Die Immobilienwirtschaft bleibt unter Druck, doch am Arbeitsmarkt zeigt sich ein anderes Bild. Während Projektentwickler mit hohen Finanzierungskosten kämpfen, Wohnungsbauunternehmen über schleppende Genehmigungen klagen und Makler vielerorts noch auf eine echte Belebung warten, suchen Unternehmen wieder verstärkt Personal. Nach einer exklusiven Auswertung, über die das Handelsblatt berichtet, gibt es derzeit rund 38.600 offene Stellen in der Branche.
Das ist bemerkenswert, weil die Immobilienwirtschaft seit der Zinswende in einer tiefen Anpassungsphase steckt. Viele Projekte wurden gestoppt, Bewertungen korrigiert, Finanzierungen schwieriger. Trotzdem entstehen neue Personalbedarfe – allerdings nicht mehr überall dort, wo die Branche früher gewachsen ist.
Bestand wird wichtiger als Neubau
Besonders gefragt sind derzeit Fachkräfte, die Immobilien nicht nur verkaufen oder entwickeln, sondern professionell betreiben, verwalten und optimieren können. Dazu zählen Property Manager, Asset Manager, technische Projektleiter, Verwalter und Führungskräfte mit operativer Erfahrung.
Der Grund liegt in der Verschiebung des Marktes. Neubau und Projektentwicklung bleiben schwierig, während der Bestand stärker in den Fokus rückt. Gebäude müssen energetisch saniert, technisch modernisiert, effizient verwaltet und wirtschaftlich stabilisiert werden. Genau dafür braucht die Branche Fachleute.
Führungskräfte für schwierige Marktphasen
Auffällig ist auch die Nachfrage nach Führungskräften. In Krisenphasen reicht es nicht, Wachstum zu verwalten. Unternehmen brauchen Manager, die Restrukturierungen begleiten, Kosten kontrollieren, Portfolios neu bewerten und Geschäftsmodelle an veränderte Finanzierungsbedingungen anpassen können.
Das gilt besonders für Immobilienunternehmen, Fonds, Verwalter, Bestandshalter und Dienstleister. Sie müssen mit höheren Zinsen, strengeren ESG-Anforderungen, steigenden Betriebskosten und unsicheren Miet- und Transaktionsmärkten umgehen. Führung wird damit weniger Expansionsmanagement, sondern stärker Stabilitätsmanagement.
Verwaltung wird zum Engpass
Gerade in der Immobilienverwaltung zeigt sich seit Jahren ein Fachkräfteproblem. Der Aufwand steigt, die Anforderungen werden komplexer, zugleich gilt der Beruf vielen Nachwuchskräften als wenig attraktiv. Dabei ist professionelle Verwaltung für Eigentümer, Investoren und Wohnungseigentümergemeinschaften entscheidend.
Ob Instandhaltung, Nebenkosten, Sanierung, Mieterkommunikation oder rechtliche Vorgaben: Der laufende Betrieb von Immobilien wird anspruchsvoller. Wer Bestände erhalten und Werte sichern will, braucht zuverlässige Strukturen in Verwaltung und technischem Management.
Sachwerte brauchen aktives Management
Für Anleger und Eigentümer zeigt die Entwicklung eine wichtige Verschiebung. Immobilien bleiben Sachwerte, aber sie funktionieren nicht mehr automatisch als Selbstläufer. Wertstabilität entsteht zunehmend durch aktives Management: durch Sanierung, Energieeffizienz, gute Vermietung, Kostenkontrolle und professionelle Bewirtschaftung.
Der Arbeitsmarkt spiegelt genau diese Realität. Gesucht werden weniger reine Wachstumsprofile, sondern Menschen, die Immobilien durch schwierige Marktphasen steuern können. Das ist ein Zeichen für eine Branche, die sich nicht einfach erholt, sondern strukturell umbaut.
Krise schafft neue Rollen
Die hohe Zahl offener Stellen bedeutet daher nicht, dass die Immobilienkrise vorbei ist. Sie zeigt vielmehr, dass sich die Aufgaben verschieben. Projektentwicklung und Transaktionen bleiben anspruchsvoll, während Bestandsmanagement, Restrukturierung und technische Kompetenz an Bedeutung gewinnen.
Für die Branche ist das ein nüchternes, aber wichtiges Signal. Immobilien bleiben ein zentraler Sachwert. Doch ihr wirtschaftlicher Erfolg hängt künftig stärker davon ab, wer sie verwaltet, saniert, finanziert und strategisch führt.
SK