Gold gilt als Krisenwährung. Doch ausgerechnet die Eskalation des Nahostkonflikts könnte dem Edelmetall zunehmend schaden. Steigende Ölpreise heizen die Inflation an, treiben Zinserwartungen und stärken den US-Dollar. Die Großbanken HSBC und Bank of America haben ihre Erwartungen an den Goldmarkt deshalb zurückgenommen. Dahinter steht ein wirtschaftlicher Zusammenhang, der die übliche Vorstellung vom sicheren Hafen auf die Probe stellt.
Wenn geopolitische Konflikte eskalieren, suchen Anleger häufig Zuflucht in Gold. Das Edelmetall gilt als Wertaufbewahrungsmittel, das unabhängig von staatlichen Zahlungsversprechen existiert und gerade in unsicheren Zeiten gefragt ist. Doch die derzeitige Entwicklung am Goldmarkt folgt einer anderen Logik: Während der Krieg im Nahen Osten die Energieversorgung belastet und die Unsicherheit hoch bleibt, haben steigende Ölpreise und Zinsen den Goldpreis unter Druck gesetzt.
Am 12. Oktober verlor Gold rund 0,6 Prozent und fiel auf etwa 4.169 US-Dollar je Feinunze. Gleichzeitig stiegen die Ölpreise infolge neuer Angriffe auf die Energieinfrastruktur Saudi-Arabiens. Einen Tag später erholte sich Gold wieder leicht, während Ölpreise und Dollar nachgaben.
Die gegenläufigen Bewegungen verdeutlichen, weshalb die Goldpreisentwicklung derzeit nicht allein anhand geopolitischer Risiken erklärt werden kann. Entscheidend ist zunehmend, welche wirtschaftlichen Folgen die Konflikte auslösen.
In diesem Umfeld haben zwei internationale Großbanken ihre Einschätzungen zum Goldmarkt überarbeitet. Während HSBC seine mittelfristigen Prognosen moderat zurücknahm, warnt die Bank of America vor erheblichen Kursverlusten, falls die Ölpreise weiter steigen.
Warum teures Öl zum Problem für Gold wird
Der Zusammenhang beginnt beim Ölpreis. Steigt Rohöl über längere Zeit deutlich im Preis, verteuern sich nicht nur Benzin, Diesel und Heizenergie. Auch Transportkosten, industrielle Produktion und zahlreiche Vorprodukte können betroffen sein.
Unternehmen versuchen, höhere Kosten teilweise an ihre Kunden weiterzugeben. Dadurch kann der Inflationsdruck zunehmen, selbst wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage schwächer wird.
Für Zentralbanken entsteht daraus ein schwieriges Problem. Einerseits belasten hohe Energiepreise Unternehmen und Verbraucher und können das Wirtschaftswachstum bremsen. Andererseits erschweren sie die Rückkehr zu einer niedrigen und stabilen Inflation.
Eine Notenbank, die deshalb ihre Zinsen länger hoch halten oder sogar weiter anheben muss, verändert zugleich die Attraktivität von Gold.
Das Edelmetall wirft selbst keine laufenden Zinsen ab. Steigen die Renditen von Staatsanleihen oder anderen vergleichsweise sicheren Zinsanlagen, erhöhen sich die sogenannten Opportunitätskosten der Goldhaltung: Anleger verzichten auf höhere Zinserträge, wenn sie stattdessen unverzinstes Gold besitzen.
Hinzu kommt die Entwicklung des US-Dollars. Höhere amerikanische Zinsen können die Nachfrage nach Dollar-Anlagen stärken. Wertet der Dollar auf, verteuert sich das international in US-Dollar gehandelte Gold für Käufer aus anderen Währungsräumen, sofern deren Landeswährungen nicht entsprechend mitsteigen.
Der Nahostkonflikt wirkt damit auf zwei Wegen auf den Goldmarkt. Die geopolitische Unsicherheit kann die Nachfrage nach einem sicheren Hafen erhöhen. Ein anhaltender Ölpreisschock kann gleichzeitig Inflation, Zinserwartungen und Dollar stärken und dadurch den Goldpreis belasten.
Welche Wirkung überwiegt, hängt von der jeweiligen wirtschaftlichen und geldpolitischen Situation ab.
Bank of America rechnet mit weiteren Rückschlägen
Die Analysten der Bank of America haben ihre kurzfristige Einschätzung Anfang Oktober deutlich vorsichtiger formuliert. Für das vierte Quartal 2026 erwarten sie einen durchschnittlichen Goldpreis von rund 4.000 US-Dollar je Feinunze. Zwischenzeitlich halten sie einen Rückgang auf 3.750 Dollar für möglich.
Noch deutlicher fällt ein Stressszenario für das kommende Jahr aus. Sollte der Nahostkonflikt anhalten und der Ölpreis auf 150 US-Dollar je Barrel steigen, könnte Gold 2027 nach Berechnungen der Bank im Jahresdurchschnitt auf rund 3.500 Dollar fallen.
Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um die Basisprognose. Die Bank beschreibt ein mögliches Ergebnis unter besonders ungünstigen Voraussetzungen.
An ihrem grundsätzlich positiven längerfristigen Ausblick hält sie fest. In einer am 12. Oktober veröffentlichten Analyse nennt Bank of America für 2027 einen durchschnittlichen Goldpreis von 4.813 Dollar.
Zwischen dem optimistischeren Basisszenario und dem ölpreisgetriebenen Stressszenario liegen damit mehr als 1.300 Dollar je Feinunze. Die erhebliche Differenz unterstreicht, wie empfindlich die Prognosen auf Annahmen über Energiepreise, Inflation und Geldpolitik reagieren.
Die Bank erwartet, dass eine nachhaltige Erholung des Goldpreises vor allem dann wahrscheinlicher wird, wenn die Inflationssorgen nachlassen, der US-Dollar seine Aufwertung beendet und die amerikanische Notenbank von ihrem restriktiven geldpolitischen Kurs abrückt.
Auch HSBC wird vorsichtiger
Die britische Großbank HSBC hat ihre durchschnittliche Goldpreisprognose für 2026 von 4.560 auf 4.490 US-Dollar je Feinunze gesenkt. Für 2027 reduzierte sie ihre Erwartung von 4.925 auf 4.825 Dollar.
Bereits im Juli hatte HSBC ihre Prognosen deutlich zurückgenommen. Die erneute Anpassung zum Oktober fällt im Vergleich dazu moderat aus.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Jahresdurchschnitt und Jahresendkurs. Die für 2026 erwarteten 4.490 Dollar beschreiben den durchschnittlichen Goldpreis über das gesamte Kalenderjahr. Daraus lässt sich nicht unmittelbar ableiten, welchen Kurs HSBC für den Dezember erwartet.
Die Bank geht weiterhin davon aus, dass der langfristige Anlagebedarf und die Nachfrage institutioneller Investoren den Goldmarkt unterstützen können. Kurzfristig hält sie jedoch zusätzlichen Preisdruck für möglich.
Besonders aufmerksam beobachten die Analysten die Marke von 4.000 Dollar. In diesem Bereich könnte die Nachfrage der Zentralbanken nach Einschätzung von HSBC wieder stärker werden und den Preis stabilisieren.
Ob sich daraus tatsächlich ein belastbarer Boden entwickelt, lässt sich allerdings nicht allein aus einer Preisprognose ableiten. Entscheidend ist, ob Käufer bei fallenden Kursen in ausreichendem Umfang zusätzliche Nachfrage erzeugen.
Könnten Zentralbanken plötzlich Gold verkaufen?
Eine besondere Rolle spielt die Nachfrage der Notenbanken. Viele Zentralbanken haben ihre Goldreserven in den vergangenen Jahren ausgebaut, um ihre Währungsreserven stärker zu diversifizieren und die Abhängigkeit von einzelnen Währungen zu verringern.
Die Bank of America sieht allerdings das Risiko, dass ausgerechnet Zentralbanken in energieimportierenden Staaten bei einem weiteren Ölpreisschock unter finanziellen Druck geraten.
Länder, die einen großen Teil ihres Energiebedarfs importieren müssen, benötigen bei steigenden Ölpreisen mehr Devisen für ihre Einfuhren. Gleichzeitig können sich ihre Leistungsbilanzen verschlechtern und ihre Landeswährungen unter Abwertungsdruck geraten.
Unter solchen Bedingungen kann es wirtschaftlich sinnvoll oder notwendig werden, einen Teil der Goldreserven zu verkaufen, um Liquidität zu beschaffen oder Währungsmärkte zu stabilisieren.
Die Bank verweist in diesem Zusammenhang auf Verkäufe einzelner Zentralbanken, insbesondere im Umfeld der türkischen Goldreserven. Allerdings ergibt sich daraus bislang kein globaler Verkaufszyklus.
Nach den umfassenderen Berechnungen des World Gold Council kauften Zentralbanken und andere offizielle Institutionen im zweiten Quartal 2026 weltweit netto rund 289 Tonnen Gold. Im August kamen nach den gemeldeten Bestandsveränderungen weitere 39 Tonnen Nettokäufe hinzu.
Die Zahlen widersprechen damit der Vorstellung, Zentralbanken hätten ihre Goldbestände insgesamt bereits im zweiten Quartal reduziert. Verkäufe einzelner Länder und globale Nettokäufe können gleichzeitig auftreten.
Zudem beruhen die Daten zum zweiten Quartal und die monatlich gemeldeten Bestandsveränderungen auf unterschiedlichen Erfassungsmethoden. Sie sind deshalb nicht ohne Weiteres unmittelbar miteinander vergleichbar.
Das Risiko, dass energieimportierende Staaten bei weiter steigenden Ölpreisen Goldreserven veräußern müssen, bleibt dennoch relevant. Es beschreibt jedoch eine mögliche künftige Entwicklung und keinen bereits nachgewiesenen globalen Trendwechsel.
Die Ölprognosen machen das Risiko greifbar
Dass die Energiepreise eine entscheidende Rolle spielen, zeigen auch die aktuellen Prognosen der amerikanischen Energiebehörde EIA. Anfang Oktober erhöhte sie ihre Erwartungen für den Ölmarkt erneut. Für das vierte Quartal 2026 rechnet die Behörde inzwischen mit einem durchschnittlichen Preis von rund 105 US-Dollar je Barrel der Nordseesorte Brent. Das sind 14 Dollar mehr als in ihrer vorherigen Prognose.
Hintergrund sind anhaltende Einschränkungen der Öltransporte aus dem Nahen Osten, Angriffe auf Energieinfrastruktur sowie rückläufige globale Lagerbestände. Für 2027 erwartet die EIA im Basisszenario allerdings wieder einen niedrigeren Brent-Durchschnittspreis von 84 Dollar. Voraussetzung ist, dass sich die Ölversorgung schrittweise normalisiert und die Lagerbestände wieder aufgebaut werden können.
Der von Bank of America angenommene Ölpreis von 150 Dollar liegt damit erheblich über dem aktuellen Basisszenario der amerikanischen Energiebehörde. Das macht die Goldpreisprognose von 3.500 Dollar nicht bedeutungslos. Es verdeutlicht aber, dass sie an eine besonders starke und anhaltende Verschärfung der Energiekrise geknüpft ist.
Umgekehrt bedeutet eine Entspannung am Ölmarkt nicht automatisch steigende Goldpreise. Sinkende Energiepreise können zwar Inflations- und Zinserwartungen dämpfen. Gleichzeitig könnte eine geopolitische Entspannung die Nachfrage nach sicheren Anlagen verringern.
Warum die Nachfrage nach Gold trotzdem nicht abreißt
Trotz der gestiegenen Renditen und des starken Dollars ist das Anlegerinteresse an Gold keineswegs verschwunden. Nach Angaben des World Gold Council flossen im September weltweit rund zehn Milliarden US-Dollar in physisch besicherte Gold-ETFs. Gleichzeitig fiel der Goldpreis im Monatsverlauf um 8,5 Prozent.
Der scheinbare Widerspruch erklärt sich unter anderem durch unterschiedliche Marktsegmente. Während langfristig orientierte Investoren Goldpositionen aufbauten, wurden an den Terminmärkten erhebliche Positionen abgebaut. Solche Verkäufe können den Preis kurzfristig belasten, obwohl andere Anleger weiterhin Gold kaufen.
Für die längerfristige Nachfrage spielen zudem Faktoren eine Rolle, die über Zinserwartungen und Ölpreise hinausgehen. Dazu gehören Zweifel an der langfristigen Tragfähigkeit staatlicher Schulden, die Entwicklung internationaler Währungsreserven und das Vertrauen in die Stabilität von Papierwährungen.
Gold erfüllt damit unterschiedliche Funktionen. Für einige Anleger ist es ein Instrument zur Absicherung gegen geopolitische Krisen. Andere nutzen es zur Diversifikation ihrer Vermögenswerte oder als langfristigen Schutz gegen Währungsrisiken. Diese Funktionen verschwinden nicht, wenn der Goldpreis vorübergehend fällt. Sie garantieren allerdings auch keine stabile Wertentwicklung.
Der sichere Hafen ist keine Garantie gegen Kursverluste
Die aktuellen Goldprognosen verdeutlichen einen grundlegenden Unterschied zwischen der langfristigen Rolle eines Sachwerts und seiner kurzfristigen Preisentwicklung.
Gold kann als Vermögensreserve dienen, ohne seinen Eigentümer vor zeitweisen erheblichen Wertverlusten zu schützen. Sein Marktpreis entsteht aus dem Zusammenspiel von physischer Nachfrage, Anlageentscheidungen, Währungsentwicklung und Erwartungen an die Geldpolitik.
Für Anleger, die physisches Gold langfristig halten, haben kurzfristige Kursschwankungen eine andere Bedeutung als für Investoren, die mit börsengehandelten Produkten oder Terminkontrakten auf Preisbewegungen setzen. Beide sind jedoch dem Goldpreisrisiko ausgesetzt.
Die aktuelle Konstellation macht diese Unterscheidung besonders wichtig. Ein geopolitischer Konflikt kann gleichzeitig die Nachfrage nach Gold erhöhen und über steigende Energiepreise wirtschaftliche Bedingungen schaffen, die seinen Preis belasten.
Die Prognosen von HSBC und Bank of America liefern deshalb weniger eine eindeutige Aussage über den künftigen Goldpreis als unterschiedliche Einschätzungen darüber, wie lange die gegenwärtigen Belastungsfaktoren anhalten könnten.
Solange hohe Ölpreise die Inflation verstärken und dadurch den Spielraum der amerikanischen Notenbank begrenzen, bleibt Gold anfällig für weiteren Verkaufsdruck. Lässt dieser Zusammenhang nach, können die strukturellen Nachfragefaktoren wieder stärker in den Vordergrund treten.
Die Entwicklung am Goldmarkt hängt damit derzeit nicht allein davon ab, wie groß die geopolitische Unsicherheit ist. Ebenso wichtig ist, wie teuer ihre wirtschaftlichen Folgen werden.
Stefanie S. Klief