Finanzen

Drei Industriekonzerne, ein Bewertungsproblem

Warum Infineon und Siemens trotz Rekorden verlieren – und Siemens Energy über eine Abspaltung nachdenkt

5 Min.

06.08.2026

Eröffnung der Infineon Smart Power FAB in Dresden am 02.07.2026

Infineon erzielt einen Rekordumsatz, Siemens meldet so viele Aufträge und so viel Industriegewinn wie nie zuvor. Dennoch geraten beide Aktien unter Druck. Siemens Energy geht einen anderen Weg: Der Energietechnikkonzern prüft, eine profitable Industriesparte abzuspalten. Die drei Meldungen zeigen, wie anspruchsvoll die Börse deutsche Wachstumswerte inzwischen bewertet.

Infineon profitiert von einem Geschäft, das im Schatten der großen KI-Chiphersteller steht. Der Konzern produziert keine Prozessoren, auf denen Sprachmodelle trainiert werden. Seine Leistungshalbleiter sorgen jedoch dafür, dass die gewaltigen Strommengen in KI-Rechenzentren effizient gesteuert und verteilt werden.

Im dritten Geschäftsquartal stieg der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent auf den Rekordwert von 4,17 Milliarden Euro. Die Erlöse mit Stromversorgungslösungen für KI-Rechenzentren sollen im laufenden Geschäftsjahr mehr als 1,6 Milliarden Euro erreichen. Auch im lange schwachen Geschäft mit Autochips ziehen die Bestellungen wieder an.

Infineon wächst – aber nicht profitabel genug

Die Aktie verlor dennoch zeitweise rund sechs Prozent.

Der Grund lag nicht im Umsatz, sondern in der Profitabilität. Das Segmentergebnis erreichte 797 Millionen Euro, die entsprechende Marge 19,1 Prozent. Damit blieb Infineon hinter den Erwartungen des Marktes zurück. Gleichzeitig hielt das Management lediglich an seiner bisherigen Jahresprognose von rund 20 Prozent Marge fest.

Die KI-Produkte lassen zwar höhere Verkaufspreise zu. Gleichzeitig steigen jedoch die Kosten für neue Fabriken, Produktionskapazitäten und Materialien. Für Anleger genügt es deshalb nicht, dass Infineon am KI-Boom beteiligt ist. Sie wollen sehen, dass dieser Boom den Gewinn schneller erhöht als die Ausgaben.

Siemens meldet gleich mehrere Rekorde

Noch eindrucksvoller fallen die Zahlen von Siemens aus. Der Auftragseingang stieg im dritten Quartal nominal um 13 Prozent auf den Rekordwert von 27,9 Milliarden Euro. Der Umsatz wuchs um sieben Prozent auf 20,8 Milliarden Euro.

Der Gewinn des Industriegeschäfts legte um 25 Prozent auf den bisherigen Höchstwert von 3,5 Milliarden Euro zu. Der Nettogewinn stieg um 15 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro, der freie Mittelzufluss erreichte 4,1 Milliarden Euro. Siemens hob deshalb seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr an.

Der Konzern profitiert gleich mehrfach vom KI-Ausbau. Rechenzentren benötigen Stromverteilung und Gebäudetechnik von Smart Infrastructure. Chiphersteller bauen neue Fabriken, die mit Siemens-Technik automatisiert werden. Gleichzeitig verkauft der Konzern Software und Steuerungssysteme, mit denen Industrieunternehmen KI in ihre Produktion integrieren.

Siemens arbeitet nach eigenen Angaben mit neun der zehn größten Rechenzentrumsbetreiber zusammen. Die Bestellungen aus diesem Bereich haben sich in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres mehr als verdoppelt.

Auch bei Siemens werden gute Zahlen verkauft

Trotz der Rekorde verlor die Siemens-Aktie am Donnerstagvormittag zeitweise mehr als fünf Prozent.

Ein Grund: Der Auftragseingang der Automatisierungssparte Digital Industries blieb hinter den Erwartungen zurück. Zudem war die Aktie am Vortag auf ein Rekordhoch gestiegen und hatte seit Jahresbeginn bereits deutlich zugelegt. Ein großer Teil der positiven Entwicklung war damit im Kurs enthalten.

Die Reaktion ähnelt dem Fall Infineon: Anleger bewerten nicht, ob ein Unternehmen gute Zahlen liefert. Sie vergleichen das Ergebnis mit dem, was der Aktienkurs bereits vorausgesetzt hat.

Je stärker eine Aktie zuvor gestiegen ist, desto größer muss die positive Überraschung ausfallen. Ein Rekord kann dann paradoxerweise zur Enttäuschung werden.

Siemens Energy will einen Wert sichtbar machen

Bei Siemens Energy liegt das Problem anders. Dort geht es nicht um enttäuschende Quartalszahlen, sondern um die Frage, ob einzelne Geschäftsbereiche an der Börse getrennt mehr wert wären als innerhalb des Gesamtkonzerns.

Der Aufsichtsrat will sich nach Informationen von Reuters bei einer außerordentlichen Sitzung am 25. August mit einer möglichen Abspaltung der Sparte Transformation of Industry beschäftigen. Eine Entscheidung wird bei diesem Treffen noch nicht erwartet. Siemens Energy selbst äußerte sich nicht zu den Berichten.

Die Sparte liefert unter anderem Technik für industrielle Energieversorgung und Dekarbonisierung. Im dritten Quartal erzielte sie bei einem Umsatz von rund 1,5 Milliarden Euro eine Ergebnismarge von 14 Prozent. Konzernchef Christian Bruch hatte bereits bestätigt, dass intern über ihre Zukunft gesprochen wird.

Eine Abspaltung könnte das Geschäft unabhängiger machen und eine eigene Börsenbewertung ermöglichen. Für Siemens Energy würde sich zugleich die Struktur vereinfachen: Der verbleibende Konzern könnte sich stärker auf Stromnetze, Kraftwerkstechnik und die Sanierung des Windkraftgeschäfts konzentrieren.

Ob eine Trennung tatsächlich zusätzlichen Wert schafft, ist jedoch offen. Eine profitable Sparte auszugliedern verbessert nicht automatisch das operative Geschäft. Sie verteilt vorhandene Werte zunächst nur auf unterschiedliche Unternehmen.

KI verbindet alle drei Geschichten

So verschieden Infineon, Siemens und Siemens Energy aufgestellt sind, profitieren sie von derselben Entwicklung.

KI benötigt nicht nur Prozessoren. Sie braucht Halbleiter für die Stromversorgung, automatisierte Chipfabriken, Rechenzentren, Netze, Transformatoren und zusätzliche Kraftwerkskapazitäten. Die vermeintlich digitale Revolution erzeugt deshalb einen gewaltigen Bedarf an klassischer Industrie- und Energietechnik.

Infineon liefert Bauteile für die Stromsteuerung. Siemens automatisiert Fabriken und Rechenzentren. Siemens Energy liefert einen Teil der Infrastruktur, die den zusätzlichen Energiebedarf bewältigen soll.

Die Börse hat dieses Wachstumspotenzial allerdings längst entdeckt. Genau deshalb steigt die Hürde für weitere Kursgewinne.

Stefanie S. Klief

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