Finanzen

Wartet wirklich ein Billionen-Cashberg auf den nächsten Börsencrash?

Mehr als fünf Billionen Dollar halten US-Haushalte und gemeinnützige Organisationen in Geldmarktfonds – gleichzeitig steigt die Börsenverschuldung rasant

7 Min.

24.09.2026

Fast acht Billionen Dollar in Geldmarktfonds – kaum eine Zahl eignet sich derzeit besser für eine beruhigende Börsengeschichte. Wenn die Aktienmärkte kräftig fallen, so die verbreitete These, wartet schließlich gewaltige Kaufkraft an der Seitenlinie. Doch die aktuellen US-Daten erzählen eine kompliziertere Geschichte. Während Milliarden weiter in hochliquiden Anlagen geparkt sind, ist auch die kreditfinanzierte Spekulation an der Börse stark gestiegen. Viel Cash bedeutet derzeit offenbar nicht wenig Risiko.

7,92 Billionen Dollar liegen in Geldmarktfonds

Das Investment Company Institute, kurz ICI, bezifferte das Vermögen amerikanischer Geldmarktfonds für die Woche bis zum 16. September auf 7,92 Billionen Dollar. Davon entfielen 4,81 Billionen Dollar auf institutionelle und 3,11 Billionen Dollar auf sogenannte Retail-Fonds. Mit 6,53 Billionen Dollar steckt der weitaus größte Teil in Government Money Market Funds, die vor allem in kurzfristige US-Staatspapiere und besicherte Geldmarktgeschäfte investieren.

Auch private Vermögen spielen eine erhebliche Rolle.

Nach den jüngsten Financial Accounts der US-Notenbank hielten amerikanische Haushalte und gemeinnützige Organisationen Ende des zweiten Quartals 5,33 Billionen Dollar an Geldmarktfondsanteilen. Ein Jahr zuvor waren es noch 4,74 Billionen Dollar.

Die beiden Statistiken verwenden unterschiedliche Abgrenzungen und lassen sich deshalb nicht direkt miteinander verrechnen. In der Größenordnung ist die Botschaft jedoch eindeutig: In den USA werden derzeit außergewöhnlich hohe Summen liquide gehalten.

An der Börse hat sich dafür ein eingängiges Bild etabliert: »Cash on the sidelines« – Geld an der Seitenlinie, das nur auf günstigere Aktienkurse wartet.

So einfach ist es allerdings nicht.

Geldmarktfonds sind inzwischen wieder eine echte Anlage

Ein wesentlicher Grund liegt im Zins.

Die Federal Reserve hat ihren Leitzins erst Mitte September um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von 3,75 bis vier Prozent angehoben. Kurzlaufende Staatsanleihen und andere Geldmarktinstrumente werfen damit weiterhin nennenswerte Renditen ab.

Für Anleger ist ein Geldmarktfonds deshalb derzeit nicht bloß ein Wartezimmer zwischen zwei Aktienkäufen. Er ist eine verzinste Anlage mit hoher Liquidität.

Eine Untersuchung der Federal Reserve über einen Zeitraum von 30 Jahren zeigt, dass Anleger deutlich stärker zwischen Bankeinlagen und Geldmarktfonds umschichten, wenn sich der Renditeabstand verändert. Bieten Geldmarktfonds höhere Zinsen als Bankkonten, fließt mehr Geld dorthin. Besonders deutlich war dieser Mechanismus während der höheren Zinsen von 2022 bis 2024.

Ein wachsender Geldmarktfondsbestand kann damit ebenso bedeuten, dass Anleger ihre liquide Reserve besser verzinsen wollen.

Er muss nicht bedeuten, dass sie einen Börsencrash erwarten.

Und ein großer Teil des Geldes gehört ohnehin Institutionen

Hinzu kommt die Struktur des Marktes. Von den 7,92 Billionen Dollar entfallen nach ICI-Abgrenzung rund 4,81 Billionen auf institutionelle Geldmarktfonds. Unternehmen und andere professionelle Anleger nutzen solche Instrumente unter anderem für ihr Liquiditätsmanagement.

Das Geld kann für Löhne, Steuern, Investitionen, Übernahmen, Sicherheiten oder andere kurzfristige Verpflichtungen bestimmt sein.

Es ist deshalb problematisch, das gesamte Fondsvermögen gedanklich bereits in künftige Aktienkäufe umzuwandeln.

Auch das oft verwendete Bild vom Geld, das irgendwann »in den Aktienmarkt fließt«, ist nur begrenzt hilfreich: Wenn ein Anleger eine Aktie kauft, erhält ein anderer Anleger den Kaufpreis. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene verschwindet das Geld dadurch nicht einfach aus dem Finanzsystem.

Die entscheidende Frage ist also nicht, wie viel Cash überhaupt existiert. Sondern zu welchem Preis Anleger bereit sind, ihr risikoarmes Vermögen gegen Aktienrisiko einzutauschen.

Gleichzeitig leihen sich Anleger 1,45 Billionen Dollar fürs Depot

Noch interessanter wird das Bild beim Blick auf die andere Seite der Anlegerbilanzen.

Die sogenannten Margin-Schulden amerikanischer Investoren lagen im August bei rund 1,45 Billionen Dollar. Das sind 2,6 Prozent mehr als im Juli und rund 37 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Nur im Juni lag der absolute Wert mit etwa 1,50 Billionen Dollar noch höher. Die zugrunde liegenden Daten stammen von der US-Finanzaufsicht FINRA.

Margin Debt entsteht, wenn Anleger Wertpapiere teilweise mit geliehenem Geld kaufen. Steigen die Kurse, erhöht Fremdkapital die mögliche Rendite auf das eigene eingesetzte Vermögen.

Fallen die Kurse, funktioniert der Hebel in die andere Richtung.

Dann können Broker zusätzliche Sicherheiten verlangen. Reichen diese nicht aus, müssen Positionen möglicherweise verkauft werden – ausgerechnet in einem bereits fallenden Markt.

Deshalb ist nicht allein die absolute Summe relevant. Mit steigenden Aktienkursen und einer wachsenden Wirtschaft steigen nominal häufig auch die Margin-Kredite.

Auffällig ist derzeit vor allem das Tempo: 37 Prozent Wachstum binnen eines Jahres sprechen nicht für einen Aktienmarkt, an dem die Anleger geschlossen vorsichtig an der Seitenlinie stehen.

Auch beim Optionshandel herrscht keine Flaute

Ähnlich lebhaft ist der Derivatemarkt.

Im August wurden nach Angaben der Options Clearing Corporation rund 1,44 Milliarden Optionskontrakte gehandelt – 14,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das durchschnittliche tägliche Optionsvolumen lag 2026 bis Ende August um 22,7 Prozent über dem Vorjahreswert. Besonders stark stiegen ETF- und Indexoptionen.

Allerdings ist hier Vorsicht bei der Interpretation nötig.

Optionen werden nicht ausschließlich für Spekulation eingesetzt. Professionelle wie private Anleger nutzen sie ebenso zur Absicherung bestehender Positionen. Ein hohes Handelsvolumen allein beweist deshalb keine übermäßige Risikobereitschaft.

Zusammen mit den kräftig gestiegenen Margin-Krediten zeigt es jedoch zumindest: Der amerikanische Kapitalmarkt leidet derzeit nicht unter einem Mangel an Aktivität oder Kapital.

Cash und Risiko können gleichzeitig Rekorde erreichen

Damit löst sich der scheinbare Widerspruch etwas auf. Ein Anleger kann hunderttausend Dollar in Geldmarktfonds halten und gleichzeitig ein offensives Aktiendepot besitzen.

Ein Unternehmen kann Milliarden kurzfristig parken und parallel investieren.

Ein institutioneller Investor kann Liquidität halten und über Futures oder Optionen dennoch erhebliche Marktrisiken eingehen.

Hohe Geldmarktbestände und hohe Risikobereitschaft schließen sich deshalb nicht gegenseitig aus. Sie können sogar zwei Seiten derselben Entwicklung sein: In einer wohlhabender gewordenen Finanzwelt wächst sowohl das investierte als auch das liquide Vermögen.

Die US-Zahlen zeigen das besonders deutlich. Haushalte und gemeinnützige Organisationen verfügten Ende des zweiten Quartals insgesamt über rund 153,5 Billionen Dollar an Finanzvermögen. Die 5,33 Billionen Dollar in Geldmarktfonds sind enorm – stehen aber innerhalb eines noch viel größeren Vermögensbestands.

Der Cashberg ist kein automatischer Rettungsring

Natürlich kann ein Teil dieser Billionen bei fallenden Aktienkursen tatsächlich eingesetzt werden. Wenn Anleger Bewertungen plötzlich attraktiv finden, können sie binnen kurzer Zeit Geld aus hochliquiden Fonds abziehen und Aktien kaufen. Damit kann Liquidität Rücksetzer abfedern.

Nur lässt sich daraus weder ableiten, wann das geschieht, noch bei welchem Kursniveau. Wer eine Aktie bei minus fünf Prozent noch für teuer hält, wartet möglicherweise auf minus 15 Prozent. Wer angesichts eines wirtschaftlichen Schocks größere Risiken fürchtet, kann selbst bei stark fallenden Kursen lieber im Geldmarkt bleiben.

Und wenn ein Kursrückgang gleichzeitig Margin Calls auslöst, können auf einer Seite neue Käufer auftreten, während auf der anderen Seite gehebelte Anleger zum Verkauf gezwungen werden. Der vermeintliche Rettungsring wirkt damit keineswegs automatisch.

Die acht Billionen Dollar sagen weniger über den nächsten Crash aus, als viele glauben

Der historische Cashbestand der Amerikaner ist deshalb kein überzeugendes Argument dafür, dass größere Kursverluste kaum möglich seien. Er ist zunächst ein Ausdruck davon, dass liquide Anlagen nach Jahren extrem niedriger Zinsen wieder Geld verdienen.

Die Federal Reserve hat diesen Anreiz mit ihrer jüngsten Zinserhöhung sogar noch verstärkt. Gleichzeitig zeigen Margin Debt und Handelsaktivität, dass beträchtliche Summen bereits mit Risiko im Markt arbeiten.

Ob der nächste kräftige Börsenrückgang tatsächlich Milliarden aus den Geldmarktfonds in Aktien lockt, wird deshalb weniger von der Größe des Cashbergs entschieden, denn davon, warum die Kurse fallen – und ob Anleger fallende Preise dann als Gelegenheit oder als Warnsignal betrachten.

Stefanie S. Klief

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