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Pistorius’ neuer Kriegsplan für Deutschland

Bundeswehr wird auf möglichen Bündnisfall vorbereitet

Mit Boris Pistorius legt Deutschland erstmals eine Militärstrategie vor, die Russland als Hauptbedrohung definiert und die Bundeswehr bis 2039 neu ausrichten soll. Geplant sind mehr aktive Soldaten, eine deutlich größere Reserve und eine stärkere Vorbereitung auf hybride und militärische Angriffe. Dahinter steht ein klarer Bruch mit der alten Sicherheitslogik. Krieg in Europa wird nicht länger als theoretisches Risiko behandelt.

3 Min.

23.04.2026

Deutschland richtet seine Streitkräfte grundlegend neu aus. Verteidigungsminister Boris Pistorius hat mit der erstmals vorgelegten Militärstrategie der Bundeswehr den Rahmen für eine sicherheitspolitische Neuausrichtung gesetzt, die weit über klassische Reformrhetorik hinausgeht. Im Zentrum steht die Landes- und Bündnisverteidigung. Russland wird dabei ausdrücklich als Hauptbedrohung für Deutschland und den euro-atlantischen Raum benannt. Die Strategie reagiert auf eine Lage, die aus Sicht des Verteidigungsministeriums nicht mehr von abstrakten Risiken, sondern von konkreten militärischen und hybriden Gefahren geprägt ist. Damit verschiebt sich auch der Maßstab: Die Bundeswehr soll nicht mehr nur einsatzfähig sein, sondern abschreckungs- und verteidigungsfähig in einem Umfeld, das als dauerhaft instabil beschrieben wird.

Neu ist nicht nur der politische Ton, sondern auch das zugrunde liegende Kriegsbild. In den veröffentlichten Auszügen heißt es, Staat, Wirtschaft und Bevölkerung seien im Ernstfall gleichermaßen Ziel gegnerischer Angriffe, die deutsche Gesellschaft werde in ihrer Gesamtheit bedroht. Gemeint ist damit ein Szenario, in dem sich die Grenzen zwischen Front und Heimat, militärischer und ziviler Sphäre, Frieden und Krieg weiter auflösen. Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation und Angriffe auf kritische Infrastruktur gehören damit nicht mehr an den Rand der Sicherheitsdebatte, sondern in ihr Zentrum. Die neue Strategie versteht Verteidigung deshalb nicht allein als Aufgabe der Truppe, sondern als Teil einer umfassenderen staatlichen und gesellschaftlichen Resilienz.

Daran knüpft der personelle und strukturelle Aufwuchs an. Aus derzeit rund 186.000 Soldatinnen und Soldaten sollen bis Mitte der 2030er-Jahre mindestens 260.000 Aktive werden. Parallel soll die Reserve von rund 70.000 auf mindestens 200.000 Personen wachsen. In Summe zielt die Planung damit auf mindestens 460.000 einsatzbereite Kräfte. Der Aufwuchs ist in 3 Phasen angelegt: bis 2029 soll die Verteidigungsbereitschaft schnell maximiert werden, bis 2035 folgt der weitere Fähigkeitszuwachs in allen Dimensionen, und bis 2039 soll eine technologisch überlegene, innovative Streitkraft entstehen. Pistorius hält damit trotz weitergehender Forderungen aus dem militärischen Umfeld zunächst am Ziel von 260.000 aktiven Soldaten fest, betont aber zugleich, dass Automatisierung und Künstliche Intelligenz den künftigen Personalbedarf und die Qualifikationen spürbar verändern werden.

Die Bedeutung dieser Strategie liegt deshalb nicht nur in Zahlen, sondern in ihrem politischen Signal. Deutschland definiert seine Rolle in der NATO neu und erhebt den Anspruch, konventionell stärkste Militärmacht Europas zu werden. Das ist ein Bruch mit der alten Logik, in der die Bundeswehr über Jahre vor allem geschrumpft, spezialisiert und auf Auslandseinsätze ausgerichtet wurde. Nun soll sie wieder auf einen möglichen großen Bündnisfall vorbereitet werden. Pistorius nennt die Strategie ein dynamisches Dokument, das fortlaufend angepasst werden müsse. Der Kern aber steht fest: Die Bundesregierung behandelt Krieg in Europa nicht mehr als fernes Denkmodell, sondern als sicherheitspolitisches Szenario, auf das Staat, Streitkräfte und Gesellschaft vorbereitet werden sollen.

SK

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