Die G7-Staaten wollen ihre Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen deutlich verringern. Besonders bei Seltenen Erden und Permanentmagneten soll kein einzelner externer Lieferant bis 2030 mehr als 60 Prozent der Versorgung dominieren. Der Schritt ist ein Signal gegen Erpressbarkeit – aber auch ein Eingeständnis, wie abhängig westliche Industrien längst geworden sind.
Die G7-Staaten wollen ihre Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen begrenzen. Beim Gipfel im französischen Évian verständigten sich die führenden westlichen Industriestaaten darauf, die Versorgung mit strategisch wichtigen Mineralien breiter aufzustellen und Importabhängigkeiten von einzelnen externen Lieferanten deutlich zu reduzieren.
Im Fokus stehen Seltene Erden und Permanentmagnete. Diese Materialien sind für Elektroautos, Windkraftanlagen, Halbleiter, Rüstungsgüter, Robotik, Drohnen, Quantentechnologie und viele digitale Anwendungen unverzichtbar. Zugleich kontrolliert China große Teile der Förderung, vor allem aber der Verarbeitung und Veredelung. Genau dort liegt der strategische Engpass.
Nach dem G7-Beschluss soll die Abhängigkeit von einem einzelnen externen Lieferanten bei Seltenen Erden und Permanentmagneten bis 2030 auf unter 60 Prozent sinken. Langfristig sollen 50 Prozent erreicht werden. Direkt genannt wird China in den Formulierungen nur zurückhaltend – gemeint ist das Land dennoch eindeutig.
Rohstoffe werden zur Machtfrage
Der Beschluss ist eine Reaktion auf die wachsende Verwundbarkeit westlicher Lieferketten. China hatte in den vergangenen Jahren mehrfach Exportkontrollen für kritische Rohstoffe und Magnetmaterialien verschärft. Besonders in der Auto-, Verteidigungs-, Energie- und Technologieindustrie löste das erhebliche Sorgen aus.
Seltene Erden sind dabei kein Nischenthema. Ohne sie funktionieren viele Schlüsseltechnologien nicht oder nur eingeschränkt. Permanentmagnete werden unter anderem in Elektromotoren, Windturbinen, Drohnen, Lenkwaffen, Sensoren und Industrieanlagen gebraucht. Wenn Lieferungen stocken, kann das ganze Produktionsketten ausbremsen.
Damit wird Rohstoffpolitik zur Sicherheitspolitik. Es geht nicht mehr nur um Preise und Handel, sondern um industrielle Handlungsfähigkeit, militärische Ausstattung und technologische Souveränität. Die G7 wollen verhindern, dass einzelne Staaten kritische Materialien als Druckmittel einsetzen können.
Eine neue Rohstoffallianz entsteht
Die G7 planen dafür eine engere Rohstoffallianz. Gemeinsam mit der Internationalen Energieagentur soll eine Plattform entstehen, die Daten, Frühwarnsysteme, Koordination und Krisenreaktionen bündelt. Außerdem wollen die Staaten ihre Lagerhaltung besser abstimmen, Investitionen in neue Projekte fördern und Lieferketten widerstandsfähiger machen.
Der Ansatz beginnt bei Lithium und Nickel, soll aber jährlich auf weitere Rohstoffe ausgeweitet werden. Besonders Seltene Erden stehen im Zentrum. Die G7 wollen nicht nur neue Minen erschließen, sondern auch Verarbeitung, Raffination, Recycling und Magnetproduktion außerhalb Chinas stärken.
Das ist entscheidend. Denn selbst wenn Rohstoffe in Australien, Kanada, Afrika oder Europa gefördert werden, landen sie häufig zur Weiterverarbeitung in China. Der Engpass liegt also nicht nur im Boden, sondern in Raffinerien, Chemieprozessen, Trennanlagen, Magnetfabriken und technischem Know-how.
Der Umbau wird teuer
Die Rohstoffwende wird nicht billig. Laut Reuters wurden 2026 bereits 195 Projekte im Umfang von rund 64 Milliarden Euro angekündigt. Doch selbst diese Summe dürfte nur ein Anfang sein. Neue Minen, Raffinerien und Verarbeitungsanlagen brauchen Jahre, oft Jahrzehnte. Sie benötigen Genehmigungen, Kapital, Energie, Fachkräfte und lokale Akzeptanz.
Genau hier liegt das Problem. Der Westen will unabhängiger werden, hat aber viele Teile der industriellen Rohstoffkette über Jahre ausgelagert. China hat dagegen früh investiert, Preise gedrückt, Verarbeitungskapazitäten aufgebaut und strategische Abhängigkeiten geschaffen. Diese Struktur lässt sich nicht durch eine Gipfelerklärung auflösen.
Hinzu kommt: Diversifizierung kann kurzfristig teurer werden. Wenn westliche Länder Lieferketten außerhalb Chinas aufbauen, müssen sie höhere Umweltstandards, höhere Löhne und höhere Kapitalkosten tragen. Das kann Rohstoffe und Endprodukte verteuern – zumindest solange neue Märkte noch nicht skaliert sind.
Zwischen Markt und Industriepolitik
Die G7 diskutieren deshalb auch Instrumente, die früher kaum zur klassischen Handelspolitik passten: Preisuntergrenzen, Quoten, gemeinsame Beschaffung, Subventionen, Garantien, Entwicklungsfinanzierung und plurilaterale Handelsabkommen. Die USA drängen besonders stark auf verbindliche Absprachen mit Partnern wie Japan und der EU.
Das zeigt, wie sehr sich die Wirtschaftspolitik verändert. Der freie Markt allein hat die Abhängigkeit von China nicht verhindert. Nun greifen Staaten stärker ein, um strategische Lieferketten zu sichern. Rohstoffe werden damit zum Feld aktiver Industriepolitik.
Für Europa ist das besonders herausfordernd. Die EU hat mit dem Critical Raw Materials Act bereits eigene Ziele formuliert: mehr Förderung, mehr Verarbeitung, mehr Recycling und weniger Abhängigkeit von einzelnen Drittstaaten. Doch konkrete Projekte stoßen häufig auf Widerstand, wie der Streit um Antimon in der Slowakei gerade zeigt.
Die unbequeme Wahrheit für Europa
Der G7-Beschluss klingt nach Entschlossenheit. In Wahrheit zeigt er aber auch, wie spät der Westen reagiert. Ohne kritische Rohstoffe gibt es keine Energiewende, keine moderne Verteidigung, keine digitale Infrastruktur und keine KI-Rechenzentren. Trotzdem hängen zentrale Lieferketten weiterhin stark an China.
Die geplante 60-Prozent-Grenze ist deshalb nur ein Zwischenziel. Sie reduziert Verwundbarkeit, beseitigt sie aber nicht. Selbst 50 Prozent Abhängigkeit von einem einzigen externen Lieferanten wären in vielen sicherheitsrelevanten Bereichen noch hoch.
Die eigentliche Aufgabe beginnt jetzt: Projekte müssen finanziert, genehmigt, gebaut und politisch durchgehalten werden. Sonst bleibt die Rohstoffallianz ein gutes Papier mit schwacher Wirkung.
Die G7 haben erkannt, dass kritische Mineralien die neue geopolitische Währung sind. Jetzt müssen sie beweisen, dass sie bereit sind, den Preis für mehr Unabhängigkeit auch zu zahlen.
SK