Finanzen

Vom YouTube-Liebling zum KI- und Rüstungstitel?

Was hinter der wilden Rally der GoPro-Aktie steckt

6 Min.

02.09.2026

Mark Fischbach alias Markiplier bei einem Auftritt 2018. 

GoPro war einmal eine der großen Wachstumsgeschichten der Wall Street. Danach verlor die Aktie fast ihren gesamten Wert. Nun geht innerhalb weniger Tage plötzlich alles sehr schnell: YouTube-Star Markiplier wird zum Großaktionär, Kleinanleger stürzen sich auf die Aktie – und anschließend verkündet GoPro einen Deal, der aus dem Actionkamera-Hersteller einen Anbieter für KI-Infrastruktur, Verteidigung und Luftfahrt machen soll.

Ein YouTuber kauft 13,5 Millionen GoPro-Aktien

Mark Fischbach gehört unter seinem Namen Markiplier zu den weltweit bekanntesten YouTubern. Nun besitzt der Filmemacher und Content Creator auch einen bemerkenswert großen Teil des Unternehmens, dessen Kameras seit Jahren zur Grundausstattung vieler Produzenten digitaler Inhalte gehören.

Aus einer Meldung an die US-Börsenaufsicht SEC geht hervor, dass Fischbach 13,5 Millionen GoPro-Aktien hält. Das entspricht 8,5 Prozent der ausstehenden Class-A-Aktien.

Allein die Nachricht darüber elektrisierte die Börse.

Am Montag legte die GoPro-Aktie rund 46 Prozent zu. Das Handelsvolumen stieg auf etwa 148 Millionen Aktien – gegenüber einem 50-Tage-Durchschnitt von rund sechs Millionen.

Der Name Markiplier genügt allerdings nicht, um die Rally fundamental zu erklären.

Interessant ist deshalb ein Detail im SEC-Dokument: Fischbach meldete seine Position über Schedule 13G. Darin erklärt er ausdrücklich, die Aktien nicht mit dem Ziel erworben zu haben, die Kontrolle über GoPro zu verändern oder Einfluss auf die Unternehmensführung auszuüben.

Es gibt damit keinen belastbaren Hinweis darauf, dass sein Einstieg mit der unmittelbar folgenden Transaktion abgestimmt war.

Dann kam der 285-Millionen-Dollar-Deal

Nur einen Tag später lieferte GoPro den nächsten Kurstreiber.

Das Unternehmen hat eine verbindliche Fusionsvereinbarung mit Starman Optical geschlossen. GoPro-Aktionäre sollen insgesamt 285 Millionen US-Dollar in bar erhalten – entsprechend 1,14 Dollar je Aktie, vorbehaltlich möglicher Anpassungen des Nettoumlaufvermögens.

Zusätzlich behalten die bisherigen GoPro-Aktionäre rund zehn Prozent des fusionierten Unternehmens. GoPros Schulden von etwa 92 Millionen Dollar sollen bei Abschluss vollständig zurückgezahlt werden. Die Gesellschaft soll weiterhin an der Nasdaq notiert bleiben.

Die Börse reagierte erneut heftig: Nach Bekanntgabe des Deals sprang die Aktie um mehr als 50 Prozent. Zeitweise handelte sie sogar oberhalb des rechnerischen Baranteils von 1,14 Dollar.

Das ist nachvollziehbar, weil Anleger nicht lediglich 1,14 Dollar erhalten sollen. Sie behalten außerdem einen Anteil am neuen Unternehmen.

Wie viel dieser Restanteil tatsächlich wert ist, lässt sich derzeit allerdings kaum seriös bestimmen.

Aus Actionkameras werden plötzlich KI-Infrastruktur und Verteidigung

Noch ungewöhnlicher als die Dealstruktur ist die Strategie dahinter.

Starman Optical produziert optische Transceiver – Komponenten, mit denen große Datenmengen über Glasfaser übertragen werden. Solche Systeme spielen insbesondere für leistungsfähige Rechenzentren eine zentrale Rolle.

Nach dem Zusammenschluss soll Starmans in den USA produziertes Transceiver-Geschäft in das GoPro-Portfolio integriert werden. Das neue Unternehmen will sich ausdrücklich in Märkte für KI-Infrastruktur, Regierung, Verteidigung, Robotik und Luft- und Raumfahrt ausdehnen.

GoPro bringt dafür etwas mit, das in der jahrelangen Krisengeschichte des Unternehmens leicht übersehen wurde: umfangreiches geistiges Eigentum.

Nach Unternehmensangaben umfasst das Portfolio mehr als 2.500 US-Patente rund um Optik und Bildgebung. Starman will diese Technologie künftig deutlich breiter vermarkten als bislang im klassischen Kamerageschäft.

Der Begriff »GoPro« könnte damit künftig für zwei sehr unterschiedliche Welten stehen: weiterhin Actionkameras und Abonnements für Verbraucher – gleichzeitig aber industrielle Optik für KI-Rechenzentren und sicherheitsrelevante Anwendungen.

Denn das alte Geschäftsmodell steckt tief in Schwierigkeiten

Die spektakulären Kursbewegungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, warum GoPro überhaupt einen strategischen Partner benötigt.

Im zweiten Quartal 2026 sank der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 31 Prozent auf 105 Millionen Dollar. Der Absatz von Kameras brach um 38 Prozent auf rund 291.000 Geräte ein.

Der Nettoverlust erhöhte sich von 16 auf 51 Millionen Dollar. Das bereinigte EBITDA lag bei minus 29 Millionen Dollar. Zum Quartalsende verfügte GoPro noch über gut 27 Millionen Dollar liquide Mittel.

Positiv entwickelte sich lediglich das Abo- und Servicegeschäft: Die Umsätze stiegen dort um elf Prozent auf 29 Millionen Dollar und machten damit bereits 28 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Zwei Millionen Dollar davon kamen aus der Lizenzierung von Inhalten für KI-Anwendungen.

Die klassische Kamera allein reicht offensichtlich nicht mehr.

GoPro steht zudem unter starkem Wettbewerbsdruck chinesischer Anbieter wie DJI und Insta360 und kämpft gleichzeitig mit höheren Komponentenkosten.

Vom Börsenstar zum Pennystock – und nun zurück?

Dieser Absturz erklärt einen Teil der Begeisterung.

GoPro war nach seinem Börsengang 2014 zeitweise mehrere Milliarden Dollar wert. Über die folgenden Jahre verlor die Aktie nahezu ihren gesamten Börsenwert. Sinkende Umsätze, Verluste und die Frage, ob Actionkameras langfristig überhaupt noch ein eigenständiger Wachstumsmarkt sind, zerstörten große Teile der ursprünglichen Wachstumserzählung.

Das macht die Aktie zugleich anfällig für extreme Bewegungen.

Ein niedriger Börsenwert, hoher Kleinanlegeranteil, prominente Investoren und hohe Short-Positionen können Kursausschläge erheblich verstärken. Genau deshalb sollte der jüngste Kursanstieg nicht mit einer ebenso schnellen Verbesserung des operativen Geschäfts verwechselt werden.

Der Deal mit Starman ist bislang zudem lediglich vereinbart. Er benötigt noch regulatorische Genehmigungen und die Zustimmung der GoPro-Aktionäre. Der Abschluss wird bis Ende 2026 erwartet.

Die eigentliche Wette beginnt erst nach der Übernahme

Anleger kaufen deshalb derzeit keine simple Übernahmegeschichte.

Sie wetten darauf, dass ein Unternehmen mit einer bekannten Marke und einem großen Patentportfolio durch neues Kapital und ein völlig anderes Geschäftsfeld wieder wirtschaftlichen Wert erzeugen kann.

Starman bekommt GoPros Optik, Patente und Marke.

GoPro bekommt eine weitgehend entschuldete Bilanz und Zugang zu Märkten, in denen derzeit erheblich mehr Wachstum erwartet wird als bei Actionkameras.

Ob daraus tatsächlich ein erfolgreicher Anbieter für KI-Infrastruktur und Verteidigung entsteht, ist völlig offen. Aber innerhalb weniger Tage hat sich zumindest die Frage verändert, die Anleger bei GoPro beantworten müssen.

Bis vor kurzem lautete sie: Wie lange kann das Geschäft mit Actionkameras noch bestehen?

Jetzt lautet sie: Was könnten Marke, Optik und 2.500 Patente wert sein, wenn GoPro plötzlich nicht mehr nur Kameras verkauft?

Stefanie S. Klief

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben