Symbolbild
Europa und Kanada rücken wirtschaftlich enger zusammen. Neben Rohstoffen, Verteidigung und Technologie geht es dabei zunehmend um etwas sehr Konkretes: Kabel auf dem Meeresboden, LNG-Lieferketten, Häfen und neue Transportwege. Kurz vor dem EU-Kanada-Gipfel Ende Oktober loten beide Seiten aus, wie sich digitale und energetische Verbindungen über den Atlantik ausbauen lassen. Die politische Botschaft dahinter ist deutlich: Wer weniger abhängig sein will, braucht eigene Infrastruktur.
Ein neues Kabel durch den Norden
Am 1. Oktober haben die Europäische Kommission und Kanada ihre Zusammenarbeit bei digitaler Infrastruktur weiter konkretisiert. Bei einem gemeinsamen Digitaldialog ging es neben künstlicher Intelligenz und Hochleistungsrechnen ausdrücklich um sichere internationale Datenverbindungen über die Arktis.
Die Idee ist nicht völlig neu. Bereits die 2023 vereinbarte Digitalpartnerschaft zwischen Kanada und der EU nennt zusätzliche Kabelrouten durch die Arktis oder den Nordatlantik als Möglichkeit, die Widerstandsfähigkeit internationaler Kommunikationsnetze zu erhöhen. Inzwischen gewinnt das Thema jedoch deutlich an strategischem Gewicht.
Kanadas Premierminister Mark Carney schlug im September vor dem Europäischen Parlament vor, Kanada und Europa sollten gemeinsam sicherere Breitbandverbindungen zwischen Europa und Asien über ihre nördliche Geografie schaffen.
Eine solche Route könnte bestehende Verbindungen ergänzen und neue Wege für den Datenverkehr eröffnen. Denn die digitale Welt hängt erstaunlich stark an physischer Infrastruktur: Rund 99 Prozent des interkontinentalen Internetverkehrs werden über Untersee-Datenkabel übertragen.
Cloud-Dienste, Finanztransaktionen, Kommunikation und große Teile der globalen digitalen Wirtschaft funktionieren damit nicht im schwerelosen Raum. Sie hängen an Glasfaserkabeln, Landestationen, Rechenzentren und Stromversorgung.
Unterseekabel werden zu strategischen Sachwerten
Diese Infrastruktur ist zugleich verwundbar. Beschädigte Leitungen in der Ostsee und zunehmende geopolitische Spannungen haben die Aufmerksamkeit auf Unterseekabel deutlich erhöht. Die EU verabschiedete deshalb bereits 2025 einen Aktionsplan für Kabelsicherheit und legte im Februar 2026 eine neue Sicherheits-Toolbox sowie prioritäre Kabelprojekte vor. 347 Millionen Euro sollen zusätzlich in Schutz und Resilienz fließen.
Auch das geplante Projekt Polar Connect verfolgt diese Logik. Es soll perspektivisch Europa, Nordamerika und Ostasien durch die Arktis verbinden. In der aktuellen Projektphase bis 2028 werden unter anderem mögliche Trassen untersucht, der Meeresboden vermessen und technische Voraussetzungen für Verlegung und Reparatur unter extremen Eisbedingungen geprüft.
Ob und wann daraus tatsächlich eine durchgehende neue Datenverbindung entsteht, ist offen. Die strategische Richtung ist dagegen erkennbar: Digitale Souveränität bedeutet zunehmend auch Kontrolle über die physischen Wege, auf denen Daten transportiert werden.
Damit erhalten Unterseekabel eine Bedeutung, die weit über die Telekommunikation hinausgeht. Sie werden zur kritischen Infrastruktur – ähnlich wie Stromnetze, Pipelines, Häfen oder Bahntrassen.
Auch beim Gas sucht Europa zusätzliche Wege
Parallel dazu verhandeln Kanada und die EU über eine engere Energiepartnerschaft. Flüssigerdgas spielt dabei eine zentrale Rolle.
Europa hat seit dem russischen Angriff auf die Ukraine einen großen Teil seiner früheren russischen Gaslieferungen durch andere Bezugsquellen ersetzt. Besonders stark wuchs dabei die Abhängigkeit von den USA. 2025 importierte die EU nach Angaben des Europäischen Rates rund 82,9 Milliarden Kubikmeter amerikanisches LNG. Damit kamen fast 58 Prozent aller LNG-Einfuhren der Union aus den Vereinigten Staaten.
Diese Lieferungen haben erheblich zur europäischen Versorgungssicherheit beigetragen. Gleichzeitig entsteht durch die starke Konzentration auf einzelne Lieferländer ein neues Diversifizierungsproblem.
Kanada bringt sich deshalb zunehmend als zusätzlicher Anbieter ins Spiel. Im Mai wurde erstmals eine langfristige Vereinbarung über kanadisches LNG mit einem europäischen Abnehmer bekannt: Das deutsche Unternehmen SEFE will von dem geplanten Projekt Ksi Lisims LNG bis zu 20 Jahre lang jährlich eine Million Tonnen Flüssigerdgas beziehen. Lieferungen werden für die frühen 2030er-Jahre erwartet.
Im Juli folgte eine weitere Vereinbarung mit dem deutschen Energieunternehmen Uniper. Nach Angaben der kanadischen Regierung ist damit bereits rund ein Viertel der geplanten Produktion von Ksi Lisims für europäische Abnehmer vorgesehen.
Das Problem liegt auf der Landkarte
Kanada verfügt über erhebliche Gasvorkommen. Für Europa reicht das allein jedoch nicht.
Der entscheidende Engpass ist die Infrastruktur. Das bislang wichtigste große kanadische LNG-Projekt LNG Canada liegt an der Pazifikküste in British Columbia. Von dort führt der wirtschaftlich naheliegende Weg zu asiatischen Kunden.
Soll Kanada langfristig in größerem Umfang Europa beliefern, gewinnen Häfen an der Atlantikküste, Pipelineverbindungen, Verflüssigungsanlagen und entsprechende Transportkapazitäten an Bedeutung. Genau deshalb sprach Carney im September nicht nur von LNG-Lieferungen, sondern ausdrücklich vom Ausbau neuer Hafeninfrastruktur im hohen Norden und an der kanadischen Ostküste.
Das Beispiel zeigt ein Grundprinzip von Rohstoffmärkten: Eine Ressource besitzt erst dann strategischen Wert, wenn sie gefördert, verarbeitet und zu ihren Abnehmern transportiert werden kann.
Gas im Boden allein schafft noch keine europäische Versorgungssicherheit. Erst Pipelines, LNG-Anlagen, Terminals, Tanker und Häfen machen daraus eine belastbare Lieferkette.
Infrastruktur wird zur Versicherung gegen Abhängigkeit
Ähnliches gilt für kritische Rohstoffe. Kanada verfügt über Vorkommen zahlreicher Mineralien, die Europa für Batterien, Stromnetze, Rüstung, Halbleiter und Energietechnik benötigt. Beide Seiten wollen auch hier ihre Zusammenarbeit ausbauen.
Damit entsteht ein Muster: Datenkabel, Energie, Rohstoffe und Transportwege werden zunehmend gemeinsam gedacht.
Jahrzehntelang wurden internationale Lieferketten vor allem nach Kosten und Effizienz optimiert. Inzwischen spielen Herkunft, politische Verlässlichkeit und die Frage nach alternativen Routen eine größere Rolle. Ein zweites Kabel oder ein zusätzlicher LNG-Lieferant kann auf dem Papier teurer erscheinen als eine maximal konzentrierte Lösung. Im Krisenfall besitzt diese Redundanz jedoch einen eigenen wirtschaftlichen Wert.
Infrastruktur wird damit zu einer Art Versicherung.
Dieser Effekt lässt sich nur begrenzt in klassischen Renditerechnungen abbilden. Ein Hafen, eine Pipeline oder ein Unterseekabel muss nicht nur laufende Erträge erwirtschaften. Sein Wert kann auch darin liegen, im entscheidenden Moment eine Alternative bereitzuhalten.
Kein Abschied von den USA
Die Annäherung zwischen Kanada und Europa bedeutet allerdings keinen wirtschaftlichen Bruch mit den Vereinigten Staaten.
Die EU und die USA bleiben eng verflochtene Handelspartner, und amerikanisches LNG wird auf absehbare Zeit eine wichtige Säule der europäischen Energieversorgung bleiben. Noch stärker ist Kanada mit seinem südlichen Nachbarn wirtschaftlich verbunden.
Der Ansatz zielt deshalb weniger auf eine vollständige Entkopplung als auf Diversifizierung. Europa sucht zusätzliche Partner, während Kanada neue Absatzmärkte außerhalb der USA erschließen will.
Genau darin liegt die strategische Logik der neuen Verbindung: Abhängigkeit verschwindet nicht dadurch, dass ein Lieferant durch einen anderen ersetzt wird. Widerstandsfähigkeit entsteht erst, wenn mehrere Wege gleichzeitig zur Verfügung stehen.
Wenn Geopolitik Beton, Stahl und Glasfaser braucht
Am 29. und 30. Oktober wollen die EU und Kanada bei ihrem Gipfel in Montreal die Zusammenarbeit weiter vertiefen. Noch sind viele der diskutierten Projekte Pläne, Absichtserklärungen oder langfristige Investitionsvorhaben.
Damit bekommt ein abstrakter Begriff wie strategische Autonomie eine sehr materielle Seite. Staaten können politische Unabhängigkeit beschließen. Funktionieren kann sie aber nur, wenn die entsprechenden realen Netze existieren.
In einer Welt wachsender geopolitischer Risiken könnten deshalb gerade jene Sachwerte an Bedeutung gewinnen, die lange als wenig spektakuläre Infrastruktur galten: Kabel, Leitungen, Häfen, Terminals und Netze.
Denn am Ende verlaufen selbst die großen geopolitischen Strategien über ganz konkrete Wege.
Stefanie S. Klief