Finanzen

Der KI-Boom wird zum doppelten Risiko für das Finanzsystem

Hohe Bewertungen und steigende Schulden treffen auf neue Cybergefahren – OpenAI spricht von einem Weckruf

8 Min.

07.09.2026

Andrew Bailey (Mitte), Gouverneur der Bank of England, und Sarah John von der Bank of England, überreichen König Charles III. Banknoten mit seinem Porträt 

Die Warnung selbst stammt von Ende August. Neu ist die Reaktion ausgerechnet von OpenAI: George Osborne, früher britischer Finanzminister und heute für das internationale Geschäft des KI-Konzerns zuständig, bezeichnet die jüngsten Warnungen der Finanzaufsicht als »Weckruf«. Dahinter steckt mehr als die alte Frage, ob KI-Aktien überbewertet sind. Aktienmärkte, Hedgefonds und Kreditfinanzierung werden durch den KI-Boom immer enger miteinander verflochten. Gleichzeitig könnten leistungsfähige KI-Systeme Cyberangriffe auf das Finanzsystem beschleunigen. Die Sorge der Aufseher lautet deshalb nicht einfach Crash – sondern Ansteckung.

Bailey warnt nicht vor einem unmittelbar bevorstehenden Börsencrash

Andrew Bailey ist nicht nur Gouverneur der Bank of England. Er führt zugleich das Financial Stability Board, kurz FSB, das die Stabilitätsrisiken im internationalen Finanzsystem für die G20 beobachtet.

In einem Schreiben an die Finanzminister und Notenbankchefs der G20 vom 31. August warnte Bailey, die Märkte blieben anfällig für eine möglicherweise ungeordnete Korrektur, die sich über Ländergrenzen hinweg ausbreiten könnte. Als Schwachstellen nennt er unter anderem hohe Bewertungen, Risiken an den Märkten für Staatsanleihen und Verwundbarkeiten im stark gewachsenen Bereich der privaten Kreditvergabe.

Das ist keine Prognose, dass ein Crash unmittelbar bevorsteht.

Entscheidend ist vielmehr die Kombination: Mehrere Märkte erscheinen gleichzeitig anfällig. Treten Belastungen gemeinsam auf, können sie einander verstärken.

Und genau an dieser Stelle wird der KI-Boom interessant.

Die Hälfte des S&P 500 hängt inzwischen an KI

Die Bank of England widmete dem Thema bereits in ihrem Finanzstabilitätsbericht vom Juli ein eigenes Kapitel.

Demnach entfallen inzwischen rund 50 Prozent der Marktkapitalisierung des S&P 500 auf Unternehmen, die die Bank als KI-bezogen einstuft. Ende 2022 waren es noch etwa 25 Prozent. Die Berechnung umfasst dabei nicht nur reine KI-Unternehmen, sondern einen definierten Korb von Unternehmen mit starkem KI-Bezug.

Damit wird ein mögliches Bewertungsproblem zu einem Konzentrationsproblem.

Enttäuschen wenige große KI-Unternehmen die hohen Erwartungen an künftige Gewinne, kann ihre Kursreaktion einen wesentlich größeren Teil des Gesamtmarktes bewegen als noch vor wenigen Jahren.

Die Bank of England weist darauf hin, dass einige Bewertungskennzahlen des US-Aktienmarktes inzwischen wieder Bereiche erreicht haben, die historisch nur selten beobachtet wurden. Selbst wenn die 30 besonders KI-bezogenen Aktien herausgerechnet werden, bleiben Bewertungen angespannt.

Der KI-Boom ist also nicht die einzige Ursache hoher Bewertungen.

Er verstärkt aber die Konzentration.

Und Hedgefonds wetten zunehmend mit geliehenem Geld

Noch problematischer wird das, wenn Anleger ihre Positionen hebeln.

Nach Angaben der Bank of England sind die sogenannten Prime-Brokerage-Bestände von Hedgefonds weltweit innerhalb eines Jahres um rund 40 Prozent gestiegen und liegen auf Rekordniveau. Gleichzeitig konzentrieren sich Hedgefondspositionen stärker auf einzelne Sektoren – unter anderem Halbleiter.

Solange die Kurse steigen, erhöht Fremdkapital die Rendite.

Bei starken Verlusten funktioniert derselbe Mechanismus in die andere Richtung. Hedgefonds können gezwungen sein, Positionen schnell zu verkaufen, um Sicherheiten nachzuschießen oder Verschuldung abzubauen.

Dabei müssen sie nicht nur jene Aktien verkaufen, die den Verlust ausgelöst haben.

Viele Fonds sind gleichzeitig an Aktien- und Staatsanleihemärkten aktiv. Ein Kurssturz bei KI-Aktien könnte deshalb Verkäufe an eigentlich ganz anderen Märkten auslösen. Genau solche Verbindungen interessieren Finanzaufseher, weil aus einem normalen Preisrückgang dadurch eine ungeordnete Marktbewegung werden kann.

Der KI-Boom wird zunehmend auf Kredit finanziert

Noch vor wenigen Jahren bestand das finanzielle Risiko des KI-Booms hauptsächlich darin, dass Anleger sehr hohe Preise für Technologieaktien bezahlten.

Inzwischen verändert sich die Finanzierung selbst.

Nach Einschätzung der Bank of England erreichten große KI-Konzerne 2025 einen Wendepunkt: Die benötigten Investitionen in Rechenzentren und Infrastruktur überstiegen zunehmend das, was aus dem laufenden Cashflow finanziert werden konnte.

Im ersten Halbjahr 2026 beschleunigte sich deshalb die Aufnahme externen Kapitals erheblich.

Die fünf von der Bank betrachteten KI-Hyperscaler – Meta, Alphabet, Amazon, Microsoft und Oracle – haben allein im ersten Halbjahr 2026 bereits mehr Anleihen ausgegeben als im gesamten Jahr 2025.

Ende 2025 entfielen lediglich drei Prozent des ausstehenden amerikanischen Investment-Grade-Unternehmensanleihemarktes auf diese Unternehmen. Bis Anfang Mai stellten sie jedoch bereits mehr als 15 Prozent der Neuemissionen des laufenden Jahres.

Die Größenordnung könnte weiter steigen.

Allein für 2028 haben sich die erwarteten Investitionen der großen KI-Konzerne laut den von der Bank zitierten Marktschätzungen innerhalb weniger Monate von weniger als 600 Milliarden auf mehr als eine Billion Dollar erhöht.

Wenn aus Aktienfantasie Kreditrisiko wird

Verschuldung ist für hochprofitable Unternehmen zunächst kein Problem.

Meta, Alphabet oder Microsoft verfügen über starke Bilanzen und hohe Kreditratings. Die Bank of England betont ausdrücklich, dass die Kreditmärkte die zusätzliche Nachfrage bislang problemlos aufgenommen haben. Von einer Verdrängung anderer Schuldner gebe es derzeit kaum Hinweise.

Die Warnung richtet sich deshalb auf die Zukunft.

Je stärker KI-Investitionen mit Anleihen, Private Credit, strukturierten Finanzierungen und außerbilanziellen Konstruktionen finanziert werden, desto mehr wandert das Risiko aus dem Aktienmarkt in andere Bereiche des Finanzsystems.

Hinzu kommen sogenannte Capital Loops.

Technologiekonzerne investieren teilweise in KI-Unternehmen, die mit diesem Kapital wiederum Rechenleistung, Chips oder Infrastruktur derselben Konzerne erwerben. Die Bank of England sieht darin potenziell selbstverstärkende Finanzierungskreisläufe. Solange Nachfrage und Gewinne wie erwartet wachsen, können diese Strukturen hervorragend funktionieren.

Problematisch wird es, wenn sich eine zentrale Annahme ändert: etwa wie schnell Unternehmen KI tatsächlich einsetzen, wie viel sie dafür bezahlen oder welche Gewinne damit erzielt werden können. Dann würde eine Neubewertung nicht mehr ausschließlich Aktionäre treffen.

Und nun kommt ein völlig anderes KI-Risiko hinzu

Baileys zweite Warnung wird leicht mit der ersten vermischt. Das FSB sagt nicht, dass autonome KI-Agenten unmittelbar einen Börsencrash auslösen werden.

Es bezeichnet vielmehr Cyberrisiken als derzeit unmittelbarste Gefahr, die von besonders leistungsfähiger Frontier-KI für das Finanzsystem ausgeht.

Neue Modelle besitzen zunehmend autonome Fähigkeiten und können komplexe Probleme selbstständig lösen. Nach Einschätzung des FSB könnten sie dadurch Geschwindigkeit, Größenordnung und Kosten von Cyberangriffen grundlegend verändern.

Ein Angriff, der bislang erhebliches Fachwissen, Personal und Zeit erforderte, könnte automatisiert und vielfach parallel ausgeführt werden.

Bei Banken, Börsen oder Zahlungsinfrastrukturen kann das über die technische Störung hinausgehen: Ist das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit kritischer Systeme betroffen, kann daraus wiederum ein Finanzstabilitätsproblem entstehen.

Jetzt reagiert OpenAI

Auf diesen Teil der Warnung antwortet nun George Osborne.

Der ehemalige britische Finanzminister ist heute bei OpenAI für internationale Aktivitäten zuständig. In einem am Sonntag veröffentlichten Beitrag in der Financial Times bezeichnet er Baileys Warnung sinngemäß als Weckruf.

Besonders brisant sei, dass KI inzwischen Sicherheitslücken teilweise schneller entdecken könne, als Unternehmen sie beseitigen.

Die Antwort könne deshalb nicht darin bestehen, KI lediglich beim Auffinden von Schwachstellen einzusetzen. Systeme müssten auch helfen, Risiken zu priorisieren, Fehler zu beheben und anschließend zu überprüfen, ob die Reparatur tatsächlich funktioniert.

Osborne fordert eine engere Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Finanzinstituten, Cybersicherheitsunternehmen und den großen KI-Laboren.

Die Gefahr ist nicht die eine KI-Blase

Die interessanteste Erkenntnis aus den Warnungen der Finanzaufseher liegt deshalb vielleicht darin, dass sich die Debatte verändert hat.

Lange lautete die Frage:

Sind Nvidia, OpenAI und andere KI-Unternehmen zu hoch bewertet?

Heute lautet sie zunehmend:

Was hängt inzwischen alles an diesen Bewertungen?

Aktienindizes konzentrieren sich stärker auf KI-Unternehmen. Hedgefonds erhöhen den Fremdkapitaleinsatz. Große Technologieunternehmen nehmen massiv Kapital für Rechenzentren auf. Private Kreditgeber und strukturierte Finanzierungen beteiligen sich am Ausbau. Gleichzeitig werden dieselben leistungsfähigen KI-Systeme zu einem neuen Faktor für die Cybersicherheit des gesamten Finanzsektors.

Keiner dieser Punkte bedeutet für sich genommen, dass ein Crash bevorsteht. Das eigentliche Risiko entsteht aus der Verknüpfung.

Finanzkrisen beginnen selten damit, dass ein einzelner Vermögenswert etwas zu teuer war. Gefährlich werden sie, wenn Verluste dazu führen, dass Schulden zurückgeführt, Sicherheiten verkauft und Risiken an Stellen sichtbar werden, an denen vorher niemand mit ihnen gerechnet hatte.

Der KI-Boom ist inzwischen groß genug geworden, dass Finanzaufseher genau diese Verbindungen beobachten.

Das ist vielleicht die wichtigste Veränderung:

Künstliche Intelligenz ist nicht mehr nur ein Börsenthema. Sie beginnt, ein Finanzstabilitätsthema zu werden.

Stefanie S. Klief

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