Sachwerte

Grönlands Öl wird zum Milliarden-Poker

Ein US-Konzern will sich bis zu 70 Prozent eines arktischen Ölprojekts sichern – doch Grönland stoppt die Bohrpläne und erinnert daran, wer über seine Rohstoffe entscheidet

7 Min.

17.08.2026

Steinmarkierung in Jameson Land, die Inuit-Jägern und Schneemobil-Expeditionen als Orientierungspunkt dient. 

Noch ist kein Barrel gefördert. Noch ist nicht einmal bewiesen, dass sich im Osten Grönlands wirtschaftlich nutzbares Öl befindet. Trotzdem wird bereits um Förderrechte, Milliardenwerte und politische Einflusszonen gestritten. Ein amerikanisch-britisches Konsortium will im Jameson-Land-Becken bohren und spricht von einem Rohstoffpotenzial im Billionen-Dollar-Bereich. Grönlands Regierung hat die geplanten Arbeiten jedoch gestoppt. Aus einem Explorationsprojekt wird damit ein Lehrstück darüber, wie Geologie, Kapital und Geopolitik längst miteinander verschmelzen.

Die Bohrung sollte schon in diesem Herbst beginnen

Greenland Energy wollte ursprünglich noch 2026 erste Explorationsbohrungen im abgelegenen Jameson Land an der Ostküste Grönlands niederbringen. Dafür sollte im September umfangreiches Bohrmaterial aus Kanada verschifft werden. Gemeinsam mit dem britischen Rohstoffunternehmen 80 Mile waren zunächst zwei Bohrungen von jeweils etwa 3.500 Metern Tiefe vorgesehen. Die Kosten wurden mit rund 70 Millionen Dollar veranschlagt.

Das Geschäftsmodell ist bemerkenswert: Die eigentlichen Explorationslizenzen hält White Flame Energy, eine Tochter von 80 Mile. Greenland Energy finanziert die Bohrungen und kann sich dadurch schrittweise bis zu 70 Prozent an dem Projekt sichern – zunächst 50 Prozent nach der ersten, weitere 20 Prozent nach der zweiten Bohrung. Der Übergang dieser Rechte steht allerdings unter dem Vorbehalt der Zustimmung der grönländischen Regierung.

Genau an diesem Punkt beginnt der Konflikt.

Grönland zog die Bremse

Im Juli wurde bereits Ausrüstung an der Ostküste angelandet, obwohl dafür nach Darstellung der grönländischen Behörden noch nicht sämtliche Genehmigungen vorlagen. Die Regierung reagierte mit einer deutlichen Warnung: Künftige logistische Aktivitäten müssten vorab mit der zuständigen Rohstoffbehörde abgestimmt und genehmigt werden.

Hinzu kommt, dass Umwelt- und Sozialprüfungen für die geplanten Bohrungen noch nicht abgeschlossen werden konnten. Die vorgesehenen Arbeiten liegen zudem in einem ökologisch empfindlichen Gebiet. Die ursprünglich für 2026 geplante Exploration wurde deshalb mindestens bis zum Winter 2027 verschoben.

Für Greenland Energy war das auch an der Börse schmerzhaft: Nach Bekanntwerden der Verzögerung verlor die Aktie zeitweise mehr als ein Drittel ihres Wertes.

Das ist für Anleger fast die erste Lektion dieser Geschichte:

Der Wert eines Rohstoffprojekts hängt lange vor der eigentlichen Förderung nicht nur von der Geologie ab, sondern von Genehmigungen.

Die Lizenzen stammen aus einer anderen politischen Zeit

Grönland hat 2021 beschlossen, keine neuen Lizenzen für die Suche nach Öl und Gas mehr zu vergeben. Die Regierung begründete den Kurswechsel vor allem mit Klima- und Umweltaspekten. Bereits erteilte Rechte wurden dadurch allerdings nicht automatisch aufgehoben.

Genau diese Alt-Lizenzen machen das Jameson-Projekt überhaupt möglich.

White Flame verfügt über drei Explorationslizenzen, die vor dem politischen Stopp vergeben wurden. Damit besitzt das Unternehmen grundsätzlich exklusive Explorationsrechte in den betreffenden Gebieten. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Bohrung automatisch zulässig ist: Feldarbeiten, Umweltverträglichkeitsprüfungen, Sozialfolgenabschätzungen und konkrete Bohrgenehmigungen benötigen weiterhin die Zustimmung der grönländischen Behörden. Das hat 80 Mile selbst gegenüber Investoren ausdrücklich klargestellt.

Aus einem vermeintlich einfachen Rechtsanspruch wird damit ein kompliziertes Geflecht: Die Lizenz existiert, aber die konkrete Bohrung ist trotzdem genehmigungspflichtig.

Woher kommt die angebliche eine Billion Dollar?

Greenland Energy und 80 Mile werben mit einem gewaltigen Potenzial. Eine im Auftrag des Projekts erstellte Bewertung nennt für das Jameson-Land-Becken in einem optimistischen P10-Szenario rund 13 Milliarden Barrel potenziell förderbares Öl.

Multipliziert man eine solche Menge mit einem hohen Ölpreis, landet man schnell in der Größenordnung von einer Billion Dollar. Das klingt spektakulär.

Es ist aber nicht gleichbedeutend mit einer Billion Dollar wirtschaftlichem Vermögen.

Denn zunächst müsste überhaupt Öl gefunden werden. Danach müsste nachgewiesen werden, wie viel davon technisch und wirtschaftlich förderbar ist. Anschließend würden Erschließungs-, Transport-, Infrastruktur-, Finanzierungs- und Betriebskosten sowie Steuern und Abgaben vom möglichen Erlös abgezogen.

Und gerade in der Arktis können diese Kosten enorm sein.

Greenland Energy selbst bezeichnet Jameson Land in seinen Pflichtunterlagen bei der US-Börsenaufsicht SEC als Hochrisiko-Explorationsgebiet und weist darauf hin, dass dort bislang kein kommerzieller Öl- oder Gasfund gemacht wurde.

Grönland hat schon einmal Milliardenbohrungen erlebt

Das ist keine theoretische Warnung. Zwischen 1975 und 2011 wurden in Grönland 15 Explorationsbohrungen nach Erdöl durchgeführt. Keine führte zu einem kommerziell nutzbaren Fund. Allein der britische Konzern Cairn Energy investierte Anfang der 2010er-Jahre nach Schätzungen rund 1 Milliarde Dollar in die Suche – ohne wirtschaftlichen Erfolg.

Geologisch bedeutet das nicht, dass Grönland kein Öl besitzt.

Forschungsarbeiten des Geological Survey of Denmark and Greenland zeigen in Jameson Land durchaus Gesteinsschichten mit erheblichem Erdölpotenzial. Untersuchungen der Hareelv-Formation weisen beispielsweise organisch reiche Sedimente nach, die grundsätzlich geeignete Ausgangsgesteine für Öl und Gas darstellen.

Aber zwischen einem geeigneten Muttergestein und einem kommerziell erschließbaren Ölfeld liegen mehrere geologische Bedingungen.

Das US Geological Survey hatte das Jameson-Land-Becken bei seiner großen Ostgrönland-Bewertung deshalb zwar als potenzielle Erdölregion identifiziert, wegen der hohen Unsicherheit aber nicht einmal quantitativ in seine damalige Ressourcenberechnung aufgenommen.

Das macht den Kontrast deutlich: Geologisches Potenzial ist vorhanden, aber bewiesene Reserven sind etwas völlig anderes.

Und plötzlich steht Trump mit im Bohrloch

Ohne den aktuellen geopolitischen Konflikt wäre das Projekt vermutlich eine vergleichsweise kleine Explorationsgeschichte.

Doch Greenland Energy besitzt auffällige Verbindungen in das Umfeld von US-Präsident Donald Trump. Der texanische Konzern wurde erst 2025 gegründet. Zu seinen Unterstützern beziehungsweise Investoren gehören Personen mit Verbindungen zum Trump-Lager; der frühere US-Talkshow-Star Phil McGraw alias Dr. Phil soll das Projekt zudem in einer Dokumentarserie begleiten.

Das allein belegt selbstverständlich keine politische Steuerung des Projekts. Der Kontext ist trotzdem kaum auszublenden.

Trump hat mehrfach erklärt, die USA müssten Grönland kontrollieren. Beim Nato-Gipfel im Juli 2026 erneuerte er diesen Anspruch ausdrücklich. Neben der militärstrategischen Lage der Insel spielen Rohstoffe dabei seit Langem eine zentrale Rolle.

Sein Grönland-Sondergesandter Jeff Landry ging im Mai sogar davon aus, dass innerhalb von rund zehn Monaten erstes Öl gefördert werden könne.

Die grönländische Realität hat diese Prognose inzwischen eingeholt: Vor Winter 2027 wird nach aktuellem Stand nicht einmal gebohrt.

Rohstoffe werden wertvoll, bevor sie gefördert werden

Ein Rohstoffvorkommen muss noch keinen einzigen Dollar Cashflow produzieren, um wirtschaftlich und politisch begehrt zu sein. Bereits die Aussicht darauf kann Unternehmensbewertungen steigen lassen, Kapital anziehen, Infrastrukturprojekte auslösen und Staaten strategisch handeln lassen.

Das gilt in Grönland nicht nur für Öl.

Die Insel besitzt erhebliche Vorkommen kritischer Mineralien und seltener Erden. Die USA interessieren sich zunehmend für diese Projekte, weil sie ihre Rohstoffabhängigkeit von China reduzieren wollen. Washington prüfte zuletzt sogar eine Beteiligung am Betreiber eines grönländischen Seltene-Erden-Projekts.

Grönland wird damit zu einem Beispiel für eine größere Verschiebung auf den globalen Rohstoffmärkten: Nicht mehr nur bereits produzierende Minen und Ölfelder besitzen strategischen Wert. Auch die Kontrolle über mögliche zukünftige Ressourcen wird zum geopolitischen Vermögenswert.

Wer bekommt Grönlands Öl?

Die Antwort lautet derzeit: niemand. Denn Grönland hat bislang überhaupt kein kommerziell produzierendes Ölfeld.

Greenland Energy besitzt auch nicht einfach 70 Prozent eines riesigen Ölvorkommens. Das Unternehmen kann sich Beteiligungsrechte an einem Explorationsprojekt verdienen, sofern es die vereinbarten Bohrungen finanziert und die grönländische Regierung den notwendigen Übertragungen und Aktivitäten zustimmt.

Und selbst danach bleibt die wichtigste Frage unbeantwortet: Ist dort überhaupt genug wirtschaftlich förderbares Öl? Das wird erst der Bohrer zeigen.

Stefanie S. Klief

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