Deutsche Börsenkonzerne veröffentlichen Klimaziele, Transformationspläne und immer umfangreichere Nachhaltigkeitsberichte. Doch zwischen einem Ziel für 2030 oder 2050 und dem tatsächlich eingeschlagenen Weg kann eine erhebliche Lücke liegen. Der neue »whatif? Report 2026« versucht, genau diese Lücke messbar zu machen. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: Bei einem beträchtlichen Teil der untersuchten Unternehmen hat sich der Klimakurs zuletzt nicht verbessert, sondern verschlechtert.
26 von 71 Unternehmen liegen auf Kurs
Für den Report hat das Frankfurter Climate-Tech-Unternehmen right° Emissions- und Finanzdaten von 71 Gesellschaften aus DAX, MDAX und SDAX ausgewertet. Von ihnen liegen nach dem verwendeten Modell 26 auf einem Paris-kompatiblen Pfad. Nur bei zehn Unternehmen passen nach Einschätzung der Analysten ambitionierte Klimaziele und bisherige tatsächliche Entwicklung zusammen.
Im Jahresvergleich ist die Richtung gemischt. 25 der untersuchten Unternehmen verschlechterten ihre Klimaperformance, 19 verbesserten sich. Damit verliert die Transformation nach Einschätzung von right° insgesamt an Dynamik. Geschäftsführerin Hannah Helmke verweist dabei auch auf ein verändertes wirtschaftliches und politisches Umfeld, in dem Investitionen, Energieversorgung und Wettbewerbsfähigkeit stärker miteinander konkurrieren.
Besonders weit vom errechneten 1,5-Grad-Pfad entfernt liegen Siemens Energy und der Waferhersteller Siltronic mit jeweils 8,6 Grad. Fraport und 1&1 kommen auf 8,5 Grad. Bayer wird mit 7,5 Grad ausgewiesen. SAP hat sich dagegen gegenüber dem Vorjahr verbessert: von 7,7 auf 6,4 Grad.
Am anderen Ende der Tabelle steht der Maschinen- und Anlagenbauer GEA mit 0,8 Grad. Delivery Hero erreicht 0,9 Grad, TUI 1,1 Grad und Nordex 1,3 Grad. Bei GEA sind die operativen Treibhausgasemissionen aus Scope 1 und 2 nach Unternehmensangaben bis Ende 2025 gegenüber 2019 um 62 Prozent gesunken; bei den Emissionen der Wertschöpfungskette betrug die Reduktion 38 Prozent.
8,6 Grad bedeuten nicht, dass Siemens Energy die Welt auf 8,6 Grad erwärmt
Diese spektakulär klingenden Temperaturwerte brauchen allerdings eine methodische Einordnung.
Das von right° entwickelte X-Degree-Compatibility-Modell, kurz XDC, erstellt keine Prognose darüber, wie stark ein einzelnes Unternehmen die tatsächliche globale Durchschnittstemperatur erhöhen wird.
Ausgangspunkt ist vielmehr die sogenannte ökonomische Emissionsintensität. Dabei werden die Treibhausgasemissionen eines Unternehmens zu seiner wirtschaftlichen Wertschöpfung ins Verhältnis gesetzt. Anschließend wird vereinfacht gefragt: Wie würde sich die Welt erwärmen, wenn die globale Wirtschaft relativ zu den jeweiligen sektoralen Vergleichswerten dieselbe Klimaperformance aufwiese wie dieses Unternehmen?
Diese Performance wird auf die Weltwirtschaft übertragen und anschließend über ein Klimamodell in eine Temperaturzahl übersetzt.
Damit wird auch verständlich, warum ausgerechnet Siemens Energy schlecht abschneiden kann, obwohl der Konzern Turbinen, Stromnetze und andere Technologien liefert, die für den Umbau des Energiesystems benötigt werden. Das Modell bewertet den eigenen Emissions- und Wertschöpfungspfad des Unternehmens. Mögliche vermiedene Emissionen bei Kunden durch verkaufte Technologien sind etwas anderes.
Die Gradzahl ist deshalb keine Schulnote für den gesellschaftlichen Nutzen eines Unternehmens.
Auch die Datengrundlage setzt Grenzen
Eine zweite Einschränkung fällt bereits bei der Stichprobe auf. DAX, MDAX und SDAX umfassen zusammen wesentlich mehr als die 71 ausgewerteten Unternehmen. Right° erklärt die Lücke vor allem damit, dass bei zahlreichen Gesellschaften noch keine ausreichend langen oder vollständigen Datenreihen zu Emissionen und wirtschaftlicher Entwicklung verfügbar seien.
Das ist mehr als ein methodisches Randproblem.
Denn die Aussagekraft jedes Klimamodells hängt davon ab, welche Scope-1-, Scope-2- und vor allem Scope-3-Emissionen ein Unternehmen überhaupt erfasst. Gerade die Emissionen entlang der Liefer- und Nutzungsketten können ein Vielfaches der direkt verursachten Emissionen ausmachen und sind zugleich wesentlich schwieriger vollständig zu bestimmen.
Ein Unternehmen mit guter Datenqualität kann dadurch zunächst schlechter aussehen als eines, dessen Emissionen nur teilweise erfasst werden.
Der Report ist deshalb weniger als endgültige Rangliste zu lesen als als Versuch, Fortschritt über mehrere Jahre vergleichbar zu machen.
Für Anleger zählt die Richtung mehr als die Gradzahl
An der Börse ist Klimaperformance ohnehin nicht automatisch mit Aktienperformance gleichzusetzen.
Siemens Energy gehört trotz seines schlechten Werts im Report zu den Unternehmen, deren Geschäft von enormen Investitionen in Stromnetze, Erzeugungskapazitäten und Elektrifizierung profitiert. GEA wiederum zeigt, dass wirtschaftliches Wachstum und sinkende Emissionsintensität nicht zwingend Gegensätze sein müssen: Der Konzern steigerte 2025 seinen Umsatz organisch um 3,7 Prozent und verbesserte zugleich seine operative Marge.
Für Investoren liegt die interessante Information deshalb an einer anderen Stelle.
Unternehmen müssen in den kommenden Jahren erhebliche Summen in Energieeffizienz, neue Produktionsverfahren, Elektrifizierung, erneuerbare Energien und klimafreundlichere Lieferketten investieren. Wer mit diesen Investitionen weit zurückliegt, kann später mit höherem Kapitalbedarf konfrontiert werden. Hinzu kommen CO₂-Preise, regulatorische Vorgaben, Anforderungen großer Kunden und mögliche Wertverluste emissionsintensiver Anlagen.
Umgekehrt ist auch ein niedriger Temperaturwert kein Kaufsignal für eine Aktie. Bewertung, Wachstum, Margen, Verschuldung, Wettbewerb und Kapitalrendite verschwinden nicht, nur weil ein Unternehmen einen guten Klimapfad erreicht.
Das Ziel wird erst durch den Weg dorthin interessant
Dort liegt die Stärke des Reports. Klimaversprechen gibt es inzwischen reichlich. Fast jeder größere börsennotierte Konzern besitzt inzwischen ein Netto-Null-Ziel, eine Nachhaltigkeitsstrategie oder einen Transformationsplan.
Für Kapitalgeber ist jedoch entscheidender, ob sich aus den veröffentlichten Zahlen tatsächlich eine Veränderung des Geschäftsmodells erkennen lässt.
Ein Ziel für 2040 oder 2050 kostet zunächst wenig. Die Umstellung eines Werkes, neue Energieversorgung, andere Vorprodukte oder eine vollständig veränderte Lieferkette kosten sehr viel.
Der Abstand zwischen beiden Größen wird deshalb zunehmend zur wirtschaftlichen Information.
Der »whatif? Report« liefert dafür keine abschließende Börsenbewertung. Er macht aber sichtbar, welche Frage für Anleger wichtiger wird: nicht nur, welches Klimaziel ein Unternehmen veröffentlicht hat – sondern ob seine Investitionen und seine tatsächlichen Emissionen bereits in dieselbe Richtung laufen.
Stefanie S. Klief