Finanzen

Roboter können tanzen – aber verdienen sie schon Geld?

China zieht bei geplanten Börsengängen die Reißleine und verlangt mehr Beweise für echte Nachfrage

9 Min.

21.09.2026

Humanoide Roboter laufen, boxen und tanzen inzwischen über chinesische Bühnen. Investoren haben daraus eines der heißesten Börsenthemen des Jahres gemacht. Doch nun will ausgerechnet die chinesische Führung offenbar verhindern, dass aus dem technologischen Zukunftsmarkt eine Spekulationsblase wird. Nach Informationen von Reuters bremsen die Aufsichtsbehörden derzeit weitere Börsengänge von Robotikunternehmen und prüfen genauer, wie viel hinter deren Umsätzen und Bewertungen tatsächlich steckt.

Unitree wurde zum Warnsignal

Auslöser für die neue Vorsicht war offenbar der Börsengang von Unitree Robotics.

Der Hersteller humanoider und vierbeiniger Roboter debütierte im August an der Shanghaier STAR Market. Zunächst kannte die Begeisterung kaum Grenzen: Die Aktie stieg zeitweise auf mehr als das Fünffache ihres Ausgabepreises. Anschließend folgte die Ernüchterung. Vom Höchststand verlor der Kurs inzwischen rund 55 Prozent.

Schon Ende August hatte Reuters berichtet, dass Unitrees Börsenwert in der Spitze auf rund 66 Milliarden Dollar angeschwollen war, bevor innerhalb kurzer Zeit etwa 30 Milliarden Dollar davon wieder verschwanden. Gleichzeitig war der bereinigte Nettogewinn des Unternehmens im ersten Halbjahr 2026 um 53 Prozent gesunken.

Dabei ist Unitree keineswegs ein substanzloses Unternehmen. 2025 erzielte der Konzern nach den Angaben im Börsenprospekt umgerechnet etwa 250 Millionen Dollar Umsatz und einen bereinigten Nettogewinn von rund 87 Millionen Dollar. Für den Börsengang wollte er etwa 4,2 Milliarden Yuan beziehungsweise gut 600 Millionen Dollar einsammeln.

Das Problem liegt damit weniger darin, ob Unitree ein reales Geschäft besitzt. Die Frage lautet, welche Bewertung für ein Unternehmen angemessen ist, dessen Markt noch sehr jung ist.

Kein offizielles Verbot – sondern eine informelle Bremse

Nach Informationen von Reuters hat die chinesische Börsenaufsicht CSRC einigen Investmentbanken und Investoren informell signalisiert, dass sie die Anforderungen für Börsengänge humanoider Robotikunternehmen erhöht.

In China wird eine solche Praxis als »window guidance« bezeichnet.

Ein formales Verbot gibt es bislang nicht. Eine mit der Angelegenheit vertraute Person sprach allerdings davon, dass humanoide Robotik-IPOs derzeit faktisch eingefroren seien; eine andere beschrieb die Maßnahme vorsichtiger als branchenspezifische Verlangsamung. Die CSRC selbst äußerte sich auf Anfrage von Reuters nicht.

Mindestens ein halbes Dutzend chinesischer Robotikunternehmen bereitet derzeit einen Börsengang vor. Dazu gehören unter anderem Deep Robotics, X Square Robot und AGIBOT. Ob und wie stark deren Pläne von der neuen Zurückhaltung betroffen sind, ist bislang nicht öffentlich bestätigt.

Auch Galaxea AI könnte davon betroffen sein. Das 2023 gegründete Unternehmen hatte vertraulich einen Börsengang in Hongkong beantragt und wurde bei seiner jüngsten Finanzierungsrunde im April mit rund drei Milliarden Dollar bewertet. Laut Wall Street Journal fürchten Investoren inzwischen, dass die verschärfte Prüfung den Börsenplan verzögern könnte.

Die Aufsicht schaut plötzlich genauer hin, woher der Umsatz stammt

Besonders heikel ist dabei die Qualität mancher Erlöse.

China hat in den vergangenen Jahren erhebliche Summen in sogenannte Daten- und Trainingszentren für humanoide Roboter investiert. Dort lernen Maschinen reale Bewegungsabläufe, sammeln Daten und werden auf industrielle Anwendungen vorbereitet.

Für Robotikunternehmen können solche staatlich unterstützten Projekte gleichzeitig wichtige Auftraggeber sein.

Reuters berichtet, dass lokale Regierungen bei manchen Joint Ventures 80 bis 90 Prozent der ursprünglichen Investitionen übernehmen. Solche Projekte können Umsätze erzeugen, die wiederum private Unternehmensbewertungen erhöhen und helfen, Voraussetzungen für einen Börsengang zu erfüllen.

Die Aufsicht fragt nun offenbar verstärkt: Würde dieses Geschäft auch existieren, wenn der Staat nicht Auftraggeber, Kapitalgeber oder Mitinvestor wäre?

Ein Investor aus dem Umfeld der Branche schätzt, dass die Bewertung einzelner Robotikunternehmen um 60 bis 70 Prozent sinken könnte, wenn Umsätze aus staatlich unterstützten Datenzentren herausgerechnet würden. Das ist keine amtlich bestätigte Berechnung, sondern eine Einschätzung aus dem Markt – sie zeigt aber, worum es bei der Prüfung geht.

Auch innerhalb der Branche wächst die Kritik. Der Chef des Robotikunternehmens Mech-Mind, Shao Tianlan, warf einigen hoch bewerteten Anbietern öffentlich vor, Erlöse über Datenzentren, Geschäfte mit verbundenen Parteien und andere wenig nachhaltige Konstruktionen zu erzeugen.

Der Markt ist noch erstaunlich klein

Hier kollidiert die Börsenfantasie mit der tatsächlichen Größenordnung des Geschäfts.

Die International Federation of Robotics erfasste für 2025 weltweit rund 7.000 verkaufte humanoide Roboter für industrielle und professionelle Dienstleistungsanwendungen. Viele davon wurden nicht als reguläre Arbeitskräfte eingesetzt, sondern von Forschungsinstituten oder Unternehmen gekauft, um künstliche Intelligenz zu entwickeln und Daten zu sammeln.

Zum Vergleich: Bereits 2024 wurden weltweit etwa 542.000 klassische Industrieroboter installiert. Hinzu kamen rund 199.000 professionelle Serviceroboter.

Das Verhältnis macht deutlich, wie früh die humanoide Robotik wirtschaftlich noch steht. Sie besitzt enormes Potenzial, aber bislang nur einen kleinen tatsächlichen Markt.

Bank of America erwartet allerdings ein rasantes Wachstum: Nach deren Prognose könnten die Auslieferungen humanoider Roboter von rund 90.000 Stück in diesem Jahr auf 1,2 Millionen im Jahr 2030 steigen. Prognosen dieser Art hängen jedoch stark davon ab, wie schnell die Maschinen zuverlässig genug für reale Arbeitsplätze werden.

Kung-Fu ist leichter als Fabrikarbeit

Dass aus spektakulären Demonstrationen noch kein wirtschaftlich einsetzbarer Arbeiter wird, zeigt ein anderes Problem.

Chinesische Roboter können inzwischen laufen, springen, tanzen und sogar Kampfsportbewegungen vorführen. Bei alltäglichen industriellen Tätigkeiten stoßen sie dagegen weiterhin an Grenzen.

Eine Reuters-Recherche aus dem August beschreibt, dass viele humanoide Systeme für Fabrikaufgaben noch zu langsam, zu ungeschickt und zu wenig autonom sind. Gerade feinmotorische Arbeiten, unvorhergesehene Situationen und wechselnde Umgebungen überfordern aktuelle Modelle häufig.

Das Problem liegt inzwischen weniger im Metallkörper als im »Gehirn«.

Auch chinesische Entwickler räumen ein, dass die Software hinter den Robotern der entscheidende Engpass bleibt. Spirit AI etwa erwartet einen größeren technologischen Durchbruch erst 2027. Selbst einfache Tätigkeiten erreichen dort derzeit in kontrollierten Umgebungen eine Erfolgsquote von rund 90 Prozent – für einen Fabrikprozess, der tausendfach zuverlässig wiederholt werden muss, ist das noch nicht genug.

Ein Roboter, der bei einer Messe in neun von zehn Fällen ein Objekt korrekt greift, kann beeindruckend wirken. In einer Produktionslinie wäre eine Fehlerquote von zehn Prozent katastrophal.

China zieht sich trotzdem keineswegs aus Robotik zurück

Deshalb wäre es falsch, die IPO-Bremse als politischen Kurswechsel zu lesen.

Peking hat »Embodied Intelligence« ausdrücklich zu einer strategischen Zukunftstechnologie erklärt. Die chinesische Industrie- und IT-Behörde MIIT und die staatliche Vermögensaufsicht starteten im Juni ein landesweites Programm, um humanoide Roboter in realen Produktions- und Dienstleistungssituationen zu testen. Bis Ende 2026 sollen mehr als 100 hochwertige Anwendungsszenarien entstehen und Voraussetzungen für eine Einführung im Umfang von rund 10.000 Maschinen geschaffen werden.

China arbeitet gleichzeitig an einem umfassenden Standardwerk für die Branche. Bis 2028 sollen mindestens 100 wichtige Standards für humanoide Roboter entwickelt werden – von technischen Testverfahren über Einsatzgebiete bis zur Sicherheit.

Die Botschaft lautet deshalb eher: Technologie fördern, Spekulation begrenzen.

Das ist eine Kombination, die China bereits aus anderen strategischen Industrien kennt.

Denn China hat Erfahrung mit staatlich befeuerten Boombranchen

Elektroautos, Solarmodule und Batterien zeigen, welches Tempo chinesische Industriepolitik entwickeln kann.

Staatliche Unterstützung zieht Kapital an, Kapital erzeugt neue Unternehmen, diese bauen Kapazitäten auf – und irgendwann entsteht ein Konkurrenzkampf, in dem Preise fallen und schwächere Anbieter verschwinden.

Bei humanoiden Robotern könnte dieser Prozess noch früher einsetzen.

Bereits jetzt wechseln klassische Industrierobotikunternehmen in den Markt, Start-ups erhalten innerhalb weniger Monate Milliardenbewertungen und Lokalregierungen konkurrieren um neue Produktions- und Datenzentren. Ein chinesischer Risikokapitalgeber bezeichnete die Entwicklung gegenüber Reuters als „campaign-style innovation“ – einen Boom, bei dem Unternehmen und Kapital nahezu geschlossen in einen politisch bevorzugten Bereich drängen.

Die jüngste Regulierung könnte deshalb auch der Versuch sein, eine Wiederholung jener Überkapazitäten zu verhindern, die China inzwischen in anderen Industrien beschäftigen.

Für Anleger verschiebt sich die Frage

Humanoide Robotik bleibt damit eines der spannendsten technologischen Börsenthemen der kommenden Jahre. Aber die Kriterien verändern sich.

Bislang reichten vielfach beeindruckende Demonstrationen, ein berühmter Investor oder ein großer staatlicher Auftrag, um Unternehmensbewertungen nach oben zu treiben. Nun rückt stärker in den Vordergrund, was bei einem börsennotierten Unternehmen irgendwann zwangsläufig zählt:

Gibt es unabhängige Kunden? Kaufen diese wiederholt? Arbeiten die Maschinen tatsächlich produktiv? Lassen sie sich in größeren Stückzahlen herstellen? Und bleibt nach Produktion, Entwicklung und Wartung irgendwann Gewinn übrig?

Reuters beschreibt diesen Stimmungswechsel mit einer Formulierung von S&P Global Market Intelligence: von breiter Euphorie zu selektiver Rationalität.

Die Roboterstory wird dadurch nicht kleiner – sondern erwachsener

China bremst also nicht die Entwicklung humanoider Roboter. Es bremst vorerst die Vorstellung, dass jedes Unternehmen, das einen davon bauen kann, automatisch auch ein gutes Börseninvestment sein muss.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Humanoide Roboter könnten tatsächlich eine der großen technologischen Veränderungen der kommenden Jahrzehnte werden. Alternde Gesellschaften, Arbeitskräftemangel und Fortschritte bei künstlicher Intelligenz schaffen starke Gründe dafür, Maschinen künftig komplexere körperliche Arbeiten übernehmen zu lassen.

Doch zwischen technologischem Potenzial und wirtschaftlichem Erfolg liegt eine Strecke, die an der Börse gern übersprungen wird. Unitrees Kursverlauf hat China nun daran erinnert.

Roboter können bereits tanzen. Die Aufsicht möchte aber nun sehen, ob sie auch dauerhaft Geld verdienen können.

Stefanie S. Klief

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