Finanzwissen gilt nicht unbedingt als deutsche Paradedisziplin. Eine neue internationale Untersuchung zeichnet jedoch ein erstaunlich positives Bild: Unter 27 untersuchten Ländern schneiden nur fünf besser ab. Gleichzeitig zeigt die Studie, wie sich die Suche nach Finanzwissen verändert. Mehr als jeder zweite Befragte in Deutschland hat bereits KI für finanziellen Rat genutzt.
Deutschland landet gemeinsam mit Belgien auf Rang sechs
81,8 Prozent der gestellten Finanzfragen beantworteten die deutschen Teilnehmer richtig. Damit erreicht Deutschland in der aktuellen »Global Money IQ«-Untersuchung des Finanzdienstleisters Remitly gemeinsam mit Belgien Platz sechs.
Besser schnitten lediglich Tschechien mit 90,9 Prozent, die Niederlande mit 86,1 Prozent, Norwegen mit 84,3 Prozent, Finnland mit 82,6 Prozent und Österreich mit 82,0 Prozent ab. Die komplette Spitzengruppe der Untersuchung besteht damit aus europäischen Ländern. Schweden folgt mit 81,6 Prozent auf Rang acht, Ungarn mit 81,3 Prozent auf Rang neun und Großbritannien mit 79,9 Prozent auf Rang zehn.
Am unteren Ende des Vergleichs liegen die USA mit 72,0 Prozent, die Vereinigten Arabischen Emirate mit 70,8 Prozent und Südafrika mit 69,4 Prozent. Auch dort wurde allerdings noch deutlich mehr als die Hälfte der Fragen korrekt beantwortet.
Der Begriff »weltweit« braucht bei solchen Ranglisten dennoch eine Einschränkung: Remitly hat mehr als 5.000 Menschen in 27 Ländern befragt. Es handelt sich also nicht um eine vollständige Rangliste aller Staaten, sondern um einen Vergleich innerhalb dieser Auswahl.
Acht Fragen entscheiden über den Money IQ
Gemessen wurde kein umfassendes ökonomisches Fachwissen. Die Teilnehmer beantworteten acht Fragen aus sechs Bereichen: Geldanlage, Inflation, Zinsen und Kreditaufnahme, Zinseszins, Währungsumrechnung und Kryptowährungen.
Ein Teil der Fragen orientiert sich nach Angaben von Remitly an einer Definition und früheren Arbeiten zur Finanzkompetenz der Weltbank, weitere Fragen wurden von Finanzexperten des Unternehmens entwickelt. Anschließend wurde der Anteil der richtigen Antworten zu einem länderspezifischen »Money IQ« zusammengeführt.
Damit misst die Untersuchung vor allem Grundlagenwissen, das im finanziellen Alltag eine Rolle spielen kann. Ob jemand beispielsweise seine Altersvorsorge sinnvoll strukturiert, Risiken an der Börse einschätzen kann oder langfristig ein Vermögen aufbaut, lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten.
Trotzdem passt das Ergebnis zu früheren unabhängigen Untersuchungen. Die OECD bezeichnet die Finanzkompetenz Erwachsener in Deutschland im internationalen Vergleich ebenfalls als relativ hoch. Nach ihrer deutlich breiter angelegten Methodik erreichten Erwachsene in Deutschland durchschnittlich 76 von 100 möglichen Punkten. Gleichzeitig sieht die OECD insbesondere beim tatsächlichen Finanzverhalten und bei finanziellen Einstellungen noch Verbesserungspotenzial.
Beim eigenen Finanzwissen sind Deutsche besonders selbstbewusst
Die deutschen Teilnehmer wissen offenbar nicht nur vergleichsweise viel über Geld. Sie trauen sich dieses Wissen auch selbst zu.
19 Prozent bezeichneten sich als »äußerst sicher« im täglichen Umgang mit ihren Finanzen. Das ist der höchste Wert aller 27 untersuchten Länder. Österreich folgt mit 18,7 Prozent knapp dahinter.
Selbstvertrauen und tatsächliche Finanzkompetenz müssen nicht zwangsläufig zusammenfallen. In diesem Fall liegen sie allerdings zumindest in dieselbe Richtung: Deutschland gehört sowohl beim Wissenstest als auch bei der subjektiven Einschätzung zur Spitzengruppe.
Interessanter wird der Befund dort, wo die Deutschen ihr Wissen inzwischen suchen.
55 Prozent haben KI bereits für Finanzfragen genutzt
Deutschland erreicht in der Studie noch einen weiteren Spitzenwert: 55 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten bereits ein KI-Tool für finanziellen Rat genutzt zu haben.
27 Prozent nannten KI außerdem ausdrücklich als Quelle, über die sie etwas über Finanzen gelernt haben. 19,5 Prozent würden einer KI gegenüber anderen Informationsquellen stärker vertrauen. Bei diesem letzten Wert liegt Deutschland in der Untersuchung nur hinter Japan.
Das bedeutet nicht, dass traditionelle Finanzberatung bereits verdrängt wird. Über alle untersuchten Länder hinweg genießen professionelle Finanzberater weiterhin das größte Vertrauen: 42,6 Prozent würden sich bei Finanzfragen bevorzugt an sie wenden. KI kommt weltweit auf 10,9 Prozent, soziale Medien und Influencer lediglich auf 3,4 Prozent.
Trotzdem ist die Entwicklung bemerkenswert. KI wird nicht mehr nur genutzt, um Texte zusammenzufassen oder Urlaubsreisen zu planen. Sie wird zunehmend auch dort eingesetzt, wo Fehlentscheidungen unmittelbar Geld kosten können.
Gerade deshalb bleibt die Unterscheidung zwischen Erklärung und individueller Beratung wichtig. Ein KI-System kann Zinseszins erklären, Anlageformen vergleichen oder Begriffe übersetzen. Ob ein bestimmtes Finanzprodukt zu Einkommen, Vermögen, Risikoneigung und Lebensplanung eines einzelnen Menschen passt, ist eine wesentlich komplexere Frage.
Ausgerechnet beim Geldwechsel hapert es
Die größte deutsche Wissenslücke fand die Studie beim Thema Währungsumrechnung.
Nur 61,3 Prozent der deutschen Teilnehmer beantworteten die entsprechenden Fragen richtig. Auch weltweit war dies mit durchschnittlich 60,2 Prozent der schwierigste Themenbereich.
Eine der Fragen betraf eine Situation, die Millionen Urlauber kennen: Soll bei Kartenzahlung im Ausland in Euro oder in der jeweiligen Landeswährung abgerechnet werden?
Nur 57,8 Prozent aller Befragten erkannten, dass die Zahlung in der Landeswährung in der Regel günstiger ist. Bei der sogenannten dynamischen Währungsumrechnung übernimmt der Händler oder Geldautomatenbetreiber die Umrechnung in die Heimatwährung – häufig zu einem ungünstigeren Kurs oder mit zusätzlichen Aufschlägen.
Auch Inflation bereitete den Deutschen vergleichsweise größere Schwierigkeiten. Hier beantworteten 80,1 Prozent die entsprechende Frage richtig. Das klingt hoch, lag innerhalb des deutschen Ergebnisses aber bereits an vorletzter Stelle.
Finanzwissen ist mehr als richtige Antworten
Der hohe deutsche Rang darf deshalb nicht mit umfassender finanzieller Souveränität gleichgesetzt werden.
Schon die OECD unterscheidet ausdrücklich zwischen Wissen, Verhalten und Einstellungen. Ein Mensch kann verstehen, wie Zinseszins funktioniert, und trotzdem keinen Notgroschen besitzen. Er kann die Vorteile von Risikostreuung kennen und dennoch sein gesamtes Depot auf wenige Einzelwerte konzentrieren. Und wer Inflation erklären kann, muss deshalb noch lange nicht wissen, wie er sein Vermögen langfristig davor schützt.
Auch die Remitly-Studie trennt Wissen und finanzielle Widerstandsfähigkeit. Weltweit gaben 31,3 Prozent der Befragten an, im Fall eines Einkommensverlustes mehr als sechs Monate von ihren Ersparnissen leben zu können. 21,1 Prozent verfügten dagegen über weniger als einen Monat Reserve oder überhaupt keine Ersparnisse.
Die Fähigkeit, eine Finanzfrage richtig zu beantworten, ist damit eine wichtige Voraussetzung für gute Entscheidungen – aber noch keine Garantie dafür.
Ein gutes Ergebnis mit methodischem Sternchen
Bei aller Freude über Rang sechs gehört deshalb auch die Herkunft der Studie zur Einordnung.
Remitly ist kein Forschungsinstitut, sondern ein börsennotierter Finanzdienstleister, dessen Kerngeschäft internationale Geldtransfers sind. Gerade das Thema Währungsumrechnung berührt damit unmittelbar das eigene Geschäft des Unternehmens.
Die Untersuchung umfasst mehr als 5.000 Teilnehmer aus 27 Ländern und acht Wissensfragen. Auf der veröffentlichten Methodikseite werden jedoch unter anderem keine detaillierten Länderstichproben oder Angaben zur Repräsentativität jeder einzelnen nationalen Teilgruppe ausgewiesen. Die Daten entsprechen dem Stand vom 22. Juli 2026.
Das Ergebnis ist deshalb eher als aktueller internationaler Vergleich denn als endgültige Vermessung der Finanzkompetenz ganzer Nationen zu verstehen.
Dass Deutschland beim Finanzwissen international vergleichsweise gut abschneidet, wird allerdings durch die deutlich umfangreicheren OECD-Untersuchungen grundsätzlich gestützt.
Das größere Thema beginnt hinter Rang sechs
Vielleicht ist deshalb weniger überraschend, dass Deutsche Zinsen oder Geldanlage vergleichsweise gut verstehen.
Interessanter ist, wie Finanzwissen heute erworben wird.
Bankberater, Familie und Schule bekommen Konkurrenz von einer Informationsquelle, die vor wenigen Jahren noch keine Rolle spielte. Wenn bereits 55 Prozent der deutschen Befragten KI für finanzielle Fragen genutzt haben, verändert sich nicht nur der Zugang zu Wissen. Auch die Anforderungen an Finanzbildung verändern sich.
Denn künftig reicht es nicht mehr, zu wissen, wie Zinsen, Inflation oder Risikostreuung funktionieren.
Man muss auch beurteilen können, welcher digitalen Antwort man vertrauen kann.