Ukrainische Drohnen treffen das Logistikzentrum von Wildberries in St. Petersburg am 24.07.2026
Über Monate konzentrierten sich ukrainische Langstreckenangriffe vor allem auf Raffinerien, Tanklager und Ölterminals. Nun geraten verstärkt die Logistikzentren von Wildberries ins Visier. Die Ziele unterscheiden sich – die strategische Logik dahinter ist dieselbe: Russland soll Treibstoff, Lieferkapazität, Geld und Luftverteidigung für immer mehr verwundbare Punkte aufbringen müssen.
Großbrände nahe Sankt Petersburg
Über Sankt Petersburg stiegen am Freitag gewaltige Rauchwolken auf. Nach russischen Angaben hatten ukrainische Drohnen mehrere Logistikzentren des Onlinehändlers Wildberries getroffen.
Das Unternehmen bestätigte Angriffe auf Standorte in Sankt Petersburg, im angrenzenden Gebiet Leningrad und in Simferopol auf der von Russland besetzten Halbinsel Krim. Teile der Gebäude und Warenbestände hätten gerettet werden können. Der Betrieb an betroffenen Standorten wurde zumindest vorübergehend eingestellt, Waren sollten auf andere Verteilzentren umgeleitet werden.
Der Gouverneur des Gebiets Leningrad meldete drei Verletzte. Wildberries erklärte zunächst, nach vorläufigen Erkenntnissen seien keine Beschäftigten zu Schaden gekommen. Auch der Flughafen Pulkowo musste seinen Betrieb zeitweise unterbrechen; rund 50 Abflüge waren betroffen.
Die jüngste Attacke war kein Einzelereignis. Seit dem 18. Juli wurden nach einer Zählung von Reuters acht Wildberries-Lager angegriffen. Eine Auswertung russischer offener Daten kam bereits vor der neuesten Angriffswelle zu dem Ergebnis, dass rund zehn Prozent der Logistikkapazität des Unternehmens beschädigt worden sein könnten.
Bei den ersten schweren Angriffen auf Lagerhäuser in Kotowsk in der Region Tambow und Elektrostal östlich von Moskau kamen nach russischen Angaben acht Beschäftigte ums Leben. Mehr als 80 Menschen wurden im Zusammenhang mit der damaligen Angriffswelle verletzt.
Wildberries ist mehr als ein Versandhändler
Wildberries wird häufig als »russisches Amazon« bezeichnet. Das Unternehmen begann als kleiner Bekleidungshändler und entwickelte sich zum größten Online-Marktplatz des Landes.
Nach Angaben des Konzerns werden an normalen Tagen mehr als 20 Millionen Bestellungen bearbeitet. Mehr als eine Million Händler verkaufen ihre Waren über die Plattform. Die Abholstationen von Wildberries und dem Konkurrenten Ozon gehören inzwischen in vielen russischen Städten zum Alltag.
Gemeinsam mit kleineren Wettbewerbern wickeln Wildberries und Ozon nach russischen Angaben Waren und Dienstleistungen in einem Umfang ab, der etwa 8,5 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Rund vier Millionen Menschen – mehr als fünf Prozent der Erwerbstätigen – arbeiten direkt oder indirekt im Umfeld der Plattformen.
Ein Angriff auf Wildberries trifft deshalb nicht nur den Eigentümer eines Lagerhauses.
Betroffen sind Händler, deren Bestände verbrennen, Beschäftigte in den Verteilzentren, Transportunternehmen, Betreiber von Abholstationen und Kunden, deren Waren nicht mehr ankommen. Besonders für kleinere Anbieter kann der Verlust eines großen Teils ihrer eingelagerten Ware existenzbedrohend werden.
Der Kreml hat inzwischen eingeräumt, dass sowohl Wildberries als auch die über die Plattform verkaufenden kleinen und mittleren Unternehmen erhebliche finanzielle Schäden erlitten haben.
Kiew spricht von militärischer Logistik
Die Ukraine begründet die Angriffe nicht mit der allgemeinen wirtschaftlichen Bedeutung des Unternehmens.
Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte nach den ersten Attacken, die betroffenen Lager seien für die Verteilung von Navigationssystemen, Bauteilen für die Drohnenproduktion und weiterer Ausrüstung für das russische Militär genutzt worden. Die Operationen richteten sich demnach gegen Elemente der russischen Kriegslogistik.
Der Kreml und Wildberries weisen diese Darstellung zurück. Das Unternehmen bezeichnet die Lagerhäuser als zivile Einrichtungen und wirft der Ukraine vor, gewöhnliche Beschäftigte und Händler zu treffen. Unabhängig überprüfen lässt sich derzeit nicht, in welchem Umfang über die Standorte tatsächlich militärisch relevante Waren verteilt wurden.
Wildberries verkauft wie andere große Marktplätze allerdings auch technische Produkte, Schutzkleidung und Bauteile, die sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden können. Allein das macht ein gesamtes Logistikzentrum noch nicht automatisch zu einem militärischen Ziel.
Nach den Regeln des humanitären Völkerrechts darf ein ziviles Objekt nur dann angegriffen werden, wenn es aufgrund seiner Beschaffenheit, Lage, Zweckbestimmung oder tatsächlichen Nutzung wirksam zu militärischen Handlungen beiträgt und seine Zerstörung einen konkreten militärischen Vorteil verspricht. Zweifel an der Nutzung eines Objekts müssen zugunsten seines zivilen Charakters berücksichtigt werden.
Die ukrainische Behauptung, die Lager seien Bestandteil militärischer Lieferketten, ist deshalb rechtlich und politisch entscheidend. Sie ist bislang jedoch vor allem eine Erklärung der angreifenden Kriegspartei.
Von einzelnen Schlägen zu einer eigenen Kommandostruktur
Die Angriffe auf Wildberries stehen innerhalb einer deutlich ausgeweiteten ukrainischen Langstreckenstrategie.
Selenskyj unterzeichnete am 10. Juli ein Dekret zur Einrichtung eines besonderen Kommandos für Operationen tief im russischen Hinterland. Dieses soll nach seinen Worten alle verfügbaren Ressourcen darauf konzentrieren, Russlands Fähigkeit zur Fortsetzung des Krieges weiter zu verringern.
Kiew bezeichnet solche Operationen als »Langstreckensanktionen«. Der Begriff soll verdeutlichen, dass die Ukraine nicht darauf warten will, bis wirtschaftliche Sanktionen anderer Staaten Wirkung entfalten. Sie versucht, Produktions-, Energie- und Transportkapazitäten unmittelbar zu beschädigen.
Die Angriffsziele lassen sich grob in mehrere Gruppen einteilen:
Die Bereiche hängen miteinander zusammen. Eine Armee benötigt nicht nur Waffen. Sie benötigt Treibstoff, Ersatzteile, Navigationsgeräte, Fahrzeuge, Lagerflächen und funktionierende Transportwege.
Raffinerien bleiben das wirtschaftlich wichtigste Ziel
Den größten unmittelbaren wirtschaftlichen Hebel besitzen weiterhin die Angriffe auf Russlands Ölverarbeitung.
Rohöl gehört zu den wichtigsten Exportgütern des Landes. Für den Krieg und die gesamte Binnenwirtschaft ist jedoch entscheidend, dass daraus Benzin, Diesel und Flugtreibstoff hergestellt und an die benötigten Orte transportiert werden können.
Die Ukraine griff zuletzt unter anderem die Raffinerien in Omsk, Sysran und Afipski sowie den petrochemischen Komplex in Salawat an. Mehrere Anlagen mussten ihre Verarbeitung vollständig oder teilweise einstellen. Auch Ölterminals, Pumpstationen und Tanklager wurden wiederholt getroffen.
Besonders symbolträchtig war der Angriff auf Omsk. Die Anlage ist die größte Raffinerie Russlands und liegt tief in Sibirien, weit außerhalb jener Regionen, die zu Beginn des Krieges als Reichweite ukrainischer Systeme galten. Nach dem Angriff musste die Verarbeitung vorübergehend gestoppt werden.
Im Mai waren nach Recherchen von Reuters nahezu alle größeren Raffinerien in Zentralrussland entweder außer Betrieb oder zu deutlichen Produktionskürzungen gezwungen. Die betroffenen Werke standen zusammen für etwa ein Viertel der russischen Raffineriekapazität sowie für mehr als 30 Prozent der Benzin- und rund 25 Prozent der Dieselproduktion.
Anfang Juli lag die tatsächliche Benzinproduktion nach Berechnungen von Reuters und Angaben aus der Branche nur noch bei ungefähr 65 Prozent der üblichen Kapazität. In verschiedenen Regionen entstanden Engpässe, lange Warteschlangen und steigende Preise. Russland stoppte daraufhin Diesel-Exporte und begrenzte zusätzlich den Verkauf von Benzin und Flugtreibstoff ins Ausland.
Der Angriff wirkt an mehreren Stellen zugleich
Eine beschädigte Raffinerie verursacht nicht nur Kosten für ihre Reparatur.
Sie zwingt Russland, Treibstoff über längere Strecken zu transportieren, Lagerbestände neu zu verteilen und Lieferungen aus anderen Regionen oder dem Ausland zu organisieren. Moskau ließ zuletzt Benzin aus Sibirien umleiten und erhöhte Einfuhren aus Belarus, um die Hauptstadtregion vor größeren Engpässen zu schützen.
Fällt die Verarbeitung aus, kann Russland zwar einen Teil des Rohöls stattdessen exportieren. Rohöl erzielt jedoch nicht automatisch dieselben Erlöse und ersetzt nicht die im Inland benötigten Kraftstoffe.
Die Internationale Energieagentur senkte wegen der Angriffe ihre Prognose für die russische Ölproduktion. Für 2026 erwartet sie einen Rückgang auf durchschnittlich 8,9 Millionen Barrel täglich, nach 9,2 Millionen im Vorjahr. Zugleich sanken die russischen Ausfuhren verarbeiteter Ölprodukte, während die Rohölexporte anstiegen.
Öl- und Gaseinnahmen machen weiterhin ungefähr ein Fünftel bis ein Viertel der Einnahmen des russischen Bundeshaushalts aus. Die Regierung plant für 2026 mit Erlösen von rund 8,9 Billionen Rubel aus diesem Bereich. Jeder länger anhaltende Produktionsausfall belastet damit nicht nur Unternehmen und Verbraucher, sondern potenziell auch den finanziellen Spielraum des Staates.
Wildberries erweitert die Strategie auf die Konsumwirtschaft
Die Angriffe auf Wildberries setzen an einer anderen Stelle an.
Eine Raffinerie verbindet Rohstoffproduktion, Militärversorgung, Exporterlöse und den Alltag an der Tankstelle. Ein Online-Marktplatz verbindet Millionen Verbraucher mit Händlern, Lagerarbeitern, Kurieren und Zahlungsdiensten.
Indem die Ukraine beide Bereiche gleichzeitig unter Druck setzt, erweitert sie die Angriffsfläche von der klassischen Kriegsindustrie auf die wirtschaftlichen Netzwerke dahinter.
Dabei geht es offenbar um drei Ziele.
Erstens sollen mögliche Lieferketten für militärisch nutzbare Produkte gestört werden. Selbst einfache elektronische Komponenten, Kameras, Akkus oder Navigationsgeräte können für Drohnen und andere Waffensysteme benötigt werden.
Zweitens steigen die wirtschaftlichen Reibungsverluste. Waren müssen umgelagert, neue Routen aufgebaut, Schäden ersetzt und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen finanziert werden. Händler verlieren Bestände und Umsätze, während das Unternehmen Ersatzkapazitäten bereitstellen muss.
Drittens erreicht der Krieg einen Teil der russischen Gesellschaft, der bislang vergleichsweise wenig unmittelbar von ihm betroffen war. Wenn Lieferungen ausbleiben, Kraftstoffe knapp werden oder Unternehmen ihre Waren verlieren, werden die wirtschaftlichen Folgen des Krieges im Alltag sichtbarer.
Reuters bewertet die Wildberries-Angriffe ausdrücklich als Versuch, den Druck auf Russlands Konsumwirtschaft zu erhöhen und den Krieg für Millionen Menschen stärker spürbar zu machen.
Russland muss immer mehr Ziele schützen
Zu den unmittelbaren Schäden kommt ein militärischer Nebeneffekt.
Russland kann Raffinerien, Häfen, Industrieanlagen, Flughäfen, Lagerhäuser und Großstädte nicht überall mit derselben Dichte an Flugabwehr und elektronischen Störsystemen schützen. Je größer die Zahl möglicher Ziele wird, desto stärker müssen knappe Verteidigungsmittel verteilt werden.
Ein Angriff muss deshalb nicht jedes Mal eine Anlage vollständig zerstören, um Wirkung zu entfalten.
Bereits regelmäßige Alarme, kurzzeitige Produktionsstopps, gesperrte Flughäfen oder Unterbrechungen in der Logistik verursachen Kosten. Gleichzeitig bindet der Schutz wirtschaftlicher Infrastruktur Systeme, die dann an anderen Stellen fehlen können.
Die große Entfernung einiger Ziele besitzt ebenfalls strategische Bedeutung. Sankt Petersburg liegt mehr als 800 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt; die Raffinerie in Omsk sogar tief jenseits des Urals. Mit jedem erfolgreichen Angriff schrumpft der Teil Russlands, der sich als sicheres Hinterland betrachten kann.
Kein schneller Zusammenbruch der russischen Wirtschaft
Die Wirkung dieser Strategie sollte dennoch nicht überschätzt werden.
Russland verfügt über ein ausgedehntes Energie- und Verkehrsnetz, große Rohstoffreserven und beträchtliche Möglichkeiten zur Umleitung von Waren und Treibstoffen. Beschädigte Raffinerien können repariert, Bestände zwischen Lagerhäusern verschoben und Lieferungen über andere Routen abgewickelt werden.
Wildberries erklärte nach den jüngsten Angriffen, Waren auf andere Standorte zu verteilen. Testbestellungen von Reuters wurden trotz der Schäden teilweise pünktlich ausgeliefert. Auch einzelne bereits angegriffene Lager nahmen nach kurzer Unterbrechung wieder Lieferungen an.
Bei Kraftstoffen reagiert die Regierung ebenfalls mit Exportbeschränkungen, Importen und einer bevorzugten Versorgung politisch wichtiger Regionen. Der Preis dafür besteht allerdings in höheren Transportkosten, geringeren Exportmöglichkeiten und wachsendem staatlichem Eingreifen.
Die Angriffe werden Russlands Wirtschaft daher voraussichtlich nicht durch einen einzelnen spektakulären Treffer zum Einsturz bringen.
Ihre Wirkung entsteht kumulativ.
Jede beschädigte Anlage, jede zusätzliche Umleitung und jeder weitere Schutzbedarf erhöht die Kosten eines Wirtschaftssystems, das bereits durch hohe Militärausgaben, Sanktionen, Fachkräftemangel und hohe Zinsen belastet wird. Die russische Regierung senkte ihre Wachstumsprognose für 2026 zuletzt auf 0,4 Prozent; im ersten Halbjahr lag das Haushaltsdefizit deutlich über dem Vorjahreswert.
Auch Russland greift systematisch Infrastruktur an
Die ukrainische Strategie findet nicht in einem luftleeren Raum statt.
Russland greift seit Beginn seiner groß angelegten Invasion regelmäßig ukrainische Kraftwerke, Umspannwerke, Bahnanlagen, Häfen, Post- und Logistikzentren sowie Industriebetriebe an. Moskau versucht damit seinerseits, die ukrainische Energieversorgung, Wirtschaft und militärische Nachschubfähigkeit zu schwächen.
Kiew stellt seine Operationen tief in Russland als Antwort auf diese Angriffe dar. Die Ausweitung auf stark zivil geprägte wirtschaftliche Infrastruktur erhöht jedoch das Risiko ziviler Opfer und macht eine klare Begründung der militärischen Bedeutung jedes Ziels umso wichtiger.
Das gilt besonders für Plattformunternehmen wie Wildberries, deren Infrastruktur gleichzeitig Millionen zivile Bestellungen und möglicherweise einzelne militärisch nutzbare Produkte bewegt.
SK