Der italienische Hochgeschwindigkeitsanbieter Italo will ab 2028 in den deutschen Fernverkehr einsteigen. Dafür plant das Unternehmen offenbar eine Flotte von bis zu 30 Siemens-Zügen. Gebaut werden könnten sie ausgerechnet in Krefeld – dort, wo Siemens bereits ICE-Züge für die Deutsche Bahn fertigt.
Der deutsche Fernverkehr könnte neue Konkurrenz bekommen – und Siemens in Krefeld eine wichtige Rolle dabei spielen. Der italienische Bahnkonzern Italo plant den Einstieg in den deutschen Hochgeschwindigkeitsverkehr. Dafür sollen nach bisherigen Plänen rund 30 Hochgeschwindigkeitszüge von Siemens Mobility angeschafft werden. Das Investitionsvolumen wird auf rund 3,6 Milliarden Euro beziffert.
Besonders bemerkenswert ist der mögliche Produktionsort: Die Züge könnten im Siemens-Werk in Krefeld gebaut werden. Dort entstehen bereits Hochgeschwindigkeitszüge wie der ICE 3neo und weitere Fahrzeuge für den nationalen und internationalen Schienenverkehr. Der Standort zählt zu den wichtigsten Bahnwerken von Siemens Mobility in Deutschland.
Damit bekäme die Geschichte eine gewisse Ironie: Aus Krefeld kommen bereits Züge für die Deutsche Bahn. Künftig könnten dort auch Fahrzeuge entstehen, mit denen ein Wettbewerber genau diese Deutsche Bahn im Fernverkehr herausfordert.
Italo will auf deutsche Hauptstrecken
Italo ist in Italien bereits als privater Hochgeschwindigkeitsanbieter etabliert. Das Unternehmen konkurriert dort mit dem staatlichen Anbieter Trenitalia und hat gezeigt, dass Wettbewerb auf der Schiene funktionieren kann, wenn Trassen, Fahrzeuge und Nachfrage zusammenpassen.
In Deutschland will Italo nach bisherigen Plänen ab 2028 aktiv werden. Im Gespräch sind unter anderem Verbindungen auf stark nachgefragten Strecken wie München–Berlin und München–Dortmund. Genau dort ist die Deutsche Bahn bislang nahezu alleiniger Platzhirsch. Im deutschen Fernverkehr hält sie weiterhin den mit Abstand größten Marktanteil.
Für Reisende könnte ein neuer Anbieter mehr Auswahl bedeuten. Mehr Wettbewerb kann niedrigere Preise, besseren Service oder neue Angebotsmodelle bringen. Sicher ist das aber nicht automatisch. Denn der deutsche Bahnmarkt hat ein Problem, das nicht mit neuen Zügen allein gelöst wird: Das Netz ist vielerorts überlastet.
Die Bundesnetzagentur will Zugang sichern
Damit Italo überhaupt realistische Chancen hat, braucht das Unternehmen verlässlichen Zugang zu Trassen. Die Bundesnetzagentur hat deshalb vorgeschlagen, die Vergabe von Kapazitäten auf besonders stark belasteten Fernverkehrsstrecken stärker zu begrenzen. Demnach soll DB InfraGO auf bestimmten Engpassstrecken nicht mehr den überwiegenden Teil der Kapazität an einen einzigen Betreiber vergeben können.
Der Vorschlag richtet sich nicht ausdrücklich gegen die Deutsche Bahn als Zugbetreiber, trifft aber ihr bisheriges Gewicht im Fernverkehr. Ziel ist es, Wettbewerbern wie Italo einen Mindestzugang zu regelmäßigen Fernverkehrsverbindungen zu ermöglichen.
Für die Deutsche Bahn ist das heikel. Sie argumentiert, zusätzliche Anbieter könnten Engpässe verschärfen, wenn das Netz ohnehin schon überlastet ist. Genau darin liegt der Kernkonflikt: Wettbewerb braucht Trassen. Der deutsche Bahnverkehr braucht aber zugleich Sanierung, Ausbau und bessere Steuerung.
Krefeld als Industriegewinner
Für Krefeld wäre ein Auftrag von Italo ein starkes Signal. Siemens Mobility beschäftigt am Standort mehr als 2.000 Menschen. Das Werk hat eine lange Geschichte im Schienenfahrzeugbau und produziert im Schnitt Hunderte Wagen pro Jahr. Neben Regional- und Intercity-Zügen werden dort auch Fahrzeuge für den Hochgeschwindigkeitsverkehr gefertigt.
Ein Auftrag über bis zu 30 Velaro-Züge würde den Standort weiter stärken. Der Velaro ist die Plattform, auf der auch moderne ICE-Varianten basieren. Für Siemens wäre Italo damit nicht nur ein weiterer Kunde, sondern ein strategisch spannender Auftrag: deutsche Hochgeschwindigkeitstechnik für einen neuen Wettbewerber im deutschen Markt.
Auch für Zulieferer wäre ein solcher Auftrag relevant. Siemens verweist selbst darauf, dass Großprojekte wie ICE-Züge zahlreiche mittelständische Lieferanten in Deutschland einbinden. Ein Italo-Auftrag könnte also über Krefeld hinaus industrielle Wirkung entfalten.
Mehr Wettbewerb, aber kein Selbstläufer
Trotzdem bleibt der Einstieg von Italo kein Selbstläufer. Neue Züge zu bestellen ist nur ein Teil der Aufgabe. Ein Fernverkehrsanbieter braucht Trassen, Personal, Wartung, Vertrieb, Genehmigungen und ein Angebot, das Kunden tatsächlich überzeugt. Zudem muss er mit denselben Baustellen, Verspätungen und Engpässen leben wie die Deutsche Bahn.
Gerade deshalb ist die Meldung wirtschaftlich interessant. Sie zeigt, dass der deutsche Bahnmarkt trotz aller Probleme attraktiv bleibt. Gleichzeitig offenbart sie, wie schwierig echter Wettbewerb auf der Schiene ist. Anders als im Luftverkehr reicht es nicht, Flugzeuge zu kaufen und Slots zu sichern. Auf der Schiene hängt fast alles an einer gemeinsamen Infrastruktur, die bereits stark belastet ist.
Der mögliche Siemens-Auftrag zeigt aber auch: Die Verkehrswende ist nicht nur ein politisches Versprechen, sondern ein Industriethema. Wer Hochgeschwindigkeitszüge baut, sichert Wertschöpfung, Know-how und Arbeitsplätze. Wenn diese Züge dann noch einen neuen Wettbewerber auf deutschen Strecken ermöglichen, wird aus einer Krefelder Standortmeldung eine größere Wirtschaftsgeschichte.
Ob Italo tatsächlich ab 2028 in Deutschland fährt, hängt nun von Verträgen, Zulassungen und Trassenentscheidungen ab. Klar ist aber schon jetzt: Sollte der Plan aufgehen, könnte der ICE-Rivale ausgerechnet dort entstehen, wo Siemens seit Jahren auch den ICE-Erfolg mitbaut – in Krefeld.
SK