Mark J. Valek (links) und Ronald P. Stoeferle bei der Präsentation des Reports
20 Jahre Goldanalyse – und ein verändertes Geldsystem
Als der erste »In Gold We Trust-Report « 2007 erschien, stand der Goldpreis bei rund 670 US-Dollar je Feinunze. Die Welt wirkte aus heutiger Sicht fast naiv stabil: Die Finanzkrise war noch nicht ausgebrochen, Negativzinsen galten als monetäre Science-Fiction, Bitcoin existierte nicht, und die globale Ordnung wurde weitgehend vom US-Dollar, amerikanischer Macht und dem Vertrauen in Zentralbanken getragen.
20 Jahre später sieht die Lage anders aus. Der Report beschreibt eine Welt, in der das Vertrauen in Regierungen, Zentralbanken und Fiat-Geldsysteme deutlich erodiert ist. Genau diese Vertrauenserosion wird zur zentralen Triebkraft des Goldpreises. Das Motto der Jubiläumsausgabe lautet deshalb »Back to the Monetary Future«: Die Zukunft des Geldes liegt nach Einschätzung der Autoren in seiner Vergangenheit – und damit auch in der Rückkehr zu Eigenschaften, die Gold seit Jahrhunderten auszeichnen.
Der Report versteht Gold nicht als nostalgisches Relikt, sondern als Vermögenswert, der in einer zunehmend digitalen, verschuldeten und geopolitisch fragmentierten Welt wieder an Relevanz gewinnt. Je weiter sich das Finanzsystem von materiellen Ankern entfernt, desto größer werde das Bedürfnis nach einem Asset, dessen Wert nicht auf einem Zahlungsversprechen beruht.
Gold ist nicht mehr nur Versicherung
Eine der wichtigsten Aussagen des Reports lautet: Gold ist nicht länger nur eine Versicherungspolice, sondern selbst zum Renditetreiber geworden. Das konservative Dekaden-Kursziel von 4.800 US-Dollar wurde nach Angaben der Autoren bereits vorzeitig erreicht. 2025 erzielte Gold in US-Dollar ein Plus von 65 Prozent und damit den stärksten Anstieg seit 1979. Seit 2000 lag die jährliche Wachstumsrate des Goldpreises laut Report bei 9,8 Prozent in US-Dollar und 9,5 Prozent in Euro.
Damit verschiebt sich die Wahrnehmung. Gold wird nicht mehr nur dann interessant, wenn Aktienmärkte fallen oder Krisen eskalieren. Es wird zunehmend als eigenständiger Baustein betrachtet, der in einer Welt hoher Schulden, unsicherer Währungen und schwankender Inflation eine andere Funktion übernimmt als klassische Finanzwerte.
Besonders bemerkenswert ist der Vergleich zu traditionellen Portfolioankern. Der Report stellt die Rolle von Anleihen als vermeintlich risikolosem Stabilitätsbaustein infrage. Wenn Aktien und Anleihen gleichzeitig unter Druck geraten können, verliert das klassische 60/40-Portfolio einen Teil seiner alten Logik. Genau hier rückt Gold wieder stärker in den Fokus: als knapper, liquider, gegenparteifreier Realwert.
Vertrauen wird neu bepreist
Der vielleicht wichtigste Gedanke des Reports ist kein charttechnischer, sondern ein systemischer: Vertrauen ist die Grundlage jeder Geldordnung. Wenn Bürger, Investoren oder Staaten den Versprechen von Regierungen und Zentralbanken weniger glauben, verändert sich ihr Verhalten. Sie halten Geld kürzer, verlangen höhere Risikoprämien oder suchen Zuflucht in Sachwerten.
Gold wird in diesem Umfeld zum Messinstrument für Vertrauen. Der Report formuliert sinngemäß: Der Markt fällt sein Urteil in Unzen. Das ist für Sachwerte-Anleger entscheidend, weil Gold damit nicht nur auf Inflation oder Zinsen reagiert, sondern auf eine tiefere Verschiebung: die Frage, wie belastbar die bestehende Geldordnung noch ist.
Diese Entwicklung wird durch geopolitische Konflikte verstärkt. Sanktionen, eingefrorene Währungsreserven, Handelskriege und neue Machtblöcke haben gezeigt, dass Finanzvermögen auch politisch verwundbar sein kann. Gold besitzt in diesem Umfeld eine besondere Qualität: Es ist kein Anspruch gegenüber einer anderen Partei. Es ist nicht die Schuld eines Staates, einer Bank oder eines Unternehmens.
Zentralbanken kaufen weiter
Ein starkes Signal kommt von den Notenbanken. Zwar lagen die Zentralbankkäufe 2025 mit 863 Tonnen unter den außergewöhnlich hohen Jahren 2022 bis 2024, aber weiterhin deutlich über dem Niveau vor dem Ukraine-Krieg. Gleichzeitig legte die Investmentnachfrage kräftig zu, während die Goldförderung mit 3.672 Tonnen einen neuen Rekordwert erreichte.
Für den Report ist das kein Zufall. Gerade Schwellenländer bauen ihre Goldreserven aus, um unabhängiger vom US-Dollar und westlicher Finanzinfrastruktur zu werden. China, Indien, die Türkei und andere Staaten positionieren sich damit für eine mögliche neue monetäre Architektur.
Diese Entwicklung wird als Remonetarisierung beschrieben. Gold wandert also nicht einfach in Tresore, sondern gewinnt wieder eine geldpolitische Funktion. Es dient als Reserve, als Sicherheit, als Vertrauensanker und perspektivisch sogar als Bestandteil alternativer Verrechnungssysteme.
De-Dollarization als Strukturtrend
Der Report ordnet Gold eng in die Debatte um De-Dollarization ein. Die Dominanz des US-Dollars bleibt zwar weiterhin erheblich, aber sie wird politisch und wirtschaftlich herausgefordert. Wenn Staaten fürchten müssen, dass Dollarreserven eingefroren oder Zahlungswege blockiert werden können, wird Diversifikation zur strategischen Notwendigkeit.
Gold profitiert davon, weil es neutraler ist als eine fremde Währung. Es gehört keinem Währungsraum, kann nicht durch eine Zentralbank eines anderen Landes beliebig vermehrt werden und trägt kein direktes politisches Gegenparteirisiko.
Besonders interessant ist der Blick auf mögliche neue Verrechnungssysteme. Der Report verweist auf Überlegungen in Richtung goldverankerter Handels- oder Zahlungssysteme innerhalb der BRICS-Welt. Noch sind solche Konzepte nicht etabliert. Aber schon die Diskussion zeigt, dass Gold in der globalen Geldordnung wieder als Baustein ernst genommen wird.
Staatsschulden als Treiber
Ein weiterer zentraler Pfeiler ist die Verschuldung. Der Report beschreibt eine Welt, in der die globale Staatsverschuldung weiter steigt und sich der Marke von 100 Prozent der Wirtschaftsleistung nähert. Selbst viele Industriestaaten weisen rote Primärsalden auf, also Defizite bereits vor Zinszahlungen.
Das ist für Gold relevant, weil hohe Schulden die Spielräume von Staaten und Zentralbanken begrenzen. Steigende Zinsen belasten Haushalte, während zu niedrige Zinsen die Inflation wieder anheizen können. Genau in diesem Spannungsfeld wächst der Druck, Schulden real zu entwerten, finanzielle Repression zu nutzen oder Geld- und Fiskalpolitik enger miteinander zu verbinden.
Der Report sieht deshalb die Gefahr wiederkehrender Inflationswellen. Besonders geopolitische Energiepreisschocks könnten die Inflation erneut anheizen. Für Gold wäre ein solches Umfeld historisch unterstützend, weil das Edelmetall gerade dann gesucht wird, wenn Papiergeld an Kaufkraft verliert.
Rücksetzer als Stresstest
Interessant ist auch die Einordnung der jüngsten Goldkorrektur. Der Report beschreibt einen massiven Rücksetzer im März 2026, bei dem Gold vom Allzeithoch um 27 Prozent fiel. Auf den ersten Blick wirkte das wie ein Scheitern des sicheren Hafens. Die Autoren interpretieren es anders: In akuten Finanzstressphasen werde Gold oft verkauft, nicht weil es schwach sei, sondern weil es liquide ist.
Dieses Muster zeigte sich bereits 2008 während der Finanzkrise und 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie. In beiden Fällen folgten auf die Liquidierungswellen massive geldpolitische Interventionen – und anschließend starke Goldanstiege. Der Report sieht solche liquiditätsgetriebenen Rücksetzer deshalb nicht als Widerlegung der Goldthese, sondern als Teil des Mechanismus.
Für Anleger ist das eine wichtige Differenzierung. Gold schützt nicht zwingend in jeder Marktminute vor Verlusten. Es kann in Stressphasen kurzfristig fallen. Seine eigentliche Stärke liegt nach dieser Lesart im darauffolgenden geldpolitischen Reflex: Wenn Staaten und Zentralbanken auf Krisen mit mehr Liquidität reagieren, steigt langfristig die Attraktivität harter, knapper Vermögenswerte.
Die Goldallokation bleibt niedrig
Trotz der starken Entwicklung sieht der Report Gold nicht als überfüllten Markt. Im Gegenteil: Die Autoren argumentieren, dass private Investoren historisch weiterhin niedrig in Gold investiert sind. Nach ihrer Darstellung liegt die private Goldallokation bei 2,7 Prozent, während frühere Höchststände deutlich höher lagen. Um das Allzeithoch privater Goldquoten von 8,3 Prozent wieder zu erreichen, müsste sich die aktuelle Gewichtung mehr als verdreifachen.
Auch bei Notenbanken sieht der Report theoretisches Aufholpotenzial. Der Goldanteil an den Gesamtreserven liegt demnach deutlich unter früheren Höchstständen. Daraus leiten die Autoren ab, dass die Renaissance der Goldallokation noch am Anfang stehen könnte.
Das IGWT Gold Allocation 2045 Model entwirft dazu drei Szenarien. Je nach Zielallokation kommt der Report bis 2045 auf mögliche Goldpreise zwischen 6.900 US-Dollar und 20.800 US-Dollar je Feinunze. Das wahrscheinlichkeitsgewichtete Modell liegt bei rund 16.600 US-Dollar. Diese Werte sind Prognosen, keine Gewissheiten – aber sie zeigen, wie stark der Report die langfristige Neubewertung von Gold einschätzt.
Gold als Sachwert einer neuen Ordnung
Gold wird im Report nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines größeren Realwert-Regimes. Es steht neben Rohstoffen, Energie, Minen, Infrastruktur und anderen knappen physischen Vermögenswerten, die in einer geopolitisch härteren Welt strategischer werden.
Die Autoren sprechen von einer Welt, in der harte Macht wieder zählt: Energie, Metalle, Halbleiter, Rüstungsgüter und reale Produktionskapazitäten. Gold passt in dieses Bild, weil es keine industrielle Story braucht, um relevant zu sein. Sein Wert liegt in Knappheit, Vertrauen, Liquidität und monetärer Geschichte.
Gerade diese Verbindung macht Gold zum besonderen Sachwert. Eine Immobilie hat Lage- und Nutzungsrisiken. Rohstoffe hängen stark an Konjunktur und Industriezyklen. Unternehmensbeteiligungen tragen Management-, Bewertungs- und Marktrisiken. Gold dagegen ist ein monetärer Sachwert: Es produziert keinen Cashflow, aber es trägt auch keine Schuldbeziehung in sich.
Keine Nostalgie, sondern Machtpolitik
Der Report ist deshalb nicht einfach eine Liebeserklärung an ein altes Edelmetall. Er ist eine Analyse der Frage, was passiert, wenn die alte Weltordnung brüchig wird. Wenn der US-Dollar nicht mehr unangefochten ist, wenn Notenbanken zwischen Inflation und Schuldentragfähigkeit gefangen sind, wenn Staaten ihre Reserven politisch absichern wollen und wenn Anleger klassischen Finanzversprechen weniger trauen, bekommt Gold wieder eine andere Bedeutung.
Das ist die eigentliche These: Gold kehrt nicht zurück, weil die Welt nostalgischer wird. Es kehrt zurück, weil die Welt unsicherer, fragmentierter und misstrauischer wird.
Für Sachwerte-Anleger bedeutet das nicht, jedem Kursziel blind zu folgen. Es bedeutet aber, Gold nicht mehr nur als altmodischen Krisenschutz abzutun. Der In Gold We Trust-Report 2026 macht deutlich, dass Gold wieder in den Kern großer Fragen rückt: Worin speichern Staaten Vertrauen? Wie schützen Anleger Kaufkraft? Welche Werte bleiben bestehen, wenn politische und monetäre Ordnungen sich verändern?
Die Antwort der Autoren ist eindeutig: In einer Welt, in der Geld immer stärker auf Vertrauen in Institutionen beruht, gewinnt ein Vermögenswert an Bedeutung, der dieses Vertrauen nicht voraussetzt. Genau deshalb steht Gold wieder dort, wo es lange nicht mehr stand – im Zentrum der Debatte über die Zukunft des Geldes.