Politik

Vance attackiert europäische Medien

Der US-Vizepräsident nennt Kritik an der Polen-Entscheidung »Gezeter«

US-Vizepräsident J.D. Vance hat Kritik an der verzögerten Entsendung amerikanischer Soldaten nach Polen scharf zurückgewiesen. Bei einem Briefing im Weißen Haus griff er vor allem europäische Medien an und warf ihnen vor, die USA ständig zu kritisieren. Der Vorfall zeigt, wie angespannt das transatlantische Verhältnis in Sicherheitsfragen geworden ist. Für Europa wird die Botschaft aus Washington immer klarer: Die USA wollen mehr Lastenteilung und weniger Selbstverständlichkeit bei ihrer militärischen Präsenz.

6 Min.

20.05.2026

US-Vizepräsident J.D. Vance hat die Kritik an der geplanten Veränderung der amerikanischen Militärpräsenz in Europa ungewöhnlich scharf zurückgewiesen. Bei einem Briefing im Weißen Haus reagierte Vance auf die Frage eines polnischen Reporters, warum die US-Regierung eine geplante Entsendung von rund 4.000 Soldaten nach Polen vorerst nicht umsetzt. Der Reporter fragte, ob Washington damit nicht Wladimir Putin belohne und einen der engsten europäischen Verbündeten der USA bestrafe.

Vance wies diese Darstellung zurück und griff dabei vor allem europäische Medien an. Er höre seit seinem ganzen Leben ständiges »Gezeter« europäischer Medien darüber, was in den USA alles falsch laufe, sagte der US-Vizepräsident sinngemäß. Wenn europäische Medien den Präsidenten der Vereinigten Staaten angreifen wollten, sollten sie zunächst in den Spiegel schauen. Europa müsse mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit übernehmen.

Die Aussagen fallen in eine Phase wachsender Unsicherheit über die künftige Rolle der USA in Europa. Nach Reuters-Angaben wurde die geplante Verlegung von 4.000 US-Soldaten nach Polen verzögert. Vance betonte jedoch, dies bedeute keinen vollständigen Rückzug der USA aus Europa. Vielmehr gehe es um eine Anpassung der amerikanischen Militärpräsenz und um eine stärkere europäische Beteiligung an der gemeinsamen Verteidigung.

Das Pentagon verwies demnach auf eine breitere Überprüfung der amerikanischen Truppenstruktur in Europa. Die Zahl der Brigade Combat Teams auf dem Kontinent soll von vier auf drei reduziert werden. Offizielle Vertreter betonen zugleich, dass die USA weiter an ihrer Präsenz in Polen festhalten. Für Warschau bleibt die Lage dennoch sensibel. Polen gehört zu den wichtigsten NATO-Staaten an der Ostflanke und sieht sich wegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine besonders direkt bedroht.

Politisch ist Vances Auftritt deshalb mehr als eine spontane Pressereaktion. Er passt zu einer Linie der Trump-Regierung, die europäische Verbündete seit Längerem zu höheren Verteidigungsausgaben und mehr Eigenverantwortung drängt. Washington stellt die NATO nicht zwangsläufig offen infrage, macht aber deutlich, dass amerikanische Sicherheitsgarantien nicht mehr als selbstverständlich behandelt werden sollen.

Für Europa ist diese Botschaft unbequem. Viele Staaten haben ihre Verteidigungsausgaben nach dem russischen Angriff auf die Ukraine erhöht, doch die Abhängigkeit von den USA bleibt groß. Amerikanische Fähigkeiten bei Luftverteidigung, Aufklärung, Logistik, Abschreckung, Munition, Kommandoinfrastruktur und strategischer Präsenz lassen sich kurzfristig kaum ersetzen. Wenn Washington Truppen verschiebt oder Zusagen verzögert, entstehen sofort sicherheitspolitische Nervosität und politische Deutungsräume.

Vances Angriff auf die Medien verschärft zusätzlich den Ton. Statt die Entscheidung rein militärisch zu erklären, stellte er die Kritik an den USA in einen größeren kulturellen und politischen Zusammenhang. Europäische Medien und Politiker würden aus seiner Sicht zu häufig auf amerikanische Defizite zeigen, aber zugleich erwarten, dass die Vereinigten Staaten Europas Sicherheit garantieren. Damit bedient Vance ein zentrales Motiv des Trump-Lagers: Europa solle weniger moralisieren und mehr selbst leisten.

Diese Argumentation trifft in Teilen einen realen Punkt, ist aber politisch grob zugespitzt. Europas Sicherheit hängt tatsächlich noch immer stark von den USA ab. Gleichzeitig haben viele europäische Staaten in den vergangenen Jahren ihre Verteidigungshaushalte deutlich erhöht und stehen selbst unter massivem fiskalischem Druck. Die Frage ist daher nicht nur, ob Europa mehr tun muss. Die Frage ist auch, wie schnell es militärische Fähigkeiten aufbauen kann, die über reine Ausgabenversprechen hinausgehen.

Für Polen ist die Verzögerung besonders heikel. Das Land investiert stark in seine Streitkräfte, gehört zu den entschiedensten Unterstützern der Ukraine und versteht die amerikanische Präsenz als zentralen Bestandteil seiner Abschreckung gegenüber Russland. Wenn Washington ausgerechnet hier eine geplante Truppenverlegung stoppt oder verschiebt, wird das in Osteuropa genau beobachtet. Der Eindruck eines amerikanischen Rückzugs, selbst wenn er offiziell bestritten wird, kann politisch bereits Wirkung entfalten.

Gleichzeitig verfolgt die US-Regierung erkennbar das Ziel, ihre globalen militärischen Ressourcen neu zu gewichten. Der Iran-Krieg, Spannungen im Indopazifik, Grenzsicherung, Verteidigungsausgaben und innenpolitischer Druck auf den Haushalt erhöhen die Frage, wo amerikanische Truppen eingesetzt werden sollen. Europa konkurriert damit stärker als früher mit anderen strategischen Prioritäten der USA.

Die transatlantische Beziehung verändert sich dadurch grundlegend. Lange beruhte sie auf einer klaren Arbeitsteilung: Die USA stellten den militärischen Schutzschirm, Europa profitierte von Sicherheit und konzentrierte sich stärker auf wirtschaftliche und zivile Macht. Dieses Modell gerät unter Druck. Nicht erst seit Trump, aber unter Trump und Vance deutlich aggressiver formuliert, verlangen die USA eine neue Lastenteilung.

Für Deutschland und die EU ist der Vorgang ein weiteres Warnsignal. Europäische Verteidigungsfähigkeit lässt sich nicht länger als abstraktes Zukunftsprojekt behandeln. Wenn amerikanische Zusagen politischer, konditionierter und unberechenbarer werden, muss Europa eigene Fähigkeiten schneller aufbauen. Dazu gehören gemeinsame Beschaffung, Luftverteidigung, Munition, Drohnenabwehr, Cyberabwehr, Transportkapazitäten und eine bessere Koordination der nationalen Armeen.

Der Auftritt von Vance zeigt aber auch, wie stark sich der Ton zwischen den Verbündeten verändert hat. Früher wurden Differenzen meist diplomatisch moderiert. Heute werden sie öffentlich ausgetragen, oft mit scharfen Formulierungen und innenpolitischer Botschaft. Vance spricht nicht nur zu europäischen Partnern, sondern auch zu amerikanischen Wählern, die Trumps Kurs unterstützen: weniger Auslandslasten, härtere Verhandlungen, mehr Druck auf Verbündete.

Für Europa liegt die Herausforderung darin, sich von dieser Rhetorik nicht nur provozieren zu lassen, sondern die strategische Konsequenz zu ziehen. Empörung über Vances Ton ersetzt keine Verteidigungsfähigkeit. Umgekehrt kann Washington nicht erwarten, dass Vertrauen stabil bleibt, wenn zentrale Sicherheitsfragen öffentlich im Stil einer Schuldzuweisung verhandelt werden.

Am Ende steht ein nüchterner Befund: Die USA bleiben für Europas Sicherheit unverzichtbar, aber sie werden unberechenbarer. Vances Attacke auf europäische Medien ist deshalb nicht nur eine verbale Entgleisung im Pressebriefing. Sie ist Ausdruck eines tieferen Machtwechsels im transatlantischen Verhältnis. Europa soll mehr leisten, mehr zahlen und weniger erwarten. Die entscheidende Frage ist, ob es darauf rechtzeitig politisch und militärisch antwortet.

SK

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