Politik

Die eigentliche Verschiebung zeigt sich bei den jungen Wählern

Was Berlin und Mecklenburg-Vorpommern über Deutschlands politische Zukunft erzählen 

8 Min.

21.09.2026

Nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kreist die bundespolitische Debatte vor allem um Friedrich Merz und die Verluste der CDU. Doch ein anderer Befund reicht weiter: Junge Wähler entscheiden sich zunehmend für Parteien außerhalb der lange dominierenden Regierungsparteien. Vor fünf Jahren standen bei Erstwählern noch Grüne und FDP gemeinsam an der Spitze. Heute profitieren vor allem Linke und AfD. Das ist kein einheitlicher Links- oder Rechtstrend – sondern möglicherweise Ausdruck einer viel grundsätzlicheren Suche nach politischer Veränderung.

Der auffälligste Befund steckt in den Altersgruppen

Berlin und Mecklenburg-Vorpommern könnten politisch kaum unterschiedlicher gewählt haben.

In Berlin gewinnt die Linke die Abgeordnetenhauswahl mit 25,7 Prozent. Bei den 16- bis 24-Jährigen erreicht sie nach den Daten von infratest dimap sogar 43 Prozent, bei den 25- bis 34-Jährigen 49 Prozent. Unter den Erstwählern kommt sie auf 38 Prozent. Die CDU erhält bei den unter 25-Jährigen dagegen acht Prozent, unter Erstwählern neun Prozent.

Besonders ausgeprägt ist der Unterschied bei jungen Frauen: 51 Prozent der Wählerinnen unter 25 entschieden sich in Berlin für die Linke. Bei den jungen Männern waren es 34 Prozent; dort erreichte die AfD 15 Prozent.

In Mecklenburg-Vorpommern ist die politische Richtung eine andere. Dort gewinnt die AfD die Landtagswahl mit 38,2 Prozent vor der SPD mit 35,5 Prozent. Unter den 16- bis 24-Jährigen erreicht die AfD nach infratest dimap rund 34 Prozent. 2021 waren es in dieser Altersgruppe noch 14 Prozent gewesen.

Zwei Länder, zwei unterschiedliche Sieger – aber eine Gemeinsamkeit: Bei sehr jungen Wählern spielen jene Parteien eine besonders große Rolle, die nicht die Bundesregierung tragen und sich deutlich vom bisherigen politischen Kurs abgrenzen.

Vor fünf Jahren sah das noch vollkommen anders aus

Wie stark sich das Bild verändert hat, zeigt der Vergleich mit der Bundestagswahl 2021.

Damals wurden FDP und Grüne bei den Erstwählern mit jeweils 23 Prozent stärkste Kräfte. Unter den 18- bis 24-Jährigen lagen die Grünen mit 23 Prozent vorn, die FDP erreichte 21 Prozent. Die AfD kam in dieser Altersgruppe auf sieben Prozent, die Linke auf acht Prozent.

Die damalige Wahl wurde deshalb häufig als Signal einer jungen Generation interpretiert, die Veränderungen wollte, diese aber vor allem mit Klimaschutz, Digitalisierung, gesellschaftlicher Modernisierung und wirtschaftlicher Erneuerung verband. Bei der FDP spielte nach damaligen Analysen insbesondere das Versprechen von Digitalisierung und individueller Freiheit eine Rolle, bei den Grünen der Klimaschutz.

Nur dreieinhalb Jahre später hatte sich das Bild bereits stark verändert.

Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die Linke mit 25 Prozent stärkste Partei unter den 18- bis 24-Jährigen, gefolgt von der AfD mit 21 Prozent. Unter den Erstwählern erreichte die Linke 27 Prozent, die AfD 20 Prozent. Die Union kam bei den 18- bis 24-Jährigen lediglich auf 13 Prozent.

Der Bruch entstand also nicht erst an diesem Wochenende. Und er lässt sich deshalb auch nicht allein mit der Amtsführung von Friedrich Merz erklären.

Keine Generation wandert geschlossen nach links oder rechts

Der Vergleich birgt allerdings eine Falle.

Aus den Zahlen folgt nicht, dass sich dieselben jungen Menschen innerhalb von fünf Jahren kollektiv von FDP und Grünen zu Linken und AfD bewegt hätten. Die Gruppe der Erstwähler ist bei jeder Wahl eine andere. Auch Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sind nicht unmittelbar mit einer Bundestagswahl vergleichbar.

Hinzu kommt: Junge Menschen weisen traditionell eine geringere langfristige Parteibindung auf. Die Politikwissenschaftlerin Anna-Sophie Heinze beschreibt ihr Wahlverhalten als wechselhafter als das älterer Wählergruppen. Parteien könnten bei jungen Menschen deshalb schneller gewinnen – ihre Unterstützung aber auch schneller wieder verlieren.

2021 profitierten mit Grünen und FDP zwei Parteien, die damals jeweils ein starkes Veränderungs- und Zukunftsversprechen verkörperten. 2025 waren es Linke und AfD. 2026 zeigt sich dasselbe Muster je nach regionalem Umfeld erneut in vollkommen unterschiedlichen politischen Richtungen.

Das verbindende Element muss deshalb nicht Ideologie sein. Es könnte vielmehr die Bereitschaft sein, eine Partei zu wählen, der ein deutlicher Bruch mit dem bestehenden Kurs zugetraut wird.

Aus Zukunftserwartung wird Ungeduld

Diese Interpretation passt zu einem zweiten Befund.

Die Trendstudie »Jugend in Deutschland 2026« befragte Anfang des Jahres 2.012 Menschen zwischen 14 und 29 Jahren. Sie beschreibt eine Generation, die durch hohe Wohnkosten, wirtschaftliche Unsicherheit, Kriege und unsichere berufliche Perspektiven stark belastet ist. Gleichzeitig ist das Vertrauen in politische Institutionen gering. In der politischen Präferenz der Befragten lag die Linke mit 25 Prozent vorn, die AfD erreichte 20 Prozent.

Dabei wäre es zu einfach, junge Wähler lediglich als Protestwähler zu beschreiben.

Bereits Analysen nach der Bundestagswahl 2025 zeigten, dass viele ihre Entscheidung mit konkreten Themen verbanden. Wohnkosten, soziale Sicherheit, Migration, Gleichberechtigung, wirtschaftliche Perspektiven oder Krieg und Frieden spielten je nach politischer Orientierung unterschiedliche Rollen.

Auch Berlin liefert dafür ein Beispiel. Dort wird der Linken beim Thema bezahlbarer Wohnraum mit Abstand die größte Kompetenz zugeschrieben. Gleichzeitig ist Wohnen für junge Menschen besonders relevant, weil viele von ihnen erstmals einen eigenen Haushalt gründen wollen und unmittelbar mit hohen Mieten konfrontiert werden. Der Erfolg der Partei allein mit Protest oder Social Media zu erklären, würde deshalb zu kurz greifen.

Social Media verstärkt – erklärt aber nicht alles

Dass AfD und Linke jüngere Wähler besonders erfolgreich über soziale Netzwerke erreichen, ist inzwischen gut dokumentiert. Junge Menschen beziehen politische Informationen häufiger über digitale Plattformen, politische Inhalte werden dort stärker über Personen, kurze Botschaften und Konflikte vermittelt als über klassische Parteistrukturen.

Daraus lässt sich aber keine einfache Kausalität ableiten.

TikTok macht aus einem jungen Menschen nicht automatisch einen AfD- oder Linke-Wähler. Eine digitale Kampagne funktioniert nur, wenn ihre Botschaften auf vorhandene Sorgen, Interessen oder Erwartungen treffen.

Damit verschiebt sich die interessantere Frage: nicht, warum eine Partei auf TikTok erfolgreich ist, sondern warum ihre Erzählung dort auf Resonanz stößt.

2021 waren Zukunft und Veränderung offenbar noch stark mit Klimaschutz, Digitalisierung und individueller Freiheit verbunden. Wenige Jahre später stehen bei einem erheblichen Teil der jüngsten Wähler soziale Verteilungsfragen, Migration, Sicherheit, Wohnen und grundsätzliche Kritik am politischen Kurs stärker im Vordergrund.

Das Problem reicht über Friedrich Merz hinaus

Für die CDU ist der aktuelle Befund besonders deutlich. In Mecklenburg-Vorpommern scheitert sie mit 4,9 Prozent am Einzug in den Landtag. In Berlin erreicht sie unter den jüngsten Wählern nur acht Prozent.

Doch eine reine Personaldebatte um Friedrich Merz würde den Zeitraum der Verschiebung verkürzen.

Schon die Bundestagswahl 2025 zeigte die außergewöhnliche Stärke von Linken und AfD bei jungen Menschen. Und bereits 2021 hatten Union und SPD Schwierigkeiten, Erstwähler für sich zu gewinnen: Damals erreichte die Union in dieser Gruppe nur zehn Prozent, die SPD 15 Prozent.

Das strukturelle Problem betrifft deshalb mehr als eine Partei und mehr als einen Kanzler.

CDU und SPD verfügen weiterhin über deutlich größere Rückhalte bei älteren Wählergruppen. Bei den Jüngsten konkurrieren sie dagegen mit Parteien, die gesellschaftliche Konflikte schärfer formulieren und Veränderungen grundsätzlicher versprechen. In Berlin profitiert davon derzeit die Linke, in Mecklenburg-Vorpommern die AfD. Anderswo kann das Bild wieder anders aussehen: Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März waren bei Erstwählern weiterhin die Grünen mit 28 Prozent stärkste Kraft, während AfD und Linke allerdings deutlich zulegten.

Es handelt sich deshalb bislang weniger um eine stabile neue Parteibindung als um einen offenen Wettbewerb um eine politisch ungewöhnlich bewegliche Generation.

Die langfristigere Frage beginnt erst nach dem Wahlabend

Ein Parteivorsitzender lässt sich austauschen. Wahlprogramme lassen sich ändern, Koalitionen neu bilden und Kampagnen anders führen.

Schwieriger ist es, verlorene politische Bindung wiederherzustellen.

Wer nur auf die Frage schaut, ob Friedrich Merz nach den Niederlagen politisch beschädigt ist, betrachtet deshalb den unmittelbarsten Teil der Geschichte. Für die Parteien dürfte langfristig entscheidender sein, weshalb eine Generation, die 2021 ihre größten Hoffnungen noch in Grüne und FDP setzte, wenige Jahre später ihre Stimmen so häufig Linken und AfD gibt.

Die Wahlergebnisse von Berlin und Mecklenburg-Vorpommern liefern darauf keine einheitliche politische Antwort.

Sie machen aber sichtbar, wie offen die Frage inzwischen ist, welche Parteien junge Menschen überhaupt noch mit ihrer Vorstellung von Zukunft verbinden.

Stefanie S. Klief

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