Es ist eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit. CIA-Direktor John Ratcliffe reist unangekündigt nach Moskau, spricht dort über den Ukraine-Krieg und nach übereinstimmenden Medienberichten auch über einen möglichen russischen Angriff auf NATO-Gebiet. Zur selben Zeit berichten ein US-Verteidigungsbeamter und ein NATO-Vertreter von einem dramatischen Engpass bei amerikanischen Patriot-Abfangraketen in Europa. Einen belegten Zusammenhang zwischen der Reise und den knappen Beständen gibt es nicht. Zusammengenommen zeigen die Entwicklungen jedoch, unter welchem Druck die westliche Abschreckung inzwischen steht.
»Jenseits kritisch« – zwei Insider schlagen Alarm
Die amerikanischen Patriot-Bestände in Europa seien inzwischen »beyond critical«, erklärten ein US-Verteidigungsbeamter in Europa und ein NATO-Vertreter gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press. Besonders knapp seien jene Patriot-Abfangraketen, die gegen schnelle ballistische Raketen eingesetzt werden können. Beide Quellen blieben wegen der Sensibilität der Angaben anonym.
Nach Einschätzung des US-Beamten verfügt das amerikanische Militär in Europa derzeit nicht über genügend Patriot-Abfangraketen, um einen länger anhaltenden russischen Angriff mit ballistischen Raketen abzuwehren. Selbst gegenüber einem einzelnen Angriff oder einer fehlgeleiteten russischen Rakete seien die Möglichkeiten »sehr begrenzt«.
Das ist eine weitreichende Aussage. Denn Patriot gehört zu den wenigen westlichen Systemen, mit denen moderne ballistische Raketen in ihrer Endflugphase abgefangen werden können. Langsamere Drohnen oder Marschflugkörper lassen sich auch mit anderen und teilweise deutlich günstigeren Waffen bekämpfen. Eine ballistische Rakete nähert sich ihrem Ziel dagegen mit vielfacher Schallgeschwindigkeit und lässt der Verteidigung nur sehr wenig Zeit.
Gerade die Erfahrungen der Ukraine zeigen, wie entscheidend diese Fähigkeit geworden ist. Russland kombiniert bei seinen Angriffen immer wieder große Mengen vergleichsweise günstiger Drohnen mit Marschflugkörpern und ballistischen Raketen, um die ukrainische Luftverteidigung zu überlasten. Bei den jüngsten russischen Angriffswellen beklagte Kiew erneut fehlende Patriot-Munition.
Der Iran-Krieg wurde zum Wendepunkt
Die Knappheit begann allerdings nicht erst 2026. Die USA lieferten seit Beginn der russischen Vollinvasion mehrere Hundert Patriot-Abfangraketen an die Ukraine. Nach Angaben des Sicherheitsexperten Mark Cancian vom Center for Strategic and International Studies, CSIS, waren es während der Biden-Regierung rund 600 Stück. Diese Lieferungen waren nach Einschätzung von Fachleuten jedoch langfristig eingeplant.
Der wesentlich stärkere Einschnitt kam mit dem Krieg gegen Iran.
Zur Verteidigung amerikanischer Truppen und Verbündeter im Nahen Osten wurden große Mengen an Luftabwehrmunition eingesetzt. Außerdem wurden Bestände aus anderen Regionen in den Nahen Osten verlegt. Laut einer CSIS-Schätzung sind durch den Iran-Krieg inzwischen rund 1.500 von ursprünglich etwa 2.330 amerikanischen Patriot-Abfangraketen verbraucht worden – etwa 65 Prozent. CSIS ging Ende Juli davon aus, dass der verbleibende US-Bestand inzwischen unter 1.000 Stück liegt.
Dabei handelt es sich ausdrücklich um Schätzungen und nicht um offiziell veröffentlichte Pentagon-Bestandszahlen. Die tatsächlichen Munitionsvorräte unterliegen der Geheimhaltung.
Dennoch ist die Größenordnung relevant. Noch 2025 lieferte Lockheed Martin 620 Exemplare der besonders leistungsfähigen PAC-3-MSE-Version aus. Der Konzern und das Pentagon haben inzwischen vereinbart, die jährliche Produktionskapazität bis Ende 2030 auf 2.000 Stück zu erhöhen. Der Ausbau erfolgt also – aber nicht in der Geschwindigkeit, mit der sich kurzfristig Tausende verbrauchte Flugkörper ersetzen lassen.
Pentagon und NATO widersprechen
Die dramatische Einschätzung der beiden Insider ist allerdings nicht die einzige Darstellung der Lage.
Oberst Martin O'Donnell, ein hochrangiger militärischer NATO-Sprecher, widersprach gegenüber AP ausdrücklich der Behauptung, die Patriot-Bestände in Europa seien »jenseits kritisch«. Das Bündnis verfüge über ausreichend Luftverteidigungsmunition, um sich selbst zu schützen und weiterhin Waffen an die Ukraine abzugeben.
Auch Pentagon-Sprecher Sean Parnell wies Berichte über amerikanische Munitionsengpässe zurück. Die USA verfügten über ein tiefes und einsatzbereites Arsenal. Konkrete Bestandszahlen veröffentlicht das Verteidigungsministerium allerdings nicht.
Damit stehen sich zwei kaum miteinander vereinbare Einschätzungen gegenüber: anonyme Beamte mit unmittelbarem Einblick in die europäischen Bestände warnen vor einer kritischen Lage, während die offiziellen Stellen die Einsatzbereitschaft ausdrücklich bekräftigen.
Von außen lässt sich dieser Widerspruch nicht endgültig auflösen. Dass der Verbrauch hoch und die Produktion kurzfristig begrenzt ist, lässt sich dagegen unabhängig davon belegen.
Ausgerechnet jetzt reist der CIA-Chef nach Moskau
Vor diesem Hintergrund erhält eine zweite Entwicklung besondere Aufmerksamkeit.
CIA-Direktor John Ratcliffe flog am Dienstag unangekündigt nach Moskau. Dort traf er Alexander Bortnikow, den Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Ein persönliches Treffen zwischen beiden hatte es zuvor nicht gegeben.
Über den Zweck der ungewöhnlichen Reise gibt es inzwischen mehrere Berichte.
Nach Recherchen der »New York Times« sollte Ratcliffe der russischen Führung vor allem eine düstere amerikanische Einschätzung des Ukraine-Krieges übermitteln. Die CIA sieht Russlands hohe Verluste, weitgehend stagnierende Geländegewinne und die wirtschaftliche Belastung offenbar als Gelegenheit, Moskau zu ernsthaften Friedensverhandlungen zu bewegen. Ratcliffe habe Bortnikow deutlich gemacht, dass sich Russlands militärische und wirtschaftliche Situation weiter verschlechtern könne, zugleich aber keine Drohung für den Fall ausgesprochen, dass Präsident Wladimir Putin weiterkämpft.
Bemerkenswert ist auch der Hintergrund dieser Kommunikationsform. CIA-Analysten bezweifeln laut der »New York Times« seit Längerem, dass Putins eigene Berater ihm ein unverfälschtes Bild über Verlauf und Kosten des Krieges vermitteln. Einige US-Beamte hoffen deshalb offenbar, dass der frühere Geheimdienstoffizier Putin einer Botschaft des CIA-Direktors mehr Gewicht beimisst als gewöhnlichen diplomatischen Kanälen.
Ratcliffe hatte vor seiner Reise zudem mit ukrainischen Geheimdienstvertretern gesprochen und ihnen versichert, in Moskau russische Positionen auszuloten, aber keine Zugeständnisse im Namen der Ukraine zu machen.
Auch ein möglicher NATO-Angriff wurde angesprochen
Damit war die Friedensfrage offenbar ein wesentlicher Zweck der Mission – jedoch nicht das einzige Thema.
Zwei mit dem Gespräch vertraute Quellen bestätigten Reuters, dass Ratcliffe in Moskau auch die Möglichkeit einer russischen Operation gegen ein NATO-Mitglied ansprach. Ob dies ein Hauptgrund der Reise war, ist unklar. Ebenfalls Thema war demnach die Unterstützung Russlands für Iran.
Westliche Geheimdienste beobachten seit Längerem russische Sabotage- und sogenannte Grauzonenoperationen in Europa. Reuters zufolge gehört zu den untersuchten Szenarien inzwischen sogar ein möglicher russischer Versuch, mit einer ukrainischen Drohne einen Angriff auf ein ost- oder nordosteuropäisches NATO-Land vorzutäuschen und dessen Urheberschaft zu verschleiern.
US-Präsident Donald Trump spielte Ratcliffes Reise dagegen herunter. Der CIA-Chef treffe seine russischen Gesprächspartner regelmäßig; eine besondere Botschaft habe es nicht gegeben. Einen Angriff Putins auf NATO-Gebiet schloss Trump gegenüber Reportern kategorisch aus.
Ein unmittelbar bevorstehender russischer Angriff auf die NATO wird auch von den von AP befragten Fachleuten nicht erwartet. Mehrere europäische und NATO-Verantwortliche gehen vielmehr davon aus, dass Russland erst gegen Ende des Jahrzehnts über die Voraussetzungen verfügen könnte, neben dem Ukraine-Krieg eine größere militärische Konfrontation mit dem Bündnis einzugehen.
Gerade dieser zeitliche Abstand könnte entscheidend werden.
Europa produziert mehr – aber die Raketen kommen nicht sofort
Die NATO und ihre Mitgliedstaaten haben bereits begonnen, zusätzliche Kapazitäten aufzubauen.
In Deutschland soll im September eine europäische Produktionsstätte für Patriot-GEM-T-Abfangraketen eröffnet werden. Hinter ihr steht COMLOG, ein Gemeinschaftsunternehmen von MBDA Deutschland und dem RTX-Unternehmen Raytheon. Die ersten Lieferungen sollen anschließend an Staaten gehen, die bereits bestellt haben, darunter Deutschland, die Niederlande, Rumänien und Spanien.
Parallel baut Lockheed Martin die Produktion der moderneren PAC-3 MSE in den USA massiv aus. Von rund 600 möglichen Flugkörpern jährlich soll die Kapazität bis Ende 2030 auf 2.000 steigen.
Andere europäische Systeme können einen Teil der Aufgaben übernehmen. Frankreich und Italien entwickeln etwa mit SAMP/T NG eine modernisierte Flug- und Raketenabwehr. Doch die neue Version ist bislang nicht unter realen Gefechtsbedingungen erprobt, während die bisherige Variante gegenüber Patriot Einschränkungen aufweist.
Das eigentliche Problem lässt sich deshalb nicht allein durch zusätzliche Abschussgeräte lösen. Ein Luftverteidigungssystem ist nur so lange wirksam, wie ausreichend Abfangflugkörper vorhanden sind.
Die verwundbare Zwischenzeit
Ausgerechnet darin liegt die strategische Brisanz der gegenwärtigen Situation.
Die USA und Europa haben ihre Produktionsziele inzwischen an die Realität eines lang andauernden, munitionsintensiven Krieges angepasst. Die neuen Kapazitäten entstehen jedoch erst über mehrere Jahre. Der Verbrauch findet jetzt statt.
Gleichzeitig fordert Washington von den europäischen NATO-Staaten, wesentlich mehr Verantwortung für die konventionelle Verteidigung des Kontinents zu übernehmen. Das Pentagon überprüft derzeit auch die Stationierung von rund 80.000 amerikanischen Soldaten in Europa. Pentagon-Politikchef Elbridge Colby machte bei einem Treffen mit NATO-Botschaftern am Donnerstag deutlich, dass die europäische Verteidigung künftig stärker von den Europäern selbst getragen werden soll.
Europa befindet sich damit in einer Übergangsphase: Die russische Armee ist durch den Ukraine-Krieg stark gebunden, während Europas eigene Verteidigungsindustrie erst hochgefahren wird und die Vereinigten Staaten zugleich einen erheblichen Teil ihrer hochwertigen Munition in einem anderen Krieg verbrauchen.
Ein britischer Sicherheitsexperte brachte gegenüber AP die unangenehme Konsequenz daraus auf den Punkt: Europas derzeit vielleicht wirksamster Schutz sei, dass Russland selbst nicht über unbegrenzte militärische Kapazitäten verfüge.
Das ist keine Situation, in der die NATO schutzlos wäre. Ebenso wenig belegt der Patriot-Engpass, dass Russland einen Angriff plant.
Er zeigt aber eine Schwachstelle moderner Abschreckung, die über Jahre unterschätzt wurde: Nicht allein die Zahl der verfügbaren Waffensysteme entscheidet über Verteidigungsfähigkeit, sondern die Frage, wie lange ihre Munition in einem hochintensiven Krieg reicht – und wie schnell sie ersetzt werden kann.
Stefanie S. Klief