Unternehmen

Der digitale Euro wird zum Machtprojekt

Europas Zahlungsverkehr soll unabhängiger werden – auf Kosten etablierter Geschäftsmodelle

10 Min.

21.07.2026

Der digitale Euro war lange ein abstraktes Zentralbankprojekt. Nun beginnt die praktische Vorbereitung. Die EZB hat Banken, Fintechs und Zahlungsdienstleister für einen zwölfmonatigen Pilotversuch ausgewählt. Damit wird aus einer theoretischen Debatte erstmals ein konkreter Test für Europas finanzielle Unabhängigkeit.

36 Unternehmen testen Europas neues Zahlungsmittel

Die Europäische Zentralbank hat 36 Zahlungsdienstleister für den geplanten Pilotversuch zum digitalen Euro ausgewählt. Dazu gehören große Banken wie Deutsche Bank und UniCredit, genossenschaftliche und öffentliche Institute sowie digitale Anbieter wie Revolut. Mehr als 50 Unternehmen hatten sich beworben.

Der Versuch soll in der zweiten Jahreshälfte 2027 beginnen und zwölf Monate dauern. Beschäftigte der EZB und teilnehmender nationaler Zentralbanken sollen dabei Zahlungen untereinander sowie bei ausgewählten Händlern durchführen.

Getestet werden sollen unter anderem:

  • Zahlungen zwischen Privatpersonen,
  • Einkäufe im stationären Handel,
  • Zahlungen im Onlinehandel,
  • technische Abläufe und Benutzerfreundlichkeit,
  • sowie Online- und Offline-Funktionen.

Die verwendete Beta-Version soll dem späteren digitalen Euro technisch bereits nahekommen. Sie besitzt während des Tests jedoch noch keinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel.

Eine mögliche Einführung ist für 2029 vorgesehen. Voraussetzung ist, dass die europäischen Gesetzgeber noch 2026 die rechtlichen Grundlagen schaffen. Eine endgültige Entscheidung über die Ausgabe ist bislang nicht gefallen.

Was der digitale Euro überhaupt wäre

Der digitale Euro wäre keine Kryptowährung und kein neuer Wechselkurs.

Ein digitaler Euro hätte denselben Wert wie ein Euro auf dem Bankkonto oder eine Euromünze. Der Unterschied läge darin, wer für dieses Geld einsteht.

Bankguthaben sind Forderungen gegenüber einer Geschäftsbank. Der digitale Euro wäre dagegen – wie Bargeld – direktes Zentralbankgeld. Er würde von der EZB beziehungsweise dem Eurosystem garantiert.

Nutzer könnten ihn über eine Wallet bei ihrer Bank oder bei einem öffentlichen Anbieter verwalten. Bezahlt werden könnte mit dem Smartphone oder einer Karte, online und nach dem bisherigen Konzept teilweise auch offline.

Die Grundfunktionen sollen für Privatpersonen kostenlos sein. Bargeld soll nicht abgeschafft, sondern um eine digitale Form ergänzt werden.

Damit wäre der digitale Euro weniger mit Bitcoin als mit digitalem Bargeld vergleichbar.

Europas Abhängigkeit ist real

Der politische Druck hinter dem Projekt entsteht aus der Struktur des europäischen Zahlungsverkehrs.

Visa und Mastercard wickeln nach Angaben der EZB rund 65 Prozent der Kartenzahlungen im Euroraum ab. In 13 Euroländern wurden nationale Kartensysteme vollständig durch internationale Anbieter ersetzt. Auch bei mobilen Zahlungen dominieren Apple Pay, Google Pay und PayPal.

Diese Anbieter funktionieren im Alltag zuverlässig. Gerade deshalb ist ihre Dominanz lange kaum als Problem wahrgenommen worden.

Aus Sicht der europäischen Institutionen geht es jedoch um kritische Infrastruktur.

Wer Zahlungen abwickelt, kontrolliert technische Netze, Regeln, Gebührenstrukturen und Datenströme. Ein ausländischer Anbieter kann Geschäftsbedingungen verändern, Preise erhöhen, einzelne Kunden oder Branchen ausschließen oder durch politische Entscheidungen unter Druck geraten.

Die EZB warnt deshalb davor, dass Europa einen wesentlichen Teil seiner Zahlungsinfrastruktur ausgelagert hat.

Das bedeutet nicht, dass Washington Kartenzahlungen im Euroraum von heute auf morgen einfach abschalten könnte. Solche Szenarien wären rechtlich, technisch und wirtschaftlich erheblich komplizierter, als Business Punk suggeriert.

Die grundsätzliche Abhängigkeit bleibt dennoch bestehen.

Trump ist Beschleuniger, nicht Erfinder des Projekts

Die EZB beschäftigt sich seit 2020 intensiv mit einer digitalen Zentralbankwährung. Die Europäische Kommission legte bereits 2023 einen Gesetzesvorschlag vor. Das Projekt entstand vor allem aufgrund sinkender Bargeldnutzung, des Aufstiegs digitaler Zahlungen und der Sorge vor privaten Kryptowährungen und Stablecoins.

Die erneuten transatlantischen Spannungen haben dem Projekt jedoch zusätzliche politische Dringlichkeit verliehen.

Wenn die USA Handel, Technologie, Finanzsysteme und Sanktionen stärker als Machtinstrumente einsetzen, erscheint Europas Abhängigkeit von US-Zahlungsanbietern weniger als reine Effizienzfrage und stärker als geopolitisches Risiko.

Trump ist damit nicht der Ursprung des digitalen Euro. Er liefert seinen Befürwortern das stärkste aktuelle Argument.

Visa und Mastercard sollen nicht verschwinden

Die EZB beschreibt ihn ausdrücklich als Ergänzung zu bestehenden privaten Zahlungslösungen. Verbraucher könnten weiterhin mit Kreditkarte, Bankkarte, Überweisung, PayPal oder anderen Wallets bezahlen.

Der digitale Euro würde den Wettbewerb jedoch verändern.

Händler könnten eine zusätzliche europäische Zahlungsoption erhalten. Banken könnten auf einer gemeinsamen Infrastruktur eigene Dienste anbieten. Internationale Kartenanbieter müssten möglicherweise stärker über Preise und Zusatzleistungen konkurrieren.

Die EZB erwartet, dass ein nicht gewinnorientiertes öffentliches System die Verhandlungsmacht von Händlern gegenüber internationalen Kartensystemen stärken könnte.

Ob die Kosten tatsächlich sinken, ist noch offen.

Auch der digitale Euro benötigt technische Infrastruktur, Kundenservice, Betrugsprävention, Identitätsprüfungen und Schnittstellen zu Banken und Handel. Die Kosten verschwinden nicht – sie werden anders verteilt.

Die Banken müssen ein System bauen, das ihnen Konkurrenz macht

Darin liegt der eigentliche wirtschaftliche Konflikt. Die EZB gibt den digitalen Euro aus. Für Wallets, Kundenkontakt, Zahlungsabwicklung und technische Integration sollen aber im Wesentlichen Banken und andere Zahlungsdienstleister sorgen.

Diese müssten Milliarden in neue Systeme investieren. Die EZB schätzt die einmaligen Umsetzungskosten für den europäischen Bankensektor auf 4 bis 5,8 Milliarden Euro.

Gleichzeitig könnte das Produkt ihr Geschäftsmodell belasten.

Wandeln Kunden einen Teil ihres Bankguthabens in digitale Euro um, sinken die Einlagen der Geschäftsbanken. Diese Einlagen sind eine wichtige und vergleichsweise günstige Grundlage für die Kreditvergabe.

Besonders in Krisenzeiten könnte sich Geld schneller von Geschäftsbankkonten in sicheres Zentralbankgeld verschieben.

Genau deshalb werden Obergrenzen diskutiert. Privatpersonen sollen voraussichtlich nur einen begrenzten Betrag als digitale Euro halten können. Über die konkrete Höhe wird noch verhandelt.

Eine solche Grenze soll verhindern, dass der digitale Euro vom Zahlungsmittel zum großflächigen Sparprodukt wird.

Die Obergrenze zeigt den Zielkonflikt

Der digitale Euro soll attraktiv genug sein, damit Menschen ihn nutzen. Er darf aber nicht so attraktiv sein, dass er Bankeinlagen in großem Umfang verdrängt. Dieser Widerspruch prägt das gesamte Projekt.

Ist die erlaubte Guthabengrenze zu niedrig, wirkt der digitale Euro im Alltag unnötig kompliziert. Ist sie zu hoch, könnte er vor allem in unsicheren Zeiten Geld aus den Banken abziehen.

Auch eine automatische Verknüpfung mit dem Bankkonto wird diskutiert. Dabei könnte eine Zahlung über das bestehende Guthaben hinaus automatisch vom Bankkonto ausgeglichen werden. Umgekehrt könnten überschüssige digitale Euro zurückübertragen werden.

Damit würde die Wallet praktisch nutzbar, ohne dass große Summen dauerhaft bei der Zentralbank liegen. Der digitale Euro wäre dann ein Zahlungsinstrument – kein neues Sparkonto.

Datenschutz bleibt die empfindlichste Frage

Die EZB verspricht ein hohes Maß an Privatsphäre. Bei Offline-Zahlungen sollen Transaktionsdaten nach dem vorgesehenen Modell nur den Zahlenden und Zahlungsempfängern bekannt sein. Bei Online-Zahlungen müssten Banken und Dienstleister dagegen gewisse Daten verarbeiten, unter anderem zur Bekämpfung von Geldwäsche und Betrug.

Die EZB selbst erklärt, sie solle aus den ihr übermittelten Zahlungsdaten weder erkennen können, wer eine Person ist, noch was sie gekauft hat.

Vollständig anonym wäre der digitale Euro online allerdings nicht.

Wie bei Überweisungen oder Kartenzahlungen müssten gesetzliche Prüf- und Dokumentationspflichten eingehalten werden. Datenschutz hängt deshalb nicht allein von technischen Versprechen, sondern von der konkreten Architektur und dem endgültigen Gesetz ab.

Gerade weil der digitale Euro staatliches Geld wäre, ist das Misstrauen besonders groß. Ein privater Zahlungsanbieter kann Daten kommerziell nutzen. Ein staatlich geprägtes System weckt dagegen die Sorge vor Überwachung und politischem Zugriff. Beide Risiken müssen ernst genommen werden.

Die Annahmepflicht könnte Unternehmen treffen

Ein zentraler Streitpunkt ist, ob Händler den digitalen Euro akzeptieren müssen.

Soll er gesetzliches Zahlungsmittel werden, spricht vieles für eine breite Annahmepflicht. Anderenfalls könnte ein großer Teil des Handels ihn einfach ablehnen – und das öffentliche Milliardenprojekt hätte kaum eine Chance, ein echtes Zahlungsnetz aufzubauen.

Für Unternehmen bedeutet das jedoch zusätzliche Technik, Schulung und laufende Prozesse.

Große Handelsketten können neue Zahlungsmethoden vergleichsweise leicht integrieren. Für kleinere Betriebe können neue Terminals, Softwareanpassungen und Abrechnungsregeln spürbaren Aufwand verursachen.

Ausnahmen dürften deshalb unter anderem für Kleinstunternehmen vorgesehen werden, die grundsätzlich keine digitalen Zahlungen akzeptieren.

Auch hier entsteht ein Zielkonflikt:

Ohne Akzeptanzpflicht fehlt dem digitalen Euro die Reichweite. Mit einer weitreichenden Pflicht werden Unternehmen gezwungen, eine möglicherweise kaum nachgefragte Zahlungsmethode anzubieten.

Wero ist Konkurrent und möglicher Verbündeter

Europäische Banken setzen parallel auf Wero, das Zahlungssystem der European Payments Initiative.

Wero soll Überweisungen, Zahlungen im Onlinehandel und später auch den stationären Handel europaweit abdecken. Es ist eine privatwirtschaftliche europäische Antwort auf PayPal, Apple Pay und internationale Kartensysteme.

Damit wirkt Wero zunächst wie ein Konkurrent des digitalen Euro.

Tatsächlich könnten beide Systeme auf unterschiedlichen Ebenen zusammenarbeiten.

Der digitale Euro wäre das staatlich garantierte Zahlungsmittel und die öffentliche Infrastruktur. Wero könnte als Benutzeroberfläche oder privater Zahlungsdienst darauf aufbauen.

Entscheidend wird sein, ob Europa zwei parallele Systeme entwickelt, die sich gegenseitig schwächen – oder ob öffentlicher und privater Sektor gemeinsame Standards schaffen.

Die bisherige europäische Zahlungsgeschichte mahnt zur Vorsicht. Mehrere Versuche, ein grenzüberschreitendes europäisches Zahlungssystem aufzubauen, scheiterten an nationalen Interessen, Kosten und fehlender Reichweite.

Der digitale Euro löst Europas Abhängigkeit nicht allein

Selbst bei erfolgreicher Einführung verschwinden Visa, Mastercard, Apple, Google und PayPal nicht.

Europäische Nutzer verwenden weiterhin Smartphones, Betriebssysteme, Chips, Cloud-Infrastruktur und App-Stores internationaler Konzerne. Ein europäisches Zahlungsmittel kann auf einem amerikanischen Telefon und über amerikanische Software laufen.

Echte Zahlungsautonomie braucht deshalb mehr als eine neue Form des Euro.

Sie benötigt:

  • europäische technische Standards,
  • unabhängige Abwicklungsinfrastruktur,
  • widerstandsfähige Rechenzentren,
  • grenzüberschreitende private Zahlungsangebote,
  • und klare Regeln für den Zugang zu mobilen Geräten und Plattformen.

Der digitale Euro kann ein Fundament sein. Er ist nicht das gesamte Gebäude.

SK

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben