Sachwerte

Zink steigt auf Vierjahreshoch – obwohl der Weltmarkt im Überschuss ist

Warum der Preis trotzdem über 4.000 Dollar klettert

7 Min.

11.09.2026

Gold, Silber und Kupfer bestimmen seit Monaten die Rohstoffschlagzeilen. Zink läuft weitgehend außerhalb des Rampenlichts – und hat dennoch eine der stärksten Preisbewegungen im Industriemetallsektor hingelegt. Der Preis an der London Metal Exchange stieg Anfang September auf den höchsten Stand seit 2022 und notiert inzwischen über 4.000 Dollar je Tonne. Die Erklärung ist allerdings komplizierter als »zu wenig Angebot«: Weltweit wurde im ersten Halbjahr sogar mehr raffiniertes Zink produziert als verbraucht. Knapp wird das Metall dort, wo der Markt es gerade benötigt.

Zink schützt den Stahl, den kaum jemand sieht

Zink gehört nicht zu den Rohstoffen, die Anleger im Alltag unmittelbar wahrnehmen. Seine wichtigste Funktion besteht gerade darin, möglichst unauffällig zu bleiben.

Ein großer Teil des Metalls wird genutzt, um Stahl vor Korrosion zu schützen. Die International Zinc Association beziffert den Anteil der Verzinkung am weltweiten Zinkverbrauch auf rund 60 Prozent. In den USA bezeichnet auch der Geological Survey verzinkten Stahl als wichtigsten Einsatzbereich. Zink steckt damit indirekt in Fahrzeugen, Gebäuden, Brücken, Leitplanken, Windkraftanlagen und Stromnetzen.

Die Nachfrage hängt deshalb stark von Bau, Infrastruktur, Automobilindustrie und industriellen Investitionen ab. Anders als Gold lebt Zink nicht von der Funktion als Wertaufbewahrungsmittel. Es wird verbraucht, verarbeitet und in reale Produktionsketten eingebaut.

Daher wirkt die aktuelle Rallye zunächst überraschend. Die weltweite Industriekonjunktur boomt keineswegs überall, Chinas Immobiliensektor bleibt angeschlagen, und die jüngsten Daten des International Lead and Zinc Study Group, kurz ILZSG, weisen im ersten Halbjahr 2026 sogar einen Überschuss von 120.000 Tonnen raffiniertem Zink aus.

Die Minen produzieren weniger als erwartet

Unterhalb dieser Gesamtzahl hat sich das Bild allerdings deutlich verschlechtert.

Die weltweite Zinkminenproduktion sank im ersten Halbjahr um 2,6 Prozent. Besonders große Rückgänge verzeichnete die ILZSG in Peru, Schweden und den USA. Genannt werden ausdrücklich die Minen Antamina, Garpenberg und Red Dog. Auch Australien verlor durch die Schließung der Lady-Loretta-Mine Ende 2025 Produktion.

Glencore meldete für das erste Halbjahr eine eigene Zinkproduktion von 365.600 Tonnen. Das waren 21 Prozent weniger als im Vorjahr. Verantwortlich waren unter anderem das Ende von Lady Loretta, niedrigere Zinkgehalte bei Antamina und der Verkauf der Kidd-Mine in Kanada.

Auch Tecks Red-Dog-Mine in Alaska steht vor sinkenden Erzgehalten. Das Unternehmen hatte seine Erwartungen für die kommenden Jahre bereits reduziert; die Lagerstätte nähert sich schrittweise dem Ende ihrer bisherigen Lebensdauer.

Aus einem Rohstoffmarkt, für den noch 2025 ein komfortables zusätzliches Angebot erwartet wurde, wurde damit innerhalb weniger Monate ein wesentlich engeres System.

Vom erwarteten Überschuss zum prognostizierten Defizit

Wie stark sich die Einschätzungen verschoben haben, zeigt die ILZSG-Prognose.

Noch im vergangenen Herbst war für 2026 mit einem erheblichen Überschuss gerechnet worden. Im April korrigierte die Organisation ihre Erwartungen und prognostizierte stattdessen für das Gesamtjahr ein kleines Defizit von rund 19.000 Tonnen. Die weltweite Nachfrage sollte auf rund 14 Millionen Tonnen steigen, die Produktion von raffiniertem Zink knapp darunter bleiben.

Dann kam die nächste Überraschung.

Die tatsächlich gemeldeten Daten für das erste Halbjahr zeigen bislang keinen Mangel an raffiniertem Metall, sondern einen Überschuss von 120.000 Tonnen. Gleichzeitig sank aber die Minenförderung deutlich stärker als erwartet.

Beides kann gleichzeitig stimmen.

Zwischen Mine und Endverbraucher liegt die Schmelzhütte. Zinkkonzentrat muss verarbeitet und raffiniert werden. Wenn zu wenig Konzentrat verfügbar ist, konkurrieren Hütten um Rohmaterial. Die sogenannten Treatment Charges – die Gebühren, die Hütten von Minengesellschaften für die Verarbeitung erhalten – sinken dann.

In diesem Jahr sind sie stark unter Druck geraten. Für Hütten außerhalb Chinas verschlechtern sich damit die Margen, während Energiepreise zusätzlich belasten. Reuters beschreibt inzwischen einen strukturellen Engpass bei der westlichen Verarbeitung.

Der Überschuss sitzt zum großen Teil in China

Die globale Bilanz verdeckt noch eine zweite Verschiebung.

Die Produktion von raffiniertem Zink nahm im ersten Halbjahr weltweit um 1,3 Prozent zu. Ursache war fast ausschließlich China: Dort stieg die Produktion um 5,9 Prozent. Außerhalb Chinas sank sie dagegen um 3,4 Prozent.

Damit existiert rechnerisch Metall – nur nicht unbedingt dort, wo es kurzfristig gebraucht wird.

China hat seine eigene Schmelzkapazität stark ausgebaut und im vergangenen Jahr ungewöhnlich große Mengen Zinkkonzentrat importiert. Das Land entwickelte sich zeitweise vom klassischen Nettoimporteur raffinierten Metalls zum Exporteur. Lieferungen in neue Lagerstandorte der London Metal Exchange in Hongkong haben die Knappheit zuletzt etwas gemildert.

Der LME-Markt außerhalb Chinas blieb dennoch angespannt. Lagerbestände waren niedrig, kurzfristig lieferbares Metall wurde zeitweise mit deutlichen Aufschlägen gegenüber späteren Terminen gehandelt. Solche Preisstrukturen gelten als Signal dafür, dass physisches Material unmittelbar gefragt ist.

Der Zinkmarkt ist deshalb weniger eine Geschichte über weltweite Knappheit als über einen geografisch schlecht verteilten Überschuss.

Eine wichtige Zahl kann den Markt trotzdem täuschen

Für Rohstoffanleger ist das eine nützliche Lektion.

Angebot und Nachfrage werden häufig mit einer einzigen globalen Bilanz beschrieben: Überschuss oder Defizit. Bei Industriemetallen entscheidet jedoch zusätzlich, wo das Metall liegt, in welcher Form es verfügbar ist und ob ausreichend Verarbeitungskapazität existiert.

100.000 Tonnen raffiniertes Zink in China lösen nicht automatisch einen Lieferengpass in Europa oder Nordamerika. Erst wenn Preisunterschiede groß genug sind, Transportkapazitäten verfügbar sind und Exporte wirtschaftlich attraktiv werden, bewegt sich das Metall.

Dasselbe gilt für Zinkkonzentrat. Eine Mine kann Erz produzieren, ohne dass daraus sofort ein handelsfähiges Metall entsteht.

Die Rallye ist deshalb weniger paradox, als sie zunächst erscheint.Der hohe Preis  kann seine eigene Gegenbewegung auslösen Ein Industriemetall unterscheidet sich noch in anderer Hinsicht von Gold. Steigende Preise verändern Angebot und Nachfrage.

Minen erhalten stärkere Anreize, zusätzliche Lagerstätten zu entwickeln oder Projekte zu beschleunigen. Recycling wird wirtschaftlich attraktiver. Hütten können ihre Produktion erhöhen, sofern genug Konzentrat verfügbar ist. Unternehmen wiederum suchen bei dauerhaft hohen Preisen nach Materialeinsparungen oder Alternativen.

Dieser Anpassungsprozess dauert allerdings.

Neue Minen entstehen nicht innerhalb weniger Monate. Sinkende Erzgehalte lassen sich ebenfalls nicht einfach durch einen höheren Marktpreis beseitigen. Bei Red Dog, Garpenberg oder Antamina handelt es sich um physische und betriebliche Produktionsprobleme, keine bloßen Finanzierungsfragen.

Gleichzeitig kann eine schwächere Bau- oder Automobilkonjunktur die Nachfrage schnell reduzieren. Zink bleibt deshalb ein ausgesprochen zyklischer Rohstoff.

Eine Rallye ohne Edelmetallgeschichte

Der Preis von mehr als 4.000 Dollar je Tonne ist kein Beleg dafür, dass Zink automatisch weiter steigt. Er zeigt vielmehr, wie drastisch sich Markterwartungen verändern können.

Noch vor wenigen Monaten sollte die zusätzliche Minenproduktion zu Entspannung führen. Stattdessen sank die Förderung. China produziert mehr raffiniertes Metall, während westliche Hütten weniger herstellen. Niedrige Lagerbestände machen den Londoner Markt zusätzlich empfindlich.

Gold profitiert derzeit von Staatsverschuldung, geopolitischen Risiken und dem Wunsch nach einem Wertspeicher. Kupfer steht für Elektrifizierung und Netzausbau.

Zink erzählt eine weniger glamouröse Geschichte.

Es schützt Stahl davor, zu rosten. Und gerade dieser unscheinbare industrielle Zweck macht sichtbar, was geschieht, wenn in einer langen Lieferkette an mehreren Stellen gleichzeitig Material fehlt.

Stefanie S. Klief

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