Christian Lindner am 18.07.2023
Als Finanzminister gehörte Christian Lindner zu den politischen Befürwortern einer stärker kapitalmarktorientierten privaten Altersvorsorge. Sein damaliger Gesetzentwurf scheiterte mit dem Ende der Ampelkoalition. Nun beteiligt sich der frühere FDP-Vorsitzende selbst an einem Unternehmen, das auf den neuen Markt setzt: Nach Recherchen des Handelsblatts investiert Lindner einen fünfstelligen Betrag in das Frankfurter Fintech Ginmon. Interessanter als die Höhe seines Investments ist allerdings der Zeitpunkt. Am 1. Januar 2027 startet das neue Altersvorsorgedepot – und Banken, Fondsanbieter und Fintechs positionieren sich bereits für einen Markt, in den nach Branchenschätzungen jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge fließen könnten.
Lindner steigt mit einem fünfstelligen Betrag ein
Das Handelsblatt berichtet, dass sich Lindner zunächst im fünfstelligen Bereich an Ginmon beteiligt. Er bezeichnete das Investment gegenüber der Zeitung als einen Beginn. Es ist nicht seine erste Beteiligung seit seinem Ausscheiden aus der Politik; unter anderem hat er bereits in weitere Start-ups investiert.
Der Anlass für den Einstieg bei Ginmon hängt jedoch unmittelbar mit dem Finanzmarkt zusammen.
Das 2014 gegründete Unternehmen startete ursprünglich als digitaler Vermögensverwalter. Inzwischen verwaltet die Gruppe nach eigenen Angaben mehr als 500 Millionen Euro Kundenvermögen und baut zugleich ein zweites Geschäft aus: technische Infrastruktur für Banken, Versicherer, Vermögensberater und Finanzvertriebe.
Das neue Altersvorsorgedepot könnte für dieses Geschäft zu einem wichtigen Wachstumsfeld werden.
Ab Januar entsteht ein neuer Markt für Fonds und ETFs
Der Bundestag hat die Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge am 27. März 2026 beschlossen. Kernstück ist das neue Altersvorsorgedepot, in dem Bürger künftig unter anderem mit Fonds und ETFs für das Alter sparen können – erstmals auch ohne verpflichtende Garantie des eingezahlten Kapitals. Die neuen Produkte sollen ab dem 1. Januar 2027 angeboten werden können.
Bestehende Riester-Verträge bleiben geschützt und können weitergeführt werden. Sparer können künftig aber auch in das neue System wechseln, ohne bereits erhaltene Förderung grundsätzlich zurückzahlen zu müssen.
Damit verändert sich ein Markt, der über Jahrzehnte stark von Versicherungsprodukten geprägt war.
Bei einem Altersvorsorgedepot kann ein wesentlich größerer Anteil des Vermögens am Kapitalmarkt investiert werden. Für einfache Standardprodukte schreibt die Reform zudem einen Effektivkostendeckel von einem Prozent vor.
Das eröffnet nicht nur Sparern neue Möglichkeiten.
Es eröffnet der Finanzbranche einen neuen Wettbewerb.
Bis zu 150 Milliarden Euro in fünf Jahren
Wie groß dieser Markt werden könnte, lässt sich bislang nur schätzen.
Vanguard hält es für möglich, dass innerhalb der ersten fünf Jahre rund ein Drittel der etwa 45 Millionen Förderberechtigten erreicht wird. Daraus könnte nach Einschätzung des Fondsanbieters ein Volumen von ungefähr 150 Milliarden Euro entstehen.
S&P Global Ratings kommt in einer eigenen Analyse auf eine andere, ebenfalls erhebliche Größenordnung: Nach einer Anlaufphase von zwölf bis 24 Monaten könnten durch die Reform 26 bis 56 Milliarden Euro zusätzliche Nettozuflüsse pro Jahr in die private Altersvorsorge fließen.
Beides sind Prognosen, keine gesicherten Kapitalzuflüsse.
Wie viele Menschen das Depot tatsächlich eröffnen, wie hoch ihre Sparraten ausfallen und welche Anbieter Marktanteile gewinnen, wird sich erst nach dem Start zeigen.
Für Finanzunternehmen reicht das erwartete Volumen allerdings aus, um sich bereits jetzt in Stellung zu bringen.
Ginmon will nicht nur eigene Depots verkaufen
Hier liegt der interessantere Teil von Lindners Investment.
Ginmon will nicht ausschließlich Endkunden für das eigene Altersvorsorgedepot gewinnen.
Mit seiner Plattform »apeiron Wealth« bietet das Unternehmen eine sogenannte White-Label-Lösung an. Banken, Versicherungen, freie Vermögensberater und Finanzvertriebe können damit eigene Altersvorsorgeprodukte unter ihrer jeweiligen Marke anbieten, ohne sämtliche Technik selbst entwickeln zu müssen.
Ginmon übernimmt dafür unter anderem digitales Onboarding, Kunden- und Beraterverwaltung, Portfoliomanagement, Reporting, Gebührenabrechnung sowie die technische Verbindung zu Depot- und Wertpapierabwicklung.
Das Geschäftsmodell ist damit ein wenig vergleichbar mit der Infrastruktur hinter einem Onlineshop.
Der Kunde sieht möglicherweise die Marke seiner Bank oder seines Beraters.
Die Technik dahinter kann von einem spezialisierten Anbieter stammen.
Franklin Templeton ist bereits Partner
Wie Ginmon diesen Markt erschließen will, zeigt eine Kooperation, die erst vor wenigen Tagen bekannt gegeben wurde.
Gemeinsam mit dem internationalen Vermögensverwalter Franklin Templeton entwickelt das Fintech Altersvorsorgelösungen für Banken, Versicherer und Finanzvertriebe. Franklin Templeton liefert unter anderem Investmentkonzepte und Modellportfolios, Ginmon die Plattform und die operativen Prozesse. Die Lösung soll zum Marktstart Anfang 2027 einsatzbereit sein.
Damit konkurriert Ginmon nicht nur um einzelne Privatanleger.
Das Unternehmen versucht, zur technischen Infrastruktur anderer Finanzanbieter zu werden.
Sollte sich das Altersvorsorgedepot tatsächlich breit durchsetzen, könnte gerade dieses B2B-Geschäft skalierbar werden: Eine Plattform kann von mehreren Banken oder Vertrieben gleichzeitig genutzt werden, während jedes Institut gegenüber dem Endkunden unter der eigenen Marke auftritt.
Lindners frühere Reform und das heutige Gesetz sind nicht identisch
Politisch besitzt die Beteiligung eine zusätzliche Ebene.
Lindner hatte als Bundesfinanzminister selbst eine Reform der privaten Altersvorsorge mit einem kapitalmarktorientierten Depot vorangetrieben. Der damalige Entwurf wurde nach dem Ende der Ampelkoalition 2024 nicht mehr verabschiedet.
Das inzwischen beschlossene Altersvorsorgedepot der nachfolgenden Bundesregierung greift ähnliche Grundideen auf, unterscheidet sich aber in wichtigen Punkten von Lindners damaligem Konzept.
Gegenüber dem Handelsblatt wies Lindner die Frage eines Interessenkonflikts zurück. Er verwies darauf, dass er nicht mehr im öffentlichen Sektor tätig sei und keinen Einfluss mehr auf die Gesetzgebung ausübe.
Das ist Lindners eigene Einordnung.
Fakt ist zugleich: Er investiert heute privat in einen Anbieter, der sich auf einen Markt vorbereitet, dessen grundsätzliche kapitalmarktorientierte Ausrichtung er während seiner Zeit als Finanzminister politisch befürwortet hatte.
Die größere Geschichte beginnt erst 2027
Für Anleger und Finanzunternehmen dürfte Lindners Beteiligung deshalb weniger bedeutsam sein als der Markt, in den er investiert.
Das Altersvorsorgedepot öffnet einen bisher stark versicherungsgeprägten Bereich für Fondsanbieter, Depotbanken, Broker, Fintechs und Technologieplattformen.
Dabei geht es nicht nur darum, wer den besten ETF anbietet.
Entscheidend werden ebenso Depotführung, Kosten, digitale Prozesse, Beratung, Portfoliosteuerung und die technische Abwicklung der staatlichen Förderung sein. Genau dort positioniert sich Ginmon.
Und das erklärt auch, warum ein vergleichsweise kleines Investment eines ehemaligen Finanzministers über die Personalie hinaus interessant ist.
Wenn tatsächlich jedes Jahr zusätzliche zweistellige Milliardenbeträge in die private kapitalgedeckte Altersvorsorge fließen, entsteht ab Januar ein Markt, dessen Anbieter heute bereits darum kämpfen, wer künftig an diesen Milliarden mitverdient.
Stefanie S. Klief