Sachwerte

Taiwans Chipmacht hat eine Rohstofflücke

Peking braucht kein Embargo, um Hightech-Lieferketten unter Druck zu setzen

9 Min.

21.08.2026

Taiwan beherrscht einen entscheidenden Teil der weltweiten Halbleiterfertigung. Bei vielen Rohstoffen, die für Hightechproduktion benötigt werden, sieht die Machtverteilung jedoch umgekehrt aus. Berichten zufolge verzögert China seit Monaten die Ausfuhr von Germanium- und Quarzmaterialien sowie bestimmten Permanentmagneten auf die Insel. Eine neue offizielle Exportkontrolle hat Peking dafür offenbar nicht erlassen. Genau darin liegt die Brisanz: Schon längere Zollprüfungen und schwer kalkulierbare Genehmigungen können für eine Industrie zum Problem werden, deren Kunden verlässliche Liefertermine verlangen.

Lieferzeiten verlängern sich auf mehrere Monate

Ausgangspunkt sind Berichte von Nikkei Asia unter Berufung auf mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen. Demnach stoßen taiwanische Unternehmen seit dem vergangenen Jahr zunehmend auf Schwierigkeiten, wenn sie bestimmte Materialien von chinesischen Lieferanten beziehen. Betroffen seien insbesondere germanium- und quarzbasierte Produkte sowie in Teilen Permanentmagnete.

Chinesische Zollprüfungen hätten sich verlängert. Einige Lieferanten auf dem Festland seien außerdem von Behörden zu ihren Kunden und zum Bestimmungsort der Waren befragt worden. Die Folgen sind inzwischen offenbar in Unternehmen angekommen.

Ein taiwanischer Hersteller von Halbleiterausrüstung berichtete demnach von verzögerten Quarzlieferungen, durch die sich eigene Auslieferungen inzwischen um mehrere Monate verschoben hätten. Kurzfristig sei kein Ersatzlieferant verfügbar. Auch Unternehmen aus der Optik- und Luftfahrtbranche meldeten Engpässe.

Damit ist bislang allerdings weder ein vollständiger Lieferstopp noch eine neue offiziell gegen Taiwan gerichtete Rohstoffsanktion belegt. Taiwans Wirtschaftsministerium erklärte nach Bekanntwerden des Berichts, es handele sich nicht um eine neu eingeführte Exportkontrolle. Unternehmen hätten ihre Bezugsquellen bereits diversifiziert; kurzfristig seien die Auswirkungen nach Einschätzung der Behörde beherrschbar.

Kein Verbot – und trotzdem ein Problem

Ein klassisches Embargo ist leicht zu erkennen. Ein Staat veröffentlicht eine Liste, eine Ware darf nicht mehr geliefert werden und Unternehmen können zumindest beurteilen, worauf sie sich einstellen müssen.

Verlängerte Prüfverfahren funktionieren anders. Das Material darf formal weiterhin exportiert werden. Nur weiß der Käufer nicht zuverlässig, wann die Ware den Zoll passiert, welche zusätzlichen Unterlagen verlangt werden oder ob eine einzelne Lieferung genehmigt wird.

Für industrielle Lieferketten kann genau diese Unsicherheit erhebliche Kosten verursachen. Ein Hersteller braucht einen Rohstoff nicht irgendwann. Er benötigt ihn zu einem bestimmten Zeitpunkt, damit Anlagen ausgelastet, Kundenverträge erfüllt und nachfolgende Produktionsschritte eingehalten werden können.

Aus einer zusätzlichen Zollprüfung von einigen Wochen können so Produktionsverschiebungen von Monaten entstehen. China verfügt dafür bereits über ein etabliertes Instrumentarium.

Seit August 2023 unterliegen bestimmte Gallium- und Germaniumprodukte einer chinesischen Exportkontrolle. Exporteure müssen Genehmigungen beantragen und Informationen über Empfänger sowie Endverwendung offenlegen. Das chinesische Handelsministerium betont seit Einführung der Regeln, es handele sich nicht um ein Exportverbot; konforme Anträge könnten genehmigt werden.

Gerade diese Einzelfallprüfung verschafft den Behörden jedoch erheblichen Einfluss darauf, wie schnell und wohin kritische Materialien gelangen.

Warum ausgerechnet Germanium empfindlich ist

Germanium gehört zu jenen Rohstoffen, deren Verbrauchsmengen vergleichsweise klein sind, deren industrielle Bedeutung aber erheblich sein kann. Das Metall beziehungsweise seine Verbindungen werden unter anderem für Infrarotoptik, Wärmebildtechnik, Glasfaserkabel, Photonik, Satellitentechnik und bestimmte Halbleiteranwendungen benötigt. Infrarotoptiken spielen sowohl bei zivilen Anwendungen als auch in Überwachungs-, Luftfahrt- und Verteidigungssystemen eine Rolle.

China besitzt dabei eine starke Stellung in der internationalen Lieferkette. Schon die 2023 eingeführten Exportkontrollen führten zeitweise dazu, dass Lieferungen in mehrere westliche Staaten stark zurückgingen. Auch Deutschland erhielt damals über mehrere Monate kaum Material.

Taiwan ist zusätzlich verwundbar, weil die Insel selbst kaum über eigene mineralische Rohstoffvorkommen verfügt. Das Land besitzt eine hoch entwickelte Verarbeitung und Hightechindustrie – die Ausgangsmaterialien müssen jedoch überwiegend importiert werden.

Auch Quarz ist für die Chipindustrie kein gewöhnlicher Stein

Beim zweiten genannten Material besteht leicht die Gefahr eines Missverständnisses. Quarz ist geologisch keineswegs selten.

Für die Halbleiterindustrie wird jedoch hochreines Material benötigt, das strenge Anforderungen erfüllen muss. Daraus entstehen beispielsweise Quarztiegel, Rohre, Behälter und andere Komponenten für Fertigungsprozesse, bei denen kleinste Verunreinigungen problematisch sein können.

Taiwan baut seine Halbleiterkapazitäten derzeit massiv aus. Die Produktion der Branche soll 2026 nach Berechnungen des Industrial Technology Research Institute um mehr als zehn Prozent auf einen Wert von über 7,1 Billionen Neue Taiwan-Dollar wachsen. Allein TSMC plant Investitionen von bis zu 56 Milliarden Dollar in diesem Jahr.

Parallel wächst der Bedarf an Fertigungs- und Testanlagen. Bereits 2025 nahm Taiwan Halbleiterausrüstung im Wert von rund 28 Milliarden Dollar ab – mehr als China oder Südkorea.

In einem solchen Ausbauzyklus können selbst vergleichsweise unscheinbare Vorprodukte zum Engpass werden. Der Flaschenhals einer Halbleiterfabrik ist nicht zwangsläufig der teuerste oder technologisch anspruchsvollste Bestandteil. Es reicht, wenn ein unverzichtbares Teil fehlt.

Die unmittelbare Gefahr für TSMC sollte trotzdem nicht überzeichnet werden

Aus den aktuellen Berichten folgt allerdings nicht, dass Taiwans gesamte Chipproduktion unmittelbar bedroht wäre.

Germany Trade & Invest hatte erst im Mai die Rohstoffversorgung Taiwans untersucht und kommt zu einem differenzierten Ergebnis: Die Halbleiterindustrie der Insel verbraucht vergleichsweise geringe Mengen kritischer Rohstoffe direkt. Viele Materialien und Vorprodukte werden über spezialisierte Verarbeiter in Japan, Europa oder anderen Ländern bezogen.

TSMC hält nach dieser Analyse unter normalen Bedingungen zudem Vorräte kritischer Produktionsmittel für etwa zwölf bis 24 Monate vor. Welche Rohstoffe darunter konkret fallen, veröffentlicht das Unternehmen nicht. Die aktuelle Entwicklung trifft deshalb zunächst stärker einzelne Zulieferer, Optikunternehmen, Hersteller von Chipausrüstung sowie Luft- und Raumfahrtunternehmen als die gesamte taiwanische Halbleiterindustrie.

Genau dort können Engpässe allerdings langfristig in die nächste Stufe der Lieferkette wandern.

Japan zeigt, wie schnell Rohstoffe zu Außenpolitik werden

Dass China seine Position bei kritischen Mineralien politisch einsetzen kann, ist keine theoretische Möglichkeit. Japan erlebt dies seit Monaten.

Nach Äußerungen der japanischen Ministerpräsidentin Sanae Takaichi zu einem möglichen Taiwan-Konflikt verschlechterten sich die Beziehungen zu Peking erheblich. In der Folge brachen chinesische Lieferungen bestimmter kontrollierter Rohstoffe an Japan ein.

Im Juni exportierte China nach offiziellen Zolldaten kein Gallium, Dysprosium, Terbium oder Yttrium nach Japan. Unternehmen warnten zunehmend vor Folgen für Produktion und Lieferketten. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung, wie fein China das Instrument dosieren kann.

Während bestimmte Lieferungen nach Japan nahezu versiegten, stiegen die Exporte anderer Seltenerdprodukte in die USA im Juli wieder deutlich. China verschließt den Rohstoffhahn damit nicht grundsätzlich. Es kann ihn je nach Material und Empfänger unterschiedlich weit öffnen. Für Taiwan ist genau dieser Präzedenzfall relevant.

Wirtschaftlicher Druck auf Taiwan ist nicht neu

China hat wirtschaftliche Maßnahmen gegen die Insel bereits mehrfach eingesetzt. Nach dem Taiwan-Besuch der damaligen Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi im August 2022 stoppte Peking unter anderem die Ausfuhr von natürlichem Sand nach Taiwan und setzte zugleich Importe verschiedener taiwanischer Agrar- und Fischereiprodukte aus.

Natürlicher Sand war wirtschaftlich für Taiwans Hightechindustrie weit weniger kritisch als die Schlagzeilen zunächst vermuten ließen. Die heutige Situation besitzt deshalb eine andere Qualität.

Germanium, hochreine Quarzprodukte und Permanentmagnete befinden sich näher an jenen Industriebranchen, auf denen Taiwans wirtschaftliche und zunehmend auch sicherheitspolitische Bedeutung beruht: Halbleiter, Optik, Kommunikation, Luftfahrt und Verteidigung.

Die Frage lautet daher nicht nur, wie groß der aktuelle Engpass ist. Entscheidend ist, ob sich ein Muster etabliert.

Taiwan versucht längst, die Schwachstelle zu verkleinern

Die Regierung in Taipeh hat das Problem erkannt. Im Februar kündigte Wirtschaftsminister Kung Ming-hsin an, eine Delegation in die USA zu schicken, um dortige Seltenerdvorkommen auf ihre Eignung für taiwanische Industrien zu prüfen. Taiwan verbraucht derzeit nach Regierungsangaben rund 1.500 Tonnen Seltene Erden pro Jahr; künftig könnten es etwa 2.000 Tonnen werden. Langfristig soll mindestens die Hälfte des Bedarfs im eigenen Land verarbeitet werden können.

Hinzu kommen größere Vorräte, eine Diversifizierung der Beschaffung und Recycling. Taiwan setzt dabei verstärkt auf sogenanntes Urban Mining: Metalle und seltene Rohstoffe sollen aus Elektronikschrott, Batterien und anderen Abfallströmen zurückgewonnen werden.

Auch bei Halbleitermaterialien versucht die Regierung, die heimische Produktion auszubauen. Ein 2026 aufgelegtes Programm soll gezielt Technologien für Verbindungshalbleiter und deren Ausgangsmaterialien lokalisieren und damit die Abhängigkeit von Importen reduzieren. Doch solche Lieferketten lassen sich nicht innerhalb weniger Monate ersetzen.

Raffination, Verarbeitung und Qualifizierung neuer Lieferanten benötigen Kapital, Technologie und Zeit. Besonders in der Halbleiterindustrie muss ein alternatives Material zudem häufig umfangreiche Tests durchlaufen, bevor es in einem etablierten Produktionsprozess eingesetzt werden kann.

Die eigentliche Macht liegt in der Unsicherheit

Bislang gibt es keinen Beleg dafür, dass China Taiwan mit einem umfassenden Rohstoffembargo belegt. Die taiwanische Regierung hält die kurzfristigen Folgen für kontrollierbar. Beides gehört zu einer nüchternen Einordnung der aktuellen Meldungen. Gerade deshalb sollte die Entwicklung aber nicht nur danach beurteilt werden, ob morgen bei TSMC eine Fertigungslinie stillsteht.

Chinas strategischer Vorteil besteht nicht ausschließlich darin, Lieferungen vollständig stoppen zu können. Er liegt auch darin, bei bestimmten Materialien darüber mitzuentscheiden, wie berechenbar internationale Lieferketten funktionieren. Für ein Unternehmen kann eine Ware, die möglicherweise in sechs Wochen geliefert wird, wirtschaftlich etwas völlig anderes sein als dieselbe Ware mit garantiertem Liefertermin.

Stefanie S. Klief

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben