity-Partner. Private Equity liefert dabei etwas, das ein normaler Kredit nicht liefert: Eigenkapital.

Der Unterschied ist erheblich. Eine Bank erwartet Zinsen und Rückzahlung. Ein Gesellschafter trägt unternehmerisches Risiko mit – erhält dafür aber Einfluss und einen Anteil am Wert des Unternehmens. Und dort beginnt der schwierigere Teil der Partnerschaft.

Kapital ist nicht das einzige Auswahlkriterium

Für ein börsennotiertes Unternehmen ist eine Aktie zunächst ein handelbarer Vermögenswert. In Familienunternehmen steckt im Eigentum häufig wesentlich mehr: Identität, Geschichte, der Name einer Familie und der Anspruch, das Unternehmen an die nächste Generation weiterzugeben.

Deshalb entscheidet bei einem Investor nicht nur die Höhe des Kaufpreises.

PwC stellte bereits 2023 fest, dass für die befragten Familienunternehmen Strategie, Anlagehorizont und Image eines möglichen Partners wichtiger waren als rein monetäre Kriterien. Gleichzeitig zeigte die Untersuchung einen grundlegenden Interessenkonflikt: Während 54 Prozent der Familienunternehmen eine Minderheitsbeteiligung bevorzugten, planten 85 Prozent der befragten Private-Equity-Gesellschaften eher Mehrheitsübernahmen.

Das erklärt, warum aus grundsätzlicher Offenheit noch lange kein Deal wird.

Familien denken häufig in Generationen.

Private-Equity-Fonds arbeiten typischerweise mit begrenzten Investitionszeiträumen und müssen ihren Anteil irgendwann wieder verkaufen. Schon beim Einstieg muss deshalb geklärt sein, was beim Ausstieg passieren kann.

Der wichtigste Vertragspunkt liegt möglicherweise Jahre in der Zukunft

Was geschieht, wenn der Investor verkaufen möchte?

Kann die Familie die Anteile zurückkaufen?

Darf der Finanzinvestor an einen anderen Investor verkaufen? Gibt es Mitspracherechte bei wichtigen Entscheidungen? Welche Verschuldung ist akzeptabel? Wie stark darf in das operative Geschäft eingegriffen werden? Was passiert, wenn Familie und Investor unterschiedliche Vorstellungen vom Wachstum entwickeln?

Eine Minderheitsbeteiligung klingt zunächst nach einem einfachen Kompromiss. Rechtlich und unternehmerisch muss aber sehr präzise festgelegt werden, welche Rechte diese Minderheit besitzt.

Ottobock konnte seine Beteiligung zurückholen. Das ist eine mögliche Variante. Bei anderen Unternehmen kann der Investor an den nächsten Finanzinvestor verkaufen, einen strategischen Käufer suchen oder gemeinsam mit der Familie einen Börsengang vorbereiten.

Der Einstieg ist deshalb immer auch eine Entscheidung über mögliche spätere Eigentumsverhältnisse.

Und dann kommt die Nachfolge

Noch ein zweiter Trend dürfte die Öffnung beschleunigen.

Viele deutsche Familienunternehmen stehen in den kommenden Jahren vor einem Generationenwechsel. Nicht überall gibt es innerhalb der Familie jemanden, der das Unternehmen übernehmen möchte oder für eine Übernahme genügend Kapital besitzt.

Ein externer Investor kann in solchen Situationen unterschiedliche Funktionen erfüllen.

Er kann einen Teil der Familie auszahlen, während andere Gesellschafter beteiligt bleiben. Er kann Wachstum finanzieren, ohne dass die Familie ihre Mehrheit verliert. Oder er kann eine Übergangsphase begleiten, während Management und Eigentümerstruktur neu geordnet werden.

Damit wird Private Equity teilweise zu einem Werkzeug für ein Problem, das mit Finanzierung zunächst wenig zu tun hat: Wer führt das Unternehmen weiter – und wem soll es künftig gehören?

Familienkapital konkurriert inzwischen mit Private Equity

Dabei müssen die Partner nicht zwingend klassische Finanzinvestoren sein.

Vermögende Unternehmerfamilien investieren zunehmend selbst direkt in andere Unternehmen. Solches »Family Equity« kann für Familienunternehmen attraktiv sein, weil auf beiden Seiten ähnliche Vorstellungen über langfristiges Eigentum und Unternehmensführung bestehen.

Damit entstehen mehrere Möglichkeiten nebeneinander:

Ein strategischer Käufer kann das Unternehmen übernehmen. Ein Private-Equity-Fonds kann Kapital und Expertise für einige Jahre bereitstellen. Eine andere Unternehmerfamilie kann sich langfristig beteiligen. Oder die eigene Familie hält weiterhin sämtliche Anteile.

Die Eigentümerfrage wird dadurch komplizierter. Aber sie bietet auch mehr Spielraum als früher.

Stefanie S. Klief

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