Michael Dell hat Jeff Bezos überholt. Nach Berechnungen von Forbes stieg das Vermögen des Dell-Gründers auf 267,7 Milliarden Dollar und damit erstmals auf Platz drei der weltweiten Milliardärsrangliste. Hinter dem Vermögenssprung steht die Wiederauferstehung eines Unternehmens, dessen Zukunft vor gut einem Jahrzehnt noch höchst unsicher erschien. Dell Technologies profitiert heute massiv von jenem Infrastrukturboom, ohne den künstliche Intelligenz nicht funktionieren würde.
Fast 330 Prozent Kursplus seit Jahresbeginn
Am Dienstag schloss die Dell-Aktie bei 533,88 Dollar und damit auf einem Rekordhoch. Seit Jahresbeginn hat sich ihr Kurs laut Forbes um rund 327 Prozent erhöht. Weil Michael Dell ungefähr 40 Prozent seines Unternehmens besitzt, schlägt dieser Anstieg unmittelbar auf sein Vermögen durch. Am Ende des Handelstages lag er mit geschätzten 267,7 Milliarden Dollar knapp vor Amazon-Gründer Jeff Bezos mit 265,2 Milliarden Dollar. Nur Google-Mitgründer Larry Page und Elon Musk lagen noch vor ihm.
Dass Dell mittlerweile in dieser Liga spielt, wäre vor einigen Jahren keineswegs selbstverständlich gewesen. 2013 befand sich der klassische PC-Markt in einer tiefen Krise. Smartphones und Tablets verdrängten Computer aus Teilen des Alltagsgeschäfts, der Konkurrenzdruck nahm zu, und Dell musste sich die Frage stellen, ob sein ursprüngliches Erfolgsmodell noch genügend Zukunft hatte.
Michael Dell entschied sich damals für einen radikalen Schritt. Gemeinsam mit dem Finanzinvestor Silver Lake nahm er den Konzern für rund 24,4 Milliarden Dollar von der Börse. In einer Mitteilung an die Beschäftigten schrieb Dell damals, die Transformation werde noch »Zeit, Investitionen und Geduld« benötigen. Genau diese wollte er sich außerhalb des vierteljährlichen Erwartungsdrucks der Börse verschaffen.
Aus dem PC-Konzern wurde ein Infrastrukturunternehmen
Der entscheidende Umbau folgte wenige Jahre später. 2016 übernahm Dell den Datenspeicher-Spezialisten EMC und schuf damit Dell Technologies. Zum Portfolio gehörten fortan nicht mehr nur PCs, sondern Server, Speichertechnik und weitere Infrastruktur für große Unternehmenskunden. 2018 kehrte der Konzern schließlich an den Kapitalmarkt zurück.
Lange wirkte diese Entwicklung wenig spektakulär. Dann begann der KI-Boom – und plötzlich befand sich Dell genau an einer Stelle der Wertschöpfungskette, an der enorme Investitionen nötig wurden.
Denn künstliche Intelligenz besteht nicht nur aus Modellen und Software. Unternehmen benötigen Hochleistungschips, Server, Speicher, Netzwerktechnik und komplette Rechenzentrumsarchitekturen. Nvidia liefert vielfach die Prozessoren – Dell baut daraus Systeme, mit denen Unternehmen diese Rechenleistung tatsächlich einsetzen können.
Die jüngsten Zahlen zeigen, welche Dimension dieses Geschäft inzwischen erreicht hat. Im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres steigerte Dell den Umsatz um 58 Prozent auf den Rekordwert von 47 Milliarden Dollar. Allein KI-optimierte Server brachten 16,4 Milliarden Dollar Umsatz. Noch bemerkenswerter waren die Bestellungen: Sie erreichten innerhalb eines Quartals 60,9 Milliarden Dollar, während der Auftragsbestand für KI-Systeme auf 95 Milliarden Dollar stieg.
Dell erhöhte deshalb seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr von zuvor 167 auf 192 Milliarden Dollar. Bei KI-Servern erwartet der Konzern inzwischen 74 Milliarden Dollar Jahresumsatz – dreimal so viel wie im Vorjahr.
Der KI-Boom macht aus Hardware wieder ein Wachstumsfeld
Darin steckt die wirtschaftlich spannendere Seite des Dell-Comebacks. Noch vor wenigen Jahren galt Hardware gegenüber Software- und Plattformkonzernen häufig als das weniger attraktive Geschäft: kapitalintensiver, niedrigere Margen, stärker austauschbare Produkte.
KI hat dieses Verhältnis zumindest teilweise verändert. Rechenleistung ist zur knappen Ressource geworden. Je größer die Modelle werden und je mehr Unternehmen eigene KI-Systeme aufbauen, desto größer wird der Bedarf an physischer Infrastruktur.
Dell muss dabei nicht einmal darauf wetten, welches Sprachmodell langfristig gewinnt. OpenAI, Anthropic, Google und zahllose Unternehmenskunden können miteinander konkurrieren – ihre Systeme benötigen trotzdem Rechenzentren. Damit gehört Dell zu jenen Unternehmen, die am KI-Boom verdienen können, unabhängig davon, welcher Anbieter am Ende die wichtigsten Anwendungen kontrolliert.
Der Effekt reicht inzwischen über das eigentliche KI-Geschäft hinaus. Dells traditionelle Server- und Netzwerkumsätze stiegen im zweiten Quartal ebenfalls um 122 Prozent, das Speichergeschäft um 26 Prozent. Von den 47 Milliarden Dollar Quartalsumsatz entfielen 31,8 Milliarden Dollar auf die Infrastructure Solutions Group.
Und dann steht Dell plötzlich mit Trump im Oval Office
Wie weit Michael Dell inzwischen selbst von der Krise des Jahres 2013 entfernt ist, zeigte sich allerdings nicht nur an der Börse. Am 6. Juli stand er gemeinsam mit seiner Frau Susan im Oval Office neben US-Präsident Donald Trump. Anlass war der offizielle Start der sogenannten Trump Accounts. Trump läutete dafür aus dem Weißen Haus die Eröffnungsglocken von New York Stock Exchange und Nasdaq.
Hinter dem politischen Branding steckt ein durchaus bemerkenswertes kapitalmarktpolitisches Experiment. Die durch Trumps Steuerreform geschaffenen Konten sind steuerbegünstigte Anlagekonten für Minderjährige. Für anspruchsberechtigte US-Kinder, die zwischen 2025 und 2028 geboren wurden, zahlt der Staat einmalig 1.000 Dollar ein. Eltern, Verwandte und Arbeitgeber können zusätzlich Geld beisteuern; investiert werden darf während der Ansparphase in bestimmte breit gestreute US-Aktienindexfonds beziehungsweise ETFs.
Michael und Susan Dell haben das Programm um eine außergewöhnliche private Zusage erweitert. Sie stellen 6,25 Milliarden Dollar bereit, um 25 Millionen Kindern jeweils 250 Dollar auf ein solches Konto einzuzahlen. Das Angebot richtet sich vor allem an Kinder bis zehn Jahre, die nicht unter die staatliche 1.000-Dollar-Regel für Neugeborene fallen; vorgesehen sind insbesondere Regionen mit einem mittleren Haushaltseinkommen von unter 150.000 Dollar.
Die US-Regierung versucht damit, breitere Bevölkerungsschichten frühzeitig direkt am Aktienmarkt zu beteiligen. Ende März waren bereits mehr als vier Millionen Kinder für solche Konten registriert; für mehr als eine Million war die staatliche 1.000-Dollar-Zahlung beantragt worden. Einzahlungen sind seit Juli möglich.
Damit verbindet sich Dells eigene Unternehmensgeschichte nicht nur mit einem politischen Projekt - es scheint sich ein Kreis zu schließen: 1984 gründete er sein Unternehmen mit rund 1.000 Dollar Startkapital. Heute kann er Milliarden dafür einsetzen, Millionen Kindern einen ersten Kapitalstock zu verschaffen.
Das Comeback begann lange vor dem KI-Boom
Die Versuchung ist groß, Dells heutigen Erfolg vollständig künstlicher Intelligenz zuzuschreiben. Tatsächlich wäre das zu kurz gegriffen. KI wirkt vielmehr wie ein enormer Beschleuniger einer Transformation, die Michael Dell mehr als ein Jahrzehnt zuvor begonnen hatte.
2013 nahm er ein Unternehmen von der Börse, dessen wichtigste Branche unter strukturellem Druck stand. 2016 machte er mit EMC eine der größten Wetten der Technologiebranche auf Unternehmens-IT und Infrastruktur. Heute liegt genau dort ein großer Teil des Wachstums.
Dass sein persönliches Vermögen nun Jeff Bezos übertrifft, kann sich mit dem nächsten Börsentag wieder ändern. Milliardärslisten reagieren schließlich auf jede Kursbewegung.
Der wirtschaftlich interessantere Rekord steht deshalb in Dells Geschäftszahlen: 60,9 Milliarden Dollar KI-Serverbestellungen in nur drei Monaten und 95 Milliarden Dollar Auftragsbestand.
Vor gut einem Jahrzehnt musste Dell beweisen, dass ein PC-Konzern überhaupt noch eine Zukunft hatte.
Heute besteht die Herausforderung fast im Gegenteil: Der Konzern muss zeigen, dass er den gewaltigen Infrastrukturbedarf des KI-Zeitalters schnell genug bedienen kann.
Stefanie S. Klief